22.12.2012

Die Erfinder Gottes

Psychologen und Anthropologen ergründen, warum der Mensch an höhere Mächte glaubt. Ohne Gottesfurcht hätte der Aufstieg der Zivilisationen kaum begonnen - je strenger eine Religion ist, desto besser setzt sie sich durch.
Einzeln und der Reihe nach betraten 68 Kinder ein Zimmer an der Universität von Belfast. Dort wartete eine Versuchung auf sie, der nur Heilige widerstanden hätten.
Ein kleiner Wettkampf war vorbereitet. Mit Klettbällen sollten die Kinder auf eine Zielscheibe an der Wand werfen. Ein freundlicher Mann erklärte die Regeln. Dann verließ er unter einem Vorwand den Raum. Er komme gleich wieder, sagte er.
Natürlich wurden die meisten Kinder schwach. Kaum war die Tür zu und der Aufseher weg, liefen sie zur Zielscheibe, um ihre Bälle anzuheften - ein wenig vom Mittelpunkt entfernt, damit es nicht auffiel.
Aber würden die Kleinen auch so unbekümmert schwindeln in Gegenwart eines Geistes?
Das war es, was der Psychologe Jesse Bering mit seinem Experiment herausfinden wollte. Eine zweite Gruppe Kinder trat deshalb unter übernatürlich verschärften Bedingungen an: Eine unsichtbare "Prinzessin Alice", so erfuhren sie, sitze im Raum, hier auf dem leeren Stuhl. Sie sehe alles. Und das Wunder geschah: Unter den Augen der Prinzessin wurden viele Kinder fromm, ab sofort warfen sie nach den Regeln.
Aber nicht alle. Es gab auch Zweifler. Mit Geistern könne man sie nicht mehr einschüchtern, hatten sie zuvor behauptet. Doch dann, allein im Zimmer mit dem leeren Stuhl, sank den meisten Ungläubigen der Mut. Rasch wedelten sie mit der Hand über die Sitzfläche, man weiß ja nie. Erst dann wagten sie zu schummeln.
Im Nebenzimmer saßen glucksend und vergnügt die Eltern mit den Forschern. Über eine Kamera konnten sie zusehen, wie die Kleinen mit guten Geistern und bösen Anfechtungen kämpften.
Der Psychologe Bering findet stets neue Belege dafür, wie natürlich den Kindern das Übernatürliche erscheint. Die Anfälligkeit dafür müsse im Erbgut stecken, vermutet er: "Wir tragen eine Art versteckte Kamera in uns, die uns an selbstsüchtigem Verhalten hindert." Die Evolution habe den Glauben an höhere Wesen hervorgebracht, weil er von Vorteil gewesen sei, sagt Bering. Er nennt die Religion eine "nützliche Illusion".
In der Tat ist der Mensch das einzige Wesen, das sich von ausgedachten Prinzessinnen beaufsichtigen lässt - eine kleine Schwäche mit großen Folgen. Das stellen auch andere Forscher mit Staunen fest. Neue Befunde zeigen, wie segensreich die übernatürliche Kontrolle wirken kann: Sie macht die Gläubigen umgänglich und lenkbar, hilfsbereit gegenüber Fremden und tauglich für die Arbeit in großen Gruppen - lauter Bausteine für eine zivilisierte Gesellschaft.
Die Forschung nach dem Ursprung der Religiosität kam in den vergangenen Jahren mit großen Schritten voran. Viele Fachrichtungen arbeiten zusammen: Archäologen ergründen, warum die Jäger und Sammler der Steinzeit anfingen, riesige Tempelanlagen zu bauen. Psychologen testen, wie der Glaube den Menschen sozial und friedfertig stimmt. Und Anthropologen sammeln Belege dafür, wie strenge, anspruchsvolle Religionen seit gut 11 000 Jahren den Aufstieg der Zivilisationen fördern.
Die Frage ist: Hätte der Mensch ohne wachsame Gottheiten überhaupt aus der Steinzeit herausgefunden? Und wie steht es heute um ihn? Könnte er je ganz ohne himmlische Direktiven auskommen?
Es hapert womöglich schon bei der Vermehrung. Die Ungläubigen und Gleichgültigen mögen sich überlegen dünken, aber mit Nachwuchs tun sie sich schwer. Die Frommen haben weltweit viel mehr Kinder, wie die Statistik belegt. Der Zweifel an Gott, so scheint es, ist zumindest biologisch nicht sehr produktiv: Er dezimiert sich laufend selbst.
Die Religionen dagegen - oft genug abgeschrieben - scheinen vitaler denn je. Erstmals zeichnet sich nun eine rundum einleuchtende Lösung ab für das Rätsel ihres Erfolgs.
Zwei Fragen vor allem gaben der Forschung zu denken. Erstens: Wie kann es sein, dass Milliarden Menschen unerschrocken an Dinge glauben, für die es keinerlei Belege gibt? Und zweitens: Warum opfern so viele Gläubige dafür auch noch ihre Zeit, ihr Geld, ihre Freiheit und manchmal sogar ihr Leben?
Normalerweise investiert die Menschheit nicht viele Jahrtausende lang in Dinge, die ihr nichts nützen. Wofür also sind die Religionen gut?
Nach der Antwort graben Archäologen auf einem unscheinbaren Hügel in der Türkei. Dort, so scheint es, haben sich vor vielen tausend Jahren die Urahnen der Prinzessin Alice unter den Menschen niedergelassen.
Im Vorland des Taurusgebirges liegt der Göbekli Tepe, der Bauchige Hügel. Die Ausgräber legen dort nach und nach ein uraltes Heiligtum frei: Auf einer sanft ansteigenden Flanke standen hier einst mehr als 200 steinere Säulen: gewaltige T-Pfeiler, bis zu sechs Meter hoch. Sie stellen wohl menschenartige Wesen dar, ohne Gesichter, abstrakt wie Zeichen. Arme und Hände, Gürtel und Lendenschurze sind zu erkennen. Aufgestellt in gut 20 Kreisen, guckten die Riesen einander an. Der Bau entstand vor mehr als 11 000 Jahren. Von ein paar Steinhaufen und schlichten Hütten abgesehen, hatte die Menschheit bis dahin noch gar nichts gebaut. Und dann stellte sie gleich eine Versammlung von Pfeilern hin, ein jeder bis zu 20 Tonnen schwer!
