26.11.2012

AUTOREN

Im Land der Dunkeldeutschen

Von Höbel, Wolfgang

Tuvia Tenenbom, der in New York ein jüdisches Theater betreibt, hat Deutschland durchstreift, viel Böses entdeckt und einen Reisebericht geschrieben. Den wollte der Rowohlt Verlag nicht drucken - der Konkurrent Suhrkamp schon. Von Wolfgang Höbel

Als ich Tuvia Tenenbom zum ersten Mal traf, im Januar 2012, tranken wir Tee in einem mit Papierstapeln zugemüllten Büro in New York. Es liegt direkt gegenüber der Penn Station in Manhattan und ist die Zentrale des Jewish Theater of New York, einer Kleinbühne, in der Tenenbom als Autor, Regisseur und Impresario arbeitet.

Tuvia Tenenbom redete über ein Deutschland-Buch, das er geschrieben hatte und von dem ich damals nur das Vorwort kannte. In diesem Vorwort stand, dass der Judenhass im Deutschland der Gegenwart genau der gleiche sei wie während der Nazi-Zeit. Ich sagte dem Autor, dass ich diesen Befund für eine steile These und für einen Irrtum hielte. "Ein Buch wie meines, das die Deutschen als Judenhasser outet", sagte der Gastgeber mit einem nachsichtigen Lächeln und zog an seiner Zigarette, "so ein Buch wird, das haben mir mehrere Vertraute versichert, in Deutschland nie erscheinen dürfen."

Natürlich kommt das Buch jetzt trotzdem in die Läden, wenngleich ohne das polemische Vorwort. Das Werk heißt "Allein unter Deutschen" und ist ein Reisebericht, mutig, lustig und oft himmelschreiend absurd(*1). "Allein unter Deutschen" beschreibt ein Deutschland, in das sich Reporter nicht gerade oft verirren.

In die Neonazi-Kneipe Club 88 in Neumünster zum Beispiel. In der gibt sich der Reporter Tenenbom, 55, als Sohn ausgewanderter Deutscher aus. "Ich heiße Tobias und bin ein reinrassiger Arier", sagt er. Dann, so heißt es im Buch, wird er vom Chef des Hauses zum Trinken eingeladen und darüber belehrt, dass die Nazis keineswegs sechs Millionen Juden umgebracht hätten; dass auf jedem deutschen Personalausweis Symbole der Unterdrückung durch die Juden zu erkennen seien; und dass man die heute lebenden Juden allesamt "töten" müsse. Der Nazi-Typ sei "zuvorkommend, sympathisch, hat immerzu ein Lächeln auf den Lippen und ist sehr gastfreundlich", notiert Tenenbom. "Er ist sauberer als Gott."

Auch die Linksradikalen im Hamburger Sternschanzenviertel hat Tenenbom besucht. Dort sagt der Reporter, er sei Jordanier. Er findet den Ort "verdreckt" und "extrem schmutzig". Er ist dabei, als ein paar Anarchos Polizisten mit Bierflaschen bewerfen. Er bestaunt ein Konzert mit dem Slogan "Hitler kaputt". Vor allem aber wundert er sich über den Getränkeverzehr der Einheimischen: Sie "trinken Bier und kotzen es gleich wieder aus. Dann trinken sie weiter ... Geld scheint hier nicht das Problem zu sein ... Das hier sind die Linksradikalen, sagt man mir."

Schlimmer ist es nur in Tübingen. Dort trifft der Reporter, jetzt unter Klarnamen, auf mülltrennbegeisterte Grüne. "Wo sonst auf diesem Planeten findet man Menschen, die sich so sehr um eine leere Flasche sorgen?", staunt er. Als er eine Zigarettenschachtel wegwerfen will, befiehlt ihm eine Frau, dass die Plastikhülle und das Silberpapier in eine gelbe Tonne gehörten. "Sie bleibt neben mir stehen, weil sie wissen will, ob ich mich ihren Anweisungen auch füge", protokolliert Tenenbom, und schließlich: "Die Nazi-Lady tritt ab."

