10.12.2012

REGIERUNGKein Wunder

Nie zuvor hat ein deutscher Kanzler so kühl und leidenschaftslos auf Europa geblickt wie derzeit Angela Merkel. Nun soll ausgerechnet sie die Gemeinschaft aus der Krise führen. Kann das gutgehen?
Natürlich hat die Krise auch ihre komischen Seiten. Die Geschichte mit dem U-Boot zum Beispiel. Angela Merkel fängt an zu kichern. Es war schief. Dann prustet sie los, Lachtränen kullern über ihre Wangen. Sie kann nicht mehr weitersprechen. Schief, sagt sie und versucht sich zusammenzureißen. Sie schafft es nicht. Die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland wird von einem unkontrollierbaren Lachkrampf geschüttelt.
Die Geschichte, die Merkel nicht erzählen kann, geht so: Die Griechen bestellen in Kiel bei den Howaldtswerken-Deutsche Werft ein hochmodernes U-Boot der Klasse 214. Als es fertig ist, weigern sie sich zu zahlen. Die griechischen Militärexperten, die eigens nach Kiel gereist sind, erklären, die "Papanikolis" habe bei der Vorführung schon bei leichtem Seegang auf der Seite gelegen. Sie verweigern die Abnahme.
Die Deutschen hatten das Boot geprüft, gemessen, kontrolliert und nichts entdecken können. Es ist eine Schieflage, die offenbar ausschließlich hochverschuldete Griechen feststellen können - und die noch Jahre später der Kanzlerin die Lachtränen in die Augen treibt. Tja, Griechenland. Manchmal, wenn es ganz schlimm wird, flüchtet sich Merkel in Galgenhumor. Es hilft alles nichts, es muss ja weitergehen, und am Ende bleibt es ohnehin an ihr hängen.
Seit drei Jahren nun schwelt die Euro-Krise, sie hat die Regierungen von Irland und Spanien aus dem Amt gefegt, von Italien und Slowenien, es gab unzählige Sondergipfel in Brüssel, auf denen erst ein vorläufiger und dann ein permanenter Rettungsschirm eingerichtet wurde.
Am Donnerstag und Freitag nun treffen sich die Staats- und Regierungschefs wieder in der belgischen Hauptstadt. Es soll der wichtigste Gipfel des Jahres werden. Auf der Tagesordnung steht nichts Geringeres als die politische Neuordnung der Euro-Zone und die Frage, ob man sich auf eine europäische Bankenunion einigen kann, um die angeschlagenen Geldhäuser des Kontinents zu retten. Mittendrin, wie immer: Angela Merkel.
Sie ist die Frau, auf die Europa blickt, kein anderer Politiker auf dem Kontinent erzeugt so viele Hoffnungen, aber auch so viel Hass wie sie. Wenn sie nach Griechenland fliegt, dann marschieren Demonstranten in Nazi-Uniformen durch die Straßen von Athen, aber ein Wort von ihr kann auch bewirken, dass ein Euro-Land vor dem Bankrott bewahrt wird.
Sie ist es, die im Moment die Geschicke des Kontinents in den Händen hält. Wenn der Euro gerettet wird, dann wird das vor allem ihr Verdienst sein, sollte der Euro zerbrechen, wird man umgekehrt sie zur Schuldigen machen.
Kein deutscher Kanzler zuvor war auf dem Kontinent so mächtig wie Merkel. Das ist nicht ohne Ironie, denn wenn es um die Europapolitik geht, dann unterscheidet sich Merkel von all ihren Vorgängern. Noch nie hat ein deutscher Regierungschef so leidenschaftslos nach Brüssel geblickt.
Konrad Adenauer legte zusammen mit Charles de Gaulle das Fundament für die deutsch-französische Freundschaft, Helmut Kohl schoss das Wasser in die Augen, wenn er vom "Haus Europa" sprach, und selbst Gerhard Schröder, der sich anfangs darum sorgte, dass deutsches Geld in Brüssel "verbraten" werde, war am Ende ein großer Anhänger Europas.
Natürlich ging es in Europa auch immer um Interessen, Adenauer wollte Deutschland nach dem Krieg im Westen verankern. Für Frankreich wiederum war Europa auch ein Mittel, den Nachbarn jenseits den Rheins im Zaum zu halten. Aber der Dünger für Europa hieß Leidenschaft. Ausgerechnet die geht Angela Merkel ab.
