03.12.2012

ARCHÄOLOGIEDie entführte Königin

Vor 100 Jahren entdeckten deutsche Ausgräber die Büste der Nofretete. Das Dokument eines Augenzeugen belegt: Bei der Fundteilung wurde getrickst.
In Kriegszeiten werden die Weltläufe oft eigentümlich beschleunigt. Zum Klang von Schwerthieben oder Kanonendonner zerstoben ganze Weltreiche, Schicksale ballten und stauten sich. Wie im Zeitraffer wurden Helden geboren und wieder niedergestoßen.
Einmal aber lief es ganz anders.
Die Revolution des Pharaos und Sonnengurus Echnaton, der im Beisein seiner Gemahlin Nofretete eine Lichttheologie ersann und um 1350 vor Christus die Sonnenscheibe ("Aton") zum alleinigen Gott ausrief, war eine Phase bleiernen Friedens, gefüllt mit Flötenmusik und endlosen Liebkosungen. Das Ganze war so seltsam, dass der Ägyptologe Jan Assmann vom "Einbruch des Unwahrscheinlichen in die Geschichte" spricht.
In der neugegründeten Nil-Hauptstadt Achet-Aton ("Horizont des Aton") lebten die absonderlichen Repräsentanten des damals reichsten Staats der Erde. Diener trugen sie auf einem Thron aus Elektron. Echnaton ließ sich gern mit dickem Bauch darstellen, Nofretete trug durchsichtige Gewänder, die den Schamhügel kaum verdeckten.
Dann folgte die Verdammnis. Erboste Nachfolger zertrümmerten die Bildnisse der Ketzer, ihre Namen wurden getilgt, fast alle Spuren beseitigt.
Es war deshalb eine Überraschung, als der Ausgräber Ludwig Borchardt, ausgestattet mit einer Grabungslizenz des Berliner Tuchfabrikanten James Simon, vor 100 Jahren mehr als 20 Konterfeis aus dem Clan der Gestirnsanbeter entdeckte. Von Kairo aus war er stromaufwärts gesegelt, um die Ruinen der geheimnisvollen Solarstadt (heute: Tell el-Amarna) freizulegen.
Borchardt war der Schatzjäger Deutschlands, seine Funde meldete er direkt an den "Reichskanzler".
Auf dem Gehöft des Hofbildhauers Thutmosis wurde er mit Kostbarkeiten belohnt, die sich nur mit den Beigaben aus der Totengruft des Tutanchamun vergleichen lassen. Herrliche Statuen und Porträts kamen zum Vorschein. Es waren Gesichter voller Heiterkeit und Leben. Nie zuvor hatte man am Nil so individuell gestaltete und vollendete Skulpturen gesehen.
Sie alle trugen Glatze. Vermutlich hatten sich die Höflinge aus Achet-Aton (50 000 Einwohner) die Haare geschoren, um ihre schweren Perücken besser tragen zu können. So schützten sie sich auch vor Ungeziefer.
Am 6. Dezember 1912 folgte der Clou: Nach der Mittagspause durch einen Zettel alarmiert, eilte Borchardt ins Haus P 47. 2, Raum 19, wo der Vorarbeiter Ahmed al-Sanussi gerade im Begriff war, einen "fleischfarbenen Nacken mit aufgemalten roten Bändern" freizulegen.
Weil bald der Abend graute, wurde das Sensations-Artefakt in ein nahes Zelt gelegt und der Heidelberger Professor Hermann Ranke als Wachmann abgestellt. Später berichtete er amerikanischen Studenten: Ich schlief neben der Schönen.
Was aber passierte genau an jenen lauen Wintertagen am Nilufer? Wie konnte es gelingen, diese ungeheure Ikone nach Berlin zu entführen?
Auf der Gegenseite war bald von einem "Irrtum" die Rede, dann auch von Täuschung und Schwindel. Bereits in der Weimarer Republik wogte ein böser Streit.
Den erneuerte vor einigen Jahren der damalige Antikenchef Ägyptens Zahi Hawass mit einer lautstark vorgetragenen Rückgabeforderung. Sein Vorwurf: Die Nofretete sei "mit Lehm" beschmiert und dann außer Landes geschmuggelt worden.