In der Gegend lebten damals noch Jäger und Sammler, die in versprengten Horden durchs weite Land streiften. Für eine solche Großbaustelle müssen immer wieder Hunderte, ja Tausende von weit her zusammengeströmt sein, und das wohl über Jahrzehnte hinweg. Warum opferten sie so viel Kraft und Zeit für ein Riesenwerk ohne erkennbaren Nutzen?
Es muss eine Bauleitung gegeben haben, der die Gewerke unterstellt waren: Steineklopfer spalteten die Pfeiler aus dem Fels, Logistiker organisierten den Transport, eigens geschulte Künstlertalente metzten feine Reliefs in die Rohlinge. "Wir sehen hier ein frühes Zeugnis von überraschend weit fortgeschrittener Arbeitsteilung", sagt der Berliner Archäologe Klaus Schmidt, der die Ausgrabungen am Göbekli Tepe leitet.
Am Tempelbau also lernten die Jäger und Sammler, im Großmaßstab zu kooperieren. Dabei mag geholfen haben, dass sie nach der Arbeit tüchtig tafelten zu Ehren ihrer uns unbekannten Gottheiten. Die Ausgräber fanden Überreste von Festmahlen, darunter Unmengen aufgeknackter Knochen von Gazellen, Wildeseln und Auerochsen. "Das dürften riesige Gelage gewesen sein", sagt Schmidt.
Es gab wohl sogar schon Bier auf dem Bau. Jüngst untersuchten die Forscher eine Art Küche mit Wannen aus Kalkstein. Rückstände deuten darauf hin, dass die Bauarbeiter in diesen Bottichen eine Pampe aus wildem Emmer oder Einkorn zu saurem Urbier vergoren.
Die Archäologen vermuten, dass die Gläubigen nur zeitweise zusammenkamen, jeweils für ein paar Tage. Erst klopften sie Steine, dann wurde gefeiert - ein steinzeitliches Event im Zeichen von Göttern, Gelagen und Getreidesaft. Vielleicht liegt hier sogar die Antwort auf die Frage, warum der Mensch das ungebundene Jägerleben aufgab, um als Bauer im Getreidefeld zu rackern: Gut möglich, dass der Lockreiz von reichlich Messbier den Ausschlag gab.
Auch für den Religionsforscher Ara Norenzayan im kanadischen Vancouver ist der Göbekli Tepe ein besonderer Ort. Er sieht im Pfeilermonument den Schlüssel zum Aufstieg der Zivilisationen. "Hier liegt die Antwort auf eine Hauptfrage der Geschichte", sagt er. "Wie haben die Menschen gelernt, in großer Zahl zusammenzuarbeiten?"
In kleinen Gruppen ist das noch kein Problem. Die Leute kennen sich, viele sind miteinander verwandt. Sie rackern sich ab füreinander, denn sie können darauf zählen, es irgendwann entgolten zu bekommen. Mit wachsender Größe aber wird jedes Gemeinwesen unüberschaubar. Schnorrer können sich breitmachen, die von der Arbeit anderer profitieren, aber selbst nichts beisteuern. Früher oder später nimmt die Kleingeisterei überhand, es droht der Zusammenbruch.
Die Pfeilerwesen am Göbekli Tepe sind der erste Beweis, dass in großen Gruppen Großes gelingen kann. Warum gelang es? "Die Menschen dort haben sich unter die Aufsicht gemeinsam verehrter Gottheiten gestellt", sagt Norenzayan. Das war, so glaubt er, der entscheidende Kick für eine neue Arbeitsmoral.
Sein Fach ist die Sozialpsychologie, er ist Professor an der University of British Columbia. Dort testet der Forscher mit Experimenten, wie die Religion auf das Handeln wirkt. "Wir können zeigen", sagt er, "dass ein gemeinsamer Glaube die Zusammenarbeit deutlich erleichtert."
Hat sich also der Mensch die Aufsichtsorgane, die er benötigte, einfach selbst ausgedacht?
Sicherlich förderte auch die gemeinsame Arbeit an den Pfeilerriesen den Zusammenhalt: Wer hier für die Gottheiten schuftete, bewies ehrliches Interesse am Gemeinwohl. Glaube und Arbeit verstärkten sich also wechselseitig. Auch der letzte Zweifler musste anerkennen, welch mächtiges Monument da entstand. Für Schmarotzer dagegen war Göbekli Tepe keine gute Adresse: viel zu viel Maloche für ein paar Tage Völlerei.
Das war der Durchbruch. Der Glaube machte den Weg frei für das Wachstum des Gemeinwesens - auf seiner Grundlage konnten Fremde Vertrauen zueinander fassen. Und bis heute ist das sein Hauptnutzen, glaubt Norenzayan. Alle Religionen, die etwas geworden sind, funktionieren so: als soziale Plattform für wachsende, aufstrebende Gruppen.
Jahrtausende nach Göbekli Tepe etwa übernahmen die Religionen eine wichtige Rolle im aufkommenden Fernhandel. Das war damals ein potentiell ruinöses Wagnis. Wer Güter auf lange Wege schickte, musste Dutzenden Menschen entlang der Handelskette vertrauen, gegen die er im Zweifel wenig in der Hand gehabt hätte. "Die Geschichte kennt viele Beispiele dafür", sagt Norenzayan, "wie ein gemeinsamer Glaube den Weg bahnte."
Der Islam zum Beispiel verbreitete sich in Afrika vor allem entlang der Handelsrouten. Wer am Austausch mit den muslimischen Händlern teilhaben wollte, tat gut daran, selbst Muslim zu werden - unter Geschäftsleuten regelt sich vieles leichter, wenn jeder glaubt, dass Gott den Betrüger straft. Zu den ersten Bekehrten zählten Kaufleute im Sudan, denen der neue Glaube den Zugang zum lukrativen Handelsnetz eröffnete.
