10.12.2012

FUSSBALLFreiwild

In Amateur- und Jugendligen werden Schiedsrichter bedroht, bespuckt, zusammengeschlagen. Manche Referees trauen sich nur noch mit Pfefferspray bewaffnet aufs Spielfeld. Die Verbände haben kein Konzept gegen die eskalierende Gewalt.
Vor einem Monat haben sie Daniel Maurer prophezeit: "Wir machen dich kalt. Wir finden raus, wo du wohnst." Der 23-Jährige steigt seitdem immer noch nicht einfach aus dem Auto, wenn er im Dunkeln nach Hause kommt. Er blickt sich um, lauscht, wartet. Die Angst wird er nicht los.
Maurer ist weder Mafiajäger noch Boss einer Rockerbande. Er ist Schiedsrichter in den unteren Jugendligen in München. Er gab kürzlich beim A-Jugend-Spiel der JFG Union München Ost einen Elfmeter für den Gegner, wurde daraufhin so massiv mit dem Tode bedroht, dass er nach dem Schlusspfiff aufgab. Daniel Maurer wird kein Spiel mehr pfeifen.
Er ist nicht der Einzige, der vor der zunehmenden Gewalt auf den Fußballplätzen der Amateurvereine resigniert. Die Dachauer Schiedsrichter-Obmänner Hans-Jürgen Schreier und Andreas Hitzlsperger gaben ihr Amt Mitte November zurück. Mehr als 20 Jahre haben beide im Raum München gepfiffen, Schiedsrichter ausgebildet, eingeteilt. Jetzt können sie die Verantwortung für die Sicherheit ihrer Leute nicht länger tragen. Obschon die Mehrheit der Begegnungen friedlich abläuft, kommt es fast jedes Wochenende zu Übergriffen, vor allem jüngere Schiedsrichter sind für manche Fans und Spieler Freiwild geworden.
"Wir wollen nicht warten, bis wir einen Anruf bekommen, dass einer unserer Nachwuchskollegen schwer verletzt im Krankenhaus liegt oder sogar ins Koma gefallen ist", sagt Hitzlsperger, der Bruder des früheren Nationalspielers Thomas Hitzlsperger.
In den Niederlanden ist der schlimmste Fall nun eingetreten. Sonntag vor einer Woche wurde der 41-jährige Linienrichter Richard Nieuwenhuizen von Spielern totgeschlagen. Er hatte in einer Partie von 15- und 16-Jährigen in Almere bei Amsterdam als Linienrichter ausgeholfen. Jugendliche verfolgten ihn wegen seiner Abseitsentscheidungen nach dem Spiel, sie prügelten ihn nieder und traten auf ihn ein. Nieuwenhuizen starb einen Tag später im Krankenhaus.
Schreier und Hitzlsperger fürchten, dass sich so eine Tragödie auf deutschen Amateurplätzen wiederholen könnte. Gewalt bei Spielen unterklassiger Clubs ist kein neues Phänomen. Doch die Brutalität, mit der Trainer, Zuschauer und Freizeitfußballer auf Unparteiische losgehen, hat dramatisch zugenommen.
Der Dachauer Schiedsrichter Daniel Maurer war schon vor drei Jahren bei einem Spiel von Fußballern attackiert worden. Er musste in die Kabine flüchten, traute sich erst heraus, als die Polizei eingetroffen war. Maurer dachte damals noch, er habe einfach nur Pech gehabt, sei in eine Ausnahmesituation geraten. Tatsächlich gehören Übergriffe heute zum Alltag von Hobbyschiedsrichtern.
Nach einer verlorenen Bezirksligapartie beim SuS Haarzopf Essen im März griffen ein Spieler des SC Blau-Weiss Oberhausen und ein Zuschauer den Schiedsrichter an, stießen ihn zu Boden, als er in die Kabine flüchten wollte, und verletzten ihn schwer. Bei einem B-Jugend-Spiel im Kreis München bedrohte ein Jugendlicher den Referee mit einer abgebrochenen Glasflasche.
