10.12.2012

KRIMINALITÄTEine Leiche zu viel

Am 11. März 2009 starben beim Amoklauf von Winnenden 16 Menschen. Auch Ernst Kappel war an diesem Tag im Einsatz. Körperlich blieb der Polizist unversehrt. Doch seitdem ist nichts mehr, wie es war.
Es sind jetzt die Nächte, die darüber entscheiden, ob der folgende Tag für Ernst Kappel ein guter oder ein schlechter Tag sein wird. Wenn es gutläuft in der Nacht, schreckt Ernst Kappel aus dem Schlaf hoch. Auf seiner Haut fühlt er kalten Schweiß, sein Herz rast. Er hat geträumt, aber er kann sich an nichts erinnern.
In den anderen Nächten schreckt Kappel aus dem Schlaf hoch - und an seinem Bett stehen die toten Kinder von Winnenden.
Er kann ihre Schusswunden zählen, die Löcher in den Bäuchen und den Köpfen. Die Kinder bedrohen ihn nicht, sie stehen einfach stumm im Schlafzimmer von Polizist Ernst Kappel und versperren ihm den Weg zum Klo. Er hört sein Herz trommeln. Wie ein gehetztes Tier fühlt er sich, alle Muskeln angespannt, er atmet mit offenem Mund, "wie wenn einer den Panikknopf gedrückt hätte". Bis er aufstehen kann, vergehen manchmal Stunden.
Am nächsten Morgen kann sich Ernst Kappel an jedes Detail erinnern. An solchen Tagen kommt es ihm so vor, als läge der 11. März 2009 nicht dreieinhalb Jahre, sondern 24 Stunden zurück.
An diesem Tag erschoss der 17-jährige Berufsschüler Tim K. neun Jugendliche, sechs Erwachsene und sich selbst. Mehr als ein Dutzend Menschen wurden verletzt. Doch die Liste seiner Opfer ist noch viel länger. Tim K. nahm an diesem Tag eine ganze Stadt zur Geisel.
Kriminaloberkommissar Kappel hat versucht zu verarbeiten, wegzuarbeiten, was er beim Amoklauf in Winnenden erlebt hat. Mit noch mehr Überstunden, mit anderen Todesfällen. "Leichensachbearbeitung" heißt das im Fachjargon, Polizeialltag eben. Ein paar Monate lang hielt er durch, es war schon fast Sommer, aber in ihm war etwas in Bewegung. Als hätte jemand die Sanduhr seines Lebens auf den Kopf gestellt. "Irgendwann war ich einfach völlig leer." Und Kappel, der Kommissar, 49 Jahre alt, durchtrainiert, in seiner Freizeit ein Karatekämpfer, klappte einfach zusammen.
Die Bilder von Winnenden verfolgen Ernst Kappel bis heute. Er kommt davon nicht los, und wie sollte er auch?
Seit Mitte November steht in Stuttgart der Vater von Tim K. erneut vor Gericht: Jörg K. wurde bereits 2011 wegen 15facher fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung in 14 Fällen und Verstoßes gegen das Waffengesetz zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Die Waffe, eine Beretta 92, mit der sein Sohn tötete, hatte unverschlossen in seinem Schlafzimmerschrank gelegen. Wegen eines Verfahrensfehlers muss der Prozess neu aufgerollt werden. Die Zeugen aber, die jetzt noch einmal vor Gericht aussagen müssen, sind nur ein kleiner Teil der Betroffenen dieser Tragödie.
Im Leben Dutzender Schüler, Lehrer und Eltern hat dieser kalte, graue Märztag Spuren hinterlassen. Auch für viele, deren Job es war, den Überlebenden von Winnenden zu helfen, ist seitdem nichts mehr, wie es war. Hunderte Rettungssanitäter, Feuerwehrleute und Polizisten wie Ernst Kappel waren in Winnenden und Wendlingen im Einsatz. Zwei Beamte wurden bei dem Amoklauf durch Schüsse schwer verletzt. Doch auch Kollegen, die scheinbar unversehrt blieben, haben Schaden genommen. Sie kämpfen mit ihren Erinnerungen an diesen 11. März. Ihre Verletzungen tauchen in keiner Statistik auf. Auch weil sie nicht in das Bild unserer Gesellschaft vom starken Retter passen. Männer wie Ernst Kappel sind die unsichtbaren Opfer von Winnenden.