Besonders imposant führten armenische Seidenhändler die Macht der Religion vor. Im frühen 17. Jahrhundert belieferten sie von Persien aus die halbe Welt mit kostbarer Rohseide. Sie kontrollierten ein Handelsnetz, das sich von Amsterdam und London bis nach China und bis zu den Philippinen erstreckte (siehe Grafik). Mit ihrer Fracht überquerten die Seidenhändler die Grenzen mehrerer Kolonialreiche. Als Stützpunkte dienten die weitverstreuten Gemeinden der Glaubensgenossen in der armenischen Diaspora. Dort saßen Subunternehmer, die im Auftrag der Zentrale die Geschäfte vor Ort besorgten.
Für die moralische Zucht im Handelsimperium sorgte die Armenische Apostolische Kirche in Julfa, einem Vorort der persischen Hauptstadt Isfahan. An den Knotenpunkten der Routen hatte sie Filialkirchen errichtet und mit Bischöfen besetzt. Kuriere eilten zwischen dem Zentrum und der Diaspora hin und her, im Gepäck nicht nur Akten und Geschäftsbriefe, sondern auch die neuesten Enzykliken der geistlichen Oberhäupter und die Geldsäckel mit den Kirchensteuern.
Ein virtuelles Reich ohne Land hatten sich die Großmeister des Fernhandels da geschaffen, eine globale Organisation, die fast drei Jahrhunderte lang hielt - und das ohne eine weltliche Macht, die über Recht und Verträge hätte wachen können.
Die übernatürliche Aufsicht genügte.
Erst unter Aufsicht wird der Mensch kooperativ; viele psychologische Experimente belegen das. Solange er sich anonym wähnt, geht der Eigennutz vor. "Man muss den Leuten nur eine Sonnenbrille aufsetzen, und sie verhalten sich egoistischer", sagt Norenzayan. Umgekehrt fördert schon das vage Gefühl, unter Beobachtung zu stehen, die Tugend: Das schematische Bild eines Augenpaars über einer Trinkgeldkasse erhöht nachweislich die Gebefreude.
Nicht umsonst also schwebt der Christengott seit Jahrhunderten als allsehendes Auge über dem irdischen Treiben. In zahllosen Kirchen späht er von oben auf die Gläubigen hernieder, meist als Dreieck dargestellt, aus dem gleißende Lichtstrahlen hervorbrechen. Das allsehende Auge Gottes mit seinem Röntgenblick war das vielleicht wirkmächtigste Logo in der PR-Geschichte.
Der Trick mit Prinzessin Alice funktioniert nicht nur bei Kindern. Die Großen unterstellen sich nicht minder bereitwillig einer fiktiven Aufsicht, im Gegenteil: Bei ihnen kann schon die bloße Erinnerung an höhere Mächte kleine Wunder wirken.
Das hat der Psychologe Norenzayan mit dem sogenannten Diktator-Spiel ermittelt. Die Teilnehmer bekommen dabei ein wenig Geld, und es liegt an ihnen, wie viel sie davon einem unbekannten Mitspieler abgeben. Naturgemäß behalten die meisten alles für sich. Werden die Probanden jedoch zuvor beiläufig mit Wörtern wie "göttlich" oder "Geist" beschäftigt, steigt der durchschnittliche Spendensatz um mehr als das Doppelte. Die Mehrzahl gibt dann brav die Hälfte ab - und das gilt für gläubige und ungläubige Menschen gleichermaßen.
Aber sollten die Gläubigen nicht auch ohne Aufsicht irgendwie bessere Menschen sein? Wenn man sie selbst fragt: klar. Sie schätzen sich in Umfragen als barmherziger, spendabler und selbstloser ein als der Durchschnitt. "Doch wer das im Experiment nachprüft", sagt Norenzayan, "findet davon keine Spur."
Entscheidend ist also doch wohl die Kontrolle von ganz oben. Immerhin: Solange sie funktioniert, fördert sie ein gedeihliches Sozialleben. Das belegt auch ein anderes, etwas vertracktes Experiment, bei dem es darauf ankommt, inwieweit die Teilnehmer anonymen Mitspielern vertrauen. Und siehe da, sie zeigen sich viel kooperativer, wenn sie es mit einem Partner gleichen Glaubens zu tun haben. Unter Fundamentalisten ist dieser Effekt noch deutlich stärker.
Das ist, seit Göbekli Tepe, der Sinn der Religion: Sie schafft eine Basis, auf der Fremde gut miteinander auskommen.
Nur eine Fraktion entzieht sich gänzlich: die Atheisten. Und sie müssen dafür bezahlen. "In mehrheitlich religiösen Gesellschaften", sagt Norenzayan, "sind Atheisten immer diejenige Gruppe, der die Leute am wenigsten vertrauen."
In den USA zum Beispiel wird wohl so bald kein Atheist zum Präsidenten gewählt werden. Wie eine Gallup-Umfrage ergab, hätten sogar zweimal geschiedene oder offen homosexuelle Kandidaten bessere Aussichten. Amerikanische Eltern würden als Partner für ihre Kinder eher noch Muslime akzeptieren - diese stellen wenigstens nicht die Grundfesten der religiösen Gemeinschaft in Frage.
Atheisten sind ansteckend in ihrer Zweifelsucht, und sie fürchten keinen strafenden Gott. Mehr noch, sie finden es ulkig, dass die anderen so unermüdlich in ihren Aberglauben investieren. Warum müssen die Gläubigen auch noch für Kirchen und Tempel zahlen und Lebensjahre mit Gebeten vergeuden?
Atheisten verstehen nicht, warum Religionen anstrengend und teuer sind. Sie sehen nur die gigantische Verschwendung von Zeit und Energie. Doch seit am Göbekli Tepe Scharen von Steinzeitjägern gut 200 sinnlose Riesenpfeiler aus dem Fels hämmerten, ist klar: Den Gläubigen sind ihre Rituale und Symbole gerade deswegen heilig - weil sie verschwendet sind.
Scheinbar ruinöses Verhalten kommt auch unter Tieren vor. Thomson-Gazellen zum Beispiel springen oft meterhoch in die Luft, wenn Wildhunde oder Hyänen hinter ihnen her sind. Das erscheint nicht sehr klug. Wer würde sich auf der Flucht vor hungrigen Räubern noch extra mit Angebereien verausgaben? Aber in der Akrobatik der Gazelle steckt ein präzises Kalkül. Sie zeigt damit an, wie gesund und fluchtstark sie ist. Und die Verfolger, die ihrerseits keine vergebliche Hetzjagd schätzen, suchen sich schwächere Tiere. So haben beide Parteien ihren Nutzen.