Das Dokument eines Augenzeugen gibt Einblick, wie das Geschacher im Wüstensand ablief. Ausgebufft, fast hinterhältig ging Borchardt beim Tauziehen um die Pharaonin vor. Ob er dabei juristisch die rote Linie überschritt, muss womöglich neu geprüft werden.
Die Besitzer der Büste sind die Debatte allerdings leid. Sie wollen lieber feiern. Anlässlich des Fundjubiläums findet auf der Berliner Museumsinsel eine große Ausstellung statt. "Im Licht von Amarna" (Beginn: 7. Dezember) widmet sich jener Epoche, als die konservative Staatsräson Ägyptens für kurze Zeit Kopf stand und die Menschheit den Monotheismus erfand.
Auf 820 Quadratmetern wird das solare Mysterium von Amarna präsentiert. Paris und New York entrichten Leihgaben. Im Zentrum aber steht jene 50 Zentimeter hohe Figur, deren "ängstliche Lieblichkeit" schon Thomas Mann in Verzücken versetzte. Mit Mandelaugen und Schwanenhals ist die Königin dargestellt. Ihre Krone ist blau - wie die Haare des Aton.
Was für ein Urbild des Erotischen. Mona Lisa wirkt dagegen teigig.
Das linke Auge fehlt. Zwar ließ der Ausgräber den Schutt durchsieben und sogar fünf Pfund Finderlohn aussetzen. Doch die Iris aus schwarzem Wachs und Bergkristall tauchte nicht auf.
Computertomogramme beweisen, wie geschickt der Bildhauer vor über 3300 Jahren vorging. Zuerst pickelte er das Gesicht der Nofretete aus einem Kalkstein. Den bestrich er mit Gips, glättete die Nase, entfernte Fältchen und verschlankte die Wangen.
Der Dichter Rilke nannte das Resultat "bezaubernd". Der französische Ägyptologe Christian Jacq lobte die "strahlende Hoheit" der Figur, "deren Lächeln von einem inneren Licht beseelt ist".
Nur, was taugen solche Hymnen und Preislieder? Welche historische Gestalt steckt hinter der Regentin, die kurz nach der Steinzeit lebte, und deren Gatte - ein Ausbund an Hässlichkeit - die eigenen Töchter schwängerte?
Allzu "modern", meinen Kritiker, werde die Magierin aus dem fernen Pyramidenstaat bislang betrachtet. Wirkt ihr Gesicht nicht auch kühl und abweisend? Vorne, an der Krone, prangte ursprünglich eine Kobra, bereit zum Biss. Die angemessene Reaktion auf die Skulptur, meint die US-Kunsthistorikerin Camille Paglia, sei Angst.
Vor kurzem entdeckte der Ägyptologe Christian Bayer in einem Museum in Kairo ein Bruchstück, das haargenau zum Original passt. Es ist eine Kopie.
Der Verdacht: Die Büste diente zur Massenproduktion, es war ein offizielles Propagandabild - wie beim Genossen Stalin.
Was weiter verwirrt: Die Forscher kennen mittlerweile über hundert Nofretete-Darstellungen. Es gibt sie als Sphinx, mit Wulstlippen, beim Niedertrampeln von Feinden, gealtert mit Schwangerschaftsfalten - und auch als Kerl mit den Gesichtszügen ihres Mannes.
Wer also war die Dame wirklich?
Erschwert wird die Antwort, weil Amarna einem Strudel gleicht, in dem alle Traditionen und gewohnten Denkweisen zerbrachen. Selbst die Geschlechtergrenzen riss man ein. Kein Wunder also, dass die Forschung diese seltsame Ära besonders interessiert.
Ausgekratzte Inschriften haben die Fachleute entziffert und zerstörte Grabreliefs rekonstruiert, die wütende Konterrevolutionäre mit Meißel aushackten. In Amarna legt der Brite Barry Kemp die Häuser und Essensreste der Aton-Sekte frei. Er fand Berge von Schweinekot. Nofretete aß offenbar gern Kotelett und Eisbein.
Für einen Quantensprung an Wissenszuwachs sorgte im vorvergangenen Jahr auch die Erbgutanalyse an Mumien der 18. Dynastie. Sie trug dazu bei, die Blutsbande des Nofretete-Clans aufzuklären (siehe Grafik Seite 131).
