26.11.2012

ZEITUNGSKRISE„Kräfte des Marktes“

Andrew Gowers, 55, Gründungschefredakteur der "Financial Times Deutschland", über das Ende der lachsrosafarbenen Wirtschaftszeitung
SPIEGEL: Nach über zwölf Jahren und 250 Millionen Euro Verlust wird die "FTD" am 7. Dezember eingestellt. Das muss Sie besonders schmerzen.
Gowers: Natürlich, aber ich wäre ein schlechter Wirtschaftsjournalist, wenn ich nicht an die Kräfte des Marktes glauben würde. Gruner + Jahr hat viel ausprobiert, um die Zeitung profitabel zu machen, aber die Geduld eines Verlags kann nun mal nicht grenzenlos sein. Ich habe aber vor allem irren Respekt für die ganze Truppe, die bis zum bitteren Ende eine gute Zeitung produzieren will.
SPIEGEL: Woran scheiterte die "FTD"?
Gowers: Wir waren die letzte Neugründung einer Bezahlzeitung in einem westlich-industrialisierten Land. Das sagt doch alles. Gedruckte Zeitungen sind eine niedergehende Industrie, das ist heute sehr viel klarer als Anfang 2000. Bei der britischen "Financial Times" lesen heute über 50 Prozent der Abonnenten das Blatt digital. Das schaffen nicht viele Zeitungen, die "FTD" leider auch nicht.
SPIEGEL: Die "FTD" war auch vor dem Siegeszug des Internets ein kommerzieller Problemfall. Haben Sie die Zahl der Leser überschätzt, die sich für Wirtschaft interessieren?
Gowers: Möglicherweise ja. Vor allem haben wir den Werbemarkt überschätzt, der bis dahin jedes Jahr kräftig wuchs. Und es gab und gibt in Deutschland eine Menge Zeitungen, die sich um Wirtschaft kümmern, das "Handelsblatt", die "Börsen-Zeitung", die "FAZ" - ich kenne keinen großen Markt in Europa, in dem es mehr als ein führendes Wirtschaftsblatt gibt. Aber wir waren nun einmal überzeugt, dass wir etwas Besseres produzieren. Die "FTD" war auch ein missionarisches Projekt.
SPIEGEL: Und ein Kind der New Economy ...
Gowers: Nein, der Neue Markt krachte gleich nach unserem Erscheinen zusammen. Aber wir waren Kind des Wandels. Die Deutschland AG kam an ihr Ende, Vodafone übernahm Mannesmann, die Macht der Aktionäre wuchs. Und die deutsche Wirtschaftspresse war ein verschnarchter, konservativer Haufen. Interviews wurden hier in dem Stil geführt: "Verehrter Herr Konzernchef, können Sie uns mal in eigenen Worten schildern, warum Sie so toll sind?" Andere Zeitungen haben aber dazugelernt, der Stil der "FTD" - direkter, respektloser, ironischer - ist deshalb nicht mehr so ausgefallen, wie er das damals war.
SPIEGEL: Hat das "Handelsblatt" die "FTD" in der Hinsicht überholt?
Gowers: Ich finde, die sind noch lange nicht so gut wie die "FTD". Irgendwann habe ich nicht mehr mitgezählt, wie viele Relaunches das "Handelsblatt" gemacht hat, seit es die "FTD" gibt. Aber natürlich machen die inzwischen vieles richtig.
SPIEGEL: Was bleibt von der "FTD"?
Gowers: Ich will nicht übertreiben, aber ich glaube, wir haben die Kultur des deutschen Wirtschaftsjournalismus verändert.

DER SPIEGEL 48/2012
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