17.12.2012

BILDUNGHingehen statt abmelden

In Berlin versuchen Eltern, die Flucht der Deutschen aus Schulen mit hohem Migrantenanteil aufzuhalten.
Als sie Grundschuldirektorin in Berlin-Neukölln wurde, konnte Brigitte Unger perfekte Bedingungen aufbauen. Es gab sanierte, helle Räume, es gab motivierte, gutausgebildete Kollegen, Klassen mit höchstens 22 Kindern, individuelle Förderung und ein breites Rahmenprogramm von der Theater AG bis zur Schülerzeitung "Karlchen". Kreide hat an der Karlsgarten-Grundschule ausgedient, weil die Kinder mittels "Smartboards" genannter elektronischer Tafeln unterrichtet werden.
Trotzdem fühlte sich Unger jeden Herbst aufs Neue ernüchtert: wenn sie die Namenslisten jener Vorschulkinder erhielt, die in ihrem Einzugsgebiet wohnen und sich zum nächsten Schuljahr anmelden müssten. "Die Hälfte wird nicht kommen", wusste Unger. Und es war immer die Hälfte mit deutschen Namen. Denn die Karlsgarten-Grundschule liegt in einem sogenannten Brennpunktviertel mit sehr hohem Migrantenanteil.
Einwandererkinder haben es in Deutschland nicht leicht, das haben internationale Vergleichsstudien über die Grundschulbildung vorige Woche erneut bestätigt. Zwar konnten Schüler mit Migrationshintergrund in den vergangenen Jahren deutlich aufholen. Bildungsnahe Eltern sind davon jedoch nicht überzeugt; sie melden ihre Kinder lieber woanders an.
In Berlin hat sich nun eine ebenso kleine wie ungewöhnliche Gegenbewegung entwickelt: Eltern deutscher Herkunft schicken ihre Kinder gezielt auf Schulen mit hohem Migrantenanteil, sie entscheiden sich bewusst für ihren Kiez, um dort die soziale Entmischung zu stoppen. Ist das nun Leichtsinn politisch korrekter Eltern auf Kosten ihrer Kinder - oder ein idealistisches Leuchtturmprojekt?
Tatjana Thierbach kann über diese Frage nur lachen. "Unser Kiez ist besser als sein Ruf", sagt sie. Zusammen mit Sohn Hugo hat sie sich den Unterricht in der Karl-Weise-Schule in Neukölln angesehen und war begeistert: Es gebe gute Lehrer, ein überzeugendes pädagogisches Konzept, lernwillige Kinder. Im Sommer wird Hugo dort eingeschult. "Es ist Unsinn zu glauben, dort werde nur Kanakendeutsch gesprochen", sagt Thierbach: "Man spricht Deutsch."
Die junge Mutter will bewusst beitragen zu Schulen "mit gesunden, interessanten Mischungen". Natürlich kenne sie verwahrloste, bildungsferne Kinder, sagt Tatjana Thierbach, "aber die kommen doch genauso aus der deutschen Wohlstandsschicht." Damit sich Hugo nicht zu einsam fühlt, sollen auch andere Kinder aus deutschen Familien in seine Klasse kommen, zum Beispiel Ylva, seine beste Freundin. Deren Mutter Petra Lafrenz hat die Bewegung "Kiezschule für alle" mit ins Leben gerufen, in der inzwischen 40 Eltern engagiert sind.
Die meisten Erwachsenen und Kinder der Initiative kennen sich schon aus der Kindergartenzeit, der Musikschule oder dem Sportverein. Das erleichtert die Absprache, den Weg in die sogenannte Brennpunkt-Schule dann auch gemeinsam zu gehen.
Denn Herausforderungen gibt es nicht nur für die wenigen deutschstämmigen Kinder pro Klasse, sondern auch für ihre Eltern. Viele von ihnen versuchen, den Unterricht mit eigenen Aktionen zu begleiten. Sie organisieren Töpferkurse, Sport-AGs; vor allem aber gehen sie in Kindergärten und Vereine, um für ihre Kiezschule zu werben und noch mehr Eltern zum Mitmachen zu bringen. "Etliche Vorurteile halten dem Realitätstest nicht stand", sagt Thierbach.
Die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan von der Berliner Humboldt-Universität beklagt ebenfalls ein Zerrbild: "Vielen ist nicht bewusst, dass sich unter Menschen mit Migrationshintergrund längst auch eine bildungshungrige Mittelschicht gebildet hat", sagt sie.
Um Eltern die Angst zu nehmen, dass ihr Kind am Ende die Integrationslast allein tragen soll, setzt die Kiezschulen-Bewegung auf Gruppenanmeldungen. Kinder und Eltern dürfen außerdem schon vor der Einschulung im Unterricht hospitieren und zum Beispiel an Theaterworkshops teilnehmen. So können sie sich vom Sprachniveau der Mitschüler überzeugen und gegenseitig beschnuppern.
Stadtweit hält sich der Erfolg der Initiative zwar noch in Grenzen. Allein der Bezirk Neukölln verliert jedes Jahr 300 deutschstämmige Schüler, weil deren Eltern zur Einschulung ihrer Kinder lieber in bessere Viertel ziehen, Privatschulen bevorzugen oder andere Wege finden, den Brennpunktschulen zu entkommen.
Zumindest an der Karlsgarten-Schule haben sich die Verhältnisse jedoch bereits verändert. Vor vier Jahren wurden dort nur zwei Kinder mit deutschem Vater und deutscher Mutter zum Unterricht angemeldet. In diesem Jahr waren es schon 18 von insgesamt 120 Schülern.
Das Experiment sei gelungen, davon ist Direktorin Unger überzeugt. Dass Migrantenkinder in der Mehrheit sind, habe den deutschstämmigen Schülern nicht geschadet, sagt sie: "Sie entwickeln sich normal."
Von Markus Deggerich

DER SPIEGEL 51/2012
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