10.12.2012

FERNSEHPROGRAMMEAus der Schaum

ARD und ZDF verlieren seit Jahren Zuschauer. Ihr finanzielles Polster bleibt jedoch üppig, weil sie ab 2013 auch von denen kassieren, die weder Radio noch TV besitzen. Helfen wird es nicht. Eine Reise durch ein System, das Ideen verhindert.
Der Vergleich mag ungerecht sein, unhistorisch, unangemessen und überhaupt gemein. Aber er trifft eine Stimmung. "Auch die DDR", sagt Bernd Höcker, "hat eine Mauer gebaut, um zu verhindern, dass ihr die Leute davonlaufen."
Die neue DDR, so sieht Gebührengegner Höcker das, sind ARD und ZDF und das Deutschlandradio, die öffentlich-rechtlichen Sender des Landes. Auch denen laufen die Leute davon.
Weil den Leuten das Programm nicht mehr gefällt. Weil ihnen die 17,98 Euro im Monat zu viel sind. Weil sie kaum noch fernsehen oder Radio hören, sondern fast nur noch im Internet unterwegs sind.
ARD, ZDF, GEZ, DDR - es ist schon erstaunlich, wie aufgeladen, beinahe hasserfüllt die Debatte geführt wird.
Höcker, ein kantiger Typ mit Theo-Waigel-Augenbrauen, ist ein verbissener Gegner des Systems. Seit Jahren verbreitet der Sozialökonom in seiner Freizeit in kleinen Büchern und auf seiner Website Tipps zur GEZ-Flucht.
Doch weglaufen funktioniert nicht mehr ab dem kommenden Jahr. Vom 1. Januar 2013 an muss per Gesetz und im Grundsatz jeder zahlen, unabhängig davon, ob er überhaupt Fernseher oder Radio im Haus hat; unabhängig davon, ob er seinen Fernseher am liebsten aus dem Fenster werfen möchte, weil er das Programm so furchtbar findet.
ARD und ZDF machen jeden zum Mitglied in einem Club, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Selbst die katholische Kirche ist da generöser gegenüber denen, die sie nicht mehr mögen.
Natürlich ist es nicht gleich Sozialismus, wenn die Ministerpräsidenten der Länder beschließen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk von allen bezahlen zu lassen. Es ist nicht gleich Diktatur, wenn jeder Haushalt, der finanziell dazu in der Lage ist, 215,76 Euro pro Jahr bezahlen muss.
Die Frage ist bloß: War es wirklich ein guter Einfall, eine Art Fernsehsteuer exakt zu einer Zeit einzuführen, in der immer weniger Leute diese Programme überhaupt sehen wollen? Und sie keiner mehr sehen muss?
Es ist ja nicht nur so, dass die Zahl derer, die das Anstaltsprogramm zu schlecht finden, steigt und eine Mehrheit die neue Pseudosteuer ablehnt (siehe Umfrage Seite 167). Der Frust über die Anstalten breitet sich auch unter den Machern aus.
Es ist absurd. Während der Apparat damit beschäftigt ist, sich seine Milliarden für die Zukunft zu sichern, verliert das Programm, für das die Milliarden da sind, stetig an Bedeutung.
Jahrelang haben ARD und ZDF alles getan, um das Publikum zu gewinnen, und darüber vergessen, wofür sie dieses Publikum gewinnen wollen. Und es hat ihnen nicht einmal ein bessere Quote gebracht. Im Gegenteil, ihnen widerfährt das Schicksal vieler Opportunisten: Die Zuschauer spüren die Absicht - und bleiben weg.
Vor ein paar Jahren noch waren RTL und Co. die bösen Buben des Fernsehens. Mittlerweile haben ARD und ZDF die Rolle des Buhmanns. Sie machen das spannende Programm nicht mehr selbst, sie reden nur noch in ihren Talks darüber. Die Jungen schauen ohnehin kaum mehr zu.