Die Verhaltensforschung spricht in solchen Fällen von "ehrlichen Signalen": Sie gaukeln nicht etwas vor, sie beweisen es. Der milde Wahnsinn der Verliebten ist auch ein solches Signal; es garantiert die Echtheit des Gefühls - so wie das Zungenreden in einem ekstatischen Gottesdienst für die ungefälschte Hingabe an Gott steht.
Ehrliche Signale sendet aber auch aus, wer seinem Sohn die Vorhaut abschneiden lässt und das Geschrei des Kindes erträgt. Initiationsriten sind oft schmerzhaft und fast immer öffentlich. So kann jeder sich überzeugen, wie viel das Mitglied bereit ist, um der Gemeinschaft willen zu dulden oder zuzufügen.
Religionen haben eine schier endlose Fülle von Prozeduren hervorgebracht, die weh tun, Opfermut verlangen oder einfach nur lästig sind: Gebetsrituale, Fastengebote, Selbstkasteiungen oder die Geduld, eine endlose lateinische Messe durchzustehen.
Paradox, aber wahr: Dass die Religion Mühe macht, ist ihr Schlüssel zum Erfolg. Der Mensch denkt, er investiere diese Mühe in sein Seelenheil. Doch all die Prüfungen und Hürden geben ihm vor allem Gelegenheit zu zeigen, dass auf ihn Verlass ist. Indem er sie meistert, beweist er nicht nur Gemeinsinn. Nicht zuletzt überzeugt er damit auch sich selbst. Denn jede Investition bindet ihn wiederum stärker an seinen Glauben.
Schon der Glaube als solcher ist, genau besehen, eine solche Investition. Stets geht es um höchst unwahrscheinliche Dinge, stets nistet gleich nebenan der Zweifel: Kann das denn wahr sein? Wer fände ohne weiteres zu der Überzeugung, dass wir vom Riesen Aurgelmir abstammen, der aus Eitertropfen entsprang?
So etwas zu glauben, das schweißt zusammen. Und je mehr es tun, desto wahrer wird es. Um den alten Aurgelmir, wie ihn der Schöpfungsmythos der Edda beschreibt, sammelten sich die Germanen. Sie glaubten sogar tapfer, der Riese habe als Erstes unter seiner linken Achsel einen Mann und eine Frau ausgeschwitzt und schließlich einen Sohn gezeugt, indem er die Füße zusammenschlug.
Manche Katholiken mögen menschenschwitzende Riesen abwegig finden, glauben sie doch, dass der Schöpfer ein dreieiniges Wesen ist, bestehend aus Vater, Sohn und einer Taube - sehr amüsant wiederum für die Ureinwohner der Insel Timor im Indischen Ozean, die überzeugt sind, auf einem versteinerten Krokodil zu leben.
Wie um die Wette haben die Religionen die seltsamsten Glaubensgebäude hervorgebracht. So können die Anhänger zeigen, was alles sie unerschrocken sich zu eigen machen. Und zwar allein deshalb, weil es der Glaube ihrer Gruppe ist.
Fußballfans verhalten sich ebenso demonstrativ verrückt, wenn sie einen Verein vergötzen, sich in närrische Kostüme werfen und stundenlange Busfahrten zu Auswärtsspielen ertragen - auch alles für die Gruppe. "Die Religion ist besonders mächtig", sagt Norenzayan, "weil sie die Macht dieser Signale mit dem Übernatürlichen verknüpft."
Viele Menschen, so scheint es, sind da leichte Beute. Sie nehmen das Übernatürliche einfach als gegeben hin. Geht es nach den kampflustigen Religionskritikern um den britischen Zoologen Richard Dawkins, so besagt das nicht viel: Die Leute sind eben leichtgläubig, sie lassen sich auch Götter einreden. Die Forschung jedoch kommt zu einem anderen Befund. Experimente mit Kindern etwa zeigen, wie tief die Anfälligkeit für Geister und höhere Gewalten in der menschlichen Natur wurzelt.
Die Psychologin Deborah Kelemen in Boston geht seit Jahren der Frage nach, wie Kinder sich die Welt erklären. Dabei entdeckte sie einen merkwürdigen Hang zum Schöpfungsglauben. Egal was man den Kleinen zeigt, sie sehen in jedem Ding sofort, wofür es gemacht ist: die Löwen "für den Zoo", die Flüsse, "damit die Tiere trinken können", die Wolke "zum Regnen".
Aber ist regnen nicht einfach nur das, was Wolken eben manchmal so tun? Diese Deutung behagt den Kindern nicht. Nein, eigens zum Regnen sei die Wolke gemacht, beteuern sie dann. Genauso wie die Berge "zum Klettern" da seien.
Und wenn man nun auf einen dieser Berge gar nicht klettern kann? Auch solche Fangfragen bringen die Kleinen nicht aus dem Konzept: Dann sei dieser Berg wohl kaputt und müsse repariert oder gegebenenfalls ersetzt werden.
Dass die Natur keine Zwecke verfolgt, ist Kindern nicht geheuer. "Die ganze Welt kommt ihnen sinnvoll eingerichtet vor", sagt Kelemen. "Da liegt die Frage nahe, wer ihr Urheber ist."
Das intuitive Tasten nach einem Schöpfer beginnt in der Regel mit vier oder fünf Jahren. In dieser Zeit dämmert den Kindern auch, dass Spielsachen, Autos und Mobiltelefone nicht einfach nur da sind. All das wird offenbar von den Großen gemacht, und jedes Ding scheint für höchst interessante Zwecke gut zu sein. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Kinder ihre Erkenntnis bald verschwenderisch auf alles übertragen, was sie kennen: Sie schaffen sich ihre vage Gottesidee nach dem Bild des menschlichen Schöpfergeistes.
Erst mit neun oder zehn Jahren sind sie offen für die nüchternen Auskünfte der Wissenschaft. Kelemen fürchtet allerdings, dass der Kinderglaube von der weise eingerichteten Schöpfung auch im Erwachsenenalter noch unterschwellig das Denken formt.