Aus den vielen Details ergibt sich allmählich ein Gesamtbild von der anmutigen Königin. Es ist eine Biografie voller Machtgier, Ränke und überraschender Wendungen.
Beispiel: Bislang hieß es, die Herrscherin sei nach dem 13. Regierungsjahr ihres Gatten gestorben. Zu der Zeit tobte am Nil die Pest. Aus einer babylonischen Tontafel weiß man, dass auch eine Amarna-Königin zu den Opfern des Schwarzen Todes gehörte.
Doch erst vor kurzem kam in einem Steinbruch am Nil eine schwarze Tinteninschrift zutage. Das Gekritzel stammt aus dem Regierungsjahr 16 und erwähnt Nofretete. Die Totgesagte lebte folglich länger als gedacht.
Mehr noch: Vieles spricht dafür, dass sie ihren Gemahl in Wahrheit überlebte und danach unter dem zungenbrecherischen Namen "Anchetcheprure-Neferneferuaton" selbst den Thron bestieg. Das hatte noch keine Frau vor ihr gewagt.
In einem neuen Buch versucht der Kulturwissenschaftler Franz Maciejewski nun Leben und Sterben der Regentin als Ganzes zu erfassen(*). Ihm zufolge ging die Frau über Leichen. Das Klischee von der "unpolitischen First Lady", so der Autor, stimme hinten und vorn nicht.
In der Berliner Ausstellung ist von der aktuellen Debatte um die Beauty-Queen noch wenig zu spüren. Vorbei an Tafeln mit so erquickenden Aufschriften wie "Achet-Aton von der Gründung bis heute" durchlaufen die Besucher einen Parcours aus kaputten Krügen und krümeligem Palaststuck.
Dennoch lohnt der Besuch. Etwa 5500 Objekte ließ Ludwig Borchardt Richtung Spree verfrachten. Noch die Trümmer lassen ahnen, wie farbenprächtig die Privatgemächer der Sonnengurus einst ausgestattet waren.
Doch noch arbeiten Handwerker in den Schauräumen. Man ist spät dran.
Der Grund: Verschreckt durch den Poltergeist Hawass wollten die Berliner das Jubiläum still verstreichen lassen. Erst nach der Plünderung des Ägyptischen Museums in Kairo im Zuge der Unruhen des Arabischen Frühlings konnte man sagen: Seht her, bei uns steht die Büste sicher.
Nun fehlt die Zeit. Vieles in der Schau kommt zu dröge daher. Auch die Fundgeschichte, im Untergeschoss präsentiert, weist Mängel auf. Das Spannendste wird verschwiegen. In Wahrheit glich der Tag der Teilung in Amarna einem Pokerspiel. Am 20. Januar 1913 war der Antikeninspektor Mittelägyptens, Gustave Lefebvre, angereist, um die geborgenen Stücke "à moitié exacte" (genau zur Hälfte) aufzusplitten.
Der anwesende Schriftführer der Deutschen Orient-Gesellschaft, Bruno Güterbock, verfertigte dazu einen Bericht, der dem SPIEGEL vorliegt. Demnach wurde der Gast zuerst ins Büro geleitet, wo er sich Bilder aller Funde ansah. Von der Nofretete bekam er "nicht eben die allervorteilhafteste Fotografie" vorgelegt.
Borchardt erwähnte später, den Bildausschnitt so listig gewählt zu haben, "dass man daran die ganze Schönheit der Büste nicht sehen kann, es genügt aber, um nötigenfalls jedes spätere Gerede von Dritten über Geheimhaltung zu widerlegen".
Sodann reichte er dem Besucher die vorläufige Teilungsliste. In der rechten Kolumne stand an erster Stelle die Nofretete-Büste und darunter etwa 25 Statuen aus Gips.
In der linken Spalte waren zehn Artefakte aus Stein aufgeführt, an Nummer eins ein bunter "Klappaltar". Auch das war ein sehr ungewöhnliches Werk. Die Stele zeigte Echnaton und Nofretete mit ihren Kindern. Weltweit gab es damals nur ein einziges vergleichbares Exemplar, es stand in Berlin.
