17.12.2012

IDOLEBunker für die Galaktischen

Der spanische Stararchitekt Joaquín Torres baut die Villen der Fußballer von Real Madrid. Ein Blick in die Lebenswelt von Cristiano Ronaldo und Sami Khedira.
Der Aston Martin verlässt die reale Welt an der Ausfahrt La Finca, an einem Kreisverkehr. Der Wagen passiert ein Häuschen mit Wachleuten und zwei Schranken. Dahinter beginnt ein Park. Die Buchsbäume sind gestutzt, die Pinien in Reihe gesetzt. Hügel schmiegen sich an Seen. In den Büschen blinken Überwachungskameras. Man sieht keine Spaziergänger, keine Kinder, niemand geht mit dem Hund raus. Es gibt nicht mal Bürgersteige.
Die Fahrt geht weiter auf einer ungeteerten Straße. Cristiano Ronaldos vergitterte Toreinfahrt taucht auf. Real Madrid spielt heute auswärts im spanischen Pokal, Ronaldo ist nicht zu Hause, im Hintergrund steht sein neues Heim aus Travertinstein, ein hellbrauner, länglicher Klotz.
Der Aston Martin beschleunigt etwas und fährt einen Bogen. Vorbei an den Häusern weiterer Real-Stars: Sami Khedira, Iker Casillas, Kaká, Zinédine Zidane, Guti, Míchel Salgado, Sergio Ramos. Viele der Villen sehen exakt gleich aus. Eingeschossig, hellbrauner Stein. Variationen des Ronaldo-Hauses, modern, wuchtig, eine Mischung aus "Miami Vice" und Normandie-Bunker.
Der Wagen hält vor einer Einfahrt. Ein schmaler Mann mit hellen Augen und sehr enger Tom-Ford-Jacke steigt aus. Joaquín Torres ist einer der berühmtesten Architekten Spaniens. Er hat weite Teile der Wohnsiedlung La Finca entworfen, ein Utopia im Nordwesten Madrids. Knapp 150 Häuser hat er hier gebaut, viele für die Fußballer von Real Madrid. "Baumeister des weißen Balletts" wird Torres genannt, oder "Architekt der Galaktischen".
Torres geht ein paar Schritte Richtung Haus, dreht sich etwas unvermittelt um und sagt: "Die Schwierigkeit war, Leute mit Geld davon zu überzeugen, in eine Neubausiedlung zu ziehen. Zudem in baugleiche Häuser, die Millionen kosten."
La Finca war eines dieser vielen Bauvorhaben, mit denen spanische Immobilienentwickler noch bis vor wenigen Jahren das Land zubetonierten. Die Siedlung liegt gut eine halbe Stunde vom Stadtzentrum entfernt. Exklusiv, überteuert und von der Außenwelt abgeschottet.
Fast jeder Winkel in La Finca wird von Kameras und Bewegungsmeldern kontrolliert. Bewaffnete Wachleute patrouillieren die Außenzäune entlang und verscheuchen Paparazzi. Eine begrünte Festung.
Eine Hausangestellte öffnet die Tür. Der Eingangsbereich von Torres' Wohnung ist schmal. Auf einer Kommode stehen Tropfkerzen, die den Boden einsauen. Rechts sieht man einen kleinen verglasten Innenhof, in dem Kieselsteine liegen. 650 Quadratmeter Wohnfläche, für sechs Millionen kann man sie haben.
Torres' erster Fußballer war Fernando Hierro, viele Jahre Madrids Abwehrchef. Hierro engagierte Torres und war zufrieden mit ihm. Anschließend erzählte er Raúl davon. Der baute auch mit Torres. Raúl wiederum sprach mit Zidane und Salgado, die mit Guti, und irgendwann kamen sie alle. Casillas ist erst kürzlich eingezogen. Sogar José Mourinho, der Real-Trainer, wohnt hier, sein Berater, Jorge Mendes, ebenfalls. So etwas wie Fußballer-Geschmack gibt es nicht, sagt Torres. "Die ziehen in meine Häuser, weil der Mannschaftskollege es gemacht hat."
Vom Flur führen ein paar Stufen hinab. "Um das gleich zu klären: Mich interessiert Fußball nicht", sagt Torres. Er hat in seinem Leben ein einziges Spiel gesehen, das Champions-League-Finale 2002 in Glasgow, Madrid gewann gegen Leverkusen, Torres telefonierte die meiste Zeit. Für ihn ist Raúl einfach nur ein Typ, "der sich null für die Arbeit eines Architekten interessiert". Von Zidane hat er in Erinnerung behalten, dass der den Preis drücken wollte, "weil er dachte, dass ein Architekt, der Zidanes Haus baut, berühmt wird", sagt Torres. Und Ronaldo ist für Torres "ein netter Junge, der nicht versteht, dass man bei tausend Quadratmeter Wohnfläche Personal braucht". Gut kommt er mit Khedira klar. Der Deutsche sei ein schweigsamer Typ. Torres hat ihm mal sein Haus geliehen, als Khedira mit seiner Freundin halbnackt für "GQ Deutschland" posiert hat.
Torres zieht sein Jackett glatt und betritt den Hauptraum, einen braungestrichenen Saal mit fünf Meter hohen Decken. Gleich daneben ist das Esszimmer. An den Wänden hängt moderne Kunst. Der Boden ist aus hellem Stein. Die Räume sind großzügig, hundert Quadratmeter vielleicht. Durch die breiten Fenster erkennt man den Pool und ein Stück Garten, den sich Torres mit Reals Stürmer Karim Benzema teilt. Links vom Wohnzimmer geht der Privatbereich ab, rechts die Küche und die Zimmer für die Angestellten.