Wenn der Polizist von seinem 11. März erzählt, dann klingt das, als würde er ein Filmskript vorlesen. Kappel berichtet nüchtern und pointiert, wie im Zeitraffer, Regieanweisungen inklusive. "Wir hatten an diesem Tag eine Dienstversammlung mit rund 200 Kollegen in der Sporthalle in Urbach. Gegen halb zehn kam plötzlich die Durchsage: Echtlage. Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden. Da bist du sofort auf 1000 Prozent."
Von einer unbekannten Anzahl Toter ist die Rede. Von einem flüchtigen Täter. Wahrscheinlich schwer bewaffnet. Zu allem bereit. Zusammen mit zwei Kollegen läuft Kappel zu einem Wagen; bevor er hinten einsteigt, überprüft er die Kindersicherung. "Mir war klar, wenn was ist, sitzt du da in der Falle." Im Schritttempo rollen die Beamten durch eine Schrebergartensiedlung, die Pistole in der Hand. Hinter jeder Hecke könnte der Amokläufer lauern und das Feuer auf sie eröffnen. Über Funk kommt die Meldung, dass der Täter auf der Flucht einen Mann erschossen habe. Jeden Moment rechnet Kappel damit, dass er dem schwarzgekleideten 17-Jährigen gegenüberstehen wird und dass diese Begegnung nur einer von ihnen beiden überleben wird. Der, der zuerst schießt.
"Du verlierst das Zeitgefühl", sagt Kappel, "irgendwann weißt du nicht mehr, bist du Jäger oder Gejagter." Der Polizist Ernst Kappel funktioniert, aber innerlich stirbt er tausend Tode. In seinen Träumen wird er Tim K. später immer wieder direkt gegenüberstehen. Der Amokläufer hat seine Waffe dann auf Kappels Kopf gerichtet. Und der Polizist kann sich nicht rühren - bis er aufwacht.
Irgendwann werden die Beamten abkommandiert. "Danach riecht der 11. März 2009 für mich nach Schwimmbad."
Während Tim K. noch immer auf der Flucht ist, sammeln sich im Wunnebad in Winnenden, nur wenige hundert Meter von der Albertville-Realschule entfernt, verstörte Schüler und verzweifelte Mütter und Väter. "Es war ein einziges Chaos", erinnert sich Kappel. Eltern rufen die Namen ihrer Kinder, Lehrer suchen nach Kollegen, Schüler liegen sich schluchzend in den Armen. Alle rennen und rufen wild durcheinander.
Die aufgeregten Stimmen hallen von den gefliesten Wänden. Der Geruch nach Chlor. Das diffuse Licht. Das Klatschen des Wassers. Dazwischen ein paar Rentner, die seelenruhig ihre Bahnen ziehen und nicht aus dem Becken wollen.
"Die Situation war total surreal", erzählt Kappel. Er und seine Kollegen versuchen, die ersten Kinder zu befragen, aber die meisten finden keine Worte für das, was sie gerade erlebt haben. Der Kriminaloberkommissar, selbst Vater von zwei Kindern, damals 12 und 15 Jahre alt, kniet sich neben einen Siebtklässler, Block und Stift in der Hand. Der Junge kommt aus einem der Klassenzimmer, in denen der Amokläufer um sich geschossen hatte. "Er hat gesprochen wie ein Automat", sagt Kappel, "der hat einfach durch mich hindurchgesehen."
Kappel fährt den traumatisierten Jungen nach Hause, übergibt ihn den aufgelösten Eltern, dann muss er weiter. Nächster Einsatzort ist das Krankenhaus in Backnang. Dort wird eine Schülerin, die auf der Flucht vor Tim K. von der Feuerleiter fiel, auf eine Operation vorbereitet. Kappel und ein Kollege sollen das Mädchen vernehmen. Verwirrte Angehörige irren durch die Klinikflure, suchen ihre Kinder. Journalisten der Boulevardpresse sind auch schon da, um den Familien Fotos der Verletzten abzukaufen.
