03.12.2012

Allein gegen alle

ORTSTERMIN: In Bayern produziert eine Erzieherin die fairste Computermaus.
Die Maus steht auf einem Holztisch und sieht recht gewöhnlich aus: ein Scrollrad, zwei Tasten, ein Kabel mit USB-Anschluss. Es gibt die Maus in Weiß, Grün und Grünweiß zu kaufen, bei Susanne Jordan, einer ehemaligen Geografiestudentin und Erzieherin, die in einer WG in Bayern wohnt, in Bichl, einem Dorf mit Panoramablick auf die Alpen.
Als Susanne Jordan das Projekt begann, vor gut drei Jahren, hatte sie keine Ahnung von Elektronik. Sie hatte noch nie eine Computermaus von innen gesehen, aber sie wusste, dass sie es satthatte, beim Kauf von Computern oder Handys nur zwischen verschiedenen Marken wählen zu können und nicht zwischen fairen und unfair hergestellten Produkten. Sie sah sich eingeschränkt in ihrer Entscheidungsfreiheit als Konsumentin, und diesen Zustand schätzt Susanne Jordan nicht. Sie fragte in Computerläden, sie fragte bei Herstellern, warum gibt es keine fairen IT-Geräte? Die Antworten lauteten: zu schwierig, zu teuer, die will keiner.
Susanne Jordan war anderer Meinung. Was bei Kaffee funktionierte, bei Textilien, sollte auch bei technischen Geräten funktionieren. "So funktioniert sozialer Fortschritt nun mal", sagt sie, "einer oder eine muss den Anfang machen."
Sie wollte mit einer Maus anfangen. So schwierig konnte das nicht sein, eine Maus besteht ja nur aus einer Handvoll Einzelteilen. So dachte sie vor drei Jahren. Zur Vorbereitung kaufte sich Susanne Jordan einen Elektronikbaukasten für Kinder, dann setzte sie sich in ihrem WG-Zimmer an den Tisch und schraubte eine Maus auf, ihr Bruder erklärte ihr, was da so alles drin ist, schließlich schrieb sie sich eine Einkaufsliste.
Für eine Maus brauchte sie fünf Kondensatoren, zwei Taster, ein Gehäuse, eine LED, eine Linse, ein Scrollrad, einen Drehgeber, einen Mikrochip, eine Leiterplatte mit Leiterbahnen, ein Kupferkabel mit USB-Anschluss, vier Füße, ein paar Widerstände. Und dann brauchte sie noch jemanden, der das Ganze unter humanitär einwandfreien Bedingungen zusammenbaut, tausendfach. Bezahlen wollte sie die Entwicklung mit einer kleinen Erbschaft.
In den folgenden Monaten sprach sie mit Rohstofflieferanten, Herstellern, Vertriebsleitern, sie besuchte Messen und Ausstellungen, schrieb E-Mails, Faxe, forderte Zertifikate und schriftliche Bestätigungen, die belegen, dass die Rohstoffe nicht aus Krisengebieten stammen und die Arbeitsbedingungen fair sind.
Es wurde ein mühseliges Unterfangen, viele Firmen antworteten erst gar nicht, dann unvollständig, andere hatten kein Interesse, weil die Mengen, die Susanne Jordan bestellen wollte, zu gering waren. Selbst Teile, deren Material und deren Herkunft den ethischen Standards von Susanne Jordan genügten, schienen ihr problematisch.
So konnte Susanne Jordan zwar recyceltes Kupfer für ihr Kabel auftreiben, auch in der Menge, wie sie es benötigte, aber sie fand keine Firma, die das recycelte Kupfer mit einer Hülle versehen wollte, schon gar nicht mit einer Hülle aus Recycling-Material.
Das übliche Kunststoffgehäuse lehnt Susanne Jordan ab, weil es aus Erdöl hergestellt wird. Sie wollte ein Gehäuse, das biologisch abbaubar ist, sie fand Arboform. Es besteht hauptsächlich aus Lignin und Zellulose, Holzbestandteilen. Arboform ist spritzbar, in beliebige Formen zu bringen, "aber seine Verarbeitung ist nicht unproblematisch", sagt Susanne Jordan.
Ursprünglich hatte sie gehofft, die Maus nach einem Jahr als Prototyp in der Hand zu halten; nachdem mehr als zwei Jahre verstrichen waren, begann sie widerstrebend Kompromisse zu machen.
Ihre Maus ist heute immer noch die fairste Maus der Welt, aber sie ist nicht mehr ganz fair. Das Kabel, die kleinen Kunststofffüße, das Scrollrad und die Linse an der Unterseite stammen aus China, einem Land, um das Susanne Jordan eigentlich einen großen Bogen machen wollte.
Der Rest der Bauteile stammt aus Deutschland, Israel, Japan und Taiwan, das Gehäuse ist wie geplant biologisch abbaubar, die Leiterplatte stammt aus Deutschland, sie wird in Regensburg bestückt, in einer Werkstatt für Behinderte. Dort wird die Maus auch montiert, eine zweite Werkstatt für Behinderte in Landshut spritzt und färbt das Gehäuse.
Vor kurzem hat Susanne Jordan die erste Lieferung erhalten, und sie war glücklich.
Verkaufen will Susanne Jordan die Maus vor allem an kirchliche und soziale Einrichtungen, das Stück für 26,90 Euro.
Sie hofft, dass sich ihre Existenz herumspricht und dass etablierte Hersteller ihre Konkurrenten werden, billiger produzieren als sie und sie schließlich aus dem Markt drängen. Sie möchte sich überflüssig machen.
Ihre ersten Mäuse hat Susanne Jordan vor kurzem verkauft, in Berlin. Auf einer Messe für nachhaltigen Konsum, die den schönen Namen "Heldenmarkt" trägt.
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 49/2012
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