Ihr Sehnsuchtsort war nicht Paris oder Rom, sondern Amerika. Die USA waren die Antithese zur muffigen Enge der DDR, Europa versprach für sie keine Erlösung. Das unterschied sie von ihren westdeutschen Parteifreunden. Die wurden in dem Glauben groß, dass die Rehabilitierung der Deutschen, die Rückgewinnung der nationalen Würde und Identität nach den Verbrechen der Nazi-Zeit nur über Europa zu erreichen sei.
Für Merkel ist Europa kein Traum, keine Vision, keine Sehnsucht. Sie hat inzwischen gelernt, dass es zur christdemokratischen Etikette gehört, Europa mit dem Zuckerguss des Pathos zu überziehen. Auch deswegen wird sie an diesem Montag nach Oslo fahren, wenn die Gemeinschaft den Friedensnobelpreis überreicht bekommt. Aber das ist nur ein Schauspiel für das Publikum, am Ende ist Europa für Merkel eher eine Frage von Wohlstand, von Euro und Cent, aber keine Herzensangelegenheit.
Kann das gutgehen? Kann diese Frau Europa aus der Krise führen? Oder braucht es gerade so eine Politikerin wie Merkel, die nicht zu jener realitätsfernen Gefühligkeit neigt, die den Euro erst auf die schiefe Bahn gebracht hat?
Wer mit Merkel in diesem Jahr durch Europa und die Welt reiste, der erlebte eine Frau von unerbittlicher Sachlichkeit. Was sie interessiert, sind Kennziffern, also Wachstumsraten, die demografische Entwicklung, Schuldenstände. Wer sie nach den Ursachen der Euro-Krise befragt, bekommt ein kleines volkswirtschaftliches Seminar.
"Wo sind denn meine geliebten Tabellen?", fragt sie, als sie im Sommer im Flugzeug sitzt. Dann zieht sie einen Stapel Papiere aus ihren Unterlagen hervor. Sie zeigen auf der einen Seite die Lohnkosten, die im Süden Europas durch die Decke gingen. Und auf der anderen Seite die niedrigen Zinsen, die nach der Einführung der gemeinsamen Währung Ländern wie Griechenland überhaupt erst die Möglichkeit boten, sich hemmungslos zu verschulden.
Nicht Sentimentalität hat Merkel dazu getrieben, dass Deutschland inzwischen mit 400 Milliarden Euro für die Euro-Zone haftet. Das wird schnell klar, wenn man sie reden hört. Sie blickt auf die Pleitestaaten im Süden Europas wie auf ungezogene Kinder, die man zur Vernunft bringen muss, damit Deutschland nicht auch noch in den Abgrund der Euro-Krise gezogen wird.
Als sie im Oktober nach Griechenland fliegt, liest sie zur Vorbereitung ein Interview mit dem griechischen Ministerpräsidenten im "Handelsblatt". Dort erklärt Antonis Samaras, dass er für seine Minister nun auch am Wochenende erreichbar sei und Zeit habe für persönliche Treffen. Der Schlendrian ist endgültig vorbei, das ist die Botschaft des Gesprächs. Man kann die Worte des Premiers aber auch anders interpretieren: als Beleg dafür, wie lang der Weg ist, den Griechenland noch vor sich hat. Wie kann es ein Regierungschef für erwähnenswert halten, dass er auch am Wochenende arbeiten muss?
Merkel hat monatelang geschwankt, ob Griechenland die Euro-Zone verlassen soll oder nicht. Noch im Sommer konnte sie sich nicht entscheiden, ob sie der Domino- oder der Ballasttheorie glauben sollte, wie sie die beiden Alternativen nannte. Nach der einen könnte eine Pleite Griechenlands auch andere gefährdete Euro-Staaten in den Abgrund reißen. Die Anhänger der anderen wiederum glauben, dass Griechenland der Ballast ist, den die Euro-Zone abwerfen muss, um zu gesunden.
