10.12.2012

USA

Träume in Infrarot

Von Abé, Nicola

Ein Soldat nimmt sich vor, der Beste seines Jahrgangs zu sein. Es gelingt ihm, er wird Drohnen-Pilot einer Spezialeinheit der amerikanischen Luftwaffe in New Mexico. Er tötet Dutzende Menschen. Bis er eines Tages nicht mehr so weitermachen kann.

Mehr als fünf Jahre lang saß Brandon Bryant in einem länglichen Container von der Größe eines Wohnwagens, runtergekühlt auf 17 Grad, fensterlos, die Tür durfte aus Sicherheitsgründen nicht geöffnet werden. Vor Bryant und seinem Kollegen leuchteten 14 Bildschirme, lagen 4 Tastaturen. Wenn Bryant in New Mexico auf einen Knopf drückte, starb ein Mensch auf der anderen Seite der Welt.

Rechner surren in diesem Container. Sie stehen im Gehirn einer Drohne. In der Luftwaffe nennen sie den Raum ein Cockpit. Doch die Piloten im Container fliegen nicht, sie steuern nur.

Bryant war einer von ihnen, sehr genau erinnert er sich, wie der "Predator", das Raubtier, der Leib der Drohne, in einer Acht am Himmel über Afghanistan kreiste, mehr als 10 000 Kilometer von seinem Standort entfernt. Im Fadenkreuz lag ein flaches Haus, aus Lehm gebaut, mit einem Stall für Ziegen, so erzählt es Bryant im Rückblick. Als der Befehl zum Abschuss kam, drückte er mit der Linken einen Knopf, markierte mit einem Laser das Dach. Der Pilot neben ihm löste am Joystick aus. Die Drohne feuerte eine Rakete des Typs "Höllenfeuer" ab, noch 16 Sekunden waren es bis zum Einschlag.

"Die Momente vergehen wie in Zeitlupe", sagt er heute. Bilder erschienen auf seinem Monitor, übertragen per Satellit, verzögert um zwei bis fünf Sekunden, aufgenommen von einer Infrarotkamera, die von der Drohne herabblickt.

Noch sieben Sekunden, kein Mensch war zu sehen. Noch hätte Bryant die Rakete umlenken können. Noch drei Sekunden. Bryant hatte das Gefühl, jeden einzelnen Pixel am Monitor zählen zu müssen. Ein Kind lief um die Ecke, sagt er.

Die Sekunde null war der Moment, in dem die digitale Welt von Bryant mit der realen in einem Dorf zwischen Baghlan und Masar-i-Scharif kollidierte.

Bryant sah ein Leuchten am Bildschirm, die Explosion. Teile des Gebäudes stürzten ein. Das Kind war verschwunden. Bryant spürte, wie sein Magen übersäuerte.

"Haben wir gerade ein Kind getötet?", fragte er seinen Kollegen neben sich.

"Ich denke, das war ein Kind", sagte der Pilot zu ihm.

"War das ein Kind?", gaben daraufhin beide in ein Chat-Fenster am Monitor ein.

Und dann antwortete jemand, den sie nicht kannten, der irgendwo auf der Erde in einer Kommandozentrale des Militärs saß und ihren Angriff beobachtet hatte: "Nein. Das war ein Hund."

Sie sahen sich die Szene noch einmal auf Video an. Ein Hund auf zwei Beinen?

Als Bryant an diesem Tag aus dem Container trat, lag tiefstes Amerika vor ihm: trockenes Steppengras bis zum Horizont, Felder, Güllegeruch. Der Radarturm des Luftwaffenstützpunkts "Cannon" blitzte alle paar Sekunden in der Dämmerung auf. Da war kein Krieg.

Der moderne Krieg ist unsichtbar wie ein Gedanke, der Entfernung raubt er ihre Bedeutung. Es ist kein entfesselter Krieg, sondern ein kontrollierter, gesteuert aus kleinen Hightech-Zentren an verschiedenen Orten dieser Welt. Der neue Krieg soll präziser sein als der alte. Manche nennen ihn deshalb "humaner". Es ist der Krieg eines Intellektuellen: Barack Obama hat ihn befördert wie kein anderer vor ihm.

Ein Korridor im Pentagon, dem Ministerium, das diesen Krieg gestaltet. Der Gang ist mit dunklem Holz furniert, die Herren der Luftwaffe haben hier ihre Büros. Neben den Porträts von Militärführern hängt das Gemälde eines "Predators", Drohne auf Leinwand. Keine andere Erfindung hat sich, so die Sicht der Militärs, in den vergangenen Jahren derart bewährt im "Krieg gegen den Terror".