Kürzlich ging die Psychologin ihrem Verdacht auf den Grund. Sie wählte dafür die denkbar unwahrscheinlichsten Kandidaten: 80 Wissenschaftler von Elite-Universitäten wie Harvard oder Yale traten zum Test an, darunter Chemiker, Geologen und Physiker, Männer wie Frauen. Sie nahmen Platz vor einem Monitor, auf dem in schneller Folge Aussagen erschienen, richtige und falsche. Und dazwischen auch solche, wie Kinder und Schöpfungsgläubige sie plausibel finden: "Bäume produzieren Sauerstoff, damit die Tiere atmen können" - "Die Erde kreist um die Sonne, damit sie beschienen wird" - "Vögel verbreiten Samen, um den Pflanzen beim Keimen zu helfen".
Nie würden gestandene Forscher solche naiven Behauptungen akzeptieren. Aber Kelemen gab ihnen für jeden Satz nur rund drei Sekunden. Und siehe da, wenn es pressierte, hauten die Leuchten der Aufklärung wiederholt daneben. "All das Wissen, das sie ein Leben lang angehäuft haben", sagt Kelemen, "bewahrt sie offenbar nicht vor dem Rückfall in alte, kindliche Erklärungsmuster."
Im Wettbewerb mit dem wissenschaftlichen Denken, so scheint es, hat die Religion einen starken Heimvorteil. Sie fühlt sich einfach stimmig an.
Die Frage, wo die Religiosität herkommt, feuert die Forschung stets zu neuen Spekulationen an. Die bislang überzeugendste Antwort gibt Pascal Boyer, Anthropologe in St. Louis. Er glaubt, dass die Anfälligkeit für Übersinnliches aus Instinkten gespeist wird, die mit Religion nichts zu tun haben. Sie bildeten sich, sagt er, im Laufe der Evolution für ganz andere Zwecke heraus.
Da ist zunächst der überscharfe Sinn des Menschen für handelnde Wesen in seiner Umgebung: Er sieht Gesichter in Wolken, er hört Angreifer, wenn es raschelt und knackt im Gebüsch. Ist es nur der Wind oder doch ein Raubtier? Oder ein Artgenosse mit schlechten Absichten?
Ein leicht hysterischer Detektor im Gehirn ist sicher gut für das Überleben. An Schreckhaftigkeit stirbt man nicht. Aber so ein wachsames Geschöpf - das ist die Nebenwirkung - wähnt dann auch hinter jedem Blitz einen, der ihn schleudert. Und hinter jeder schweren Krankheit einen, der ihm übelwill.
Der Gedanke an übernatürliche Wesen, die ihre eigenen Absichten verfolgen, kommt fast von selbst. Boyer erklärt das aus der sozialen Hochbegabung des Menschen. Früh lernte er herauszufinden, was ein Mitmensch im Schilde führen mochte. Dieser muss dafür gar nicht anwesend sein. Ich kann mich in ihn hineinversetzen, in seinen Kopf schlüpfen, die Dinge aus seiner Warte sehen. Und ich weiß, dass er das umgekehrt auch kann.
Es ist normal für uns, dass der Geist ständig den Standpunkt wechselt. Da liegt die Vorstellung nahe, er könne sich vollends vom Körper lösen und ein Eigenleben führen.
Auch die Rituale, die jede Glaubensgemeinschaft pflegt, sind wohl nicht vom Himmel gefallen. Boyer bemerkte, dass sie immer um die gleichen Motive kreisen, so verschieden sie sonst auch sein mögen: Es geht um Reinheit, um Ordnung, um geschützte Räume. In diesem Kanon, so glaubt der Forscher, spiegelt sich die harte Lebenswelt der Vorfahren.
Stets war mit Raubtieren, Schlangen oder Giftspinnen zu rechnen, überall konnten sie sich verborgen halten. Der Urmensch muss seine Umgebung automatisch nach Gefahren abgesucht haben - und dieser Instinkt, der ihm oft genug das Leben gerettet hat, steckt wohl noch im Erbgut. Kein Wunder also, dass es den Menschen bis heute beruhigt, wenn er besonders geschützte, geheiligte Zonen abgrenzen kann. Er schafft sich Tempelbezirke und Kirchenräume, die er unermüdlich abschreitet. Mit Prozessionen und Umzügen, mit Räucherwerk und Gebetsprozeduren hält er die lauernden Teufel fern.
Auch das Bedürfnis nach Reinheit und rituellen Waschungen hat womöglich seine Wurzeln in einem angeborenen Warnsystem: in der kreatürlichen Abscheu vor Exkrementen und verwesenden Kadavern, vor Giften und verderblichen Berührungen.
Es sind uralte Schaltkreise im Gehirn, die hier anspringen. Seit je halten sie den Menschen wachsam gegen unsichtbare, oft auch unverstandene Gefahren. Alle Rituale, die daran anknüpfen, dürften ihm deshalb unmittelbar einleuchten.
Das Religiöse ist also nichts Besonderes, es geht einher mit der Art, wie der Mensch denkt und wahrnimmt. Und weil es so naheliegt, ist der Unglaube so anstrengend. Das lehrt schon die Lebenserfahrung. Gelegentliche Zweifel mögen jeden mal anwandeln, und immerhin: Dem Zweifler ist die Sache nicht egal. Aber der endgültige Abschied von den Gottheiten setzt zumeist bewusste Arbeit voraus. Religiöses Denken dagegen komme von selbst, sagt Boyer, es sei nun mal "der Weg des geringsten Widerstands für unser kognitives System".
Es wäre also fast ein Wunder, gäbe es nicht Religionen im Überfluss.
Tatsächlich treten Jahr für Jahr weltweit Hunderte neuer Bewegungen an. Aber fast alle werden scheitern. Höchstens eine von tausend, schätzt der amerikanische Religionssoziologe Rodney Stark, wird mehr als hunderttausend Anhänger erringen und ein Jahrhundert überdauern.
Aber welche setzen sich durch? Was ist das Geheimnis ihres Erfolgs? Warum kommen Kinder nicht auf die Idee, die rosarote Kultprinzessin Lillifee anzubeten, die doch immerhin jeden Abend am Firmament die Sterne anzündet?