Und wenn einer mal eine Idee hat, die anders ist, wird sie ausgesessen, verschleppt oder zerredet. Der Comedian Olli Dittrich hat das erlebt. Der Produzent Christian Ulmen. Der Kriegsreporter Ashwin Raman.
Es sind längst nicht mehr nur Feinde der Öffentlich-Rechtlichen, die Kritik üben, es sind zunehmend auch Künstler und Journalisten, die selbst für das öffentlich-rechtliche Fernsehen arbeiten. Es sind vor allem die Befürworter, die daran verzweifeln, wie der Apparat eine Idee nicht lebt, sondern bloß verwaltet und so zerstört.
Es sind die Dittrichs, Ulmens, Ramans und viele andere, deren Geschichten ähnlich sind, die aber lieber schweigen.
Die Situation ist gefährlich für ARD und ZDF. Durch Internet, Pay-TV und Digitalfernsehen ist die Konkurrenz so stark, dass man die Öffentlich-Rechtlichen zum ersten Mal in ihrer Geschichte nicht mehr braucht, um sich gut informiert und gut unterhalten zu wissen.
Und genau diese eigene Entbehrlichkeit macht ARD und ZDF zunehmend nervös. Sie macht sie ängstlich und lässt sie das Risiko scheuen. Und so sieht das Programm dann auch aus.
Olli Dittrich ist sauer
Er hat "Dittsche" erfunden, ist der beste Parodist von Franz Beckenbauer, seine Auftritte waren immer die lustigsten in der "Harald Schmidt Show". Er ist klug und witzig und kann auf unnachahmliche Art sehr ruhig sehr scharfe Pointen setzen. Olli Dittrich ist ein Star, vielleicht nicht für die Massen, aber einer, der Bleibendes hinterlässt, deutsche Humorgeschichte wie Hape Kerkeling, wie Loriot.
Olli Dittrich ist zurückhaltend, aber Freunde von ihm sagen, dass er gerade ziemlich sauer ist. Zwei Jahre lang hat er für die ARD im Geheimen eine Fernsehsendung entwickelt, mit der das Erste der ZDF-Sendung "heute-show" endlich Konkurrenz machen könnte. Eine Nachrichtensatire mit Dittrich in der Hauptrolle, als Anchor nicht der "Tagesschau", sondern eines "Tagesschaum". In den Originalkulissen des Nachrichtenflaggschiffs.
Dittrich wollte alle Parodien selbst spielen, die Korrespondenten, die Politiker, die Moderatoren, den Mann von der Straße. Den "Tagesschaum"-Kommentar dagegen sollten echte Personen sprechen, Nachrichtencharaktere wie Ulrich Wickert oder Ulrich Deppendorf. Nur eben: Kommentare am Rande des Irrsinns.
Die Idee ist bestechend, und sie würde das klägliche Niveau der Comedy und des Kabaretts im Ersten, das sich nie vom Weggang eines Dieter Hildebrandt erholt hat, sicher heben.
Doch aus der Schaum. Am 20. Dezember startet die ARD zwar eine Nachrichtenparodie, die sehr nach dem Dittrich-Konzept klingt. Aber mit unbekannten Leuten aus der dritten Comedy-Liga. Schon der Titel ist nur ein schwacher Abklatsch des wortspielerischen "Tagesschaum": "Das Ernste".
"Das entspricht in weiten Teilen meinem Konzept", bestätigt Dittrich jetzt und berichtet, wie weit die Zusammenarbeit bereits gediehen war. Er ging mit Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber durch das Studio der "Tagesschau", saß mit ihm bei Thomas Hinrichs, dem Chef der "Tagesthemen", und stellte zur Begeisterung aller das Konzept vor. "Wir haben über zwei Jahre immer wieder detailliert darüber geredet. Dann habe ich auf einmal nichts mehr gehört. Dass jetzt die Kopie ins Fernsehen kommt, ist für mich schon eine Überraschung."
