19.11.2012

FUSSBALL Mob auf der „Süd“

Neonazis versuchen in der Ultra-Szene Fuß zu fassen. Beim deutschen Meister Borussia Dortmund haben sich Rechtsextreme bereits festgesetzt.
Wie auf Kommando ziehen sich die Männer eine schwarze Sturmhaube über den Kopf, dann marschieren sie los, junge Kerle, manche in kurzer Hose, sie haben Plastikknüppel in der Hand.
Borussia Dortmund spielt gegen Schalke 04, es ist Halbzeitpause. Hinter der Südtribüne steht ein Einsatzkommando der Polizei, das Schalker Fans abschirmt. Die Beamten sehen die Männer kommen, Ultras der Borussia. Die Angreifer stürzen sich auf die Polizisten, schlagen mit den Knüppeln auf sie ein, Flaschen fliegen, unbeteilige Fans, die an Getränkeständen anstehen, flüchten panisch.
Immer mehr Ultras von der Südtribüne kommen herbeigelaufen, ein Mob von 200 Schlägern steht den Beamten gegenüber. Die Polizisten weichen zurück, prügeln mit Schlagstöcken auf die tobenden Fans ein, versprühen Pfefferspray. Die Schwaden wabern durch die Luft. "Nicht durch die Nase, nur durch den Mund atmen", brüllt einer der Ultras. Von irgendwoher fliegt ein Bierfass.
Nach ein paar Minuten ist der Tumult vorbei. Das Spiel hat wieder begonnen. Die Polizei zieht ab. Zurück bleibt eine große Blutlache.
Drei Tage nach dem Revierderby fährt Thilo Danielsmeyer vom Dortmunder Fanprojekt mit dem Fahrrad in die Stadionkneipe Strobels. Die Zeitungen sind voll mit Berichten über die Krawalle beim Schalke-Spiel am 20. Oktober. 180 Verhaftungen, 11 Verletzte. Die schlimmsten Ausschreitungen seit Jahren in Dortmund. Danielsmeyer hat auch von dem Angriff auf die Polizei unter der Südtribüne gehört, er ist fassungslos. "Das waren unsere Jungs!"
Das Fanprojekt liegt im Zentrum der Stadt, vier festangestellte Sozialarbeiter, Jahresetat 180 000 Euro, das Geld kommt von der Kommune, dem Land Nordrhein-Westfalen und der Deutschen Fußball Liga. "Unser Job ist es, junge Fans zu begleiten, und solche, die abgerutscht sind, in die Mitte der Gesellschaft zurückzuholen", sagt Danielsmeyer.
1999 gründete sich im Fanprojekt die Ultra-Gruppe Desperados. Normale Jungs, viele Teenager darunter, sie entwarfen ein Logo, malten Plakate. Das Fanprojekt war ihre Basis. Über die Jahre kamen die Desperados aber immer seltener, und irgendwann brach der Kontakt zu vielen in der Gruppe fast ganz ab.
Die Desperados haben heute rund 150 Mitglieder. Im Polizeipräsidium in Dortmund fallen dem Kriminaldirektor Walter Kemper zwei Begriffe zu den Desperados ein: "rechtsoffen" und "gewaltbereit". Im September gab es einen Prozess wegen einer Menschenjagd von Neonazis auf linksalternative Jugendliche, unter den Angeklagten war auch ein Mitglied der Desperados. Als sie beim Schalke-Spiel auf die Polizisten unterhalb der Südtribüne zurannten, schrie einer der Desperados: "Scheißbullen, wir töten euch!"
Irgendwas ist schiefgelaufen, sagt Danielsmeyer.
Borussia Dortmund hat in den vergangenen Jahren eine Erfolgsgeschichte hingelegt, zweimal hintereinander deutscher Meister, vorige Saison auch Pokalsieger, es gab eigentlich nur Grund zum Feiern. Bei seinem atemberaubenden Aufstieg hat der Club, vor acht Jahren fast pleite, jedoch die Verhältnisse im Fanblock aus dem Blick verloren.
Die Desperados stehen auf der Südtribüne stets am gleichen Platz, dunkle Kapuzenjacken, Baseballkappen, Sonnenbrillen, der typische Ultra-Look. Vor einigen Monaten tauchte in ihrem Block ein Plakat mit einem schwulenfeindlichen Spruch auf. Das Entsetzen im Verein war groß, aber man machte keine große Sache daraus. Im August, gegen Werder Bremen, war auf der Südtribüne ein Transparent zu sehen, auf dem stand: "Solidarität mit dem NWDO". Das Kürzel steht für Nationaler Widerstand Dortmund, das ist eine Neonazi-Organisation, die kurz zuvor von Landesinnenminister Ralf Jäger verboten worden war.