Es ist schwer zu sagen, warum Merkel am Ende zur Dominotheorie wechselte. Vielleicht waren die chinesischen Fondsmanager mit dafür verantwortlich. Die hatten ihr bei ihrem Besuch in Peking im Sommer in grellen Farben ausgemalt, welche verheerenden Folgen ein Rauswurf Griechenlands haben würde. China werde dann kein Vertrauen mehr in den Euro haben und damit auch keine europäischen Anlagen mehr kaufen.
Vielleicht waren es aber auch die Warnungen der Kollegen in Europa. So rechnete der slowenische Ministerpräsident ihr vor, dass ein Bankrott Griechenlands die Wirtschaft seines Landes um fünf Prozent nach unten reißen würde. Auch das hat sie beeindruckt.
Was sie kaum beeindruckt, sind die Proteste gegen sie. Merkel ist im Moment ohne Frage die meistgehasste Frau Europas. Als sie Anfang Oktober nach Athen reist, rast sie mit ihrer Wagenkolonne durch leergeräumte Straßen, die griechische Hauptstadt wirkt wie die Kulisse für einen jener Doku-Filme, die eine Welt ohne Menschen zeigen.
In Lissabon trifft sie sich Mitte November mit ihrem portugiesischen Amtskollegen an der Atlantikküste in einer jahrhundertealten Festung, auf deren Zinnen schwarzgekleidete Polizisten mit Maschinenpistolen postiert sind. Über ihr kreist ein Hubschrauber, und die Seeseite wird von Kampfschwimmern im Sturmboot gesichert.
Schon als die Kanzlerkolonne aus dem Flughafentor rast, wird sie von Demonstranten mit Hitler-Gruß und ausgestrecktem Mittelfinger begrüßt. Im Sommer brachte das "Time"-Magazin eine Titelgeschichte mit der Zeile: "Why everybody loves to hate Angela Merkel." Warum alle es lieben, Merkel zu hassen.
Anfangs habe sich die Kanzlerin noch darüber erschreckt, wie viel Abneigung ihr entgegenschlägt, erzählen ihre Leute. Aber inzwischen sieht sie die Dinge von der praktischen Seite. Die Proteste seien für sie ein Moment der Selbstvergewisserung, sagen ihre Vertrauten. Liege ich wirklich richtig?, frage sie sich dann. Meistens beantwortet sie diese Frage mit ja.
Das Bundespresseamt stellt Merkel jeden Morgen einen Pressespiegel zusammen, in dem zusammengefasst wird, was die griechischen Zeitungen über sie schreiben. Das ist oft nicht sehr freundlich. Aber Merkel amüsiert es inzwischen, dass die Verfechter des Sparens in der griechischen Politik "Merkelisten" genannt werden.
Natürlich weiß sie, dass es als Schmähung gedacht ist, einerseits. Andererseits: Wenn ihr Name zum Synonym für Sparen wird, soll es ihr recht sein. Es ist ja so, dass der Protest im Ausland ihr auch nutzt. Weil er belegt, dass sie die deutschen Hilfsmilliarden nicht einfach verschenkt, sondern an harte Auflagen knüpft. Wenn sie als eiserne Kanzlerin dasteht, bringt sie das nicht um den Schlaf.
Was ihr Respekt einflößt, ist Disziplin. Als sie im Sommer nach Indonesien fliegt, umschwärmt sie Susilo Yudhoyono, den Präsidenten. Yudhoyono ist ein kleiner, unauffälliger Mann, aber sein Land hat es geschafft, das Defizit innerhalb weniger Jahre von 80 auf 20 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung zu senken.
Indonesien ist so, wie sie sich Griechenland wünschen würde: fleißig und still und von dem Willen beseelt, die Versäumnisse von früher auszumerzen. Wenn Indonesien seine Schuldenkrise in den Griff bekommen hat, dann, verdammt noch mal, kann es doch Europa wohl auch schaffen. Das ist die unausgesprochene Botschaft ihrer Reise.
Für Merkel stellen sich die Dinge so dar: Deutschland ist stark, aber nicht stark genug, um auf Dauer ein sieches Europa mitzuziehen. "Wir wollen ein europäisches Deutschland, kein deutsches Europa", forderte Thomas Mann nach dem Krieg.
Merkel würde diesen abstrakten Satz wohl unterschreiben. Im Konkreten allerdings findet sie, dass Europa ruhig ein wenig deutscher werden könnte, zumindest was das Schuldenmachen betrifft. Wie soll der Kontinent sonst im Wettbewerb mit den asiatischen Aufsteigern mithalten?
