03.12.2012

MENSCHENFREUNDEDer Sonderbotschafter

Jürgen Todenhöfer läuft seit Jahren durch die Schützengräben dieser Welt. Er redet mit Kriegern, Diktatoren und Oppositionellen. Gerade war er wieder im Mittleren Osten, auf der Suche nach ein bisschen Frieden.
Seinen 69. Geburtstag hat Jürgen Todenhöfer ganz allein an einem Imbissstand in New York gefeiert, am 70. Geburtstag radelte er bei Schneeregen durch München und verteilte warme Maronen an alte Leute, am 71. wurde er in Syrien verhaftet, und heute, an seinem 72. Geburtstag, wird er einen Atomreaktor in Teheran besichtigen.
Es ist vormittags, Todenhöfer steht in der Teheraner U-Bahn. Er will noch schnell den Basar besuchen, bevor es zu dem Wissenschaftler geht, der ihm die Probleme der iranischen Urananreicherung, über die die ganze Welt streitet, vor Ort erläutert. Anschließend will er zu der jüdischen Hochzeit, zu der ihn ein Abgeordneter des iranischen Parlaments eingeladen hat. Neben ihm stehen sein 29-jähriger Sohn Fréderic und seine 32-jährige Assistentin Julia Leeb, die ihn auf seiner Reise durch den Mittleren Osten begleiten. Die beiden filmen, fotografieren und führen Protokoll, weil Jürgen Todenhöfer manchmal Dinge erlebt, die so irrwitzig sind, dass Kritiker behaupten, er habe sie sich ausgedacht.
Todenhöfer trägt eine ziemlich enge Lederjacke, an der Schulter baumelt eine Umhängetasche, auf der steht: "Share Your Happiness". Es ist der Titel seines vorletzten Buches, einer Mischung aus Autobiografie und moralischem Leitfaden. Einer der Ratschläge aus dem Buch, womöglich der wichtigste, lautet: "Denke mit dem Herzen." Todenhöfer wirkt gerade, als würde er genau das tun. Er lächelt, seine Stimme summt, er federt in den Knien wie Schmidtchen Schleicher. Er treibt, auch das eine Vorgabe aus seinem Buch, jeden Tag anderthalb Stunden Sport. Oft auf der Tretmühle in einem Münchner Fitnesscenter, da hat er auch den Koran gelesen.
Jürgen Todenhöfer mag Geburtstage nicht, sagt er, aber sie helfen ihm doch, Ordnung in ein aufregendes Leben zu bringen, in dem Länder, Revolutionen und Jahreszahlen ineinanderlaufen.
Er hat als Richter in der Pfalz begonnen, war 18 Jahre Bundestagsabgeordneter der CDU, dann noch mal 18 Jahre stellvertretender Vorstandschef des Burda-Konzerns, richtig los ging es aber erst im Rentenalter. Im vergangenen Jahr lag Todenhöfer mit seiner Assistentin Julia Leeb am libyschen Straßenrand stundenlang unter Beschuss von Gaddafis Soldaten, in diesem Jahr interviewte er den syrischen Diktator Assad. Alles läuft immer schneller, je älter er wird.
"Mit 72 Jahren hat sich Goethe unsterblich in Ulrike verliebt", sagt Todenhöfer.
"Ich bin dein Eckermann", sagt Julia Leeb schnell, der war Goethes Sekretär. Sie ist die beste Freundin von Todenhöfers Tochter. Sie hat blonde Haare, die sie sich aber gerade dunkel gefärbt und mit einem Tuch verhüllt hat. Ihre Augen sind blau, sie ist bildhübsch, und wie ihr Chef würde auch sie gern die Welt retten. Sie hat ihr halbes Leben in Projekten in aller Welt verbracht. Kinderheime in Südamerika, Aids-Kliniken im Kongo, eine Kurzehe in Ägypten. Urlaub gemacht hat sie zuletzt in Nordkorea.
"Wie lange hast du gestern Protokoll geführt?", fragt Todenhöfer ernst.
"Bis um drei in der Früh", sagt Julia Leeb.