Schreiber stellt die Sache anders dar. "Der Vorschlag der Kollegen von ,Das Ernste' und der Vorschlag von Olli Dittrich haben keine Gemeinsamkeiten."
Es ist nicht der erste Star, den die ARD verprellt. Auf den Koch Christian Rach waren sie beim NDR früh aufmerksam geworden, doch er passte nicht ins öffentlich-rechtliche Raster. Und als Jahre später das ZDF auf die Idee kam, ihn zu holen, war es längst zu spät.
Die Dittrich- und die Rach-Episoden sind bezeichnend für den Zustand des öffentlich-rechtlichen Fernsehens im Allgemeinen und der ARD im Speziellen. Es fehlt nicht an tollen Programmmachern, an Fernsehkünstlern, nicht einmal an brillanten Ideen. Sie werden bloß von einem System verschluckt, das gar nicht mehr darauf ausgerichtet ist, nach dem besten Fernsehen zu suchen.
Künstler lässt man am langen Arm verhungern. Kleine Innovationen gelten schon als Risiko.
Volker Herres verliert
Als sich vor ein paar Wochen die Senderbosse der ARD mit ihren Programmmachern zu einer Klausur trafen, um einmal ganz grundsätzlich über das erste Programm zu reden, blieb genau dafür nicht viel Zeit. 75 Minuten für Diskussion sah die Tagesordnung vor. Gerade mal acht Minuten für jeden Intendanten.
Der Rest war Frontalunterricht. Da trug etwa Unterhaltungsmann Thomas Schreiber vor, dass es zu viele verschiedene Shows im Ersten gibt. Viel zu viele Moderatoren und ein Durcheinander von Sendeplätzen. Auf diese Weise, so seine Analyse, gewinne man kein Profil. Ab nächstem Jahr soll es deshalb weniger verschiedene Shows geben, aber die dafür öfter, und weniger Moderatoren, aber die dafür häufiger. Das war alles richtig. Aber auch sehr technisch, und eher nicht grundsätzlich. Die Frage "Was senden wir eigentlich - und wollen wir das so?" stand nicht auf der Tagesordnung.
Einige Wochen später in Hamburg. Programmdirektor Volker Herres schaut auf seine Uhr. Auf dem Ziffernblatt ist eine große Eins, sie steht für das Erste, sein Programm. Er identifiziert sich sehr.
Herres wird nicht nach Quote bezahlt. Aber schlechte Zahlen ärgern ihn trotzdem. Sie beleidigen seinen Ehrgeiz. Er will gewinnen, jedenfalls sagt er das. Aber wie soll das jemals gelingen, wenn sein Erstes den Sieg nicht einmal in einem Jahr hinbekommt, in dem es die Fußball-Europameisterschaft und Olympische Spiele auf seiner Seite hatte, Wochen während deren die öffentlich-rechtlichen Sender das Programm beherrschten?
In diesem Jahr liegt das Erste in der Zuschauergunst hinter RTL, hinter dem ZDF. Das Erste ist nur Dritter.
Die Platzierung - eine Stufe niedriger als 2011 - ist nicht einmal das Schlimmste. Verheerend ist, dass weder Herres noch Schreiber, noch sonst jemand in der ARD daran überhaupt irgendetwas ändern kann. Das Erste ist zugemauert und zugestellt mit Programmplätzen, an denen nicht gerüttelt werden darf. Selbst wenn irgendwo neue Ideen auftauchen - es ist fast unmöglich, dafür im Programm Platz freizuschaufeln.
"Änderungen am Programmschema haben bei uns leicht die Dimension eines Planfeststellungsverfahrens", sagt Herres. Das Erste besteht aus neun Anstalten, die alle unabhängig sind. Es gibt 9 Intendanten, 10 Fernseh-Programmdirektoren, 13 Fernseh-Chefredakteure und eine kaum übersehbare Menge an Unterhaltungschefs, Sportchefs, Kulturchefs, Fernsehfilmchefs, Koordinatoren und Projektleitern. In der ARD gibt es viele Mächtige, aber keiner hat die Macht, mal allein etwas durchzusetzen.