Seit Merkel Kanzlerin ist, war sie sechsmal in China, kaum ein außereuropäisches Land hat sie öfter besucht, nur die USA. Sie bewundert die Effizienz, mit der die Chinesen in den vergangenen drei Jahrzehnten den Aufstieg zur zweitgrößten Wirtschaftsnation der Erde geschafft haben. Aber sie weiß auch, wie sich die Gewichte dadurch weltweit verschoben haben. Die Europäer sehen nicht gut dabei aus.
Ihre Mitarbeiter kennen schon, was dann kommt: der Merkel-Dreisatz. Europa produziert mit nur 7 Prozent der Weltbevölkerung etwa 25 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung und trägt die Hälfte der weltweiten Sozialausgaben. Man muss nicht (wie Merkel) über theoretische Chemie promoviert haben, um zu verstehen, dass Europa ein Problem hat.
Es müsse verhindert werden, dass es zum Schlimmsten komme, sagt die Kanzlerin manchmal und kann auch gleich benennen, was "das Schlimmste" für sie ist: dass Europa irgendwann zum Besichtigungsgebiet vergangener Erfolge werde, eine Art Disney World für chinesische Touristen.
Ihre Reisen nach China sind deshalb lehrreich. Drei Jahrtausende lang galt die chinesische Zivilisation als die bestentwickelte der Welt. Doch dann verlor das Reich der Mitte durch politische Fehlentscheidungen den Anschluss an den Rest der Welt - und blieb auf der Strecke.
Merkel befürchtet, dass sich Europa im Moment an einer ähnlichen historischen Weggabelung befinden könnte. Das westliche Freiheitsmodell, das hat die Finanzkrise der vergangenen Jahre in aller Brutalität offenbart, ist längst nicht so gefestigt, wie es den Anschein hatte.
Das weiß sie auch aus den Gesprächen mit ihren Kollegen in den Hauptstädten der Welt, von denen viele inzwischen mit herablassendem Mitleid auf den Alten Kontinent blicken. Keine Dynamik, nirgends. Auch ihr Mann, der Chemieprofessor Joachim Sauer, berichtet ihr, wie auf den internationalen Wissenschaftlerkongressen über Europa geredet wird. Es ist kein optimistisches Bild, das da gemalt wird.
Was also tun? Merkel hat sich für eine Politik des pädagogischen Imperialismus entschieden, ihre Exportgüter heißen: Haushaltsdisziplin, Strukturreformen, Bankenregulierung. Das meiste davon würde sie den Deutschen selbst nie zumuten. Keiner ihrer Vorgänger hätte sich getraut, so kompromisslos seine Linie durchzudrücken, schon aus historischen Gründen. Aber Merkels Dominanz kommt leise und unauffällig daher, sie dröhnt nicht wie Schröder, sie ist auch nicht wuchtig und raumgreifend wie Kohl. Das reduziert Widerstände.
In Europa wendet sie die gleiche Methode an, die sie bereits in der Innenpolitik perfektioniert hat. "Die Zukunft ist weit offen", zitierte Merkel vor zwei Jahren in ihrer Neujahrsansprache Karl Popper. Es war ein kleiner Hinweis darauf, dass ihr die Gedanken des 1994 gestorbenen Sozialphilosophen vertraut sind.
Popper ist der große Theoretiker des Durchwurstelns. Politik dürfe sich nicht an Visionen orientieren, sie müsse in kleinen, überschaubaren Schritten voranschreiten, forderte er. "Stückwerk-Sozialtechnik" nannte Popper dieses Vorgehen, mit dem selbst weitreichende gesellschaftliche Veränderungen nur durch kleine Eingriffe erreicht werden sollen. Erweisen sie sich als fehlerhaft oder falsch, kann man sie notfalls korrigieren oder zurücknehmen.
Helmut Schmidt ("Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen") war der letzte Kanzler, der sich öffentlich auf Popper berief. Von Merkel sind solche Aussagen nicht überliefert, doch der Philosoph des Durchwurstelns hätte seine Freude an ihr gehabt.