Torres setzt sich auf eine lange, helle Couch. "Ich mache ja nicht nur die Häuser, meistens entwerfe ich auch gleich die passenden Möbel."
Wenn man wissen möchte, wie es bei Ronaldo, Raúl oder Sergio Ramos privat aussieht, muss man sich bei Torres umsehen. Er verkauft den Spielern nicht nur identische Häuser, er richtet sie ihnen auch noch gleich ein. Sie kaufen fast alle bei ihm.
Torres' Design-Stil ist nicht leicht zu beschreiben. In einer der Ecken des Zimmers stehen große silberne Kugeln ohne Funktion. Daneben ein riesiger antiker Tonkrug aus dem 16. Jahrhundert. Auf einem Regal sind kubistische Vasen aufgereiht, die einem Hochhausprojekt in Dubai nachempfunden sind. Daneben eine Skulptur aus Plastikhänden. Vieles davon sind Torres-Entwürfe. Er mag großflächige Sitzgarnituren, gigantomanische Glastische, Leuchter aus Muranoglas, Objekte aus lackiertem Blech. Alles ist schwer, wuchtig und glänzt.
Die meisten Spieler, sagt Torres, seien dankbar für das Angebot, die Möbel gleich mitzuliefern. Und nicht nur die Möbel. Im Grunde brauchen sie alles. "Bei Bedarf kriegen sie sogar das Handtuch auf den Halter gelegt."
Es ist wahrscheinlich nicht einfach, mit Mitte zwanzig 700, 800 oder, wie bei Ronaldo, 1400 Quadratmeter mit eigenen Sachen vollzustellen. Am Ende ist man vielleicht froh, wenn jemand ein paar riesige silberne Kugeln besorgt, die wenigstens eine Ecke halbwegs füllen.
Torres geht zum Hauptschlafzimmer. Auch das ist riesig. Über dem enormen Bett hängt ein abstraktes Bild, das ein Frauengesicht andeutet. An den Wänden stehen etwas verloren zwei Designer-Stühle, in denen vermutlich noch nie jemand gesessen hat. Bei Schafzimmern gebe es sehr unterschiedliche Wünsche, sagt Torres. Ronaldo etwa habe ein rundes Bett und Spiegel an der Decke.
Die Presse in Spanien liebt Torres. Er sagt beispielsweise, dass viele Fußballer nur "an Autos, Uhren und Ficken" dächten. Seine Architektenkollegen verabscheuen Torres. Sie werfen ihm profane Porno-Architektur vor. Neureichenträume aus Stein und Glas.
Joaquín Torres ist ein brillanter Verkäufer, der sehr selbstbewusst auftritt und gute Startbedingungen hatte. Sein Vater hat 1997 zusammen mit dem heutigen Real-Präsidenten Florentino Pérez den
Baukonzern ACS gegründet. Vor knapp zwei Jahren kaufte das Unternehmen durch eine feindliche Übernahme Hochtief. Torres wuchs in einer der reichsten Familien Spaniens auf. Er studierte kurze Zeit an der privaten Universität von Navarra, einer christlichen Eliteeinrichtung des Opus Dei. Torres, der ein eher flamboyantes Auftreten hat, tat sich nicht nur mit dem Pflichtfach Theologie schwer. Er wechselte später an eine öffentliche Uni in Galicien. Zu den Vorlesungen kam er im Porsche.
Mit Mitte zwanzig beauftragte ihn sein Vater, zu dem er immer ein schwieriges Verhältnis hatte, den neuen Familiensitz zu bauen. Es gab keine Limits, nur die Gewissheit, dass man im Zweifel eben noch mal baut, wenn es beim ersten Versuch nichts wird. Heraus kam ein moderner 2500-Quadratmeter-Palast, den David Beckham sofort kaufen wollte, als er ihn zum ersten Mal sah.
Das Haus ähnelt den Gebäuden in La Finca, es steht jedoch für sich allein in einer Waldsiedlung und gewinnt dadurch enorm. Es ist das beste Haus, das Torres je gebaut hat. Er führt noch heute wichtige Verkaufsgespräche dort, umgeben von Picassos, Tàpies und Möbelklassikern.
"Ich weiß nicht, warum sich das mit den Fußballern so entwickelt hat. Vielleicht bin ich der Erste, der sie normal behandelt", sagt Torres. Auf jeden Fall ist er jemand, der mehr Geld hat als sie.
Für Torres arbeiten derzeit 100 Architekten, er hat Büros in Dubai, Vietnam und Brasilien. Seine Hände sind manikürt, morgens weckt ihn ein Personal Trainer, in seiner Garage stehen Sportwagen, Oldtimer und Limousinen. Er ist ein kluger Mann. Ihn langweilen Fußballer. Ihn langweilen auch die ständigen Fragen, zum Beispiel, wie viel Kaká für sein Haus bezahlt habe. 7,2 Millionen. Oder was Mourinho für Miete ausgebe: 20 000 Euro kalt für 1400 Quadratmeter. Eigentlich langweilt ihn auch La Finca. Sein neues Projekt sind günstige Fertighäuser in modernem Design.
Torres geht in den Garten und schaut von seiner Hofeinfahrt nach Süden. Sein Haus befindet sich am Rand der Siedlung. Der Verkehrslärm der realen Welt weht herüber. Seit einiger Zeit überlegt er, von hier wegzuziehen.
(*) Mit Freundin Irina Shayk 2011 in Madrid.
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 51/2012
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