Da ist ja auch der wesentliche Grund, warum die Talkshow-Flut der ARD so sehr zusetzt. Das Problem sind nicht die fünf Sendungen selbst, sondern dass sie fünf Sendeplätze blockieren - und dass es so schwer ist, das zu ändern.
Jeder pflegt seine eigenen Blumentöpfe, schimpft über die welken Blätter in den Beeten der anderen und wundert sich, warum im Schrebergarten ARD nichts Neues wächst.
Christian Ulmen träumt
Eigenartig ist, dass sich dieses Lähmungs-Gen irgendwann selbst in den Nischen durchsetzt. Dieses Gen, das daran zu erkennen ist, dass zwei Dinge stets parallel auftreten: ein dröhnendes Gerede vom öffentlich-rechtlichen Auftrag und ein ängstlicher Blick auf die Quote.
Christian Ulmen hat das bei ZDFneo beobachtet. Der Schauspieler und Produzent hat für den Digitalkanal die Polit-Show "Stuckrad Late Night" hergestellt. ZDFneo ist ein Ableger des großen Mainzer Senders. Er soll Zuschauer erreichen, denen das Hauptprogramm zu altbacken und trutschig ist.
Mit der von Ulmen produzierten Sendung hat das zunächst gut funktioniert. Moderator Benjamin von Stuckrad-Barre mischt die Routine des Polit-Talks auf. Er stellt Politiker auf die Probe, einzeln, für jeweils eine Dreiviertelstunde. Er brachte jüngst FDP-Mann Gerhart Baum dazu, ein Modell des Guidomobils zu zertrümmern, mit dem Westerwelle einst in den Spaßwahlkampf zog.
Ulmen, der sich selbst einen "Fan des Öffentlichen-Rechtlichen" nennt, empfand die Arbeit anfangs als "Wohltat". "Da ist ein Sender, der dasselbe Fernsehen machen will wie wir: ein Traum", sagt er. Aber irgendwann seien "die klassischen öffentlich-rechtlichen Mechanismen zu spüren" gewesen.
Deutlich gespürt hat Ulmen das in der Woche nach dem Atomunglück in Fukushima. Stuckrad-Barre und er wollten keine übliche Sendung machen. Sie planten stattdessen, das Stück "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt auf der Bühne zu lesen, und schlugen das vor, "voller Energie und mit Staraufgebot". Es war gar keine Revolution, bloß eine kleine, sympathische Idee. Aber schon die war zu viel.
Die Bedenkenträger des ZDF stellten sich quer. Stuckrad-Barre solle lieber einen Minister einladen und mit ihm über Reaktorsicherheit reden. Außerdem würden bei einer Lesung die Zuschauer wegschalten, die Quote würde einbrechen. "Dabei war ja eigentlich gar keine Quote da, die hätte einbrechen können", sagt Ulmen.
Das ist das Paradox von ZDFneo: Statt den Kanal weiter als Biotop eines anderen Fernsehens zu pflegen, selbstbewusst Avantgarde zu sein, die Quote zu ignorieren und in Ruhe wachsen zu lassen, reden sie hier fast noch mehr über Quote als im Hauptsender.
Weil den jungen Sender im Schnitt gerade mal 0,6 Prozent der deutschen TV-Zuschauer einschalten, dopt das ZDF die Quote gern mal mit soliden ZDF-Krimis wie "Bella Block" oder "Inspector Barnaby". Neulich waren es fast drei Prozent, das war Rekord - mit einer vier Jahre alten Folge der Krimireihe "Wilsberg", einem verlässlichen Quotenbringer des Hauptprogramms. So verliert auch Neo seinen Sonderstatus und seine Attraktivität. Aber wo sollen neue Formate herkommen, wenn sie nicht einmal in den Digitalkanälen eine Chance haben. Wenn nicht einmal im Labor experimentiert werden darf?