Tuvia Tenenboms Bericht "Allein unter Deutschen", der jetzt im Suhrkamp Verlag erscheint, ist eine Expedition zu den "Dunkeldeutschen", wie sie im Buch genannt werden - und eine Geisterbahnfahrt. Der New Yorker Kleintheatermacher Tenenbom, in Jerusalem als Sohn eines orthodoxen Rabbi aufgewachsen, hat im Deutschland des Sommers 2010 wenig Erfreuliches gefunden: Die Deutschen seien "das narzisstischste Volk auf Erden", verkündet er. "Sie sind antisemitisch und rassistisch bis ins Mark." Und dazu noch "so selbstbetrügerisch und selbstgerecht wie kein zweites Volk auf der Welt".

Es war der Rowohlt Verlag, in dessen Auftrag der Autor Tenenbom, ein Bewunderer Heinrich Heines, ein paar Monate lang kreuz und quer durchs Land getourt war. Ausgestattet mit einem Vorschuss und mit Hilfe der örtlichen Tourismusbüros traf der Reporter Kirchentagsbesucher in München und Bauwagen-Anarchos in Berlin. Er befragte Entertainer wie Helge Schneider und Gastronomen wie Charles Schumann und Sansibar-Wirt Herbert Seckler. Er redete mit Politikern und Rabbinern, Schulkindern und dem Imam einer Moschee. Er verbrüderte sich mit wichtigen Medienmenschen wie Kai Diekmann in dessen "Bild"-Chefbüro und mit schreienden Fußballfans beim Public Viewing.

Am Ende wollte Rowohlt das Buch nicht drucken. Alexander Fest, der Chef des Verlags, sagt, mehrere Lektoren hätten Tenenboms Erzählstil als stark verbesserungsbedürftig eingeschätzt, "das Manuskript hatte keinerlei Struktur". Dazu gab es rechtliche Bedenken gegen zahlreiche Zitate von Tenenboms Gesprächspartnern. Nach deutschem Recht müssten viele Passagen den Interviewten vorgelegt werden, geht aus einem Gutachten hervor, das Fest bei einer Hamburger Kanzlei erstellen ließ. Auch Kürzungsvorschläge machte der Verlag: So sollte Tenenboms Besuch im NaziTreff Club 88 wegfallen, ausgerechnet.

Der Autor Tenenbom, so belegt der sich über Monate hinziehende Schriftwechsel mit Rowohlt, den Fest bereitwillig herausrückt, mochte sich auf viele Verlagswünsche nicht einlassen. Er sprach bald von "Zensur" und bemühte Anwälte, schließlich lösten Rowohlt und der Autor ihren Vertrag auf, Tenenbom erhielt zwei Drittel des vereinbarten Honorars und fand in Suhrkamp rasch einen neuen Verlag.

Zugleich aber brachte er sein Manuskript, für das er offenbar keinen größeren englischsprachigen Verleger fand, unter dem Titel "I Sleep in Hitler's Room" in New York im eigenen Verlag heraus; die Druckversion und das E-Book kann man im Internet bestellen. Im Vorwort attackiert Tenenbom den Verleger Fest, stellt dessen E-Mails an ihn als Zeugnisse einer "Herrenrassen-Mentalität" dar und behauptet, antisemitisch beschimpft worden zu sein: Eine externe Rowohlt-Gutachterin nannte ihn einen "jüdischen Hysteriker" in der künstlerischen Tradition von Woody Allen. Die ihm zugefügten Pressionen, findet Tenenbom, der selbst Verwandte im Holocaust verlor, hätten "gut zu einem iranischen Verleger unter den Ajatollahs gepasst".

