17.12.2012

DIGITALKULTUR

Magmacreme aus Lohenstaub

Von Scriba, Jürgen

7000 Fans von "Minecraft" kamen im Pariser Disneyland zusammen. Sie feierten eines der beliebtesten Computerspiele, dessen Reiz in seiner Schlichtheit liegt.

Am Anfang war der Block. Und der Block maß 16 Pixel in alle Richtungen. Und Notch machte 256 Arten von Blöcken, feste und flüssige. Und er nannte die festen Blöcke Erde, Sand, Gestein, Kies und Kohle, die flüssigen Wasser und Lava. Über den Himmel ließ er eckige Wolken ziehen und auf der Erde eckige Bäume wachsen. Und Notch sah, dass es gut war.

Als "Höhlenspiel Tech-Test" stellte der damals nur anderen Spieleentwicklern bekannte Programmierer im Mai 2009 eine kurze Videosequenz ins Netz. Wer mochte, konnte Woche für Woche aktuelle Weiterentwicklungen herunterladen und über Datenstrukturen fachsimpeln. "Heute nur ein kleines Update, muss mal schlafen", ließ Notch zuweilen verlauten.

Was aus dem Projekt "Minecraft" werden würde, hätte sich Notch, 33, dessen bürgerlicher Name Markus Persson lautet, wohl kaum vorstellen können. Als der Schwede zu einem Treffen ins Disneyland Paris einlud, waren die 7000 Tickets innerhalb von Stunden ausverkauft. Unter den Fans, die am letzten Novemberwochenende zusammenströmten, sind die Hacker und Frickler in die Minderheit geraten: Achtjährige ließen auf der Minecon 2012 ihre Eltern stundenlang an den Fanartikel-Verkaufsständen anstehen. Volljährige jagten unterdessen Autogrammen von Entwicklern und prominenten Spielern hinterher. In einer Mischung aus Techno-Party und Kirchentag feierte sich die Spielergemeinde.

Mit rund 18 Millionen verkauften Spielen läuft das auf den ersten Blick simple Konstrukt etablierten Spieleplattformen wie "World of Warcraft" den Rang ab. Allein die Version für Microsofts Xbox 360 wurde seit ihrem Erscheinen im Mai viereinhalb Millionen Mal verkauft.

"Ich weiß auch nicht mehr so genau, was mich damals fasziniert hat", meint Daniel, 22. Der Informatikstudent aus Aachen zählte zu den Usern der ersten Alphaversionen. "Damals konnte man kaum etwas machen, außer im Spiel herumzulaufen. Aber irgendwie war es mal ganz was anderes."

Persson feilte an einem Weltgenerator: Aus den Grundblöcken setzt mathematisch gesteuerter Pseudozufall das Gelände zusammen. Dank der groben Struktur kann selbst simple Hardware Perspektive und Beleuchtungseffekte in Echtzeit berechnen.

Alle paar Wochen ließ Notch die Tester über die nächsten Features abstimmen. Dann erfüllte er die Wünsche nach Urwald, Wüste und Schneelandschaft. Die Flora umfasste bald verschiedene Typen von Bäumen und Blümchen. Die Evolution der Fauna brachte Schweine, Hühner und Wölfe hervor.

Schon einen Monat nachdem er seine erste Protowelt vorgestellt hatte, verkündete Persson: Wer jetzt für seinen Account einen bescheidenen Obolus entrichte, werde später auch das fertige Spiel erhalten - und das Erstaunliche geschah: Die ersten Zuschauer zückten ihre Kreditkarte.

Erst Anfang 2010 nahm jenes Feature Gestalt an, das dem Spiel Sinn und Namen gibt: das "Crafting" (zu Deutsch: Basteln). Es ermöglicht der Spielfigur, aus den Rohstoffen der virtuellen Welt Werkzeuge zu fertigen, mit denen sie den Pixelplaneten umgestalten kann. Die Holzeinheiten gerodeter Bäume lassen sich in "Bretter" und "Stöcke" verwandeln. Durch korrekte Anordnung auf einer "Werkbank" entstehen einfache Werkzeuge wie Hacke oder Schaufel, mit denen ihr Besitzer ins Erdreich vorstoßen kann. Dort entdeckt er Adern von Kohle, verschiedenen Erzen und Edelsteinen, die ihm die Vervollkommnung seines Arsenals ermöglichen, bis hin zur robusten Diamantspitzhacke.