Im Oktober schlug ein Fußballer des oberbayerischen FC Iliria den Schiedsrichter in der A-Klassen-Begegnung gegen den ESV Rosenheim zusammen. Das Opfer hätte fast sein Augenlicht verloren. Der Anlass für den Gewaltausbruch: Der Schiedsrichter hatte lange nachspielen lassen, so kam der ESV zum späten Ausgleichstor. Ein anderer Iliria-Spieler verprügelte den Rosenheimer Trainer, der dem Schiedsrichter helfen wollte. Der Coach kam mit Rippenprellungen und einer verletzten Niere ins Krankenhaus. Die Täter wurden vom Sportgericht lebenslang gesperrt.
In Darmstadt streikten vor wenigen Wochen die Schiedsrichter der Kreisliga D, an zwei Sonntagen wurde keine einzige Partie angepfiffen. Die Schiedsrichtervereinigung Darmstadt wollte auf die zunehmende Gewalt aufmerksam machen. Ein Schiedsrichter war von Fußballern der TG 1875 Darmstadt nach dem Treffer zum 0:5 über den Platz gejagt, getreten und gewürgt worden.
Besonders heftig ist die Situation in Berlin. Vor gut einem Jahr streikten auch dort die Unparteiischen. Ihr Kollege Gerald Bothe war bei einem unterklassigen Seniorenkick geschlagen und schwer verletzt worden, nachdem er einen Akteur vom Platz gestellt hatte. Bothe, 52, hatte durch die Prügel seine Zunge verschluckt und wäre beinahe erstickt. Ein Spieler des Gegners rettete ihm das Leben.
Der Berliner Verband wollte daraufhin ein Zeichen setzen, ließ Anti-Gewalt-Flyer verteilen. "Geändert hat sich nichts", sagt Bothe. Der Krankenpfleger, der weiterhin bis zu drei Spiele pro Wochenende leitet, wurde kürzlich wieder angegriffen. Nach einer Ü-40-Partie in Kreuzberg fiel ihm auf, dass ein Fußballer von Türkiyemspor Berlin mit falschem Spielerpass auf dem Feld gestanden hatte. Als Bothe dem Team sagte, dass er das in seinem Bericht erwähnen müsse, stürmten zwei Spieler in seine Umkleidekabine, drohten mit Prügeln. Diesmal gingen Helfer rechtzeitig dazwischen.
"Viele betrachten einen Fußballplatz als Ort, an dem sie Dampf ablassen können. Frust im Beruf, in der Familie, mit der Freundin, alles soll auf dem Feld kompensiert werden", sagt Bothe. 15 Euro Aufwandsentschädigung bekommt er pro Partie, dazu 5 Euro Fahrtgeld. Aufhören will er aber nicht. Das sei das falsche Signal, sagt Bothe. Mit Kollegen arbeitet er an einem Thesenpapier, wie man die Gewalt auf den Plätzen der Hauptstadt in den Griff kriegen könnte.
Denn die Frage ist, ob sich in Zukunft überhaupt noch genug Idealisten finden, die sich den Schiri-Job antun wollen.
Der Tod des Linienrichters in den Niederlanden hat vor allem Nachwuchskräfte verunsichert. "Alle sind geschockt", erzählt Franz Mühldorfer, Schiedsrichter-Obmann des TSV Rudow, eines Vereins im Süden Berlins. Mühldorfer betreut 25 Jung-Referees, die meisten unter 20 Jahre alt. Er müsse "die Jungs jetzt beruhigen, allen gut zusprechen, Mut machen". Erst im Oktober habe ein 16-Jähriger aus seiner Gruppe nach einem Hallenturnier eine Morddrohung über das Handy bekommen. "Ich hacke dir deine Arme und Beine ab, du spielst mit deinem Leben", hatte der anonyme Anrufer gesagt.
Mühldorfer will seinen Schiedsrichtern anbieten, sie auf den Platz zu begleiten. Er will ihnen Rückendeckung geben. Auch er hat bereits unangenehme Erfahrungen gemacht. Mühldorfer pfeift Partien in Berlins Jugendligen. Er wurde von Fußballern und Trainern schon ins Gesicht geschlagen, gewürgt, bespuckt. Achtmal hatte Mühldorfer die Polizei auf dem Platz.
Heute weiß er sich zu wehren. Er nimmt zu Einsätzen, bei denen es Ärger geben könnte, vorsichtshalber Pfefferspray und sein Handy mit auf das Feld. Kürzlich hat er sich eine kleine Kamera gekauft, die steckt er sich an die Brusttasche seines Trikots, um Beweisfotos machen zu können, falls er angegriffen wird.