Todenhöfer nickt, schaut sich im U-Bahn-Wagen um. Er lächelt, als auf einem Metrobildschirm ein Imagefilm von New York gezeigt wird. Das Chrysler Building glänzt in der Sonne. Er sammelt diese Beobachtungen, wie Wale Plankton sammeln. Sie können beweisen, wie überraschend weltoffen und bunt dieses Land ist. So wie die jüdische Hochzeit beweisen könnte, dass Iraner keine Antisemiten sind. Gestern Abend saß er in einem kleinen Teheraner Café unterm Heizpilz und freute sich wie ein Kind, als Phil Collins aus der Stereoanlage sang. "Another Day in Paradise." Er erzählt, wie er vor ein paar Jahren in der iranischen Stadt Isfahan eines Morgens die CSU-Politiker Glos und Guttenberg in der Hotellobby traf. Er fragte sie, was sie denn von dem finsteren Land hielten.
",Wir sind auf unsere eigene Propaganda hereingefallen'", habe ihm Glos gesagt. "Aber als er in Deutschland war, hatte er das schon wieder vergessen."
Jürgen Todenhöfer hat das alles längst hinter sich gelassen, dieses Politiker- und Managerleben, all die Zwänge und Kompromisse. Er tut und sagt nur noch, was er für richtig hält. Sagt er. Das sei der größte Luxus, den es gibt. Iran sei ein großartiges, pulsierendes Land, das vom Westen oft nur auf seinen schrecklichen Präsidenten reduziert werde. Der Basar beispielsweise sei nicht nur ein Verkaufsplatz, er sei das Herz Teherans.
"Wer die Basaris verliert, verliert die Macht", sagt Todenhöfer, während er langsam auf den wimmeligen Markt zuläuft, die Hände auf dem Rücken, den Kopf im Nacken, ein Lächeln auf den Lippen. Ein freundlicher Flaneur.
Er spricht mit Gewürzhändlern, mit Lederverkäufern und Juwelieren. Ein Teppichhändler erzählt ihm, dass die kleinen Leute hier auf dem Markt am meisten unter den Sanktionen leiden. Todenhöfer nickt. Weiß er ja. Es sind immer die kleinen Leute, die unter der großen Politik leiden, sagt er. Wie im Krieg. Der ist Thema seines nächsten Buchs. Die meisten Kriege werden aus der Sicht der Feldherren beschrieben, er möchte den Krieg aus der Sicht der Zivilbevölkerung beschreiben. Er hat zehn verschiedene Arbeitstitel. Am besten gefällt ihm zurzeit: "Der Tanz mit dem Teufel".
Jürgen Todenhöfer kauft ein altes englisches Opernglas und schenkt es seinem Sohn. Das ist auch so eine Todenhöfer-Geste, er hat Geburtstag und macht Geschenke. Seiner jüngeren Tochter hat er gerade seine Münchner Wohnung vermacht, er ist geschieden. Wenn er wieder in Deutschland ist, wird er in eine kleinere Wohnung ziehen, die ihm seine Töchter eingerichtet haben. Seine Bedingung war: Dort darf nur das Nötigste stehen. Bett, Tisch, Stuhl. Er gebe so viel wie möglich weg, sagt er. Als ehemaligem Burda-Vorstand stünde ihm ein Audi A8 mit Fahrer auf Lebenszeit zu. Aber was soll er damit? Ihm reicht der A3. Er hat den Großteil seines Vermögens in Stiftungen gesteckt. Er könnte ewig auf diesem Platz herumschlendern. Einfach nur gucken. 90 Prozent seiner Reisen verlaufen so, sagt Todenhöfer.
"Wir müssen aber los, Papa", sagt sein Sohn und zieht ihn von den Juwelieren weg.
Fréderic Todenhöfer spricht ein wenig Farsi, ein wenig Dari, er spricht fließend Englisch, Italienisch und Französisch und kennt sich in der Welt aus. Sein Vater hat ihm zum Abitur eine Reise nach Bagdad geschenkt. Nach dem 11. September hätte er den Mittleren Osten gern weggebombt, sagt Fréderic Todenhöfer. Nach der Bagdad-Reise begann er die Dinge anders zu sehen. Er machte ein halbjähriges Praktikum in einem Kabuler Waisenheim, bevor er in New York Marketing studierte. Später arbeitete er eine Weile in Tel Aviv. Er lebt in New York und in München, und wenn er seinen Vater nicht begleitet, produziert er mit einem Freund Dancepop.