Seither ist die Clubführung der Borussia ziemlich aufgescheucht.
Auf der "Süd", der Fantribüne des deutschen Fußballmeisters, haben sich rechte Propagandisten eingenistet. Sie haben bei den Ultras, den Extremfans, angedockt, um dort Nachwuchs zu rekrutieren. Der Verein habe das Problem lange ignoriert, sagt der Rechtsextremismusforscher Dierk Borstel von der Fachhochschule Dortmund, deshalb konnten sich die Rechten "unbemerkt ausbreiten". Erst jetzt regt sich Widerstand im Club. "Wir müssen denen das Wasser abgraben", sagt Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer der Borussia. Wie das gehen soll, weiß er aber noch nicht genau.
Dortmund ist eine Fußballstadt. Dortmund ist auch eine Hochburg der rechten Szene. 2000 erschoss der Neonazi Michael Berger in Dortmund und Waltrop drei Polizisten, bevor er sich selbst richtete. In der Stadt werden die meisten rechtsextremistischen Straftaten in Nordrhein-Westfalen registriert, im ersten Halbjahr 2012 waren es 131. Die Hilfsorganisation Back Up betreut derzeit 30 Opfer rechtsextremer Gewalt in Dortmund.
Es gibt Neonazi-Wohngemeinschaften in der Nähe der Universität. In der ehemaligen Bergarbeitersiedlung Oberdorstfeld leben ganze Skinhead-Nachbarschaften ihr Familienidyll, mit Kinderspielplatz und Gartenzwerg im Blumenbeet.
Die Neonazis, die sich im Fanblock breitgemacht haben, nennen sich Autonome Nationalisten (AN), die Gruppe operiert ohne feste Organisationsstruktur. Sie sind stark in Dortmund, bilden auch den Kern des NWDO. Autonome Nationalisten sind keine Saufnazis in Springerstiefeln, sie kleiden sich wie normale Ultras. Der Kopf der Gruppe, ein junger Familienvater, trinkt keinen Alkohol, raucht nicht und lässt sich von den Kameraden mit "Führer" anreden. Zur Truppe gehören Studenten, ein Angestellter einer Werbeagentur, ein paar der Autonomen Nationalisten machen gerade auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur nach.
In Ermittlerkreisen gelten AN-Mitglieder als "die Schlauen". Watzke sagt: "Für den einen oder anderen Jugendlichen scheinen die interessant zu sein." Mit manchmal 10, manchmal bis zu 30 Mann kommen sie auf die "Süd". Einige von ihnen haben eine Dauerkarte, die anderen besorgen sich die Tickets von Bekannten oder auf dem Schwarzmarkt.
Sie sind tief in die Ultra-Szene eingedrungen. Das sei nicht schwer gewesen, sagt Markus K., bis vor einigen Monaten noch bei den Autonomen Nationalisten in Dortmund aktiv. Auch Ultras sehen sich als Avantgarde, organisieren sich gern in Gruppen und haben einen Capo, einen Vorsänger, der vorgibt, was gerufen wird. "Es ist eine Kultur, die anschlussfähig ist", sagt K.
Die besten Verbindungen bestehen zu den Desperados und zu einer Clique mit dem Namen Northside. Seit die Hooligans zu den Neonazis einen Draht haben, runden sie ihre Prügeleien schon mal mit dem Ausruf "Sieg Heil" ab.
Die drei Gruppen unterstützen sich, treten bei Fanfahrten gemeinsam auf. Bei einem Neonazi-Aufmarsch in Ostwestfalen waren im Sommer junge Desperados dabei und verteilten fleißig Infozettel. Man unternimmt auch mal was zusammen. Kürzlich fuhren alle zu einem Free-Fight-Kampfabend in einem Boxclub im Gewerbegebiet von Witten. Ein Kamerad von der Northside trat bei der Veranstaltung an. Die Männer hatten für den Ausflug eine Auswärtsreise zum Spiel nach Freiburg geschwänzt.
Es war ein toller Abend für die Rechten. Einer, der auf den Namen "NS-Paul" hört, saß im BVB-Trikot im Publikum, gleich neben einigen Vertretern der Rockergang Bandidos. Der Schauspieler Ralf Richter, eine Ruhrpottlegende, gab den Ringsprecher. Am Ende verlor der Northside-Mann, es gab trotzdem Applaus von den Kumpels.
Inzwischen hat Nordrhein-Westfalens Innenminister Jäger, ein Sozialdemokrat, den Neonazis den Kampf angesagt. Eine 50-köpfige Soko wurde einberufen, die Beamten observieren die Rechten beim Einkaufen, sie sitzen neben ihnen in der Kneipe, besuchen sie am Arbeitsplatz, durchsuchen Wohnungen.
