10.12.2012

KATHOLIKENNeue Heimat

Nach der Abschaltung des Hetzportals kreuz.net setzen etliche Aktivisten ihr Treiben auf anderen Internetseiten fort.
Giuseppe Nardi konnte seine Wut vergangene Woche nur mühsam kaschieren. "Wildgewordene Homosexuellenaktivisten" hätten zur "Treibjagd" geblasen, an deren Ende es den Jägern gelungen sei, die Internetseite kreuz.net zu erlegen. Die "Homo-Verbände", schäumte er, würden nicht stoppen, ehe sie die gesamte katholische Kirche "in die Knie gezwungen" hätten.
Nardi gilt als Freund des Papstes, mit guten Beziehungen in den Vatikan. Er ist einer der Macher des Webportals katholisches.info, das die Arbeit der Kirche kommentiert und Holocaust-Leugnern ein Forum bietet. In seiner Polemik reagierte er auf die Einstellung von kreuz.net angesichts des massiven gesellschaftlichen Drucks. Seit 1. Dezember ist die Seite, die zu den populärsten nichtoffiziellen Adressen rund um die katholische Kirche zählte, offline. Dazu beigetragen hat die Enttarnung mehrerer Aktivisten des klandestin betriebenen Hetzportals.
Wer glaubt, der aggressiven, homophoben und antisemitischen Szene am rechten Rand der katholischen Kirche sei damit der Boden entzogen, irrt jedoch. Diverse kreuz.net-Schreiber haben auf anderen Internetseiten bereits eine neue Heimat gefunden. Offensichtlich wird damit, dass kreuz.net kein Einzelphänomen war - und wie eng manche kirchlichen Traditionalisten mit der weltlichen radikalen Rechten verbunden sind.
Wer wolle, sei herzlich eingeladen, zu ihm zu wechseln, sagt etwa der Katholik Robert Ketelhohn, der sich als "gläubiger Sohn des Erzbistums Berlin" bezeichnet und einst zu den aktivsten Kommentatoren von kreuz.net zählte; nach eigenen Angaben schrieb er dort "200- bis 300-mal". An der kreuz.net-Abschaltung sei die "Sodomitensturmabteilung" nebst "Schweinemedien" schuld, wettert Ketelhohn und wirbt für sein Portal kreuzgang.org, wo "Konservative ohne Angst vor Kriminalisierung debattieren" könnten.
Ganz offen findet die Verbindung zwischen katholischen Fundamentalisten und rechtsextremen Kreisen auf couleurstudent.at statt. Dort hat kreuz.net-Autor Friedrich Romig, ein ehemaliges Mitglied der Europakommission der Österreichischen Bischofskonferenz, angedockt - und veröffentlicht nun Traktate mit Titeln wie "Holocaust - Die neue Weltreligion".
Kreuz.net konnte sich auf ein Netzwerk von schätzungsweise 300 aktiven Schreibern verlassen. Einer von ihnen war Thomas Lintner, ein Traditionalist aus St. Pölten, der unter "Stimme aus dem Tradiland" publizierte. "Kreuz.net war katholisch", schwärmt Lintner, "aber noch viel mehr ein politisches Projekt mit großer Spannbreite, eine Sammlungsbewegung des konservativen Widerstands gegen die Mehrheitskultur."
Zu den kreuz.net-Autoren, deren Identität zuletzt enttarnt wurde, gehörte der hessische Pfarrer Hendrick Jolie. Fundi-Katholiken wie Lintner galt Kollege Jolie als Test, wie ernst es die Bischofskonferenz mit ihrem Bannstrahl gegen die Hetzplattform meinte. Zwar hatten die obersten deutschen Katholiken die Mitarbeit von Priestern bei kreuz.net als "ungeheuerliche Pflichtverletzung" bezeichnet und angekündigt, "mit allen uns möglichen arbeits- und dienstrechtlichen Mitteln" dagegen vorzugehen, doch als Jolie aufflog, beließ es das Bistum Mainz bei einer sanften Ermahnung.
Die Nachsicht der Kirchenführung nach rechts außen verstehen manche Traditionalisten offenbar als Signal: So fand Konrad Löw, der zum Kuratorium des erzkonservativen Forums Deutscher Katholiken gehört, nichts dabei, sich im November von der NPD zum Vortrag nach Oberhausen einladen zu lassen.
An einem geheimen Ort sollte Löw über sein Buch "Deutsche Schuld 1933-1945?" sprechen. Als eine lokale antifaschistische Gruppe davon erfuhr und protestierte, zog er seine Zusage zurück.
Er habe zu seinem "größten Bedauern" abgesagt, schrieb Löw dem NPD-Kreisvorsitzenden - und bot seinen bereits fertigen Vortrag an: "zur freien Verfügung".
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 50/2012
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