Kappel fährt zurück zu seiner Dienststelle, Polizeidirektion Waiblingen, Kriminalaußenstelle Backnang, zweiter Stock, sein Zimmer ist direkt unterm Dach. Er tippt die Vernehmungsprotokolle, vom Tod des Täters hat er über Funk erfahren, Kappel packt Wattestäbchen, Plastikbeutel, Einweghandschuhe zusammen, den Kollegen von der Spurensicherung geht ständig das Material aus, es sind einfach zu viele Tote. Kappel schafft den Nachschub zur Schule.
Dann, es ist inzwischen etwa 17 Uhr, erhält er von einem Vorgesetzten den Auftrag, nach Stuttgart zu fahren, um zusammen mit den Rechtsmedizinern die Leichenschau durchzuführen.
"Ich habe gesagt: Das packe ich nicht mehr, schickt einen anderen, der noch klar im Kopf ist", erzählt Kappel. Aber es gab keinen anderen. Alle verfügbaren Beamten waren an diesem Tag im Einsatz. Also setzte sich Kappel ins Auto und fuhr nach Stuttgart. Die nächsten Stunden sollten sein Leben für immer verändern.
Wenn Ernst Kappel erzählt, blickt er seinem Gegenüber fest in die Augen, als könne er darin ablesen, ob der ihm glaubt. Kappel, blaue Augen, blinzelt selten. Er hat mit diesem Blick als Kriminalist Hunderte Zeugen vernommen. Jetzt ist er selbst ein Zeuge, der seine Geschichte erzählen will. Er möchte, dass man ihn versteht. Dass man seine Kollegen versteht, die sich nicht trauen, darüber zu reden, so wie er. Kappel sagt, ein Polizist, das sei ein starker Kerl, so denken die Leute doch. Stark wie ein Soldat. Den haue nichts um. Der sei an das gewöhnt, was andere nur aus Horrorfilmen oder dem "Tatort" kennen. Gewalt, Blut, Leichen. "Das habe ich auch gedacht, bis zu diesem Tag", sagt Kappel. "Jetzt weiß ich: Es kann jeden treffen. Auch ein Polizist ist doch nur ein Mensch."
Am Hintereingang des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart stehen in der Nacht vom 11. März 2009 die Bestatter Schlange. Die Toten von Winnenden werden von den Rechtsmedizinern begutachtet. 16 leblose Körper in dunklen Leichensäcken, die meisten davon Kinder. Sie werden nicht obduziert - die Todesursache könnte jeder Laie feststellen, die Körper sind von Kugeln durchsiebt. Und der Täter ist tot.
Trotzdem müssen die Verletzungen dokumentiert, muss jeder Einschuss gezählt werden, Polizeiroutine, unerlässlich für die weiteren Ermittlungen, die Rekonstruktion des Tathergangs, ein mögliches Gerichtsverfahren. "Ich habe in meinem Dienstleben schon viele Tote gesehen", sagt Kappel, "aber diese Kinder wurden nicht einfach nur ermordet. Das waren Hinrichtungen. Ein Massenmord. So muss sich Krieg anfühlen."
Kappel und ein Kollege helfen, die Leichen zu entkleiden, die Einschusswunden zu fotografieren. Eine Schülerin hält noch im Tod ihren Stift umklammert, sie ist nicht viel älter als Kappels Tochter. Einer jungen Lehrerin zieht der Polizist den Ehering vom Finger. Es ist die Frau eines Kollegen. Tragödien im Akkord.
Jeder Schritt, jeder Satz hallt doppelt zurück, überall um Kappel wieder geflieste Wände, grelles Licht, er hat das Bedürfnis, den Kindern über die Wangen zu streichen, die Toten zu trösten. "Ich musste die ganze Zeit an die armen Familien denken. Es nahm einfach kein Ende", sagt Kappel.