"Es gibt dort viele gute Leute und Ideen, aber was durchaus lähmen kann, das ist bisweilen die Bedenkenträgerei", sagt Ulmen. Auch Stuckrad-Barre ist mittlerweile bei einem anderen Sender. Das ZDF war schlicht nicht in der Lage, rechtzeitig eine Entscheidung zu fällen, ob die Sendung weiterlaufen soll.
Norbert Himmler hofft
ZDFneo ist mal als Hoffnung gestartet, und auch von Norbert Himmler erwarten sie viel in Mainz. Er hat den jungen Sender drei Jahre geleitet und ist seit April Programmdirektor des ZDF. Er ist nun nicht mehr für 30 Millionen Euro zuständig, sondern für 600 Millionen.
Himmler ist 41, sieht aber so jung aus, als hätte er gerade Abitur gemacht, allein deshalb fällt er auf in der Riege der ZDF-Hierarchen. Er kommt in einen Sender, der verunsichert ist. Wenn sie dort über ihren eigenen Bedeutungsverlust reden, erzählen sie gern, dass widerrechtlich abgestellte ZDF-Autos in der Mainzer Innenstadt inzwischen genauso mit Knöllchen versehen werden wie die anderen Falschparker auch.
Es ist schmerzlich. Traut sich das ZDF etwas Neues, gehen die Zuschauer von der Stange. Bleibt es beim Bewährten, gucken nur die Alten zu. Selten, dass Innovation mal gelingt, wie mit der "heute-show", die beim Publikum ankommt und zugleich im Internet bei den Jungen erfolgreich ist.
Genau genommen gibt es Himmler zweimal. Als Zuschauer und als Programmdirektor. Privat schaut er gern amerikanische Serien wie "Dexter" und "Breaking Bad" und außerdem alles, was vom US-Seriensender HBO kommt. Beim Sender hingegen verantwortet er nun Reihen wie "Der Alte" oder "Rosamunde Pilcher", und weil sie immer noch für tolle Quoten sorgen, zeigt er an Sonntagnachmittagen Klamotten mit Heinz Erhardt oder Heinz Rühmann.
Wie seine potentielle Kundschaft so denkt, hat ihm im Frühjahr eine Zuschauerbefragung gezeigt. Demnach ist das ZDF in der allgemeinen Wahrnehmung kein Familienprogramm mehr, sondern "ein Sender für alte Zuschauer", Menschen unter 50 Jahren fühlen sich "über weite Strecken ausgegrenzt".
Was Himmler aus der Studie gelernt hat? Zumindest eine Hoffnung: "Wir dürfen den Zuschauern ruhig mehr zutrauen." Er hat daraufhin die Achtziger-Jahre-Relikte "Der Landarzt" und "Forsthaus Falkenau" abgesetzt. Schön und gut. Warum aber hat Himmler nicht den Mut, so etwas Hochwertiges wie die US-Serie "Mad Men" ins Hauptprogramm zu heben, vielleicht sogar um 20.15 Uhr?
"Das wäre gefährlich", sagt er, "die Quote würde einbrechen. Unsere Zuschauer würden diese Serie wie eine kalte Dusche empfinden. Sie haben einfach andere Sehgewohnheiten."
Das stimmt wahrscheinlich. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass die Zuschauer US-Serien nicht mehr gewohnt sind, weil das ZDF sie ihnen jahrelang vorenthalten hat. Die Krimireihe "CSI" etwa, die Vox und RTL ein Jahrzehnt lang beste Quoten bescherte, hatte das ZDF zuvor abgelehnt.
Vom nächsten Jahr an, immerhin, will Himmler wieder US-Serien zeigen. Und auch das ist nach ZDF-Maßstäben eine Sensation.