Die Staatsschützer beobachten auch die Südtribune im Stadion von Borussia Dortmund. Sie gucken an Spieltagen mit einer 400 000 Euro teuren, hochauflösenden Kamera von der Haupttribüne in den Block der Ultras. Aber bislang kriegen sie das Bild nicht richtig scharf. Es ergeben sich einfach keine belegbaren Verstöße, die etwa ein Stadionverbot rechtfertigen würden.
Jan M. sitzt in der Gaststätte Biedermeier im Dortmunder Kreuzviertel, schmale Schultern, aber durchtrainiert. M., Anfang 30, war Mitglied der Desperados, Teil des Führungszirkels. In diesem Jahr wurde er verstoßen, weil er bei Polizeiermittlungen Informationen weitergegeben haben soll. Die Desperados seien keine stramm rechte Truppe, "aber sie haben kein Problem damit, wenn bei ihnen Rechte dabei sind", sagt er.
In den Anfängen galten die Desperados als Schwächlinge in der Ultra-Szene. Sie waren jung, unerfahren. Ständig wurden ihnen Fahnen und Fanschals geklaut, eine große Demütigung für Ultras.
Sie nahmen Kontakt zu den Northside-Hooligans auf, die schon immer wussten, wie man sich wehrt, und ließen sich von den Muskelprotzen im Kampfsport ausbilden. Um Zugang zu Sporthallen zu bekommen, wurde der Verein Tremonia gegründet. In einer Schulturnhalle im Stadtteil Lütgendortmund übten sich die Ultras regelmäßig in der brasilianischen Kampfkunst Luta Livre. Um noch schneller groß und stark zu werden, schluckten sie auch reichlich Steroide und Amphetamine.
Zu den Trainingseinheiten kamen Alt-Hooligans der Borussenfront, einer in den achtziger Jahren gegründeten Schlägertruppe um den Neonazi Siegfried Borchardt, und viele Autonome Nationalisten. Man kam sich näher, zog anschließend durch einschlägige Kneipen. "Und dem einen gefiel dann die rechte Musik, der andere fand die Klamotten von ihnen gut, der Dritte war angemacht von deren Radikalität", berichtet Jan M. "Wenn man eine Antenne für die hatte, dann war man auch ganz schnell einer von denen."
Rund hundert Ultras auf der Südtribüne tendieren jetzt ins rechte Milieu. Sie treten immer aggressiver auf. In diesem Sommer begannen Desperados und Northside, andere Ultras im Block einzuschüchtern, zuerst mit Drohungen, dann mit Ohrfeigen. Die größte Extremfan-Gruppe der Borussia ist die Unity, rund 250 Mann, unpolitisch. Sie gelten als die Vernünftigen, führen regelmäßig Gespräche mit dem Verein, manchmal auch im Büro von Watzke.
Für die rechten Ultras sind die Unitys Waschlappen. Gezielt terrorisieren sie deren Mitglieder. Es kam zu "Hausbesuchen". Unity-Ultras wurde vor ihrer Wohnung aufgelauert, zweimal wurden "Zielpersonen" nachts in ihren Wohnungen überfallen, aus dem Bett gezerrt und verprügelt.
In keinem dieser Fälle gab es eine Strafanzeige. Ultras kooperieren nicht mit staatlichen Organen.
Die Desperados und die Northside führen jetzt das Kommando im Ultra-Block. Beim Angriff auf die Polizei beim Schalke-Spiel ließen sich sogar etliche Unity-Vertreter von den rechten Schlägern mitreißen.
Clubchef Watzke sagt: "Wir müssen jetzt die Vernünftigen schützen." Er hat zwei weitere Fanbetreuer eingestellt, es soll Präventionsveranstaltungen geben, ein Wissenschaftler, der sich mit Fankultur auskennt, wurde engagiert, um neue Konzepte zu entwerfen. Watzke ließ auch die Stadionordnung ändern, damit Personen, die sich "nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bewegen", rausgeworfen werden können.
Doch die Verunsicherung im Fanblock ist groß. Neulich wurden bei einem Spiel Gästeanhänger von Stadionordnern mit Begriffen wie "Kanake", "Schwuchtel" oder "Jude" bedacht, Frauen sexistisch beleidigt.
Manche glauben nun, auch der Ordnungsdienst in der Dortmunder Arena sei unterwandert. Zu den Sicherheitsleuten gehören ehemalige Desperados.
Von Buschmann, Rafael, Pfeil, Gerhard, Ruf, Christoph, Sundermeyer, Olaf

DER SPIEGEL 47/2012
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