Merkels Vorgänger Gerhard Schröder lief zur Höchstform auf, wenn die Luft im Kanzleramt testosterongesättigt war und alles auf den Showdown zulief, das große Drama, den Riesenknall, die ultimative politische Auseinandersetzung. Seiner Nachfolgerin ist das zuwider.
Man löst die Dinge nicht, indem man den "großen Maxe" markiert, hat sie im Sommer gesagt. Sie zerteilt lieber die Probleme, macht sie kleiner, drückt auf die Bremse, nimmt die Spannung aus den Prozessen.
Bei einem Abendessen im Kanzleramt soll Merkel vor kurzem eine einfache Rechnung aufgemacht haben: Laut Ludwig Erhard seien 50 Prozent der Wirtschaft Psychologie. Also rede sie nur noch gut über Griechenland. Bei den restlichen 50 Prozent wiederum gebe es eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass man die richtige Entscheidung getroffen habe. Mache zusammen eine Trefferwahrscheinlichkeit von 75 Prozent. Kühler hätte sie es nicht formulieren können.
"Es kann gar nicht oft genug gesagt werden", rief sie am vergangenen Dienstag in Hannover den Delegierten des CDU-Parteitags zu, "dass die europäische Staatsschuldenkrise nicht mit dem einen Befreiungsschlag, dem einen Paukenschlag, dem einen vermeintlichen Wundermittel gelöst werden kann." Es war ein typischer Merkel-Satz.
Visionen sind ihr ein Graus. Masterpläne auch. Wer weiß schon, wie die Welt in einem Jahr aussieht? Sie geht tastend voran, hangelt sich von Krisengipfel zu Krisengipfel. Wenn sich eine Entscheidung als Fehler herausstellt, dann korrigiert sie sich. Und sie hat viele Fehler gemacht in den vergangenen Jahren.
So führte sie mit ihrem Zaudern das hochverschuldete Griechenland im Frühjahr 2010 überhaupt erst an den Abgrund. "Es gibt keine Haushaltsmittel für die Griechen", ließ sie ihre Sprecherin im März erklären. Merkel hatte die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Blick. Sie wusste, wie unpopulär ein deutsches Hilfspaket für die Griechen sein würde.
Doch einen Tag vor der Wahl war kein Halten mehr. Merkels Zögern hatte die Lage in Griechenland so verschärft, dass die Europäer in einer dramatischen Nachtsitzung ein europäisches Rettungspaket beschlossen. Seitdem ist es in Griechenland nur noch schlimmer geworden.
Es ist eine Politik ohne Pathos, die den Wählern die Wahrheit allenfalls in homöopathischen Dosen zumutet. Sie behandelt die Deutschen wie Kinder, denen man die Augen zuhält, wenn die Wirklichkeit allzu schrecklich ist. Merkel hält die Dinge bewusst in der Schwebe. Es könnte so kommen oder auch so - alles bleibt ambivalent.
Ihre Gegner sind ratlos, weil sie nicht wissen, wie sie angreifen sollen. Sie ist ein bewegliches Ziel und deshalb selten zu fassen. Einen "Schleiertanz" nennt es ihr SPD-Herausforderer Peer Steinbrück, dessen Partei die Europapolitik der Kanzlerin scharf kritisiert - um ihr anschließend zuzustimmen.
Merkel will niemanden verprellen. Die Euro-Skeptiker nicht und die Euro-Freunde schon gar nicht. Alle werden mitgenommen, und weil es immer nur in kleinen Schritten vorangeht, weiß kaum noch jemand, wohin die Reise geht.
Das ist der Vorteil der Merkel-Methode. Hätte sie vor anderthalb Jahren verkündet, dass die Deutschen inzwischen mit 400 Milliarden Euro für Europa haften und damit deutlich mehr als mit einem kompletten Bundeshaushalt - es wäre wohl zu einem politischen Erdbeben gekommen. Und so? Grummelnd haben sich die meisten Wähler damit abgefunden, dass sie irgendwann zahlen müssen. Vielleicht dauert es ja noch etwas.
Eine Stunde lang redete Merkel auf dem CDU-Parteitag zu den Delegierten. Erst als sie über die Probleme des Jade-Weser-Ports gesprochen hatte, kam sie zur größten Herausforderung ihrer Amtszeit. Doch nach wenigen Minuten hatte sie Europa schon wieder abgehandelt. Worüber hätte sie auch lange reden sollen?