In einer kurzen Pause sinkt der Polizist draußen in die Hocke, vergräbt den Kopf in den Händen. "Du kannst nicht mehr. Aber dann gehst du trotzdem wieder rein und machst weiter. Irgendwie hast du das Gefühl, das bist du den Opfern schuldig", sagt Kappel.
Wahrscheinlich war es nicht allein die Übermüdung oder die Todesangst in der Schrebergartensiedlung oder der Gedanke an die eigenen Kinder im Leichenschauhaus, die Kappel so zugesetzt haben. Sondern all das zusammen. Experten definieren eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) als "Reaktion auf ein belastendes Ereignis mit außergewöhnlicher Bedrohung". Eine psychische Vorerkrankung oder Labilität liege dabei meist nicht vor. Zwar erleiden professionell geschulte Personen wie Feuerwehrleute oder Polizisten seltener ein solches Trauma. Aber auch gefestigte, stabile Retter können nach einer Situation, die sie scheinbar besonders tapfer gemeistert haben, an PTBS erkranken. Auch Helden sind nur Menschen. Panikattacken und Alpträume, wie sie der Polizist Kappel nach dem Amoklauf in Winnenden an sich bemerkte, sind typisch.
Militärmediziner haben das Syndrom früh beschrieben. Schon nach dem Ersten Weltkrieg brachten die "Kriegszitterer" ihre erschütternden Fronterfahrungen mit nach Hause. Die US-Armee musste sich seit dem Vietnam-Krieg intensiv mit dieser Krankheit auseinandersetzen. Auch die Bundeswehr kämpft heute gegen die Schrecken des Krieges in den Köpfen ihrer Soldaten. Spätestens seit dem Einsatz in Afghanistan weiß man bei der Truppe, dass die fehlende gesellschaftliche Anerkennung des Soldateneinsatzes eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Kriegserlebnissen spielt - und dass vor allem schnelle und intensive Hilfe nötig ist.
Nur bei der Polizei ist das Thema offenbar hierzulande noch ein Tabu. In der Regel dauert es einige Wochen oder Monate, bis sich nach dem traumatischen Erlebnis die ersten Symptome der Belastungsstörung bemerkbar machen.
Auch Ernst Kappel spürt schnell, dass der 11. März für ihn noch nicht vorbei ist. Nicht nur weil sich auf seinem Schreibtisch danach die Arbeit türmt - er kann nicht mehr durchschlafen, es fängt an mit den Besuchen, nachts, die toten Kinder an seinem Bett. Der Kommissar ist gereizt. Wenn seine Frau ihn bittet, die Wäsche einzusortieren, den Müll rauszubringen, flippt er aus, schreit herum. "Ich habe gespürt, wie ich mich veränderte, aber ich konnte nichts dagegen tun." Wenn Kappel erzählt, mit zittriger Stimme, die großen Hände fest um eine Tasse Pfefferminztee gepresst, dann hört man seine Hilflosigkeit.
Er schreibt eine "Dienstunfallanzeige", die in irgendeiner Schublade verschwindet. Nichts passiert. Kappel wendet sich an den zuständigen Polizeiarzt. Der ist für Hunderte Beamte in der Region Stuttgart zuständig. Was soll er da mit Kappel, dem man nichts ansieht, der ganz gesund wirkt? "Als Kriminalbeamter sind Sie den Umgang mit Leichen doch gewohnt", wundert sich der Mediziner.
Am nächsten Tag erscheint Kappel wieder zum Dienst. Aber wenn er die Kladden mit den Leichenfotos aufschlägt, wird ihm schlecht. Er schwitzt, spürt wieder diese Panik im Bauch. Die Kollegen tuscheln. Kappel zieht sich zurück. Nachts wacht seine Frau durch seine Schreie auf. Er lässt sich krankschreiben, aber zu Hause hält er es nicht aus. Ein anderer Arzt schickt Kappel zur Kur. "Ich dachte, da kann ich endlich mal alles loswerden, mir das ganze Elend von der Seele reden. Vom Rumsitzen und Nachdenken geht das ja nicht weg." Doch es kommt anders.
