10.12.2012

LANDWIRTSCHAFTDie Schönheit der Karotte

Ein großer Teil der Obst- und Gemüseernte wird vernichtet, auch wegen unsinnig strenger Handelsnormen. Die Regierung reagiert hilflos auf das Problem.
Das Elend von Bauer Zielke passt in zwölf grüne Plastikkisten. Sie sind vollgepackt mit Möhren, manche dünn wie Zeigefinger, andere dick wie Unterarme. Es liegen Möhren mit feinen Rissen darin, schief gewachsene und einige mit grünem Kopf.
Bald wird Karl-Georg Zielke die Kisten von seiner Hofeinfahrt karren und auf den Kompost kippen. 180 Kilogramm insgesamt. Das schlechte Gefühl wird er beiseiteschieben. Wie jedes Mal, wenn er einen bedeutenden Teil seiner Ernte vernichtet, weil er nicht schön genug ist. Ein Viertel landet im Schnitt auf dem Kompost, schätzt er.
Discounter-Kultur und immer höhere Ansprüche der Kunden haben in Deutschland eine Wegwerfmaschinerie entstehen lassen, die Obst und Gemüse allein nach optischen Kriterien selektiert. Was nicht schön genug ist, fliegt raus. Offizielle Normen und interne Schönheitsstandards des Handels sind der Grund für die Verschwendung. Doch auch die Kunden tragen Schuld, weil sie meist nur noch makelloses Obst und Gemüse kaufen wollen. Größte Verlierer sind kleine Bauern wie Karl-Georg Zielke - und die Umwelt.
Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) will den Handel drängen, den Lebensmittelmüll zu verringern. "Es darf doch nicht sein, dass wertvolle Agrarprodukte untergepflügt werden, weil sie wegen irgendwelcher Normen nicht in eine bestimmte Schablone passen", sagt sie.
Rund 140 Millionen Tonnen Lebensmittel gehen laut einer Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen in Europa jährlich verloren - noch bevor der Verbraucher sie kauft. Bei Obst und Gemüse ist der Schwund besonders groß. Ein Fünftel der Ernte verlässt gar nicht erst den Bauernhof, weil es wegen Schönheitsmakeln keine Abnehmer findet. Bei Lagerung, Waschen und Verpacken sowie im Handel werden noch einmal 17 Prozent der Gesamtmenge aussortiert. Knapp 40 Prozent des angebauten Obstes und Gemüses gelangen deshalb nicht in den Kühlschrank der Verbraucher.
Große Betriebe können einen Teil ihres Ausschusses für wenig Geld an Futterhersteller verkaufen. Manche Ladung verarbeitet die Industrie noch zu Fertigsalat oder Dosengemüse. Kleinlandwirte sind jedoch für die Industrie uninteressant. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als ihr unförmiges Obst und Gemüse wegzukippen.
Lange war es Supermärkten in der EU verboten, krummes Obst und Gemüse zu verkaufen: Gurken durften sich laut EU-Norm auf zehn Zentimeter Länge höchstens zwei Zentimeter krümmen, Spargel musste am Ende möglichst rechtwinklig abgeschnitten sein. 2009 setzte sich die damalige EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel gegen den Widerstand vieler Agrarländer durch und mottete die meisten EU-Vermarktungsnormen ein. "Dies ist ein Neuanfang für die krumme Gurke und die knorrige Karotte", pries Fischer Boel ihre Reform.
Von der Euphorie ist nichts mehr übrig. Die Abschaffung der EU-Normen sei "gering bis kaum wahrnehmbar", konstatiert eine Untersuchung im Auftrag der EU-Kommission. Die Abfallmenge habe sich nicht verringert. Der Handel hat die Politik ausgetrickst, indem er die EU-Vorgaben durch Normen der UN-Wirtschaftskommission für Europa (Unece) ersetzt hat. Die schreiben vor, dass Zucchini der Klasse I einen Stiel von höchstens drei Zentimeter Länge haben dürfen; Gurken müssen nach Unece-Norm fast gerade sein. Die Regeln sind freiwillig, aber alle Handelsunternehmen benutzen sie.