Ashwin Raman stört
Ashwin Raman ist ein mutiger Mann. Als junger Journalist saß er in indischen Gefängnissen, weil er sich in seinem Heimatland gegen Zensur wehrte. Heute ist er Kriegs- und Krisenreporter, und er ist einer, der für seinen Job Wagnisse in Kauf nimmt. Er redet mit Piraten, mit Taliban-Kämpfern, mit Terroristen. Er fährt durch das von Piraten kontrollierte Hinterland von Somalia und verlässt die Gegend erst, als er erfährt, dass auf ihn ein Kopfgeld ausgesetzt wird.
Es gibt eine Sache, die selbst Raman fürchtet: manche Redakteure in den öffentlich-rechtlichen Sendern. Denn obwohl er ja den Stoff heranschafft, für den das öffentlich-rechtliche Fernsehen einmal erfunden wurde - in den Programmverwaltungen sitzt er am Ende oft da wie ein Bittsteller.
Er hat das vor allem beim ZDF erlebt, dem Sender, für den er den Deutschen Fernsehpreis gewonnen hat mit seinem Film "Somalia - Land ohne Gesetz". Damals schmückte sich der Sender mit ihm, am Abend der Preisverleihung fragte Chefredakteur Peter Frey noch nach neuen Projekten.
Da hatte Raman schon vor Monaten seine Idee für den nächsten Film, über Piraten, eingereicht. Doch in der Redaktion hielt man ihn hin. Entscheidungen wurden vertagt, verschleppt, verschoben.
Der Mail-Verkehr zog sich fast eineinhalb Jahre hin. Man traf sich, man besprach sich, man schrieb Mail um Mail. "Zusagen können wir eine Doku noch nicht, es wird abhängig sein von der Realisierung des in Aussicht gestellten Inhalts, sowie dann der Genehmigung des Chefredakteurs etc.", heißt es da. Und dann: "D. h. vorher stattfindende Dreharbeiten wären auf eigene Kappe."
Raman ist Reporter im besten Sinne. Er fährt raus in die Welt und reportiert, was er findet. Doch damit kommt die Programmverwaltungsmaschine ZDF nicht zurecht. "Die Verantwortlichen sitzen in ihren warmen Stuben und denken sich einen Film zusammen", sagt Raman. "Nicht zu wissen, welche Bilder am Ende zu sehen sind, ist da schon zu viel Risiko."
Die Redaktion überreichte ihm ein dreiseitiges Papier, das im Detail beschreibt, wie Filme für die Reihe "ZDF zoom" aufzubauen sind.
"Es geht nicht um Inhalte, es geht bloß darum, dass alles den gleichen Ton und die gleiche Ästhetik hat", sagt Raman. "Nichts soll den Zuschauer verstören, nicht einmal der Krieg." Er berichtet von Filmabnahmen, in denen er mit bis zu sechs ZDF-Führungsleuten im Schnittraum war, die sich im Bedenkenträgertum gegenseitig überboten. "Ich habe mich da schon gefragt, warum ich eigentlich mein Leben dafür riskiere, nahe am Geschehen zu sein, wenn am Ende doch nur Oberfläche gewünscht wird."
Raman kann offen reden, weil er in dem System eine Nische gefunden hat, die ihn ernährt. Beim SWR in Mainz hat er einen Redakteur, dem er vertraut, und einen Chefredakteur, der für ihn kämpft. "Ich bin für meine Filme meistens allein unterwegs", sagt er. "Das ist gefährlich, das ist oft auch einsam. Da ist es wichtig, in der Heimat eine Redaktion zu wissen, der meine Arbeit etwas bedeutet."
Raman ist ein kompromissloser Filmemacher. Entnervt stellt er schließlich seinen Kontakt zum ZDF ein und geht auch mit diesem Projekt zu seinen Leuten beim SWR. Als der Film im August gesendet wird, sind die Kritiken sehr gut.