Ein Glaube muss sich als nützlich erweisen, glaubt Religionsforscher Norenzayan. Macht er das Gemeinwesen stark, wird er sich auch mit ihm ausbreiten.
Mit den Pfeilerriesen am Göbekli Tepe begann wohl eine kulturelle Evolution der Religionen, ein Wettbewerb, der bis heute andauert. Nach Jahrtausenden brachte er den mächtigen Gott neuen Typs hervor: Jahwe, den Christengott, Allah. Er war ausgestattet mit Allwissen und Allmacht, und er nahm das gesamte Sozialleben seiner Untertanen in den Griff.
In der Frühzeit der Jäger und Sammler war von solchen Gewalten noch wenig zu bemerken. Die Menschen hatten wohl ihre Naturgeister und Dämonen von der Art, wie sie heute noch die Buschmänner vom Volk der San kennen. Ihr höchster Gott ist ein Schwindler namens Kaang, der mal als Raupe erscheint, mal als Laus oder Gottesanbeterin. Sein launischer Mitgott Heitsi-Eibib steht ihm an Verschlagenheit kaum nach; manche sagen, eine Kuh habe ihn geboren, die trächtig wurde, als sie verzaubertes Gras fraß.
Solche Schelme sind in der Regel zufrieden, wenn die Opfergaben pünktlich eintreffen. Sollten sie den Leuten mal einen Schreck einjagen, dann nicht, um sie zu bessern. Die Bewohner der Mayotte-Inseln nahe Madagaskar etwa müssen eigensinnige Geister ertragen, die von Zeit zu Zeit einen Stammesgenossen in Besitz nehmen - manche fahren erst wieder aus, nachdem sie einen ordentlichen Schluck Feuerwasser nehmen durften.
Um den Lebenswandel der Menschen kümmert sich dieses bunte Gelichter nicht, es wäre auch kaum für moralische Fragen qualifiziert. "In kleinen Gruppen ist das noch nicht nötig", sagt Norenzayan, "da funktioniert die Sozialkontrolle auch ohne übernatürliche Aufsicht."
Noch die Götter der Antike waren hauptsächlich mit ihren eigenen Ränkespielen beschäftigt. Aber bei den Römern gab es bereits den Merkur, der die Aufsicht über das Handelsressort übernahm. Wer einer Kaufmannsgilde in der Kolonie Delos beitreten wollte, musste öffentlich auf den Handelsgott schwören. Manche Händler schlossen sich zu religiösen Bruderschaften zusammen, um ihre Geschäfte besser abzusichern.
Heute dominiert der große Gott der drei Weltreligionen. Er achtet nicht nur streng auf soziales Wohlverhalten, er hat auch die Mittel, zu belohnen und zu bestrafen: Verdammnis oder Erlösung, Himmel oder Hölle. Er ist Gesetzgeber und Exekutive zugleich.
Ein Vergleich von 74 Kulturen rund um die Welt hat gezeigt, dass es da eine Regel gibt: Je größer und komplexer die Gesellschaft, desto eher verehrt sie solche allzuständigen Instanzen, die ihre Anhänger mit Regeln und Ritualen disziplinieren.
Die Götter, könnte man sagen, wuchsen mit ihren Aufgaben.
Besonders regelversessen ist der Jainismus, eine indische Religion. Auch Anshu Jain gehört ihr an, der Chef der Deutschen Bank. Die Moral der Jains folgt dem Prinzip radikaler Friedfertigkeit: Keiner Laus darf ohne Not ein Leid geschehen - auch wenn das Leben dadurch ungemein kompliziert wird.
Das schließt Ehrgeiz in heiklen Geschäften nicht aus: Etwa 300 indische Familien, sämtlich Jains, kontrollieren von Antwerpen aus den internationalen Diamantenhandel.
Die Münchner Religionswissenschaftlerin Gabriele Helmer hat vier Jahre in Antwerpen verbracht, um den Alltag der als stolz und unnahbar bekannten Jains zu studieren. "Für die Strenggläubigen ist schon das Anzünden einer Räucherkerze ein Gewaltakt, weil dabei unnötig Moleküle zerstört werden", sagt sie.
Strikt nach dem Ideal leben freilich nur die Mönche und Nonnen der Jains. Sie fegen den Weg vor sich, damit sie kein Lebewesen zertreten. Ihren Reis essen sie aus der Hand, weil schon der Besitz einer Schale die Seele fesselt. Vor den Villen der Antwerpener Händler dagegen parken durchaus teure Limousinen. Aber die Innenhöfe sind gepflastert, weil sich im Gras verletzliche Tierchen verbergen könnten.
In den Wohnungen gibt es meist keine offenen Regale, denn das Staubwischen fordert unnötige Opfer in der Mikrobenwelt. Und zumindest während der Fastenzeiten sprechen auch hartgesottene Geschäftsleute mit der Hand vor dem Mund, um herumschwebendes Getier zu schonen.
"Allein schon das Fasten ist eine Wissenschaft für sich", sagt Helmer. Es gibt ungezählte Varianten. Mal essen die Gläubigen ein Jahr lang nur jeden zweiten Tag, mal eine Woche lang auf dem nackten Fußboden. Dann lassen sie eine Zeitlang sämtliche Gewürze weg, oder sie verzichten an bestimmten Kalendertagen auf grünes Gemüse.
Schier unendlich sind die Finessen der Askese. Und wozu der Aufwand? "Es geht um Vertrauen", sagt Helmer. "Der Diamantenhandel ist ein schwieriges Geschäft."
Die Edelsteine werden über weite Distanzen transportiert; per Handschlag wechseln sie den Besitzer. Belege fallen nur an, soweit unbedingt nötig. Wenn neue Märkte locken, wie neuerdings in Dubai, schicken die Jains Abgesandte voraus, die dort Brückenköpfe aufbauen.
Für ein solches Gemeinwesen ist der Jainismus die ideale Religion: die System gewordene Schikane. Wer dieses Regime erträgt, meint es wohl heilig ernst mit der gemeinsamen Sache. Schmarotzer, die nur in das elitäre Netzwerk einsteigen wollen, werden nachhaltig vergrämt. So garantiert der hochritualisierte Alltag ein Maß an Verschworenheit und Exklusivität, das dem Geschäft sehr förderlich ist.
