19.11.2012

FILMProjekt Memelland

In Berlin wird in diesen Tagen Charlotte Roches Skandalroman „Feuchtgebiete“ verfilmt. Man könnte fast ein wenig Angst bekommen vor dem, was zu sehen sein wird. Ein Drehbericht.
Hier also. Ein Trampelpfad führt von einer Straße am Berliner Ostbahnhof vorbei an Büschen und mit Blick auf die Spree zur Eingangstür des Magdalena Clubs. Der Club ist in einer stillgelegten Industriehalle untergebracht. Alte Sofas, unverputzte Wände, von der Decke hängt eine Discokugel. Neben einem langen Tresen, links um die Ecke, rechts um die Ecke, liegt die Frauentoilette, und hier, in dieser Frauentoilette, wird in einer Samstagnacht im November der Film "Feuchtgebiete" gedreht. Vorn tanzen und feiern sie, während die Schauspielerin Carla Juri als Helen Memel sich im rotbeleuchteten WC ins Waschbecken erbricht. "Danke, noch mal bitte."
Es wurde ein großes Geheimnis gemacht um diese Dreharbeiten. Sie begannen bereits im September, doch erst durch eine Meldung im "Hollywood Reporter", die Ende Oktober erschien, wurde das Projekt publik. Produzent Peter Rommel hatte es unter dem Decknamen "Memelland" laufen lassen (Memel wegen Helen Memel, Land wegen Gebiete), weil er die große Aufmerksamkeit fürchtete. "Was glauben Sie, was los gewesen wäre", sagt er, "wir wollten möglichst wenig Leute mobilisieren."
Seit dem Erscheinen von "Feuchtgebiete" sind über vier Jahre vergangen. Interessiert sich heute eigentlich noch jemand dafür? Sind nicht alle, die das Buch gelesen haben, und auch die, die es nicht gelesen haben, noch erschöpft von der Aufregung, die damals herrschte? "Wir leben doch nach wie vor in einer Gesellschaft, die in Bezug auf alles Körperliche letzten Endes bieder und verkrampft reagiert", sagt der Produzent. Die Autorin Charlotte Roche sagt: "Wäre ja cool, wenn es zu spät wäre für den Film, denn das würde ja bedeuten, dass sich richtig was getan hätte in den letzten Jahren, dass der ganze Körper-Optimierungswahnsinn überholt wäre, dass uns die Victoria's-Secret-Engel egal wären. Ich glaube aber, leider, es ist überhaupt nicht zu spät."
Magdalena Club, ein Uhr nachts, zwei Freundinnen wollen auf die Toilette. "Das geht gerade leider nicht, hier laufen Dreharbeiten." - "Dreharbeiten? Wofür denn?" - "Für den Film 'Feuchtgebiete'." Die Freundinnen wechseln einen Blick. "In einem Club? In 'Feuchtgebiete' kommt doch gar kein Club vor", sagt die eine.
Eine ähnliche Erfahrung machte das Filmteam während der Motivsuche vor Beginn der Dreharbeiten. Der Regisseur und der Kameramann schauten sich in einem Freibad um. "Was macht ihr hier?", fragte eine Gruppe Frauen die angezogenen Männer. "Wir suchen Drehorte für den Film ,Feuchtgebiete'." - "Aber wieso in einem Freibad? In 'Feuchtgebiete' gibt es doch gar kein Freibad."
Es ist viel gerätselt worden, wie Roches Roman so erfolgreich sein konnte, zwei Millionen verkaufte Exemplare. Wer allerdings einmal bei einer Lesung war und erlebt hat, wie Teile des weiblichen Publikums ganze Passagen des Buchs im Chor mitsprechen, der hat keinen Zweifel mehr daran, dass dieser Roman von vielen 20-Jährigen als cool und befreiend empfunden wurde.
Die Hobbys ihrer Heldin Helen Memel sind - in dieser Reihenfolge - ficken, Avocados züchten und Bakterien verbreiten. Sie masturbiert mit Duschköpfen, sie rasiert ihren Analbereich (und hat daher eine entzündete Fissur), sie bastelt ihre Tampons selbst. Genüsslich zelebriert Helen all das, worüber die meisten Frauen nicht mal mit ihrer besten Freundin reden. Roche liefert in diesem Buch versaute Bilder und feiert das Unperfekte. "Feuchtgebiete" ist befreiendes Kopfkino, gerade weil es so durchgeknallt ist.