Auf den Fußballplätzen in Berlin gibt es rund 1500 Spiele pro Wochenende. In der Saison 2010/11 wurden 59 Partien vorzeitig beendet, meistens wegen Hetzjagden, Gewalt, Pöbeleien. In der vergangenen Spielzeit stieg die Zahl der Abbrüche auf 96. Immer mehr Schiedsrichter räumen anonym ein, bei Begegnungen von Problemvereinen Angst zu haben. Oft fehle ihnen der Mut, einen Strafstoß zu geben oder eine rote Karte zu zücken, aus Furcht, die Akteure könnten ausrasten.
Dabei geht es in den Ligen, in denen sie pfeifen, um Freizeitsport von Kickern, deren Ballkunst sich im Rahmen hält. Es geht um drei Punkte, Platz sieben oder neun in der Tabelle der zehnten Liga, manchmal um Auf- oder Abstieg, aber weder um Geld noch um Karrieren oder die Existenz des Vereins.
Trotzdem ist die Gewalt, die auf der Straße und in U-Bahnhöfen um sich greift, auf den Fußballplätzen angekommen. "Fußball ist ein Spiegel der Gesellschaft", sagte Fifa-Präsident Joseph Blatter nach dem Totschlag in Holland. Das klingt, als würde das Thema Politik und Justiz, nicht aber die Fußballfunktionäre angehen.
Der Bayer Hitzlsperger will diese Haltung bei den Bossen nicht mehr hinnehmen. "Mir hat ein Spieler gedroht, er sticht mich ab und steckt mein Haus an. Einmal stand einer vor meiner Tür. Das sind Sachen, da kriegt man es mit der Angst zu tun." Noch eine Woche vor seinem Rücktritt hatte Hitzlsperger in E-Mails an den Bayerischen Fußball-Verband (BFV) geschrieben: "Wir können nicht mehr, wir brauchen Hilfe." Vom BFV kam keine Unterstützung.
Erst als Hitzlsperger und Schreier zurückgetreten waren, reagierte der Verband: Die Männer wurden aufgefordert, sich künftig nicht mehr öffentlich zu äußern.
Der BFV beklagt sich, das Duo habe pauschale Anschuldigungen vorgetragen und keine Lösungsansätze. Der Verband verweist auf seine Konfliktmanager, die er zu Amateurspielen aussendet. Ein paar Dutzend für 15 000 Begegnungen an jedem Wochenende. Überhaupt komme es nur selten zu Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter und Spielabbrüchen.
Hitzlsperger wirft dem BFV vor, die Lage zu verharmlosen. Er fordert härtere Strafen für die Täter, Punktabzüge für Vereine. Beim Verband hält man das nicht für sinnvoll. Man verlagere die Gewalt auf die Straße, wenn man Jugendliche zu lange vom Fußball aussperre, erklärte ein Funktionär.
Auch der Schiedsrichter-Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Herbert Fandel, hält den Ruf nach härteren Sanktionen für populistisch. Fandel hatte nach dem Tod des Linienrichters in Almere zwar eingeräumt, man dürfe keinesfalls die Augen davor verschließen, dass es auch in Deutschland Gewalt gegen Unparteiische gebe. Um diese zu ahnden, sei jedoch vor allem die ordentliche Gerichtsbarkeit gefragt. Alles also offenbar nicht das Problem des DFB.
Bislang sind es eher kosmetische Eingriffe, mit denen Funktionäre die Zustände im Amateur- und Nachwuchsfußball verbessern wollen: Nachdem in den vergangenen Jahren bei den bayerischen Sportgerichten Tausende Vorfälle verhandelt werden mussten, bei denen überehrgeizige Eltern am Spielfeldrand ausgerastet waren, wurde für den Kreis München beschlossen, in der F-Jugend die Tabellen abzuschaffen. Die offizielle Erklärung lautete, die Kinder sollten befreit aufspielen können.
Gebessert hat sich die Lage für die Schiedsrichter dadurch nicht. Das Problem mit den aggressiven Eltern habe sich nur verlagert. Jetzt, so heißt es, gehe es eben in der nächsthöheren Altersklasse, bei den Spielen der Neunjährigen in der E-Jugend, umso heftiger zur Sache.
Von Lukas Eberle und Conny Neumann

DER SPIEGEL 50/2012
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