Von sieben Stützpunkten in den USA lenkt die Armee Drohnen, hinzu kommen Orte im Ausland, unter anderem im afrikanischen Dschibuti. Die CIA operiert aus ihrer Zentrale in Langley heraus in Pakistan, Somalia und dem Jemen.

Eine "natürliche Erweiterung der Distanz" nennt Oberst William Tart, ein Mann mit blassen Augen und klarem Feindbild, die Drohne.

Bis er vor einigen Monaten ins Verteidigungsministerium befördert wurde, zum Chef für das Einsatzkommando unbemannter Kampfflieger, war Tart Kommandeur auf dem Luftwaffenstützpunkt "Creech" in Nevada, nahe Las Vegas, und leitete dort die Drohnen-Einsätze. Wenn er selbst flog, hatte er ein Foto von seiner Frau und seinen drei Töchtern vor sich in die Checkliste neben die Monitore geklemmt.

Das Wort Drohne lehnt er ab. Es impliziere, dass das Vehikel einen eigenen Willen, ein Ego habe. Tart spricht lieber von "ferngesteuerten Flugzeugen" und davon, dass die meisten Flüge dem Sammeln von Informationen dienten. Dann erzählt er vom humanitären Einsatz nach dem Erdbeben in Haiti oder von den militärischen Erfolgen im Libyen-Krieg: wie seine Leute diesen Lastwagen beschossen, der Raketen auf Misurata richtete, wie sie jenen Konvoi jagten, in dem Muammar al-Gaddafi und seine Gefolgschaft flüchteten. Er beschreibt, wie sich die Soldaten am Boden in Afghanistan immer wieder für die Hilfe aus der Luft bedankten. Er sagt: "Wir retten Leben."

Vom gezielten Töten spricht er weniger. In den zwei Jahren als Verantwortlicher auf "Creech" habe er nie jemanden sterben sehen, der kein Kämpfer war. Geschossen werde nur, wenn Frauen und Kinder aus dem Haus seien. Zur Befehlskette verweist Tart auf das 275-seitige Dokument 3-09.3. Im Kern besagt es, dass Drohnen-Attacken genehmigt werden müssen wie alle anderen Angriffe der Luftwaffe auch. Ein Offizier im Einsatzland muss sie freigeben.

Und dann wird er wütend, er mag es nicht, dieses Gerede vom klinischen Krieg. Es erinnert ihn an jene Vietnam-Veteranen, die ihm vorhalten, er sei nie durch Morast gewatet, er habe Blut nie gerochen, er habe keine Ahnung.

Das stimme nicht, sagt Tart, oft habe er die einstündige Fahrt von der Arbeit zurück nach Las Vegas gebraucht, um Abstand zu gewinnen. "Wir beobachten Menschen monatelang, sehen sie mit ihren Hunden spielen, ihre Wäsche aufhängen. Wir kennen ihre Gewohnheiten wie die unserer Nachbarn, nehmen sogar an ihrer Beerdigung teil", sagt er. Das sei nicht immer leicht gewesen.

Drohnen vergrößern nicht nur die Entfernung zum Ziel, sie schaffen auch Nähe, darin liegt eines ihrer Paradoxe. "Der Krieg bekommt durch sie etwas Persönliches", sagt Tart.

Ein gelbes Holzhaus am Rande der Kleinstadt Missoula, Montana. Im Hintergrund verschwimmen Bergketten, Wald und Nebelschwaden. Erster Schnee ist liegen geblieben. Brandon Bryant, heute 27 Jahre alt, sitzt auf der Couch seiner Mutter. Er wohnt wieder hier, seit er die Armee verlassen hat, trägt Dreitagebart und Glatze. "Ich habe seit vier Monaten nicht mehr in Infrarot geträumt", sagt er und lächelt, ein Erfolg.

Sechs Jahre war er bei der Luftwaffe, hat 6000 Flugstunden absolviert. "Ich habe in dieser Zeit Männer, Frauen und Kinder sterben sehen", sagt Bryant. Nie habe er gedacht, dass er so viele Menschen töten würde. Eigentlich habe er gar nicht geglaubt, dass er jemanden umbringen könnte.

Nach der Schule wollte Bryant Journalist werden. Damals ging er sonntags noch zur Kirche und stand auf rothaarige Cheerleader. Nach einem Semester Studium hatte er mehrere tausend Dollar Schulden.