"Wenn etwas Außergewöhnliches klappt in diesem System", sagt Raman, "liegt es immer an einzelnen Leuten. Das System fördert bloß Gewöhnlichkeit."
Hermann Eicher mahnt
Wenn es ein Symbol gibt für dieses System, das teuer ist, aber unbeliebt, dann ist es die Gebühreneinzugszentrale in Köln-Bocklemünd. Es ist ein Ort, wie er behördenmäßiger nicht sein kann. Selbst die Kaffeekannen sind hier beschriftet (Abt. GRD), an Bürostuhllehnen von Mitarbeitern ist der Nachname aufetikettiert. Es gibt eine Vitrine, in der das erste Dienst-Handy ausgestellt ist.
Hier, wo bisher noch die ungeliebte Rundfunkgebühr kassiert wird, wird bald der neue Rundfunkbeitrag verwaltet. Die GEZ wird auch gleich umbenannt und soll Beitragsservice heißen.
In einem Konferenzraum bei der Noch-GEZ sitzt Hermann Eicher, er hat eine goldene Kette aus seiner Sakkotasche hängen, die offenbar zu einer Taschenuhr gehört. Eicher fuchtelt mit einer Mappe herum, auf der eine heile Familienwelt abgebildet ist: ein Opa, ein Pärchen, ein Kind. Sie sitzen im Wohnzimmer, schlürfen Kaffee, die Katze balanciert auf der Sofalehne. "Der neue Rundfunkbeitrag" steht unter dem Bild, und obendrüber prangt der Schriftzug: "Einfach. Für alle."
Eicher reicht das nicht. Er hätte gern eins draufgesetzt: Gleichzeitig mit der PR-Offensive wäre ihm eine Programm-Offensive wichtig gewesen. Er hätte gern gezeigt, wofür es sich lohnt, Gebühren zu bezahlen. "Der neue Rundfunkbeitrag allein wird keinen zu Begeisterungsstürmen hinreißen, das ist uns schon klar."
Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass er der Vater des neuen Rundfunkbeitrags ist. Doch ihm geht es nicht um PR-Geklingel, sondern um Grundlegenderes. "Es haben sich gerade viele jüngere Menschen aus der Welt der öffentlich-rechtlichen Sender verabschiedet", sagt er. Sicher seien auch ignorante Schwarzseher darunter. "Im Kern glaube ich aber, dass wir alle Kraft auf diejenigen verwenden müssen, die bei ARD und ZDF nicht mehr das finden, was sie möchten." Er blickt ernst: "Ansonsten wird die gesellschaftliche Akzeptanz, für etwas zu bezahlen, das man nicht nutzt, weiter zurückgehen, mag die Aufgabe auch noch so wichtig sein." Eicher ist im Hauptberuf Justitiar des SWR mit Büro in Mainz und kein Gebühren-Kettenhund, eher einer, der sich wirklich Sorgen macht um die Zukunft eines Systems, an das er glaubt.
Die neue Gebühr, die jetzt alle bezahlen müssen, die es sich leisten können, soll dafür sorgen, dass die Einnahmen nicht so schnell wegbrechen, wie es die Intendanten befürchtet haben. "Wären wir bei der alten Variante geblieben, hätten immer mehr Menschen Tricks und Wege angewendet, um nicht mehr bezahlen zu müssen", sagt Eicher. "Auch das muss uns natürlich zu denken geben."
Bisher ist der Protest zur Einführung des Rundfunkbeitrags noch verhalten. Doch Eicher, ganz Realist, ahnt, dass die eigentliche Bewährungsprobe erst noch kommt. "Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird den Gürtel deutlich enger schnallen müssen. Weniger Geld und Steigerung der Akzeptanz, das wird ein Drahtseilakt." Eicher lässt sich in den Stuhl zurückfallen. Ihm sind die Zweifel anzusehen, ob das gelingen kann.
Von Markus Brauck, Alexander Kühn, Martin U. Müller und Stefan Niggemeier

DER SPIEGEL 50/2012
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