Fréderic Todenhöfer leitet seinen Vater aus dem Labyrinth des Basars ins Freie, aber dort steht der Verkehr wie eine Wand. Sie haben noch eine halbe Stunde bis zum Termin im Kernreaktor. Es bewegt sich nichts. Sein Sohn organisiert schließlich drei Mopedfahrer, die Deutschen setzen sich auf die Rücksitze und knattern, entgegen der Fahrtrichtung, ins Chaos. Von hinten sehen sie aus wie ein Abenteurer-Team. Zwei junge, hübsche Menschen und ein älterer Herr in Lederjacke. Indiana Jones auf der Reise zum Reaktor des Schreckens.
Am Abend ist Todenhöfer müde und kraftlos. Vielleicht die Strahlen, sagt er. Es war ein ziemlich betagter Forschungsreaktor, 45 Jahre alt. 2000 Mitarbeiter. Wenn da eine Bombe rauffällt, Todenhöfer will gar nicht daran denken. Er sitzt mit seinen beiden Protokollanten im Hotelzimmer und wartet aufs Abendessen. Er hat Räucherlachs bestellt. Es war schwierig mit der Kameraarbeit heute. Sie ließen Julia und Fréderic erst nach Todenhöfers Protesten ins Werk, die Kameras mussten sie am Tor abgeben.
Was hat er gelernt?
"Was das Technische angeht, kann ich nicht viel sagen. Ich war in Physik eine ziemliche Niete", sagt Todenhöfer.
Gestern aber hat er mit der Witwe eines iranischen Atomphysikers gesprochen, der bei einem Bombenanschlag ums Leben kam. Eine tapfere Frau, sagt Todenhöfer. Er hat sie gefragt, ob die Iraner eine Bombe bauen wollen. Sie habe ihm in die Augen gesehen und den Kopf geschüttelt, sagt er. Er glaube ihr, sagt Todenhöfer. Mit dem Herzen glaubt er ihr.
Dann kommt das Essen. Julia Leeb versucht, bei der Hotelrezeption eine Flasche Rotwein aufzutreiben, schließlich hat Jürgen Todenhöfer immer noch Geburtstag. Aber die Rezeption kann da auch nicht helfen. Alkohol ist verboten. Klar. Todenhöfer versucht, den Abgeordneten anzurufen, der ihn zu der jüdischen Hochzeit eingeladen hat, aber der geht nicht ans Telefon. Sein Sohn sagt, sie seien ja noch zu einer anderen Hochzeit eingeladen. Ein Freund eines Freundes. Aber Todenhöfer ist zu schlapp.
Kurz vor elf brechen sein Sohn und die Assistentin zu der Hochzeitsfeier am anderen Ende der Stadt auf. Sie findet in einer Art Tiefgarage statt. In einer Ecke steht ein DJ-Pult, in einer anderen stehen ein paar Flaschen Whisky. Als das Brautpaar eintrifft, fangen alle an zu tanzen und hören für anderthalb Stunden nicht mehr auf. Es ist verschwitzt, verraucht und ziemlich ausgelassen. Keine der Frauen trägt einen Schleier. Irgendwann schaltet der DJ seine Anlage aus, alle laufen zu ihren Autos und verschwinden in der Nacht. Die Tiefgarage ist wieder eine Tiefgarage.
Am nächsten Morgen erklärt Todenhöfer, dass er eine Bronchitis habe. In zwei Tagen kämpfe er so was nieder. Er trägt einen Anzug, weil er gleich den Mann treffen wird, den viele für den nächsten iranischen Präsidenten halten. Es ist ein Gespräch hinter verschlossenen Türen. Todenhöfer arbeitet seit Jahren an einem Plan, Amerikaner und Iraner, die seit 33 Jahren nicht mehr miteinander reden, endlich wieder an einen Tisch zu bringen. Es ist alles ziemlich kompliziert, geheim und läuft, wenn man ihn richtig versteht, über seine Verbindungen in Berlin, Teheran und Washington. Todenhöfer redet darüber nur in Andeutungen, sagt aber, es gebe Hoffnung.