Zum Militär kommt er durch Zufall. Er begleitet einen Freund, der sich für die Armee melden will. Er hört, dass die Luftwaffe eine eigene Universität habe, dass er studieren könne, ohne zu zahlen. Bryant schneidet bei den Tests so gut ab, dass man ihn für nachrichtendienstliche Aufgaben vorsieht. Er lernt, Kameras und Laser einer Drohne zu steuern, Bilder vom Boden zu analysieren, Landkarten und Wetterdaten.

Er ist 20, als er seinen ersten Einsatz über dem Irak fliegt. In Nevada brennt die Sonne vom Himmel; im Container ist es dunkel, im Nahen Osten endet gerade die Nacht. Eine Truppe amerikanischer Soldaten macht sich auf den Rückweg zum Basislager. Bryant soll die Straße überwachen, ihr "Schutzengel" dort oben sein.

Er sieht ein Auge, eine Form im Asphalt. "Ich kannte das Auge aus dem Training", erzählt er. Wenn der Feind einen improvisierten Sprengsatz in die Straße gräbt, dann brennt er einen Reifen ab, um den Asphalt zu erweichen, später sieht es aus wie ein Auge.

Der Konvoi mit den Soldaten ist noch meilenweit entfernt. Bryant informiert seinen Vorgesetzten, der unterrichtet die Kommandozentrale. Minutenlang habe er zusehen müssen, so erzählt Bryant es heute, wie die Fahrzeuge sich auf die Stelle zubewegten.

"Was sollen wir tun?", habe er seinen Kollegen gefragt.

Der Pilot ist auch neu.

Niemand kann die Soldaten am Boden über Funk erreichen, sie haben einen Störsender eingeschaltet. Bryant sieht, wie das erste Fahrzeug über das Auge fährt. Nichts passiert.

Das zweite Fahrzeug fährt über das Auge. Bryant sieht einen Blitz, dann die Explosion im Inneren.

Fünf tote amerikanische Soldaten.

Von diesem Tag an denkt Bryant, dass er fünf Landsleute auf dem Gewissen hat. Er beginnt, alles auswendig zu lernen, Handbücher über den "Predator", über die Raketen, er kennt jedes Szenario. Er will der Beste werden. Nie wieder darf so etwas geschehen.

Seine Schichten dauern bis zu zwölf Stunden. Die Luftwaffe hat noch nicht genug Personal für den ferngesteuerten Krieg über dem Irak und Afghanistan. Drohnen-Piloten gelten als feige Knopfdrücker. Weil der Job so unbeliebt ist, müssen sogar Pensionäre anheuern.

Bryant erinnert sich noch an seinen ersten Abschuss: Zwei Männer sind sofort tot. Den dritten beobachtet er im Todeskampf. Das Bein des Mannes fehlt, er hält sich den Stumpf, sein warmes Blut läuft auf die Straße. Zwei Minuten lang. Auf dem Nachhauseweg habe er seine Mutter angerufen und geweint, sagt Bryant, "eine Woche lang war ich wie abgetrennt vom Rest der Menschheit". Er sitzt in seinem Lieblings-Coffeeshop in Missoula, es duftet nach Zimt und Butter. Er kommt oft hierher, beobachtet Leute, liest Bücher von Nietzsche oder Twain, wechselt den Platz. Er kann nicht mehr lange an einem Ort sitzen, das macht ihn nervös.

Seine Freundin hat vor kurzem mit ihm Schluss gemacht. Sie hat ihn gefragt, nach der Bürde, die er trägt. Also hat er davon erzählt. Aber sie kam damit nicht zurecht, sie wollte die Last nicht mit ihm teilen.

Wenn Bryant durch seine Heimatstadt fährt, trägt er eine Fliegersonnenbrille und ein Palästinensertuch. Das Innere seines Chryslers hat er mit Aufnähern seiner Einheit gepflastert. Auf Facebook hat er eine Fotogalerie seiner Münzen gestellt, inoffizielle Orden, die man ihm verliehen hat. Er hat nur diese eine Vergangenheit, er ringt mit ihr, aber sie macht ihn auch stolz.

2007 wird er in den Irak entsandt. "Ready for action", postet er in seinem Profil. Von einer Militärbasis der Amerikaner aus, rund hundert Kilometer entfernt von Bagdad, soll er Drohnen starten und landen.

Sobald sie ihre Flughöhe erreicht haben, übernehmen Piloten in den USA. Der "Predator" kann einen ganzen Tag lang in der Luft bleiben, aber er ist langsam, stationiert ist er deshalb nahe dem Einsatzgebiet. Auf Fotos posiert Bryant in sandfarbenem Overall und kugelsicherer Weste, an die Drohne gelehnt.