Noch vor 20 Jahren befand sich der Diamantenhandel in Antwerpen in der Hand orthodoxer Juden. Deren Religion, kein Zufall, ist auch nicht gerade liberal. Vier Jahrhunderte lang hatten die Juden sich in dem Geschäft behauptet, aber den tüchtigen Zuwanderern aus Indien waren sie nicht gewachsen. Ihre heilige Sabbatruhe nahm sich plötzlich rührend altmodisch aus - die Jains arbeiten jeden Tag. Für die Religion ist morgens und abends noch genug Zeit. Fast zwei Stunden verbringt ein frommer Jain-Händler täglich mit Gebeten.
Religionsforscher beobachten schon länger, dass strenge Regeln auch in anderen Kulturen nicht schaden. Die Mormonen etwa, wenn man ihrer Zählung glaubt, haben seit den Siebzigern ihre Mitgliederzahl mehr als verdreifacht; sie liegt jetzt bei über 14 Millionen. Die Gemeinschaft gilt als sagenhaft reich, die Anhänger, viele Wirtschaftsbosse darunter, geben den Zehnten ihres Einkommens. Und sie gehen für zwei Jahre auf Mission ins Ausland, auf eigene Kosten.
Mitt Romney, der gescheiterte US-Präsidentschaftskandidat, absolvierte diesen Dienst als junger Mann in Frankreich. Dort klapperte er tagein, tagaus Haustüren ab, um verdutzte Franzosen zum sexuell hyperaktiven Gottvater der Mormonen zu bekehren, der mit seinen vielen Frauen unentwegt "Geistkinder" zeugt. Auf diesen Touren dürfte Romney gelernt haben, was er brauchte, um den zermürbenden Wahlkampf durchzustehen.
Was wohl Heinrich Heine dazu sagen würde, der "das Eiapopeia vom Himmel" bespöttelte? Oder Karl Marx mit seinem "Opium des Volkes"? Die tröstliche, einlullende Religion ist eher der Sonderfall, nicht die Regel. In den meisten Weltgegenden ziehen die Leute die anspruchsvolle Konkurrenz vor, die dafür starken Zusammenhalt bietet.
Religionen, die ihre Anhänger weitgehend in Ruhe lassen, sind typisch für das reiche Westeuropa; und fast alle leiden an Mitgliederschwund. Anderswo gilt: Gerade die Glaubensgemeinschaften, die viel verlangen, scheinen besonders gut zu gedeihen.
Der amerikanische Anthropologe Richard Sosis fand die Regel bestätigt, als er 83 Gemeinschaften von Aussteigern aus dem 19. Jahrhundert verglich: Religiöse darunter, Anarchisten und utopische Sozialreformer. Sein Befund war eindeutig. Von den weltlichen Kommunen überlebte keine länger als 40 Jahre, die frommen dagegen erwiesen sich als viermal so stabil - und das, obwohl sie ihre Schäflein gehörig schurigelten, vom Sexverbot bis hin zum Besitzentzug.
Mehr noch: je strenger das Regime, desto stabiler das Gemeinwesen. Die altertümlichen Hutterer wirtschaften noch heute sehr erfolgreich.
Gibt es überhaupt etwas, das Religionen nicht verlangen können? Eine Obergrenze der Zumutungen? "Ich denke schon", sagt der Religionsforscher Norenzayan. "Aber sie liegt wohl höher, als wir vermuten würden."
Im Jahr 1772 wurde in Russland eine christliche Sekte mit schaurigen Gebräuchen aktenkundig. Die Männer kastrierten einander mit glühenden Eisen, die Frauen ließen sich die Brüste abschneiden. Dabei riefen sie: "Christ ist erstanden!"
Und das alles wegen einer Stelle im Matthäusevangelium. Jesus sagt da zu seinen Jüngern, es gebe Menschen, die hätten "sich selbst zur Ehe unfähig gemacht um des Himmelreichs willen. Wer es fassen kann, der fasse es!"
Diese Leute, genannt Skopzen, waren keine armen Spinner, sondern gestandene Bauern, Handwerker und Geschäftsleute. Sie hielten zusammen, galten als tüchtig und kamen bald zu erheblichem Wohlstand. Zu eigenem Nachwuchs nicht mehr fähig, holten sie Bauern aus der Leibeigenschaft und Obdachlose aus den Asylen. Flüchtige Kriminelle konnten bei ihnen auf falsche Papiere und neue Namen hoffen. Allein das mochte manchem Einsteiger den Einsatz eines Körperteils wert gewesen sein.
Auf die Mitwelt machten die Selbstverstümmler großen Eindruck. Ein zeitgenössischer Historiker schätzte sie auf bis zu 100 000 Mitglieder. "Die Skopzen wurden zeitweise so populär, dass die Behörden einschritten und führende Sektierer nach Sibirien verbannten", sagt Norenzayan. Die letzten Anhänger wurden 1920 von der Sowjetregierung aufgestöbert.
Das spektakuläre Opfer gehört seit je zur Religion. Es erhöht ihre Glaubwürdigkeit enorm - selbst wenn nur einzelne Märtyrer stellvertretend leiden. Entscheidend ist nicht die Kopfzahl, sondern der Preis, den sie zu zahlen bereit sind.
Das gilt ebenso für Terroristen, die sich bewusst als Verfechter des wahren Glaubens inszenieren. Auch das Selbstmordattentat unterliegt dem Kalkül des maximalen Schauwerts.
Nicht umsonst opfere die palästinensische Hamas bevorzugt junge, gebildete Menschen, schreibt der amerikanische Anthropologe Scott Atran. Die demonstrative Verschwendung von "kostbarem Humankapital" signalisiere, wie viel ihr die gemeinsame Sache bedeute: "Die Anhänger danken es mit neuen Freiwilligen und vermehrten Spenden."