Fest sagt, er bedaure die Eskalation. Er sei nur ein einziges Mal mit Tuvia Tenenbom zusammengetroffen, dabei habe man sich gut verstanden, "am Ende küsste er mich". Weil Tenenbom nach Lieferung seines Manuskripts gegenüber fast allen Änderungswünschen und Korrekturvorschlägen "uneinsichtig gewesen" sei, habe man sich nicht einigen können. "Natürlich gibt es Antisemitismus in Deutschland. Und natürlich kann es interessant sein, ein Buch darüber zu schreiben", sagt Fest. Tenenboms Werk aber sei "wie das Tagebuch eines jungen Mädchens, es enthält nichts als aneinandergereihte Impressionen".

Fest hat völlig recht. Aber er übersieht, dass in der offenkundigen Naivität der Witz und die Kraft von Tenenboms Buch liegen. In "Allein unter Deutschen" irrt ein reiner Tor durch Deutschland. Ein radikal subjektiver Beobachter, der immer über die gleichen Obsessionen stolpert, der nicht argumentiert, sondern urteilt. Der sich zum Beispiel daran stört, dass die Menschen fast überall in Deutschland mit ihm stets über die Politik Israels reden wollen - und der, wenn dies doch mal ausbleibt, diese Politik natürlich von sich aus anspricht. Der sich über die "blitzgescheite Dummheit" und den "kindischen Extremismus" der Deutschen aufregt und genau solche Eigenschaften an den Tag legt, wenn er Friedensaktivisten der Aktion Sühnezeichen als Palästinenserfreunde beschimpft oder darüber höhnt, dass praktisch kein Deutscher, dem er begegnet, explizit "stolz" sein will auf sein Land.

Der Suhrkamp Verlag hat Tenenboms Suada aus rhetorischen Fragen, fahrigen Beobachtungen und kühnen Kurzschlüssen oft unbehandelt übernommen und preist das Buch als "sarkastischen, provokanten Reisebericht", dessen Autor "kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es darum geht, uns den Spiegel vorzuhalten". Ziemlicher Metaphernsalat, aber in der Sache korrekt.

Allerdings hat der Verlag die juristische Prüfung des Texts streng durchgezogen. Deshalb fehlen in der deutschen Ausgabe nun Szenen, in denen Tenenbom zum Beispiel den sächsischen Ministerpräsidenten Tillich und den bayerischen Innenminister Herrmann befragt und rüde mit ihnen ins Gericht geht. Gestrichen ist ein Teil der aberwitzigen Attacken, in denen Tenenbom gegen zwei Amtsträger der KZ-Gedenkstätte Buchenwald wütet.

Die vielen Spielarten, in denen die Deutschen des Holocausts gedenken, sind Tenenbom ein steter Gräuel. Er stört sich an den sogenannten Stolpersteinen, die an ermordete jüdische Bürger erinnern. Er höhnt über die Pfarrer der Münchner Frauenkirche, die mit einer Plakataktion an ein Pogrom gegen Juden im Spätmittelalter erinnern. Er ekelt sich während einer Führung durch die Münchner Pinakothek, in der die Geschichte der Bilder während des Nationalsozialismus erklärt wird. "Die Menschen hier sind besessen von den Juden", heißt es wiederholt.

Nun kann man sich als Leser darüber ärgern, wenn Tenenbom, der ja keineswegs wollen kann, dass die Deutschen den Massenmord an sechs Millionen Juden verschweigen, die deutsche Gedenkindustrie derart verdammt. Man kann aber auch darüber lachen, wie der Reporter Tenenbom in Weimar auf eine Band trifft, die sich auf jüdische Musik spezialisiert hat. Die Musiker treten anlässlich des "Yiddish Summer Weimar"-Festivals in einem Restaurant auf, unter dem Motto "Yidishkayt!". Tenenbom fragt, ob die Musiker Juden seien. "Meine Urgroßmutter war Jüdin", sagt einer der Sänger, er singe hier "als Wiedergutmachung für die Vergangenheit. Die deutsche Geschichte". Eine Sängerin berichtet: "Meine Großmutter war sehr für die Juden und für Israel. Sie war eine gläubige Baptistin." Die Geigerin sagt: "In meinem letzten Leben war ich Jüdin."