"Ich war ja mal entwicklungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion. Damals habe ich unglaublich viele Staatschefs getroffen, weil die dachten, aus mir wird mal was", sagt Todenhöfer. "Das ging ja dann in die Hose. Aber von den Verbindungen profitiere ich bis heute."
Den Tag vor seiner Abreise nach Teheran verbrachte Todenhöfer in Berlin. Am Nachmittag traf er ein paar wichtige Leute im Kanzleramt, um über seine Reise in den Mittleren Osten zu sprechen, in der Nacht ging er ins E-Werk, von wo die ARD ihre amerikanische Wahlparty ausstrahlte.
Zwischen beiden Terminen machte er einen Nachmittagsschlaf im Ritz. Todenhöfer verbindet das Angenehme mit dem Nützlichen, es umweht ihn immer etwas Spielerisches, Unberechenbares wie "Unseren Mann in Havanna". Er genießt das. Die große Politik und die leichte Unterhaltung. Die Politiker treffe er, weil er was bewegen wolle, sagt er, die Talkshow-Moderatoren, weil es ihm Spaß mache, eine Meinung zu vertreten, und weil er nicht alles absagen könne.
Die ARD schickte ihn diesmal mit dem ehemaligen CBS-Korrespondenten Don Jordan in den Ring. Jordan wurde als konservative Knallcharge besetzt, Todenhöfer als antiamerikanischer Traumtänzer. Unter seinem Namen wurde wechselweise eingeblendet: "Früher USA-Freund, heute USA-Kritiker", "Ex-CDU-Politiker und Bestsellerautor", "Kritisiert die Kolonialpolitik des Westens".
Als sie sich in der Maske trafen, sagte Jordan aufgeräumt: "Wissen Sie eigentlich, dass wir uns schon seit 35 Jahren kennen? Damals waren Sie noch mit Pinochet befreundet."
"Ich war nie mit Pinochet befreundet. Ich habe den getroffen, weil ich die 4500 Gefangenen freikämpfen wollte", sagte Todenhöfer. "Ich habe dem Briefe geschrieben, die würden Sie Ihrem Präsidenten nie schreiben."
"Was wissen Sie denn, was ich meinem Präsidenten schreiben würde?", brüllte Jordan. Dann führte ihn ein Fernsehredakteur weg, weil die Wut des kleinen Amerikaners nicht schon vor der Sendung verrauchen sollte.
Er werde als Taliban-Sprecher und Diktatorenfreund denunziert, sagte Todenhöfer zu seinem Spiegelbild in der Maske. Dabei versuche er nur, beide Seiten zu hören. Es sei in der Politik wichtig, auch mit seinen Feinden zu reden. Wenn man das nicht tue, lande man im Krieg.
"Man ist manchmal so unglaublich allein", sagte Todenhöfer traurig.
"Soll ich was mit Ihren Haaren machen?", fragte die Maskenbildnerin.
"Um Gottes willen", sagte Todenhöfer und betastete vorsichtig seine Frisur.
In der Talkshow erklärte er, dass er gehofft habe, Präsident Obama werde Washington verändern, stattdessen habe Washington Obama verändert. Sandra Maischberger, die Moderatorin, sagte, sie habe ihn 2008 in der Menge gesehen, die den schwarzen Präsidentschaftskandidaten an der Berliner Siegessäule empfing. Todenhöfer lächelte und nickte. Er war da.
Man kann ihn sich gut zwischen den jubelnden Berlinern vorstellen. Leicht zurückgelehnt, entspannt, den Augenblick inhalierend. Er war dabei. So wie er 1975, nach dem Militärputsch, in Santiago de Chile war, um mit Pinochet zu reden. 1980 marschierte Jürgen Todenhöfer mit den Mudschahidin über den Hindukusch ins sowjetisch besetzte Afghanistan, am 3. Oktober 1990 stand er mit Helmut Kohl vor dem Reichstag und feierte die deutsche Einheit, 2001 spielte er Michael Jackson auf seiner Berghütte in Sulden "Lili Marleen" und "Sag mir, wo die Blumen sind" auf der Gitarre vor, in diesem Jahr redete er vier Stunden lang mit dem syrischen Staatschef Assad, während dessen Land in Flammen steht.
Wie Forrest Gump steht Jürgen Todenhöfer bei großen politischen Ereignissen immer mit im Bild.