Dann begann das Feilschen. Lefebvre akzeptierte die "ungefähre Gleichwertigkeit" der beiden Hälften. Auch nahm er den Vorschlag an, die Gipssachen den Deutschen zu geben und die - wertvoller erscheinenden - Steinköpfe am Nil zu belassen.
Doch die Fundliste verdunkelte einen entscheidenden Punkt. Obwohl Borchardt wusste, dass die Nofretete einen Steinkern besaß, gab er als durchgängigen Werkstoff "Gyps" an. Schon vorab hatte Güterbock "Bedenken" angemeldet. Er sprach von einer "Vermogelung des Materials".
Doch der Chef wischte die Einwände vom Tisch. Sein Argument: Wenn sich später anderes herausstellt, dann habe er sich eben "anfänglich geirrt".
Sodann schritten die Verhandlungsführer ins Depot. Dort lagen die Funde in offenen Kisten, jedoch "nicht gerade in bester Beleuchtung" (Güterbock). Lefebvre hätte die Nofretete herausheben können. Er tat es nicht. Nach einer nur "oberflächlichen Besichtigung der Originale" segnete er alles ab.
Doch ist das Getrickse zu beanstanden? Die Großmächte schenkten sich damals, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, nichts. Zocken war eine verbreitete Gepflogenheit.
Dass den Feilscher gleichwohl das Gewissen plagte, belegt seine Weigerung, die Büste öffentlich zu zeigen. Nach der Überführung nach Deutschland kam sie zunächst unter Verschluss. Nur Kaiser Wilhelm II. erhielt als oberster Schirmherr der Orient-Gesellschaft zu Weihnachten eine Kopie geschenkt.
Erst 1924 machte der Direktor des Ägyptischen Museums Berlin, Heinrich Schäfer, eine Ausstellung - gegen den Willen des Finders.
Im Ausland löste die Schau Bewunderung, aber auch Ärger aus. Der Chef des Antikendienstes in Kairo, Pierre Lacau, verlangte umgehend eine Rückgabe. "Ich glaube, wir sind rechtlich gesehen wehrlos", schrieb er. Doch er führte "moralische" Gründe an. Und er verhängte Sanktionen. 1925 erließ er gegen die Deutschen eine Grabungssperre am Nil - ein harter Schlag.
Schließlich war Schäfer zum Tausch bereit. Doch im Jahr 1930 kriegte die Presse Wind von dem bevorstehenden Deal. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Der Plan wurde gestoppt.
Gleichwohl gärte die Causa weiter, auch unter den Nazis. Am 4. Oktober 1933 entschied der preußische Ministerpräsident Hermann Göring, die Büste dem ägyptischen König Fuad I. zu schenken. Hitler, erbost über die Eigenmächtigkeit seines dicklichen Mitstreiters, ließ sich fünf Tage später in der Sache ausführlich unterrichten - und widerrief alles.
Aktenkundig ist auch, dass Joseph Goebbels im März 1934 dem "Führer" während eines Mittagessens erneut die propagandistische Auswertbarkeit eines Transfers schmackhaft machen wollte. Ohne Erfolg. Hitler hatte andere Pläne mit der Nofretete: "Ich werde ihr ein Museum in Berlin bauen."
Dass ausgerechnet der größte Verbrecher die "schönste Frau" für Deutschland bewahrte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Für den juristischen Bestand des Teilungsvertrags ist es allerdings ohne Bedeutung.
Einen unglaublich klingenden Vorwurf gilt es jedoch noch zu klären. Der renommierte Ägyptologe Rolf Krauss - selbst mehr als 20 Jahre lang Kurator am Ägyptischen Museum Berlin und Hüter der Nofretete - behauptet, dass der als Ausgleich für die Nofretete verwendete "Klappaltar" gefälscht sei.
Seine These: Zerfressen von Ehrgeiz, habe Borchardt die herrliche Tafel, mit der er Lefebvre köderte, bei fingerfertigen Steinmetzen in Kairo in Auftrag gegeben.
Nur wäre dem Ausgräber ein solch infamer Betrug zuzutrauen? Manche glauben: ja. Ihnen gilt Borchardt als Mann fürs Grobe.