"Dick, dünn, doof", so fasst Kappel sarkastisch die Probleme seiner Mitpatienten zusammen. "Ich bin da einfach durchs Raster gefallen." In den Gesprächsrunden sitzt Kappel zwischen einer Altenpflegerin mit Burnout, einer Magersüchtigen, einem Schreiner mit Vaterkomplex. Die Therapeuten bitten den Polizisten, den anderen Patienten nicht von seinen Erlebnissen zu berichten - er könne sie damit ebenfalls traumatisieren. Eine junge Therapeutin erklärt Kappel nach einer Einzelsitzung, sie könne leider nicht weiter mit ihm arbeiten, sonst bekomme sie die Bilder auch nicht mehr aus dem Kopf.
Also schweigt Kappel, wenn die anderen reden. Er bastelt mit der Laubsäge eine Schlafwandlerfigur für seine Tochter, fährt Rad, bis zu 150 Kilometer an einem Tag, er verliert seinen Appetit und dann Kilo um Kilo, findet kaum noch Schlaf. Als er nach neun Wochen wieder nach Hause soll, bricht er bei einem Waldlauf weinend zusammen. Kappel wird als "dienstunfähig" aus der Kur entlassen. Es ist Herbst 2009.
Der Kommissar will nicht aufgeben, er kämpft sich zurück an seinen Schreibtisch. Er weiß, dass er nicht mehr zu hundert Prozent funktioniert. Aber wie viel Prozent reichen, um als Polizist im Dienst bleiben zu können? Was verkraftet er - und was eben nicht mehr? Und wie kann er das seinen Vorgesetzten erklären?
Mit den Routinearbeiten, den Zeugenvernehmungen, Telefonüberwachungen, dem ganzen Schreibkram hat Kappel keine Schwierigkeiten. Aber wenn er an Sondereinsätze denkt, daran, im Notfall seine Waffe gebrauchen zu müssen oder Mappen mit Leichenfotos zu überprüfen, dann wird ihm schwarz vor Augen.
Kappel sagt: "Das hat mir früher alles nichts ausgemacht, ich hatte einen dicken Schutzpanzer, daran prallte alles ab. Aber seit dem Amoklauf hat der Panzer Löcher. Ich habe einfach eine Leiche zu viel gesehen."
Für den Kriminaloberkommissar Ernst Kappel, der nicht so kann, wie er will, und nicht so will, wie er soll, beginnt ein Kreislauf aus Krankschreibungen, Wiedereingliederung, Therapeutensuche. Er wird auf eine andere Dienststelle abkommandiert. Doch auch die neuen Kollegen und Vorgesetzten können ihm nicht helfen. Noch ein Zusammenbruch, noch eine Kur.
Zwischenzeitlich wird Ernst Kappel zwar die Dienstunfähigkeit bescheinigt, doch der Status gilt immer nur für wenige Monate, dann heißt es: zurück auf Los. Kappel kehrt in sein altes Revier nach Backnang zurück. Nach ein paar Wochen im Dienst bricht er erneut zusammen. Die Ärzte sagen zu ihm: Ein solches Trauma könne man nicht heilen, Kappel müsse lernen, damit zu leben.
Kappel erfüllt sich einen Lebenstraum, kauft sich eine Harley Davidson, die passende Lederjacke dazu, lässt sich zum ersten Mal in seinem Leben die Haare lang wachsen, braust durch den Schwäbischen Wald. Doch die Bilder aus Winnenden bleiben. Durch die dauerhafte Anspannung verkrampfen seine Schultermuskeln, er leidet unter stechenden Kopf- und Rückenschmerzen. Kappel versucht es mit Akupunktur und homöopathischer Arznei. Er hat Angst davor, von Schmerz- und Schlaftabletten abhängig zu werden. "Ich habe lange genug im Drogendezernat gearbeitet, ich weiß, wie schnell man in eine Sucht hineinrutschen kann."
Manche Kollegen raten Kappel, sich einfach in den Ruhestand zu verabschieden. "Warum quälst du dich so?", fragt ihn einer, "das dankt dir hier doch keiner." "Aber ich liebe meinen Beruf", sagt Kappel, "ich bin bald 30 Jahre im Dienst, ich habe so viel Erfahrung, die ich gern weitergeben möchte. Und ich kann doch noch etwas leisten - nur eben nicht mehr ganz so wie früher."