Als er im vorigen Jahr Marokko besuchte, fragte ihn ein einheimischer Politiker erschrocken: "Passiert jetzt irgendwas bei uns?"
"Warum?", fragte Todenhöfer.
"Weil Sie da sind", sagte der Marokkaner.
Drei Tage nach seinem Geburtstag trifft Jürgen Todenhöfer auf seiner Reise durch den Mittleren Osten in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein. Er ist aus Teheran nach Abu Dhabi geflogen und von da mit dem Bus nach Dubai gefahren. Morgen geht es weiter nach Kabul.
Vor der Abreise präsentiert ihm sein Sohn wortlos die englischsprachige Tageszeitung. "Israelis töten Militärchef der Hamas", lautet die Titelzeile. Todenhöfer schüttelt fassungslos den Kopf. Er war ja gerade erst in Gaza. Dieses Jahr oder voriges Jahr, nach Ägypten und vor Libyen, genau weiß er es nicht mehr. Banditen haben ihn und Julia durch einen Tunnel geführt. Für 200 Dollar. Die Menschen auf der anderen Seite haben sich gefreut, sie zu sehen. Sie waren auf einer Hochzeit. Seltsamerweise wird immer geheiratet, wo Todenhöfer auftaucht. Die verdammte Erkältung geht nicht weg, und er muss noch einen Text für die "FAZ" schreiben. Es geht um seinen Friedensplan für Iran.
Eine halbe Stunde bevor die "flydubai"-Maschine in Kabul landet, schaut Todenhöfer aus seinen Blättern auf und beobachtet die endlosen, schneebedeckten Gipfel unter ihm.
"Wie wollen Sie dieses Land besiegen?", fragt er. Er erzählt, dass er neun Kilogramm Gewicht verloren habe, als er 1980 mit den Mudschahidin über den Hindukusch stieg.
"Neun Kilo in zehn Tagen", sagt Todenhöfer.
Neun Kilogramm?
"Vielleicht auch nur sieben", sagt er.
Es ist bereits dunkel in Kabul, und auf der Fahrt zum Hotel sieht man nur Mauern, Stacheldraht und Kanzeln, aus denen Maschinengewehrläufe ragen. Auch Todenhöfers Hotel ist gesichert wie eine Festung.
Am nächsten Morgen bricht Todenhöfer zu einem Spaziergang in die Innenstadt auf. Er lässt sich durch die engen Gassen der Altstadt treiben, wo Menschen von kleinen Eisenteilen bis zu Kanarienvögeln alles verkaufen, was es so gibt in Afghanistan. Die Leute sehen den großen weißen Mann mit dem lächelnden Gesicht erstaunt an. Nicht freundlich, erstaunt. Die meisten Afghanen hier auf der Straße wissen gar nicht, warum dieser Krieg geführt wird, sagt Todenhöfer.
"Kein einziger Westler traut sich hierher. Kein Politiker, kein General, kein Geschäftsmann, niemand. Das ist für die Feindesland. Sie kommen nur mit Waffen und Schutzwesten. Es gibt einfach kein normales Verhältnis mehr. Die meisten Botschafter fallen als Vermittler aus", sagt er. "Die geben Cocktailpartys. Politiker reden nicht mehr mit Feinden. Saddam Hussein, Assad, Gaddafi. Die hatten alle keine richtigen Gesprächspartner mehr, im Inland nicht, aber auch nicht im Ausland, und der jetzige Uno-Generalsekretär, der diese Rolle spielen könnte, ist ein Angsthase", sagt Todenhöfer. "Es ist doch absurd und auch bezeichnend, dass jemand wie Assad vier Stunden mit jemandem wie mir spricht."
Am dritten Tag trifft sich Todenhöfer mit einem Taliban-Führer an einem unbekannten Ort in der Nähe von Jalalabad. Er lässt sein Handy im Hotel, damit man ihn nicht orten kann, und wechselt irgendwo auf dem Weg nach Osten die Autos. Der Taliban-Führer heißt Mullah Nasrat. Er kontrolliert mit seinen Kämpfern fast zehn Prozent Afghanistans, sagt Todenhöfer. Er steht auf der Todesliste der Amerikaner. Vor einem Jahr starb sein Bruder beim Einschlag einer amerikanischen Drohne, er selbst wurde verletzt. Es ist eine gefährliche Reise, und Todenhöfer nimmt Julia Leeb nicht mit. Sie habe in letzter Zeit zu viel durchgemacht, sagt er.