Richtig ist, dass der Gelehrte seit 1899 am deutschen Generalkonsulat in Kairo tätig war. Offiziell nannte er sich "wissenschaftlicher Attaché". In Wahrheit sollte er - im Kampf gegen die anderen imperialistischen Mächte England, Frankreich und USA - Deutschlands Museen mit Geschmeide aus der Pharaonenzeit füllen.
Dabei ging er ruppig vor: 1908 warf ihm der britische Ägyptologe Alan Gardiner "taktloses und schroffes Auftreten" vor. Zudem habe der Deutsche am Nil ein wissenschaftliches Spionagenetz errichtet.
Daheim zur Rede gestellt, gestand der Beschuldigte, "eine ganze Anzahl von Fotografien, Zeichnungen, Privatbriefen, fremden Aktenstücken usw." unerlaubt an sich gebracht zu haben. In einem Brief ans Außenministerium entrüstete sich ein Kollege, dass ein Mann, der "die deutsche Wissenschaft in solcher Weise kompromittiert hat, nicht in seinem Amt bleiben kann".
Doch der Indiana Jones des Kaiserreichs überstand die Affäre. Er kannte sich einfach zu gut aus.
Oft streifte Borchardt durch die Suks von Kairo, wo bärtige Kaufleute antikes Raubgut, aber auch mit Ätzsäure patinierte Fälschungen anboten. Er selbst beschrieb die Tricks der Gauner - zum Beispiel war es üblich, dass "die Kerls alte Farben abkratzen, zerstoßen und mit einem Bindemittel auftragen".
Als Student fälschte er sogar nachweisbar selbst. Er imitierte eine Keilschrifttafel und schrieb Logarithmen drauf. Ein Gelehrter fiel auf den Ulk herein.
Angespitzt durch die Gerüchte, hat das (von Italienern eingerichtete) Restaurierungslabor in Kairo den Klappaltar vor einiger Zeit untersucht. Dabei zeigte sich im UV-Licht, dass die vermeintliche Verwitterung nur eine "dunklere Untergrundfarbe" ist, mit der der Kalkstein eingepinselt wurde.
"Für mich ist das der absolute Fälschungsbeweis", sagt der Ägyptologe Christian Loeben. Sein Kollege Dietrich Wildung hält das Ganze dagegen für einen "Schmarrn".
Weil die Labor-Untersuchung bis heute unveröffentlicht ist, lässt sich der Vorwurf nicht abschließend beurteilen. So liegt weiterhin im Zwielicht, wie redlich der Frontmann Borchardt vorging, als er vor 100 Jahren mit Hacke und Schaufel jene erstaunlichen Denkmäler freilegte, die aus der Epoche stammen, als die Welt den Atem anhielt und Echnaton die Götter stürzte.
Dass Nofretete bei dieser Revolte eine zentrale Rolle spielte, wird immer deutlicher. Sie übernahm im Aton-Kult den Part der Gebärerin: erotisch, fruchtbringend und leicht bekleidet.
Wann sich das junge Paar kennenlernte, ist unklar. Das Mädchen entstammte wohl einer Familie aus der Provinzstadt Achmim, die eng mit der Thronsippe verwandt war. Nofretetes Tante dürfte niemand Geringeres als die "Große Königliche Gemahlin" des amtierenden Pharaos Amenophis III. - Echnatons Vater - gewesen sein.
Ihr eigener Papa machte ebenfalls Karriere, er stieg zum General der Streitwagen-Truppe auf. Die Liebe zu Pferden kennzeichnete auch die Tochter. Reliefs zeigen, wie sie im zweirädrigen Gespann herumrast. Dann wieder steht sie aufrecht im Prunkwagen.
Der Nilstaat stand damals in höchster Blüte. Vom Sudan bis zum Euphrat erstreckte sich das Kolonialgebiet. Echnatons Vater gefiel sich als Baumeister, der "Größe ohne Grenze" schuf sowie Tempel mit "Wänden aus Gold, Pflaster aus Silber und Fahnenmasten, die zu den Sternen emporstreben".