Duisburg-Marxloh ist der Ort, an dem Tenenbom entscheidet, dass er die Deutschen, ihre Medien, ihre Rückgratlosigkeit, verabscheut: "Ich kann die Deutschen nicht lieben." Gegen Ende der Tour, in Weimar, entdeckt er, dass "ich tief in mir die Deutschen liebe". Die Beweggründe des Reisenden für beide Entschlüsse bleiben dem Leser ziemlich schleierhaft. Ähnlich überraschend ist es, dass Tenenbom die tapferen Männer Helmut Schmidt, Giovanni di Lorenzo und Kai Diekmann als vortreffliche Helden seines Buchs und der deutschen Nation besingt: Diese drei Herren ließen sein Herz schmachten (Frauen fast nie), als er ihnen begegnete, sie sind die Lichtgestalten im Sommeralptraum Deutschland. Helmut Schmidt ernennt der Reporter Tenenbom sogar zum "Rabbi Schmidt", weil der Mann ihm berichtet, dass er einen jüdischen Großvater hatte. "Das haben Sie bislang niemandem verraten. Warum nicht?", würdigt Tenenbom diese Sensation, die Schmidt so oft bekundet hat, dass jeder sie per Google-Anfrage ermitteln kann.

Eine vorläufige Bilanz der tenenbomschen Deutschlanderkundung lautet so: "Fordere freies Wohnen und freie Bildung, trinke kistenweise Bier, sei Mitglied in irgendeinem Verein, sei politisch korrekt, verurteile Israel, iss bio, sei pünktlich, begehre deines Nächsten iPad, brülle ,Deutschland!' oder sei für Nordkorea, kümmere dich entweder nicht darum, was deine Familie während des Kriegs gemacht hat, oder bezeichne dich als jüdisch, sei sehr sauber oder sehr verdreckt, nimm an der einen oder anderen Demonstration teil, diskutiere jedes Detail jeder Frage, bis deinem Gegenüber der Schädel brummt - und du bist ein Deutscher."

"Allein unter Deutschen" ist eine merkwürdig unterhaltsame Deutschland-Freakshow. Tenenbom aber möchte das Buch als todernste Warnung und Anklage verstanden wissen. "Es wird viel leichter sein, Frieden zwischen Israelis und Palästinensern und zwischen Arabern und Juden zu schließen, als den Judenhass des Deutschen auszumerzen", schreibt er. "Verallgemeinere ich? Ja, tue ich. Tut mir leid, aber das ist es, was ich gesehen habe."

Als ich Tuvia Tenenbom zum zweiten Mal traf, Ende Oktober in einem Hamburger Café, wurde er nach einigen Begrüßungsfreundlichkeiten plötzlich stocksauer. Tenenbom forderte mich auf, ihm endlich zuzustimmen, dass der Judenhass im Deutschland der Gegenwart der gleiche sei wie zu Zeiten Hitlers - jetzt, da ich sein ganzes Buch kenne und nicht bloß das Vorwort. Ich sagte dem Autor Tenenbom, dass ich seine Diagnose weiter für einen Irrtum hielte. "Sie geben es nicht zu! Weil es zu schmerzhaft ist für Sie! Und weil er auch in Ihren Knochen steckt. Der deutsche Antisemitismus!"

Was zu beweisen war. ◆

(*1) Tuvia Tenenbom: "Allein unter Deutschen. Eine Entdeckungsreise". Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Adrian. Suhrkamp Verlag, Berlin; 432 Seiten; 16,99 Euro. Erscheint am 10. Dezember.(*2) Barbara Schock-Werner.

DER SPIEGEL 48/2012
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