Auf dem Video, das sie in Libyen aufnahm, sieht man, wie ihr Freund und Dolmetscher in einem brennenden Auto stirbt, man hört die Granaten einschlagen und Julia Leeb aus dem Off rufen: "Von wo kommen sie?"
Als sie im Straßengraben lagen, fragte ihn seine Assistentin: "Wie lange leben wir noch, Jürgen?"
Todenhöfer fährt zu den Taliban, weil er glaubt, dass es nur mit ihnen einen Frieden in Afghanistan geben kann, und weil er jeder Art von Dämonisierung misstraut. Sein Besuch scheint ihm recht zu geben. Der Taliban-Führer sagte ihm, er würde einer Regierung der nationalen Aussöhnung beitreten. Aber erst, wenn die Amerikaner weg seien.
Todenhöfer hat den Taliban-Führer gefragt, was er dazu sage, dass ein Mädchen sterben musste, weil es eine Schule besuchte.
Seine Tochter besuche die dritte Klasse, antwortete der Taliban-Führer. Er hat ihm gesagt, dass sie keine Zivilisten angreifen, keine Journalisten und keine Entwicklungshelfer.
Todenhöfer hat ihm geglaubt. Er ist ja auch noch am Leben.
Jürgen Todenhöfer liest vor jeder Reise in ein Krisengebiet noch mal sein Testament. Die wichtigen Dinge sind geregelt. Es soll keine Reden geben. Keine Trauerfeier. Keinen Gedenkstein. Keine Anzeigen. Nur ein fröhliches Fest in Sulden. Mit Tiroler Speck und Hirschsalami. Dann soll seine Asche in den Wind gestreut werden.
Todenhöfer trifft auf dieser Reise nicht nur den Taliban-Führer, er trifft auch den afghanischen Präsidenten Hamid Karzai und dessen Amtsvorgänger Sibghatullah Mojaddedi. Zu jedem dieser Männer führt ihn irgendein Kontakt, der oft tief in die Vergangenheit reicht. Dem Vater des Taliban-Kämpfers hat er in den achtziger Jahren mal Medikamente besorgt, sagt er, mit Mojaddedi, dem späteren ersten Präsidenten der Islamischen Republik, hatte er einst den Hindukusch überquert.
Sibghatullah Mojaddedi empfängt ihn wie einen alten Freund.
Er wohnt in einem Haus am Stadtrand von Kabul. Auch dieses Haus ist schwer gesichert. Mojaddedi hat einige Anschläge überlebt, zuletzt sprengte sich neben seinem Wagen ein Selbstmordattentäter in die Luft. Mojaddedis Fahrzeug war gepanzert. Er hatte ein paar Rückenprobleme, aber jetzt geht es wieder.
Er ist 86 Jahre alt. Warum will man ihn umbringen?
"Warum nicht?", sagt Mojaddedi und wackelt mit dem Kopf.
Gestern saß Karzai hier bei ihm im Wohnzimmer. Er hatte zwei Monate nicht mit dem Präsidenten geredet, weil er sich über ihn ärgerte. Karzai selbst sei ein ehrlicher Mann, aber er stelle zu viel korrupte Leute ein. Die meisten Leute gehen in die falsche Richtung.
"In Richtung Pepsi", sagt Todenhöfer.
Mojaddedi schaut ratlos.
"Was ist, wenn ihr die Amerikaner eines Tage los sein wollt? Werden sie gehen?", fragt Todenhöfer.
"Ja, sie werden gehen."
"Das glaub ich nicht."
"Dann wird es einen Heiligen Krieg geben. Wie gegen die Sowjets."
So geht es eine Weile weiter, bis man begreift, wie kompliziert ein afghanischer Friede wirklich ist. Wichtig ist, dass man im Gespräch bleibt, sagt Todenhöfer.
Nach all dem Gerede erscheint die Eröffnung des Waisenheims, das mit Geldern aus Todenhöfers Stiftung gebaut wurde, wie eine Erlösung.