Dann kam der Sohn auf den Thron. Ein Träumer. Er hatte in Heliopolis studiert, wo der Benben-Stein stand, das seltsame Ur-Heiligtum des Sonnenkults. Echnaton schrieb Gedichte. Die Analyse seines Skeletts ergab: Er war 1,60 Meter groß und hatte schiefe Zähne. Dass der junge Mann sogleich einen geistigen Umsturz anzettelte, ist unwahrscheinlich. Eher war es die Mutter, die Königswitwe Teje, die im Hintergrund die Strippen zog. Bilder zeigen sie mürrisch, mit hängenden Mundwinkeln. Eine Frau zum Fürchten.
Teje suchte dem Sohn womöglich auch die Ehefrau aus. Ihre Wahl fiel auf die eigene Nichte.
Wann genau das Mädchen aus Achmim mit dem Nilschiff in der damaligen Hauptstadt Theben ankam, um auf Sänften in den Harem getragen zu werden, weiß niemand. Ein Standbild zeigt das Paar als Teenager. Sie trägt einen Halskragen aus Edelsteinen. Das Gesicht, noch pummelig, ist das einer 14-Jährigen.
Doch Echnaton war verliebt. "Herrin der Freude", nannte er sie, "herrlich zu betrachten": "Man jauchzt, wenn man ihre Stimme hört." Kurz darauf wurde sie schwanger.
Draußen, im Stadtbild von Theben, vollzogen sich derweil gewaltige Veränderungen. Der junge König ließ in Schnellbauweise einen Riesentempel für Aton bauen. Er war über 600 Meter lang.
In einem anderen Heiligtum prangte Nofretete auf bunten Wandbildern, wie sie ganz allein als "Geliebte des Aton" Dankopfer darbrachte.
Das war unerhört, ein Tabubruch. Zu den Grundsätzen im Pharaonenstaat gehörte, dass Frauen nicht Priester werden konnten. Sie waren vom Heil ausgeschlossen.
Das änderte sich nun. Und auch bei den Staatsgeschäften nahm der Einfluss der Frauen zu. Die Politik am Hof von Amarna trug anfangs fast feministische Züge. Um das Jahr 5 der Regierung erhob Weichei Echnaton seine Gattin sogar zur Mitregentin. Das alte Establishment in Theben war wütend.
Wohl auch deshalb fasste der Pharao den Plan, die Hauptstadt zu verlassen. Flussabwärts, an einer abgelegenen Nilbucht, steckten seine Ingenieure einen 16 mal 13 Kilometer großen Bauplatz ab. Dort sollte die neue Metropole des Himmelsglanzes entstehen.
Nofretete fand an der Idee offenbar keinen Gefallen. Theben bot Partys mit Tanzzwergen, Musikorchestern und dressierten Affen. Als sie zu oft nörgelte, zürnte der Gatte: "Und nicht soll die Königin zu mir sagen: sieh doch, es gibt einen schönen Ort für Achet-Aton an anderer Stelle."
So kam es gegen ihren Willen zum Umzug. Mit einem Gespann aus Elektron eilte das Paar dem Wüstental entgegen. Der neue Wohnpalast lag direkt an der 30 Meter breiten Hauptstraße.
Morgens, wenn die Sonne rosenfingrig über dem Felsmassiv von Tell el-Amarna aufging, schritt die Herrscherin zum Gottesdienst. Im Großen Aton-Tempel standen Hunderte Altäre. Zum Tagesanbruch bluteten dort Tiere zuhauf.
"Deine Strahlen sind im Inneren des Meeres", heißt es im großen Aton-Gesang, den der Pharao selbst verfasste: "Du bist die Lebenszeit selbst, man lebt durch dich. Die Augen sind auf deine Schönheit gerichtet, bis du untergehst."
Der zerstörerische Aspekt der Sonne, ihre sengende Glut, die Dürre und Hungersnöte auslöst, wurde in den Zeremonien mit keinem Wort erwähnt.
Stattdessen war Kuscheln angesagt. Reliefs zeigen das Königspaar küssend und streichelnd. Mal nagen sie am Fleischspieß. Dann wieder sitzen sie daheim ganz privat mit den Kindern. Intimität wurde zum politischen Programm. Oder verloren die Lichtpropheten einfach nur alle Scham?
Im Jahr 12 fand in Amarna ein rauschendes Bankett statt. Tributbringer von Zypern und Kreta, auch aus Syrien und Mykene, kamen angereist, um der schönen Landesherrin zu huldigen.