Sie haben Angst, mit unförmiger Ware Kunden zu verprellen. Diese würden zweibeinige Möhren oder Riesenzucchini einfach nicht kaufen, heißt es. Kaiser's Tengelmann habe testweise schöne und knorrige Kartoffeln zusammen angeboten. Die Kunden hätten immer die schönen herausgepickt, heißt es bei dem Unternehmen. Aber der Handel hat seine Kunden auch dazu erzogen, nur perfekte, einheitliche Ware zu akzeptieren.
Zusätzlich zu den offiziellen Vermarktungsnormen schreibt der Handel Bauern und Verarbeitungsbetrieben eigene Schönheitsstandards vor. Bei Rispentomaten, die in Edeka-Filialen unter dem Label "Gärtners Beste" firmieren, müssen fünf bis sechs Früchte an einer Rispe hängen. Pro Sechs-Kilo-Kiste sind zwei Abweichler erlaubt.
Um die Schönheitsstandards zu erfüllen, betreiben Sortierbetriebe enormen Aufwand. In den riesigen Hallen von Kartoffel-Böhmer, einem der Branchenführer, laufen pro Stunde 25 Tonnen Kartoffeln übers Fließband. Der Stolz von Geschäftsführer Olaf Kleinlein ist der eine Million Euro teure Apparat, in dem die Knollen für ein paar Sekunden verschwinden. Er fotografiert jede Kartoffel 27-mal, scannt sie auf dunkle Flecken und grüne Stellen. Und entscheidet dann, in welche Box sie plumpst: ob in die Kiste mit Premiumkartoffeln oder in die mit B-Ware.
Dabei ist der Unterschied zwischen den Handelsklassen selbst für Fachleute schwer zu erkennen. Josef Deselaers ist Geschäftsführer bei der Hans Brocker KG, einem großen Möhrenpackbetrieb in Willich am Niederrhein. Klasse-I-Möhren könne er nur daran erkennen, dass sie in der Regel in größere Beutel verpackt werden, sagt er. Dass Obst und Gemüse der Klasse I keineswegs gesünder ist oder besser schmeckt, gibt der Handel selbst zu.
Den Bauern schadet die Schönheitsdiktatur vor allem finanziell: Für Speisemöhren zahlt der Handel dem Packbetrieb durchschnittlich 60 Cent pro Kilogramm. Möhren, die dafür zu hässlich sind und an Industrie oder Futterhersteller gehen, bringen ein bis zwei Cent pro Kilogramm ein. Damit kann kein Bauer kostendeckend arbeiten.
Die Wegwerfmaschinerie schadet zudem der Umwelt: Die CO²-Bilanz aller in der EU verschwendeten Lebensmittel beträgt einer Studie der EU-Kommission zufolge mindestens 170 Millionen Tonnen pro Jahr. Schwedische Forscher schätzen, dass 25 Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs für Lebensmittel draufgehen, die im Müll landen.
Ministerin Aigner würde die zehn verbliebenen EU-Normen, die beispielsweise noch für Äpfel oder Salat gelten, lieber heute als morgen kippen. Doch nicht einmal der Handel will von den Vorgaben abrücken, weil er nicht glaubt, dass die Kunden Obst und Gemüse mit Makel akzeptieren. Weil Aigner nicht vorankommt, hat sie den Verbraucher ins Visier genommen. Dieser ist laut einer Studie im Auftrag ihres Ministeriums für mehr als die Hälfte des Lebensmittelmülls verantwortlich. Aigner hat deshalb eine Aufklärungskampagne gestartet, mit Flyern und einer Smartphone-App. Das Problem: Die Kampagne sieht zwar gut aus, beseitigt aber nicht die Wurzel des Problems.
Aktivisten wollen die Verschwendung nicht länger hinnehmen. Wenn Tanja Krakowski ihr Arbeitsmaterial betrachtet, sieht sie keine deformierten Kartoffeln, sondern Gemüse mit Charakter.
Krakowski und ihre Kollegin Lea Brumsack retten aussortiertes Gemüse, indem sie es verarbeiten und verkaufen. Aus zu groß geratener Roter Beete formen sie Knödel, Kürbis mit Macken wird zu herzhaftem Kuchen. Damit bewirten sie Gäste auf Veranstaltungen. "Culinary Misfits" haben die beiden ihr Start-up genannt - "misfit" heißt "Sonderling".
Von Nezik, Ann-Kathrin

DER SPIEGEL 50/2012
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