Der Minenarbeiter muss den virtuellen Hungertod durch das Erlegen von kubistischen Kühen und anderen Kastentieren abwenden und sich ein Heim errichten. Dabei ist Eile geboten, denn im Zehn-Minuten-Takt wechseln bei "Minecraft" Tag und Nacht. Im Schutze der Finsternis schleichen sich stöhnende Zombies, mit Pfeil und Bogen bewaffnete Skelette, tödliche Giftspinnen und explosive grüne "Creeper" heran. Bevor die quadratische Sonne unter- und der ebenso quadratische Mond aufgeht, sollte man sich also einen ersten Unterschlupf gebaut haben und in den folgenden Tagen Schwert und Rüstung schmieden.

Was bei etablierten Software-Firmen Hunderte Mitarbeiter erfordert, erledigten die Spieler hier in ehrenamtlicher Selbsthilfe: Sie fertigten Videos mit "Minecraft"-Strategietipps. Durchblicker starteten ein eigenes Wiki zur Erklärung der immer komplexer werdenden Spielabläufe. 200 Crafting-Rezepte listet das vielsprachige Nachschlagewerk inzwischen für Werkzeuge von der Axt bis zur Karottenrute ("zum Steuern eines berittenen Schweins") auf. Zahlreiche "Tränke" verleihen der Spielfigur besondere Fähigkeiten. Sie zu brauen erfordert diverse Zutaten wie Magmacreme aus Lohenstaub und Schleimball.

Der Schöpfer fand nie Zeit, seine Jünger über solche Feinheiten aufzuklären. "Die haben das wohl durch Rumprobieren herausbekommen", vermutet Notch, "und manche werden den Programmcode analysiert haben."

Rege wird auch "Minecraft"-Exegese betrieben: Unter Tage schlummern Reste von Minenschächten, in denen wohl Altvordere Gleise und Loren zurückgelassen haben. Welche untergegangene Zivilisation schuf die verstaubten Bibliotheken, deren magische Bücher in der richtigen Anordnung Schwerter schärfen? Welchem finsteren Zweck dienten die vergitterten Verliese, die der Besucher im Fackelschein erkundet?

"Keine Ahnung", meint Notch. "Ich wollte nur eine bestimmte Stimmung erzeugen. Der Rest ist der Phantasie des Betrachters überlassen."

Das mag die hypnotische Anziehungskraft erklären, die das Projekt rasch entwickelte. Als der Stand von Perssons PayPal-Konto im Spätsommer 2010 auf die erste Million Euro zustrebte, sperrte ihm der Bezahldienst den Zugang wegen "verdächtiger Transaktionen". Da hatte er gerade seine anderen Jobs hingeschmissen und suchte Mitarbeiter für seine eigene Firma Mojang.

Irgendwann überwand das "Minecraft"-Virus die Artengrenze zwischen Techies und der Normalbevölkerung. Rund neun Millionen Videos listet YouTube inzwischen zu dem Stichwort. Stolze Baumeister präsentieren Ritterburgen und Raumschiffe oder Nachbauten des Berliner Reichstags oder detailgetreue Großflughäfen. Die aufwendigen Musikvideos von "CaptainSparklez", in denen Klotzköpfe die Rollen von Weltstars wie Usher oder Coldplay übernehmen, sind teilweise beliebter als die Originale.

Zwar gibt es mittlerweile auch ein fieses Obermonster, das erst nach dem Sammeln diverser schwer aufzutreibender Utensilien zu besiegen ist, aber das eigentliche Ziel von "Minecraft" bleibt das Spielen an sich. Wenn man der Konvention folgt, dass ein "Minecraft"-Block einen Meter misst, dann könnte ein Spieler, der unermüdlich im Gelände herumläuft, ein Gebiet von etwa der achtfachen Oberfläche der realen Erde errechnen lassen. "Außer mir hat den Rand einer Welt vermutlich noch niemand gesehen", sagt Notch und verrät: "Da ist einfach nur eine Klippe, wo alles endet."