Glücklich war die hohe Dame dennoch nicht. Sie hatte sechs Kinder geboren - alles Mädchen.
Wohl deshalb ging Echnaton im fortgeschrittenen Alter häufig fremd. Er wollte unbedingt einen edelblütigen männlichen Thronfolger zeugen. Hinweise deuten an, dass er zuerst seine Mutter schwängerte und hernach drei seiner Töchter heiratete. Das große Los in Gestalt eines Prinzleins schenkte ihm aber erst die eigene Schwester. Der Name des Säuglings: Tutanchamun.
Bald danach starb der Ketzer. Er hinterließ ein aus den Fugen geratenes Staatswesen. Im Norden waren fremde Heere ins Land eingebrochen. Die alten Eliten - Priester und Generäle - befanden sich in Putschstimmung.
Ausgerechnet in dieser Situation wagte Nofretete offenbar einen Alleingang. Sicher ist: Nach Echnatons Tod ergriff ein geheimnisvoller weiblicher Pharao 14 Monate lang die Macht in dem Pyramidenland. Vieles spricht dafür, dass es sich um Nofretete handelte.
Und sie wagte offenbar einen weiteren politischen Streich, der an Kühnheit kaum zu überbieten ist. Um die Feinde daheim in Schach zu halten, suchte sie Hilfe beim Hethiterkönig Suppiluliuma, der rund 1500 Kilometer entfernt in Hattusa (Türkei) lebte.
Im dort entdeckten Tontafel-Staatsarchiv fand man Briefe einer gewissen "Dahamunzu". Das Wort ist abgeleitet von "Ta hemet nesw" (ägyptisch: Die Frau des Königs). Der Verdacht: Hatte Nofretete den Brief verfasst?
"Mein Gemahl ist gestorben, und ich habe keinen Sohn", schreibt die Frau dem Hethiterboss, "man sagt aber, dass deine Söhne zahlreich sind." Dann trägt sie forsch ihr Begehr vor: Sie will einen der Prinzen heiraten.
Was für ein Angebot. Umgehend schickten die Hethiter ihren Kanzler an den Nil. Nach monatelanger Recherche kehrte er mit einer weiteren Nachricht der Pharaonin zurück, in der sie eine Art Staatspakt vorschlug. Nach der Vermählung, heißt es in ihrem Schreiben, "werden die beiden großen Länder nur noch ein einziges Land sein".
Schierer Hochverrat.
"Dass eine Frau im Alten Ägypten solch eine Korrespondenz führte, ist so verrückt, dass man es kaum glauben mag", urteilt der Experte Bayer.
Schließlich zog der ausgewählte "Prinz Zannanza" los. Er überquerte die Berge Anatoliens, ritt die Küste hinab. Doch kaum hatte er "Kemet" erreicht, das "Schwarze Land", wie die Ägypter ihre Heimat nannten, wurde er von Attentätern ermordet.
Das war das Ende. Danach verstummen alle Nachrichten. Es gibt Hinweise, dass Nofretete in den Wirren der Konterrevolution gewaltsam beseitigt wurde. Ihre Mumie ist verschwunden.
Ein faszinierendes Geschichtsszenario entsteigt da den Fluten des Nil. Als frühestes Covergirl und artiges Liebchen, so scheint es, hat die legendäre Königin ausgedient. Eine neue Spur tut sich auf. Eher war die Schöne ein Biest.
Wer ihrem Antlitz direkt ins Auge sehen will, sollte demnächst das Neue Museum in Berlin besuchen. Dort steht die Verfemte unter Glas, umringt von nie gezeigten Exponaten aus der untergegangenen Sonnenstadt.
Ob die edle Büste, wie vom Museum gewünscht, dort ewig und unverrückbar stehen wird, bleibt abzuwarten. Mit einer Rückführung nach Kairo würde Deutschland einen Antikenschatz von Weltrang verlieren. Der Versicherungswert der Statue liegt bei 390 Millionen Dollar.
(*) Franz Maciejewski: "Nofretete - Die historische Gestalt hinter der Büste". Osburg-Verlag, Hamburg; 184 Seiten; 19,95 Euro.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 49/2012
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Die entführte Königin

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