10.12.2012

O Bruder, wo bist du?

LITERATURKRITIK: Der Ukrainer Serhij Zhadan besingt die Schönheit, den Witz und die Grausamkeit des wilden Ostens.
Vielleicht wird zu wenig gesoffen im zeitgenössischen deutschsprachigen Roman - oder woran sonst könnte es liegen, dass es in den Büchern unserer Schriftsteller selten so vital und verrückt und poetisch zugeht wie in den Romanen vieler osteuropäischer Autoren, und ganz besonders in denen von Serhij Zhadan? Moldauischer Brandy und russischer Wodka, Bier aus Literflaschen und Weißwein aus Blechkanistern werden im jüngsten Werk des Ukrainers Zhadan in einer Weise konsumiert, dass der Leser den Alkohol quasi riecht.
Alle, wirklich alle, kippen sie das Zeug weg, als ob es kein Morgen gäbe: die Gangster, die Glücksritter und die launischen Frauen, die den Roman "Die Erfindung des Jazz im Donbass" bevölkern.
Zhadan, 38, ist ein Autor und Musiker und Fußballfan, der auch in Deutschland einen Ruf zu verteidigen hat als virtuoser Beschwörer einer Welt aus Sex und Suff und Rock'n'Roll. In Büchern wie "Depeche Mode" (2004, auf Deutsch 2007) und dem Geschichtenband "Hymne der demokratischen Jugend" (2006, auf Deutsch 2009) hat er von jungen Kerlen und schönen Mädchen erzählt, die sich durchschlagen im postsowjetischen Chaos. Sie dealen mit Kokain, lassen als Boxer die Fäuste fliegen, gründen Schwulenclubs oder treiben einfach nur durch die Nächte.
Der Roman "Die Erfindung des Jazz im Donbass", der im Orginal schlicht den Städtenamen "Vorošilovgrad" trägt, handelt nur am Rande vom Jazz und ist noch ehrgeiziger konstruiert, noch rasanter als die bisherigen Bücher Zhadans. Die Handlung beginnt mit einer klassischen Western-Konstellation, die den Romanhelden Hermann in den wilden Osten verschlägt. Gerade war Hermann noch ein stolzer Großstadtbewohner, plötzlich
sieht er sich mitten in der Pampa in der Rolle des Pioniers, der sich als letzter aufrechter Mann dem Großbonzen der Gegend entgegenstellt und seinen Besitz nicht herausrücken will.
Der Held Hermann ist Anfang dreißig und hat keine Farm, sondern eine Tankstelle zu verteidigen - die letzte, die noch nicht in der Hand des regionalen ostukrainischen Oligarchen ist. Diese Tankstelle gehört seinem Bruder, der Bruder aber ist verschwunden. Also schmeißt Hermann in der großen Stadt seinen Bürojob hin, wo er als Geldwäscher und offiziell als "Experte" für Politik- und Wirtschaftsfragen beschäftigt war. In der Heimat angekommen, erwarten ihn "vier alte Zapfsäulen, das Kassenhäuschen, ein leerer Mast, an dem man bei Bedarf jemanden aufknüpfen konnte". Zugleich trifft er auf die schroffen Typen, die in der Tankstelle arbeiten, darunter der Krüppel Schura, der "beste Automechaniker weit und breit, der Gott der Kardanwellen und Getriebe". Hermann beschließt zu bleiben und um die Tankstelle zu kämpfen.
Es ist eine verkommene, verwirrende und poetische Welt, in der "Die Erfindung des Jazz im Donbass" spielt. In ihr treten Oligarchen-Mafiosi mit vorzüglichem Musikgeschmack auf, die auch mal einen Tanklaster in die Luft jagen; junge Frauen, die sich vor dem Helden Hermann zwar bereitwillig entkleiden, aber ihm Zudringlichkeiten streng verbieten; dazu ein Militaria-Schatzgräber, der nach deutschen Panzern sucht, ein Priester, der die Kirchenkasse plündert, und brutale Neukapitalisten, die sich als "Maiskönige" und "Businessmeny" benehmen, "als hätte man sie auf Ferien hierher geschickt".
Bei aller Turbulenz finden sich in diesem Buch aber auch zahlreiche schwebende, elegische Momente, Sätze, denen man anmerkt, dass Zhadan als Lyriker angefangen hat. "Die Häuser standen dunkel, als wären sie mit schwarzer Farbe gefüllt", schreibt er an einer Stelle; "Kühe weideten, mit Stricken fest am Boden angebunden wie Zeppeline", an einer anderen. Ausgiebig besingt der Erzähler den Himmel, die Wälder und die Gerüche der Landschaft im Industrierevier des Donezbeckens, des sogenannten Donbass. Das könnte in bösem Kitsch enden. Doch der Zauber des Romans entsteht gerade aus der Mischung von Metaphernschwelgerei, groteskem Humor und knallhartem Krimi-Realismus. "Wenn sie uns abfackeln", sinniert der musikvernarrte Held, "dann kann man meine Leiche anhand der Kopfhörer identifizieren."
Wie jeder Western mündet "Die Erfindung des Jazz im Donbass" in einem Showdown. Wie die meisten Western handelt er von einer Welt, in der die Starken einfach abgreifen, was sie zusammenraffen können, und in der sich die allermeisten Schwachen einfach durchwursteln, ohne es zu genau zu nehmen mit Gut und Böse. Nicht alle Fragen sind geklärt am Ende dieses Buchs. Ob der Bruder des Helden zum Beispiel wirklich nur nach Amsterdam abgehauen ist, wie viele seiner Freunde vermuten, oder ob er vielleicht doch ermordet wurde, lässt sich nicht genau sagen.
"Was bleibt, ist Warten", liest man in einem Brief am Ende des Romans, "bis alles wieder seinen Platz findet." Warten. Und Trinken.
Serhij Zhadan: "Die Erfindung des Jazz im Donbass". Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp Verlag, Berlin; 396 Seiten; 21,95 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 50/2012
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