Trotzdem ranken sich Legenden um die "Far Lands". Als Forschungsreisender hat sich besonders "kurtjmac" hervorgetan. Er dokumentiert seine Wanderung an den Weltrand in YouTube-Videos und nutzt die Gelegenheit, seine Zuschauer zu Spenden für "Child's Play" aufzurufen. Die Organisation versorgt Kinder in Krankenhäusern mit Konsolen und anderem Spielzeug. Rund 90 000 Dollar sind nach Angaben kurtjmacs schon geflossen.

Auch wenn Mojang jetzt eine echte Firma ist, bleibt die Definition ihres Hauptprodukts diffus. Seit den frühen Tagen hat sich eine rege Szene von "Mod"-Erfindern etabliert, die auf eigene Faust am Programmcode herumstricken. Ihre Modifikationen bereichern die "Minecraft"-Welt um Hightech-Gimmicks wie Raketenrucksäcke oder exotische Tiere.

Das "Minecraft"-Programm kostet derzeit 19,95 Euro, aber die Server-Software ist nach wie vor umsonst. Nicht zu überblicken ist folglich die Menge der Rechner, auf denen sich Gleichgesinnte zum gemeinsamen Buddeln und Basteln versammeln. Schulfreunde treffen sich nachmittags auf dem spontan in der Kleingruppe vernetzten Heimrechner, doch ultimatives Prestige verleiht die Herrschaft über eine öffentlich zugängliche Welt.

Hier kann die Kaste der privilegierten Administratoren Baugrundstücke an das gemeine Volk verteilen. Sie formulieren Satzungen, die an die Regeln von Schrebergärten gemahnen. Größere Bauvorhaben sind meist genehmigungspflichtig. Auf dem minecraft.de-Server stellen Mitglieder gern "Betreten auf eigene Gefahr"-Schildchen auf, wenn sie etwa eine Grube ausheben, in der Unerfahrene prompt zugrunde gehen. "Das Zurücklassen fliegender Baumkronen, zerstörter Berge oder sandloser Strände wird geahndet", droht der Betreiber.

Für Freunde blutiger Egoshooter gibt es Nachbauten bekannter Ballerspiele. Andernorts finden stündlich Wettkämpfe im Stil der aus Roman und Film bekannten Hunger Games statt. Kenner bauen Industrieanlagen und goutieren die Videos von "Redled72", der im Duktus eines Volkshochschuldozenten erläutert, wie er dank ausgeklügelter Steuerung seine Atomreaktoren vor der Kernschmelze schützt.

Notch hat sich vergangenes Jahr aus der aktiven "Minecraft"-Programmierung zurückgezogen und ein vierköpfiges Kernteam eingesetzt, das alle Hände voll zu tun hat, um die zahlreichen Baustellen im Programm zu beackern.

Das finnisch-amerikanische Start-up TeacherGaming entwickelt spezielle Erweiterungen, mit denen auch weniger technikaffine Lehrkräfte maßgeschneiderte Welten erstellen können, in denen zum Beispiel Geometrie und Kartografie geübt werden.

Der Schotte Stephen Reid bringt Lehrern bei, wie sie Schülern in der Spielewelt sogar trockene Themen wie die Wahrscheinlichkeitsrechnung experimentell nahebringen können. In seinen "Minecraft"-Stunden legen Kinder Farmen an und analysieren die Transportwege der Nahrungsmittel in weit entfernte Städte.

So manches verblüffte Elternteil ertappt allerdings seinen zehnjährigen Sprössling, der gerade noch beschauliche Blockhütten und Kuhställe errichtete, dabei, wie er Kommandos in sein Skype-Headset ruft: "Alter, Scheiße, ich bin gleich tot, gib mir 'ne Axt - los, gib mir 'ne Axt!"


DER SPIEGEL 51/2012
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