10.12.2012

Sale!

ORTSTERMIN: Kurz vor dem Ende versteigert die „Financial Times Deutschland“ ihr Inventar.
Das seltsamste Stück, das zur Versteigerung steht, ist die braune Unterschenkelprothese "mit charakteristischem Fuß aus Autoreifengummi", die ein Redakteur vor Jahren aus Kambodscha mitbrachte, als er die Geschichte einer Behinderten-Volleyballmannschaft recherchierte. Für die Prothese, "womöglich in Handarbeit gefertigt", werden an diesem Tag 44,50 Euro geboten. Nicht schlecht für ein halbes Holzbein aus Kambodscha.
"Der Preis wird noch steigen", sagt Nicolas Schöneich, Redakteur der "Financial Times Deutschland" ("FTD"). Er war in den vergangenen Tagen damit beschäftigt, die Auktionsgegenstände bei Ebay anzubieten und kurze ironische Erklärtexte zu schreiben.
Schöneichs Büro ist ein bisschen verrumpelt, weil sich hier vieles sammelt, was von der "FTD" übrig bleiben könnte, wenn es die Zeitung nicht mehr gibt. Auf dem Fensterbrett steht ein hölzerner Schaukasten mit sechs Heuschrecken, darunter eine "peruanische Laubheuschrecke" und eine "Riesengespensterschrecke". Den Schaukasten bekam Steffen Klusmann, der Chefredakteur, vor ein paar Jahren zum 40. Geburtstag. "Das ideale Geschenk für ironiefähige Finanzinvestoren!", heißt es jetzt in der Beschreibung auf Ebay.
Auf dem Fensterbrett liegt auch ein Schmuckkarton mit der Erstausgabe der "FTD" vom 21. Februar 2000, dem Tag, an dem die Geschichte der Zeitung begann, die nun, fast 13 Jahre später, endet. Wäre die "FTD" ein Mensch, würde man sagen: Er ist zu früh gestorben. Nicht mal volljährig.
Die kurze Geschichte über den Tod geht so: Die "FTD" war eine gute, anerkannte Wirtschaftszeitung, aber sie machte in all den Jahren nur Verluste, insgesamt rund 250 Millionen Euro. In der langen Version ist die "FTD" ein Symbol für den Zeitenwechsel. Manche reden vom großen Zeitungssterben, das jetzt beginne. So steht es in Leitartikeln und auf Medienseiten.
Sogar Angela Merkel schaltete sich in die Totenreden ein. Sie halte die Printmedien für sehr wichtig. Lesen zu können sei etwas anderes, als im Internet zu sein. Wahrscheinlich ist die Lage also wirklich brenzlig, wenn die Kanzlerin Aufrufe zum Zeitunglesen startet.
Schöneich ist seit fünf Jahren bei der "FTD". Es sind auch seine letzten Tage. Er zeigt auf ein gelbes T-Shirt, das zur Versteigerung steht. Es trägt den Schriftzug: "Wir sind Opel". Damit lässt sich die aktuelle Stimmung im deutschen Printjournalismus gut beschreiben.
Als im November das Ende der "Financial Times Deutschland" verkündet wurde, gab es in der Redaktion schnell die Idee, ein paar Sachen zu versteigern. Zumindest der Name der Zeitung sollte weiterleben. Auf Kaffeetassen, Kugelschreibern, Feuerzeugen oder mit Zeitungs-Dummys, die man bei Ebay anbietet. Ein kleines Vermächtnis, darum ging es.
Das eingenommene Geld wollte man vertrinken, was verständlich gewesen wäre. Alkohol ist der Sanitäter in der Not. Später entschied man sich, das Geld an die Organisation "Reporter ohne Grenzen" zu spenden.
Die Frage war nur: Wer will eine Medaille vom "Journalistenskirennen in Davos"? Wer interessiert sich für eine Flasche Moët & Chandon, einen Champagner zur Erstausgabe der "FTD", der fast 13 Jahre lang in einem Redaktionsregal einstaubte? Mehr Leute, als man dachte. Es gab über 1500 Interessenten.
Am Ende der Auktion ist die Flasche 211 Euro wert. Die "Heuschrecken im Schaukasten" bringen 1211 Euro. Ein Abendessen mit "FTD-Chefökonom Thomas Fricke" wird für 271 Euro ersteigert.
Nicolas Schöneich liest eine von Hunderten E-Mails vor, die in den vergangenen Tagen die Redaktion erreicht haben: "Ich hätte gerne ein Stück von Euch, es ist schrecklich, dass Ihr zumacht."
Vielleicht ist die gute alte Zeitung doch beliebter, als man denkt. Oder die Leser wollen einfach nur etwas Historisches in den Händen halten. Etwas, das sie später ihren Enkelkindern zeigen: "Guck mal, das ist aus einer Zeitungsredaktion! Zeitungen gibt es heute nicht mehr. Das waren so iPads aus Papier!" Und dann schauen die Enkel auf die Erstausgabe der "FTD", ersteigert für 1810 Euro, wie auf einen in Bernstein eingeschlossenen Dinosaurierzahn.
Schön ist natürlich der Gedanke, Zeitungsleser könnten anhängliche Menschen sein. Verliebt in eine Zeitung, die riecht, Geräusche macht, keinen Strom braucht, die jeden Morgen in den Briefkasten fällt. Leser, die daran glauben, dass eine Zeitung aus Papier noch immer die beste Wirklichkeitsmaschine ist. Immer einen Tag zu spät. Inaktuell in Zeiten ständiger Aktualität.
Vielleicht gibt es ja bald Zeitungen für Romantiker und Nostalgiker. Oder als Wellnessprodukt zur Entschleunigung.
Die "FTD" ist dann längst Geschichte, verstorben am 7. Dezember 2012.
Am vorletzten Tag versteigert Nicolas Schöneich auf Ebay noch zwei vom chinesischen Künstler Ai Weiwei handbemalte Sonnenblumenkerne aus Porzellan. Ein Geschenk an eine Redakteurin. Der Erlös beträgt 1760 Euro.
1760 Euro für zwei Redaktions-Blumenkerne. Nicht schlecht. Das spricht dafür, dass die Leiche nicht wirklich tot ist.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 50/2012
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