17.12.2012

KOMMENTARSchizo-Protestbürger

Wer in diesen Tagen etwas über das Ansehen der forensischen Psychiatrie und ihrer Patienten erfahren möchte, kann nach Bayreuth fahren. Dort spielt man zurzeit zwei Lehrstücke: Im einen versammeln sich Bürger zu Mahnwachen und Initiativen gegen eine finstere Psychiatrie, die "Unschuldige" wegsperrt. Im anderen versammeln sich Bürger zu Mahnwachen und Initiativen gegen eine Psychiatrie, die gefährliche, kranke Straftäter auf die Allgemeinheit loslässt.
Ein bisschen schizo, die Protestbürger?
Die Heldenrolle im "Lasst ihn frei!"-Drama ist mit Gustl Mollath besetzt, Deutschlands derzeit berühmtestem Maßregelpatienten, angeblich mundtot gemacht von willfährigen Psychiatern, um zu verhindern, dass er einen Schwarzgeldskandal aufdeckt. Zwar hat der Mann nach Überzeugung des Gerichts seine Frau übel misshandelt und über hundert Autoreifen auf lebensgefährdende Weise manipuliert; zum Sympathieträger avancierte er trotzdem, vermutlich weil er, wenn auch wahnhaft, die Wut der kleinen Leute auf "den Bankenfilz" und "die Politiker" auf den Punkt bringt.
Nur zu gut eignet sich sein Fall als Projektionsfläche für alle möglichen Ängste: Opfer falscher Anschuldigungen in einem Rosenkrieg oder versehentlich für verrückt erklärt und weggesperrt zu werden. Antipsychiatrische Affekte sind weit verbreitet, vielen ist die Psychiatrie, zumal die forensische, suspekt, als ginge es dort heute noch zu wie im Film "Einer flog über das Kuckucksnest".
Im "Sperrt sie weg!"-Stück entfaltet sich der Konflikt an ein paar therapierten Suchtkranken. Die Klinik würde sie entlassen, in eine betreute WG in der Stadt. Das Risiko, dass sie schwere Straftaten begehen, ist nach fachlichem Ermessen sehr gering. Die meisten sind Bayreuther Bürger, man kann sie schlecht exportieren. Doch in der Stadt will man sie nicht. Menschen fürchten um ihre Sicherheit und die ihrer Kinder. Eine Initiative kämpft gegen die WG. Sollen sie doch in der Maßregel verschimmeln.
Nüchtern betrachtet ist das eine Theater so plemplem wie das andere. Was Mollath betrifft, so wurde seine Unterbringung von einer Strafvollstreckungskammer regelmäßig überprüft. Es gibt dazu jährliche Stellungnahmen der Klinik und weitere von zwei externen Gutachtern, sie haben nachvollziehbar begründet, weshalb sie Mollath weiterhin für krank und gefährlich halten. Der Generalverdacht, Justiz und Psychiatrie brächten mit Husch-husch-Urteilen und -Gutachten mal so eben Bürger für Jahre in die Maßregel, ist nicht nur falsch, er ist schädlich, weil er das Vertrauen in die Institutionen des Rechtsstaats untergräbt.
Der andere Verdacht, nach dem Justiz und Psychiatrie gefährliche Kranke auf die Allgemeinheit loslassen, ist ebenso abstrus. Ein Blick auf die niedrigen Rückfallraten bei entlassenen Maßregelpatienten belegt, dass die Arbeit dieser Institutionen Vertrauen verdient. Trotzdem vergeht kaum eine Woche ohne Proteste gegen die Eröffnung einer forensischen Ambulanz oder die Ansiedlung entlassener Maßregelpatienten.
Und die Justiz? Manchmal lässt sie sich treiben von den irrationalen Ängsten der Bürger. Sie sorgt dafür, dass die Zahl der Untergebrachten in der Maßregel seit Jahren steigt und die Patienten immer länger bleiben müssen. Man kann davon ausgehen, dass dort jede Menge ehemalige Junkies, Exhibitionisten oder Körperverletzer sitzen, die eine bessere Prognose haben als Gustl Mollath.
Für die könnten die Bürger ja mal Theater machen.
Von Beate Lakotta

DER SPIEGEL 51/2012
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