Die Vorstellung, dass in dem Kinofilm nun alles Gestalt annimmt, befremdet erst mal: Helen Memel hat kurze lockige Haare, sie trägt Hot Pants und ein T-Shirt mit einem weit aufgerissenen Mund darauf. Für die nächste Szene, "Helen im Drogenrausch", tanzt sie zwischen lauter ganz realen jungen Clubgängern, die in dieser Nacht im Magdalena Club tanzen.
Produzent Peter Rommel ist bekanntgeworden mit Filmen wie "Sommer vorm Balkon", er ist ein sogenannter Arthouse-Produzent, was nichts anderes heißt, als dass er reizvolle, aber kostengünstige Filme produziert. Wie kam ausgerechnet er an die Rechte von "Feuchtgebiete"?
"Ganz sicher nicht wegen des Geldes", sagt Charlotte Roche, und auch wenn sie nicht sagt, wie viel Geld sie bekommen hat, wird deutlich, dass andere Produzenten mehr geboten hatten. Rommel hatte der befreundeten Autorin nach Erscheinen des Buchs sogar geraten, mit dem Verkauf der Rechte zu warten, um den Preis in die Höhe zu treiben. Dass er selber den Film machen könnte, zog er damals nicht in Erwägung. Er sei eigentlich kein Bestseller-Produzent.
Irgendwann, Universal und weitere Mitbewerber waren bereits im Spiel, fragte Roche ihn: Willst du das nicht machen? Sie muss dann, vermutet Rommel, im Hintergrund maßgeblich daran beteiligt gewesen sein, dass er den Zuschlag erhielt. Die Produktionskosten für "Feuchtgebiete" betragen drei Millionen Euro inklusive der Rechte am Buch. Zum Vergleich: Ein Film wie "Das Parfum" kostete 50 Millionen.
Rommel entschied sich für den Regisseur David Wnendt, der bisher erst einen Kinofilm gedreht hat. Charlotte Roche, 34, sagte, sinngemäß: Ihr macht das schon. Und hält sich seitdem raus. Wörtlich sagt sie: "Ich kann ja nicht auch noch anfangen, Filme zu machen." Außerdem schreibt sie gerade an ihrem dritten Roman.
Wnendt ist im selben Alter wie Roche. Sein Abschlussfilm "Kriegerin" an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" wurde in diesem Jahr mit Preisen überhäuft, darunter der Deutsche Filmpreis in Bronze. Als er "Feuchtgebiete" vor vier Jahren las, mochte er die Erotik des Buchs. Nun muss er die Kinobilder dafür finden. Roche war angetreten, die überästhetisierten öffentlichen Bilder von Frauen zu torpedieren durch Helen Memels Phantasien. Diese Phantasien wiederum in Bilder zu verwandeln kann auch schiefgehen. Der Roman sei ein innerer Monolog, eine einzige große Assoziationskette, sagt Wnendt, da bleibe ihm als Regisseur zum Glück gar nichts anderes übrig, als eine eigene Form dafür zu finden. Temporeich solle das Werk werden, poppig, und mit einer Jugendfreigabe unter 16 Jahren dürfe niemand rechnen.
Während die Dreharbeiten für "Feuchtgebiete" in diesen Tagen zu Ende gehen, wird in München bei Constantin bereits die Verfilmung von Roches zweitem Roman "Schoßgebete" geplant. Die Dreharbeiten sollen im März beginnen. Bei diesem Projekt wird wenig geheim gehalten, Monate vorher wurde bereits vermeldet, dass Lavinia Wilson die Hauptrolle spielt, dass Oliver Berben produziert und für diesen Film erstmals ein Drehbuch verfasst hat; Regie führt Sönke Wortmann.
Es sind lauter Männer, die sich nun an die Verfilmung von Roches Bestsellern machen. "Ja, das ist mir auch schon aufgefallen", sagt die Autorin. "Aber das muss ja nicht unbedingt etwas Schlechtes bedeuten. Männer können ja auch Filme mit krassen, wilden Frauenfiguren machen." Mal sehen. Im nächsten Sommer kommt "Feuchtgebiete" in die Kinos.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 47/2012
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