Zwei Jahre später nimmt ihn die Luftwaffe in eine Spezialeinheit auf. Man versetzt ihn nach "Cannon", New Mexico. Der staubige Ort, in dem er sich mit einem Kollegen einen Bungalow teilt, heißt Clovis und besteht größtenteils aus Wohnwagen, Tankstellen und evangelikalen Splitterkirchen. Bis in die nächste Stadt sind es Stunden.

Bryant bevorzugt die Nachtschichten, denn dann ist es Tag in Afghanistan. Im Frühjahr erinnert ihn die Landschaft an seine Heimat Montana, die schneebedeckten Spitzen der Berge, die grünen Täler. Er sieht, wie die Menschen ihre Felder bestellen, Jungs Fußball spielen, sieht Männer ihre Frauen und Kinder umarmen.

Wenn es dunkel wird, schaltet Bryant auf die Wärmebildkamera um. Im Sommer schlafen viele Afghanen auf ihrem Dach, wegen der Hitze: "Ich sah, wenn sie Sex miteinander hatten. Es sind zwei Infrarotpunkte, die verschmelzen."

Er beobachtet Menschen über Wochen, Taliban, die Waffen verstecken. Oder solche, die auf einer Liste stehen, weil Militär, Geheimdienste oder Informanten vor Ort etwas über sie wissen.

"Ich lernte sie kennen. Bis irgendwer, der höher in der Hierarchie stand, den Befehl zum Abschuss gab." Ein schlechtes Gewissen hat er wegen der Kinder, denen er den Vater nimmt. Wenn er freihat, spielt Bryant Videospiele oder "World of Warcraft" im Internet, oder er trinkt mit den anderen.

Auf dem Luftwaffenstützpunkt "Holloman" in New Mexico: Major Vanessa Meyer, deren echter Name mit schwarzem Band überklebt ist, hält einen Vortrag über die Ausbildung von Drohnen-Piloten. Im Jahr 2013 will die Luftwaffe endlich genug Personal haben, um den Bedarf zu befriedigen.

Meyer, 34, Gloss auf den Lippen, Diamant am Finger, flog erst Transportflieger, dann Drohnen. Nun arbeitet sie als Trainerin. Im grünen Overall der Luftwaffe steht sie in einem Übungscockpit und zeigt anhand einer Simulation, wie man eine Drohne über Afghanistan steuert. Auf dem Monitor folgt das Fadenkreuz einem weißen Pkw bis zu einer Siedlung aus Lehmbauten. Mit dem Joystick bestimmt sie die Richtung, mit der linken Hand bedient sie den Hebel, der die Drohne verlangsamt oder beschleunigt. Auf einem Flugfeld hinter dem Container zeigt Meyer den "Predator", zart und silbern, und seinen großen Bruder, den "Reaper", den Sensenmann, der vier Raketen und eine Bombe trägt: "Großartige Flugzeuge. Nur bei schlechtem Wetter nicht zu gebrauchen."

Sie flog Drohnen von "Creech", jenem Stützpunkt nahe Las Vegas, an dem Jungs in Sportwagen ein- und ausfahren und Gebirgsketten wie riesige Reptilien in der Wüste liegen. Meyer bekommt ihr erstes Kind, während sie hier arbeitet. Noch im neunten Monat ihrer Schwangerschaft sitzt sie im Cockpit, der Bauch drückt gegen die Tastatur.

Wenn sie einen Angriff vorbereitete, dann sei da "keine Zeit für Gefühle" gewesen, sagt sie heute. Natürlich habe sie gespürt, wie ihr Herz schneller schlug, das Adrenalin sich im Körper ausbreitete. Aber dann habe sie sich strikt an die Regeln gehalten, sich darauf konzentriert, das Flugzeug zu positionieren: "Wenn die Entscheidung gefallen war und es sich um einen Feind handelte, der es verdient hatte, dann hatte ich kein Problem."

Nach der Arbeit fährt sie nach Hause, vorbei an den Friedensaktivisten, die sie nicht ansieht, Highway 85 nach Las Vegas, sie hört Countrymusik. Nur selten denkt sie nach über das, was im Cockpit passiert. Höchstens darüber, was sie besser machen könnte. Sie geht im Kopf dann die einzelnen Schritte noch einmal durch.