Das Heim liegt an einer vielbefahrenen Straße nach Bagram, außerhalb von Kabul, inmitten einer staubigen, kargen Landschaft. Es ist ein Internat für Kinder, die beim Luftangriff auf die Tanklastzüge in Kunduz Angehörige verloren haben. Drei flache, helle Gebäude auf einem großen Grundstück. Auf den Dächern der Häuser stehen Männer mit Pumpguns. Vor den Häusern stehen die Kinder. 16 Jungs, 13 Mädchen.
Sie hüpfen aufgeregt hin und her, als der große weiße Mann erscheint, von dem sie wissen, dass er ihre Häuser bezahlt hat. Sie lächeln. Sie schütteln seine Hand. Rechts neben ihnen ein bärtiger Mann, der im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer einen Arm verloren hat. Aus seiner Jacke ragt eine Plastikhand. Er ist der Betreuer der Kinder.
"Wem gehört Afghanistan?", ruft der Einarmige.
"Uns!", rufen die Kinder.
Dann führen sie Todenhöfer nach innen. Er sieht sich die Zimmer an, alles ist sauber, hell und freundlich. Ein Junge sagt ein Gedicht auf.
Todenhöfer fragt: "Und alle haben ihre Väter in Kunduz verloren?"
Der Mann, der Todenhöfers Stiftung leitet, sagt: "Nicht direkt. Aber sie haben alle jemanden verloren. Manche auch Onkel oder Bruder."
Todenhöfer nickt, dann sagt er: "Jetzt bin ich euer Bruder."
Die Kinder rufen: "Hoch soll er leben!"
Später, als sie draußen Fußball spielen, löst sich die Verkrampfung. Todenhöfer ist wieder einigermaßen bei Kräften. Er rennt durch den Staub wie ein junger Hund. Er spielt seit Jahren im Englischen Garten in München Fußball, bei jedem Wetter. Inzwischen ist er der Älteste dort.
Wenn man ihn hinter dem Ball herrennen sieht, versteht man ein bisschen von der Freude, die ihm all die Projekte machen, in die die Gelder seiner Stiftung fließen. Er unterstützt alte Leute in München, HIV-Infizierte im Kongo, Schulkinder in Pakistan, manche der Organisationen tragen den Namen von Büchern, die er geschrieben hat. Und die Bücher wiederum tragen den Namen von Menschen, die Opfer von Kriegen wurden. Marwa, Andy, Abdul, Tamaya. Alles hat mit allem zu tun. Todenhöfer steht entweder im Tor, oder er spielt im Sturm. Er will keine Spenden, seine Stiftung lebt nur von seinem Geld.
Es ist die Konsequenz eines Lebens, das sich erst der Politik zuwandte und später dem Geldverdienen. Jürgen Todenhöfer ist als Politiker gescheitert und als Geschäftsmann reich geworden. Er kann es sich leisten, mit dem Herzen zu denken.
Nach dem Fußball und vor dem Nachmittagstee hält Jürgen Todenhöfer eine kleine Eröffnungsrede an die Kinder.
"Vor zwei Jahren fand ein furchtbarer Anschlag der deutschen Armee auf Kunduz statt", sagt er. "Er hat mich sehr traurig gemacht. Ich möchte mich heute im Namen aller Deutschen, die genauso traurig über diese furchtbare Attacke sind wie ich, entschuldigen. Ich hoffe, dass wir zusammen eine Welt schaffen, die friedlicher ist."
Als Dank schenken ihm die Kinder zwei weiße Tauben. Todenhöfer fragt, ob er sie freilassen darf. Die Kinder nicken. Sie gehen nach draußen, Todenhöfer öffnet die Käfige. Er gibt einem Jungen und einem Mädchen jeweils eine Taube. Sie werfen sie in die Luft, die Tauben schlagen kurz mit den Flügeln, dann landen sie wieder. Sie versuchen es ein paarmal, aber die Tauben scheinen nicht wegzuwollen. Irgendwann probiert es Jürgen Todenhöfer selbst. Die Tauben bleiben. Langsam wird es dunkel. Die Kinder sind längst mit anderen Sachen beschäftigt, als Jürgen Todenhöfer immer noch versucht, seinen weißen Tauben die Freiheit zu schenken.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 49/2012
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