Anders als ihr Finanzminister hat sie keinen Plan für Europa zu verkünden. Wolfgang Schäuble hielt im Juni im SPIEGEL (26/2012) eine deutsche Volksabstimmung über die weitere politische Integration Europas für möglich - und wurde umgehend von den eigenen Reihen unter Beschuss genommen.
Merkel wäre das nicht passiert. Sie verzichtet auf Großentwürfe. Sie würden nur Widerstand provozieren. Bislang folgen ihr die Menschen, denn noch sind die Deutschen die großen Gewinner der Euro-Krise. Sie wiegen sich im guten Gefühl, in Europa endlich den Ton anzugeben. Es ist leicht, für ein Europa zu sein, in dem man den Ton angibt.
Nun aber beginnen sich die Dinge zu drehen. Merkel hat erstmals eingeräumt, dass ein Schuldenschnitt in Griechenland denkbar ist. Die Krise wird jetzt teuer, gerade für Deutschland. Die Frage wird sein, ob die Deutschen ihrer nüchternen Art auch dann noch folgen, wenn sie zahlen müssen.
Die Kanzlerin ahnt, was auf sie zukommen kann. Nach der Wende hat die promovierte Physikerin manchmal gesagt, sie hätte gern Jura studiert, denn die meisten ihrer Gesprächspartner im Westen waren Juristen. Inzwischen würde sie ein anderes Fach studieren, hat sie ihren Mitstreitern vor kurzem offenbart: Kommunikation.
Von Konstantin von Hammerstein und René Pfister

DER SPIEGEL 50/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 50/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

REGIERUNG:
Kein Wunder

Video 02:13

Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an "Der Kampf geht weiter"

  • Video "Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen" Video 00:55
    Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen
  • Video "Tatort: Mit dem Blitzkrieg Bop gegen die AFD, brillant!" Video 04:29
    "Tatort": "Mit dem Blitzkrieg Bop gegen die AFD, brillant!"
  • Video "Filmstarts im Video: (Hoffentlich nicht) der letzte Jedi" Video 05:51
    Filmstarts im Video: (Hoffentlich nicht) der letzte Jedi
  • Video "Virales Video: Star-Wars-Crashtest" Video 01:22
    Virales Video: Star-Wars-Crashtest
  • Video "Großes Glück: Baby mit externem Herzen überlebt" Video 01:26
    Großes Glück: Baby mit externem Herzen überlebt
  • Video "Brexit-Abstimmung im Parlament: Rückschlag für May" Video 01:00
    Brexit-Abstimmung im Parlament: Rückschlag für May
  • Video "Amateurvideo: Kontrollverlust auf der Kreuzung" Video 00:31
    Amateurvideo: Kontrollverlust auf der Kreuzung
  • Video "Schreck in der Karibik: Angriff vom Ammenhai" Video 00:37
    Schreck in der Karibik: Angriff vom Ammenhai
  • Video "Weinstein über Hayek: Alle sexuellen Vorwürfe von Salma sind nicht korrekt" Video 00:58
    Weinstein über Hayek: "Alle sexuellen Vorwürfe von Salma sind nicht korrekt"
  • Video "Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama" Video 01:46
    Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama
  • Video "Star Wars 8-Premiere: Britische Royals treffen BB-8" Video 00:57
    "Star Wars 8"-Premiere: Britische Royals treffen BB-8
  • Video "Jerusalem-Demo in Berlin: Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina" Video 03:35
    Jerusalem-Demo in Berlin: "Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina"
  • Video "Heilige Stadt: Warum ist Jerusalem so wichtig für die Weltreligionen?" Video 00:40
    Heilige Stadt: Warum ist Jerusalem so wichtig für die Weltreligionen?
  • Video "Flughafen in Russland: Achtung, hier fliegt Ihr Koffer!" Video 00:47
    Flughafen in Russland: Achtung, hier fliegt Ihr Koffer!
  • Video "Charles Jenkins gestorben: US-Deserteur lebte 40 Jahre in Nordkorea" Video 00:54
    Charles Jenkins gestorben: US-Deserteur lebte 40 Jahre in Nordkorea
  • Video "Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an: Der Kampf geht weiter" Video 02:13
    Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an: "Der Kampf geht weiter"