Oder sie geht einkaufen. Manchmal sei es ein komisches Gefühl gewesen, wenn die Frau an der Kasse fragte: "Wie läuft's?" Sie habe dann nur geantwortet: "Gut. Schönen Tag." Wenn sie mal unruhig war, sei sie laufen gegangen. Den Jungs am Boden zu helfen, das habe sie jeden Tag motiviert aufzustehen.

Zu Hause ist kein Platz für das Böse dieser Welt. Mit ihrem Mann, einem Drohnen-Piloten, spricht sie nicht über die Arbeit. Sie zieht sich ihren Pyjama an, sieht Zeichentrickfilme im Fernsehen oder spielt mit ihrem Baby. Heute hat Meyer zwei kleine Kinder. Sie will ihnen zeigen, "dass Mami gute Arbeit machen kann". Ihr jetziger Job als Trainerin sei sehr befriedigend, sagt sie. Doch sie will wieder zurück in den Kampfeinsatz.

Brandon Bryant will irgendwann nur noch raus, etwas anderes machen. Er ist noch einmal für einige Monate im Ausland gewesen, diesmal in Afghanistan. Dann kommt er zurück nach New Mexico und hasst auf einmal dieses Cockpit, das nach Schweiß stinkt und das er mit dem Duftspray "Frische Wäsche" besprüht. Er will etwas tun, das Menschenleben rettet, nicht nimmt. Überlebenstrainer wäre gut. Seine Freunde raten ihm ab.

Power 90 Extreme heißt das Programm, das er jetzt täglich in seinem Bungalow in Clovis durchzieht, Fitness im Bootcamp-Style. Hanteltraining, Liegestütze, Klimmzüge, Sit-ups. Außerdem geht er fast jeden Tag zum Gewichtheben in den Kraftraum.

An langweiligen Tagen schreibt er im Cockpit Tagebuch: "Auf dem Schlachtfeld gibt es keine Parteien, nur Blut, totalen Krieg. Ich bin so tot. Ich wünschte, meine Augen würden verrotten." Er denkt, wenn er nur fit genug ist, werden sie ihn schon etwas anderes machen lassen. Aber er ist ziemlich gut in seinem Job.

Irgendwann macht es ihm keinen Spaß mehr, Freunde zu sehen. Das Mädchen, das er trifft, beschwert sich über seine schlechte Laune. "Ich habe keinen Schalter, den ich umlegen kann", sagt er ihr. Er kommt nach Hause und kann nicht schlafen, er trainiert. Er beginnt, seinen Kommandeuren zu widersprechen.

Eines Tages bricht er während der Arbeit zusammen, krümmt sich, spuckt Blut. Der Arzt schreibt ihn krank. Erst wenn er zwei Wochen am Stück mehr als vier Stunden schlafe, dürfe er wieder zurück, sagt der Arzt.

"Ein halbes Jahr später war ich erneut im Cockpit und bin Drohnen geflogen", sagt Bryant. Er sitzt im Wohnzimmer seiner Mutter in Missoula. Sein Hund winselt und legt den Kopf an seine Wange. An seine eigenen Möbel kommt Bryant im Moment nicht ran. Sie sind eingelagert, und er hat kein Geld, um die Rechnung zu begleichen. Nur sein Computer ist ihm geblieben.

In der vergangenen Nacht hat Bryant eine Zeichnung auf Facebook gepostet. Eine grüne Wiese, auf der ein Pärchen steht, Hand in Hand, die beiden blicken in den Himmel. Im Gras daneben hocken ein Kind und ein Hund. Doch die Wiese ist nur ein Teil der Welt. Unter ihr liegt ein Meer aus sterbenden Soldaten, die sie mit letzter Kraft stützen, ein Meer aus Leichen, Blut und Gliedmaßen.

Die Behörde für Veteranen hat bei Bryant Posttraumatische Belastungsstörungen diagnostiziert. Die Hoffnung auf einen bequemen Krieg, der ganz auskommt ohne seelisch Verwundete, hat sich nicht erfüllt. Bryants Welt ist verschmolzen mit der jenes Kindes in Afghanistan, es ist wie ein Kurzschluss im Gehirn der Drohne.

Warum er nicht mehr bei der Luftwaffe ist? Da gab es diesen einen Tag, an dem er wusste, dass er den nächsten Vertrag nicht mehr unterschreiben würde. Es war der Tag, an dem Brandon Bryant ins Cockpit kam und sich zu seinen Kollegen sagen hörte: "Hey! Welcher Motherfucker stirbt heute?"


DER SPIEGEL 50/2012
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