Irgendwann erfährt Ernst Kappel, dass er nicht allein ist. Gut ein Dutzend Kollegen aus der Region hat seit dem 11. März 2009 mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Und das fast vier Jahre nach dem Amoklauf. Wie viele Polizisten sich nicht trauen, über ihre Probleme zu reden, wie viele versuchen, allein damit klarzukommen, kann man nur ahnen. Manche Kollegen zeigen wie Kappel die klassischen Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung, Alpträume, Angstzustände. Andere leiden noch immer unter den Schussverletzungen, die sie bei dem Amoklauf davongetragen haben und die ihr Leben und das ihrer Familien von Grund auf verändert haben. Sie eint ein Wunsch: endlich gesehen, gehört und ernst genommen zu werden.
"Wir fühlen uns einfach im Stich gelassen", sagt Kappel, manchmal ballt er vor Enttäuschung die Fäuste. Seinen direkten Chefs macht er keine Vorwürfe, "die haben genug zu tun, die können sich doch nicht noch medizinisch fortbilden". Und die Konfliktberater, von denen es bei der Polizei in Baden-Württemberg schon mehr als hundert gibt, sind zwar Ansprechpartner bei Zwist mit Kollegen oder Vorgesetzten, aber sie können keine professionelle psychologische Hilfe ersetzen. Dass man als Beamter aber trotz eindeutiger Symptome monatelang auf einen Therapieplatz warten müsse und es, wie in seinem Fall, Jahre dauern kann, bis man einem qualifizierten Traumatherapeuten gegenübersitzt und eine Dienstunfähigkeit anerkannt wird - das will Kappel nicht länger hinnehmen.
Er hat lange überlegt, ob er mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit gehen soll. Er will niemandem persönlich schaden. Er will nicht als einer dastehen, der nur jammert. Und er will sich auf keinen Fall auf eine Stufe mit den Angehörigen der Toten aus Winnenden und Wendlingen stellen.
Aber Ernst Kappel will, dass sich in der "Firma Polizei" etwas ändert. Dass ein Trauma kein Tabu mehr ist. Dass Kollegen nicht leise leiden müssen.
"Polizisten, die jeden Tag ihr Leben riskieren, sollten in so einem Fall schnell und unbürokratisch Hilfe bekommen", fordert Kappel. Er hat sich inzwischen einen Anwalt genommen. Der möchte erreichen, dass endlich der Grad der psychischen Schädigung seines Mandanten medizinisch bestimmt und dienstrechtlich anerkannt wird, was vor allem bei zukünftigen Erkrankungen für den Beamten wichtig werden könnte. Zudem stünden Kappel dann Sonderzahlungen und zusätzliche Urlaubstage zu. "Es kann nicht sein, dass sich so ein Anerkennungsverfahren über Jahre hinzieht. Das ist für den Betroffenen ein unwürdiger Zustand", sagt Rechtsanwalt Wolfgang Gschwinder. Die Beamten würden zu Bittstellern gemacht. "Der Staat hat seinen Beamten gegenüber eine Fürsorgepflicht", erklärt Gschwinder. "Zu den Opfern kommen Hilfsorganisationen wie der Weiße Ring, die Polizisten werden einfach nach Hause geschickt."
Im Oktober war Ernst Kappel zur Begutachtung am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Jetzt wartet er auf den Bericht der Experten, damit sich endlich etwas bewegt. Viel Hoffnung hat Kappel jedoch nicht mehr. Bei dem Polizeimediziner, der für sein Anerkennungsverfahren zuständig ist, hat der Polizist aus Winnenden erst vor kurzem wieder vorgesprochen.
"Sie sind Polizist", habe der Arzt, so Kappel, lapidar zu ihm gesagt, "wenn Sie keine Leichen sehen können, haben Sie Ihren Beruf verfehlt." Kappel kaut noch immer an diesem Satz. ◆
Von Simone Kaiser

DER SPIEGEL 50/2012
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