Dass die Fundamentalisten dieser Welt sich auf absehbare Zeit mäßigen, ist nicht zu hoffen. Ihr ideologischer Furor nehme eher noch zu, glaubt Atrans Kollege Richard Sosis. Er stellt fest, dass viele strenge Religionen derzeit ihre Anforderungen verschärfen - die Fundis schließen gewissermaßen die Reihen. Bei den ultraorthodoxen Juden zum Beispiel sind die Regeln für koscheres Essen heute rigider als je zuvor in der jüdischen Geschichte.
Viel spricht dafür, dass die Eiferer aller Konfessionen auch in Zukunft von sich reden machen. Sie verzeichnen nicht nur großen Zulauf. Sie haben auch mit Abstand die meisten Nachkommen.
Die Frauen der Ultraorthodoxen in Israel bringen im Schnitt fast acht Kinder zur Welt. Zwar werden immer wieder junge Leute abtrünnig, aber bei genügend Nachschub fällt das kaum ins Gewicht. Das gilt auch für eher gemäßigte Religionen. Die Amischen in den USA, bekannt für ihr strenges Landleben, haben es nicht einmal nötig zu missionieren. Ihre Gemeinden wachsen dennoch unaufhörlich.
Die erzkonservative Quiverfull-Bewegung hat das Kinderkriegen gleich zum Programm erhoben. Ihr Name ("Köchervoll") sagt schon, worauf sie setzt: Sieg durch Überzahl. Kinder sind für diese Christenmenschen die Pfeile, mit denen der Gläubige seinen Köcher reichlich füllt.
Der Religionswissenschaftler Michael Blume aus Filderstadt hat sich weltweit die Geburtenraten angesehen. Erstaunlich fand er, wie groß die Unterschiede sind: "Religiöse Menschen haben deutlich mehr Nachwuchs als ihre ungläubigen Nachbarn", sagt Blume.
Die Atheisten liegen so gut wie überall auf der Welt am unteren Ende der Geburtenstatistik. Es rettet sie nur der stete Zulauf der vom Glauben Abgefallenen. Sonst würden sie sich selbst abschaffen.
Allerdings finden sich Kindermuffel auch unter Gläubigen. Die christlichen Shaker in den USA etwa, benannt nach ihren rituellen Schütteltänzen, leben keusch und ohne Nachwuchs. Ähnlich wie die Skopzen wirken sie nur durch ihr Vorbild - ein riskantes Konzept.
Vor ein paar Jahren reiste eine Journalistin aus Boston aufs Land, um über die letzten vier Shaker auf Erden zu berichten. Der jüngste Glaubensbruder verliebte sich in sie. "Jetzt sind wir noch drei", sagt Bruder Arnold Hadd, 55.
So setzen sich im Wettbewerb der Religionen diejenigen durch, die ihre Anhänger auf Nachwuchs einschwören (und vom Verhüten abhalten). Das allein genügt aber noch nicht, wie das Beispiel der Zeugen Jehovas zeigt - wahrlich keine Anhänger einer freizügigen Sexualethik. "Und doch geht europaweit ihre Geburtenrate zurück", sagt Blume. "Sie tun einfach zu wenig für die Familien."
Erfolgreiche Religionen fordern nicht nur Kinder, sie kümmern sich auch um sie: Mit Kindergärten und Internaten erleichtern sie den Eltern die Last. Und die Tradition der kirchlichen Zeltlager, glaubt Blume, schlug gleich doppelt zum Segen der Religion aus: Die Eltern haben ihre Ruhe, und die Jugendlichen können sich schon mal im Anbahnen von Ehen üben. "Das erste Speed-Dating überhaupt hat 1994 in Boston ein orthodoxer Rabbiner veranstaltet", sagt Religionswissenschaftler Blume. "Er fand, in seiner Gemeinde werde zu wenig geheiratet."
Eine Religion muss nützlich sein, sonst nehmen die latenten Zweifel überhand, und die Anhänger suchen sich etwas Neues (an das sie dann umso fester glauben).
Schon die frühen Christen im Römischen Reich fuhren gut mit einer Doppelstrategie. Ihren Leitspruch - "Seid fruchtbar und mehret euch!" - verbanden sie mit tätiger Fürsorge für Witwen und Waisen. Und das in einer Zeit, da die Römer überzählige Säuglinge noch auszusetzen pflegten. Der Kult um einen jüdischen Wandercharismatiker wurde auch deshalb groß, weil er mitten im verdämmernden Imperium einen kleinen Sozialstaat aufbaute.
In den modernen Sozialstaaten ist der Unglaube die Regel. Die Religionen kämpfen mit wachsendem Desinteresse. Wofür sind sie noch gut? Der Staat wacht jetzt über das Sozialverhalten seiner Bürger, verlässliches Recht sichert die Kooperation unter Fremden. Eine solide Familienpolitik ermuntert - im Idealfall - zur Reproduktion.
Religionen sind mächtig, wo sie exklusive Angebote machen. "Aber weltliche Instanzen können an ihre Stelle treten", sagt Norenzayan. Dann sind die Gläubigen schnell weg. Oder sie ziehen sich zurück auf das vage Gefühl, es gebe da "etwas Höheres", das aber mit keinerlei Forderungen nervt.
Einmal im Jahr, an Weihnachten, zweifelt der Unglaube mal an sich selbst: Geht es wirklich so ganz ohne das "Eiapopeia vom Himmel"? Aber das sind nur Anwandlungen.
Und die USA? Ein Sonderfall, glaubt der Psychologe. Dort ist die soziale Ungleichheit groß, die Kirchen lindern die Existenzangst. Wer den Job verliert, bekommt Essen und Kleidung von der Community; sie kümmert sich auch um die Kinder.
Darum hält Norenzayan auch gar nichts von der Idee, den Leuten ihren Glauben auszureden: "Ich sage immer: Sorgt lieber für eine anständige Krankenversicherung, das wirkt am besten."
Wo die Menschen sich sicher fühlen und gut versorgt, ist die Religion obsolet - in Frankreich etwa, in Deutschland bedingt, in Skandinavien ganz sicher. Hier ist der Anteil der Ungläubigen besonders hoch.
"Solche Gesellschaften beweisen, dass es auch ohne den Glauben geht", sagt Norenzayan. "Sie kletterten die Leiter der Religion hinauf und warfen sie hinter sich um."
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 52/2012
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