Doug Saunders, 45, britisch-kanadischer Journalist, beschreibt in seinem Buch "Mythos Überfremdung. Eine Abrechnung", warum muslimische Einwanderer westlichen Zivilisationen nicht schaden.
SPIEGEL: In Ihrem Buch widerlegen Sie die berühmte Sarrazin-These, dass alles, was muslimische Einwanderer zur Gesellschaft beitragen, Obst- und Gemüsestände seien.
Saunders: Das ist so griffig wie falsch. Diese Läden und sogar die Kebab-Läden sind in Wirklichkeit ein sehr wichtiger Faktor für die soziale Mobilität neuer Immigranten. Wenn Thilo Sarrazin diese Läden sieht, sollte er sich nicht ärgern, sondern freuen. Sie bedeuten nämlich, dass hier Migranten sind, die sich nicht auf Transferleistungen verlassen.
SPIEGEL: Wenn man sich in Teilen von Kreuzberg so umsieht, könnte man Sarrazin zunächst recht geben.
Saunders: Sarrazin tut so, als wären diese Zustände unvermeidlich, sobald man Türken oder Araber ins Land holt. In Wirklichkeit kann man belegen, dass sie das Ergebnis verfehlter deutscher Einwanderungspolitik waren. Erst im Jahr 2000 wurde das Abstammungsprinzip durch das Geburtsortsprinzip ergänzt. Vorher blieben viele Wege zur Integration verschlossen. Deswegen sehen türkische Viertel nirgendwo so türkisch aus wie in Deutschland.
SPIEGEL: Womit belegen Sie das?
Saunders: Ich habe verschiedene Familien aus demselben anatolischen Bergdorf studiert. Von dort sind einige nach Istanbul, andere nach London, wieder andere nach Berlin ausgewandert. Die, die nach Istanbul gegangen sind, hatten Schwierigkeiten zu Beginn, besaßen bald Eigentum, wurden schließlich Teil einer unteren Mittelschicht. Die in London begannen sehr arm, aber sie wurden Ladenbesitzer, und schon ihre Kinder gingen an die Universität. In Berlin aber waren sie mehrheitlich Teil der Unterschicht, die kein Deutsch lernte und keine Ausbildung bekam. Und sie wurden religiöser, als sie zu Hause in ihrem Bergdorf gewesen waren. Türkische Migrationsforscher sagen mir, sie seien geschockt, wenn sie nach Berlin kämen. Die türkischen Gegenden wirken dort wie aus einem anderen Jahrhundert.
DER SPIEGEL 48/2012
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