31.12.2012

BADEN-WÜRTTEMBERGIm grünen Winkel

Erst Kretschmann, jetzt Kuhn: Am 7. Januar startet Stuttgarts neues Oberhaupt ins Amt. Wer aber sind diese Wähler, die den Südwesten zum Grünland machen? Von Konservativen, die auszogen, das Fürchten zu verlernen.
Vier Wähler der Grünen. Vier Farben Grün. Die erste: Matthias Filbinger, 56 Jahre. Hemd: Ralph Lauren. Uhr: Rolex. Auto: Mercedes. Zu Hause auf dem Tisch liegt: die "FAZ". Und als was arbeitet so einer? Na klar, Unternehmensberater. Also das soll jetzt ein Grüner sein? In Baden-Württemberg schon. Übrigens, eines noch: der Vater. War der Ministerpräsident von 1966 bis 1978, natürlich CDU.
Die zweite Farbe Grün: Thea Kummer, 58 Jahre. Wohnort: auf dem Land. Beruf: Hausfrau. Lieblingssender: SWR 4. Lieblingsmann: immer noch der erste. Zu Hause auf der Kommode steht: eine Madonna mit Jesuskind und Rosenkranz. Schon wieder eine Grüne? Ja, in Baden-Württemberg. Übrigens, eines noch: will im kommenden Herbst auf jeden Fall wieder Angela Merkel wählen.
Drittens: Ingo Dreher, 43 Jahre. Berufsstatus: Selfmade-Unternehmer. Angestellte: zwölf. Produkt: Präzisionsdrehteile. In der Vitrine liegen: Werkstücke aus eigener Herstellung. Auch er ein Grüner, hier in Baden-Württemberg. Übrigens, eines noch: CDU-Mitglied, seit 16 Jahren.
Die vierte Farbe Grün: Dieter Salomon, 52. Beruf: Oberbürgermeister von Freiburg. Hat kein zweites Parteibuch von der CDU, will auch nicht Merkel wählen.
Endlich. Ein typischer Grüner in BaWü.
Oder? Eines noch: Auf seinem Türschild steht "Oberbürgermeister Dieter Salomon" in altdeutscher Frakturschrift. Wieso? "Weil das alle im Rathaus so haben, sonst müsste man es überall ändern."
Vier Farben Grün, nach der politischen Farbenlehre eher Fehlfarben, aber zusammen sind sie jetzt die bestimmende Farbe in Baden-Württemberg. Nicht klassisch grün, nur irgendwie grün. Aber so grün, dass es zur Macht für die Grünen reicht. Nicht nur als Juniorpartner.
Es war einmal ein Land, so wie im Märchen, die Menschen hatten Arbeit, ein Auskommen und überall schöne Mehrzweckhallen. Die Natur war lieblich, das Wetter besser als andernorts, und über alldem wachte der gute König, der von der CDU kam. Er blieb meist zehn Jahre oder gar länger, bevor der Kronprinz übernahm, wieder von der CDU, um seine Landeskinder vor allem Übel zu bewahren. Den Sozis, den Fundis, all den anderen Verdächtigen.
Und nun ist dieses Märchen vorbei, nach fast 60 Jahren. Erst gewann Winfried Kretschmann die Landtagswahl und wurde Regierungschef, der erste grüne in Deutschland, dann Fritz Kuhn die Wahl zum Oberbürgermeister in Stuttgart, der erste grüne in einer Landeshauptstadt. Jetzt, am 7. Januar, tritt er sein Amt an.
Etwas ist ins Rutschen geraten, die Grünen sind im Südwesten mehrheitsfähig geworden. Sie sind es nicht in NRW, obwohl die Luft dort schlechter ist, nicht in Berlin und Hamburg, obwohl die Kieze dort bunter sind, nicht in Bayern, obwohl es dort mehr Atomkraftwerke gibt. Dafür ausgerechnet hier, in einem Land, in dem die Menschen so porentief konservativ sind, dass ihnen Joschka Fischer im Wahlkampf mal zurief: "Ihr seid sooo schwarz."
Wie also konnte das passieren? Wer die Menschen sucht, die darauf eine Antwort geben können, findet sie nicht in den grünen Biotopen, an den Universitäten, in den Szenekneipen, in Dritte-Welt-Gruppen. Ein konservatives Milieu ist im Südwesten verrutscht, rübergerutscht zu den Grünen, die Sorte Bravbürger, die sich noch vor fünf Jahren niemals hätten vorstellen können, die Grünen zu wählen. Die sich vermutlich geschämt hätten, vor sich selbst, ihren Eltern, ihren Freunden, und sich nun nicht mehr schämen, schon weil von denen auch einige die Öko-Partei ankreuzen. Die Grünen haben Wähler gewonnen, die eine Heimat - die CDU - erst verloren und dann verlassen haben.
Ein Streifzug durchs Grüne in Baden-Württemberg wird so zu einer Wanderung zu Menschen, die oft noch an ihrer Heimat hängen, nur dass sie ihr Glück dort nicht mehr finden konnten und gegangen sind. Manche für immer, andere nur so lange, wie es dem neuen, weisen König im Amt vergönnt sein mag. Winfried Kretschmann.
Matthias Filbinger weiß noch, dass ihn sein Vater damals geschlagen hat. Nicht, dass es besonders schlimm gewesen wäre, außerdem haben Millionen Väter damals ihre Kinder geschlagen, warum also nicht auch der Landesvater, wenn er zu Hause der Familienvater von fünf Kindern war? Dass sich Filbinger an diesen Schlag noch erinnern kann, hat also einen anderen Grund.
Es war im Sommer, sie machten Wanderurlaub, jedes Jahr Wandern in der Schweiz. Matthias Filbinger, damals elf, steckte sich einen Riegel Schokolade in den Mund, nahm das Stanniolpapier, warf es weg. Und da gab es was "an die Backe", von Hans, dem Vater. Damit der kleine Matthias den Satz, der dann kam, nie vergaß: "Das lässt du in Zukunft."
Das ist die eine Geschichte, die Matthias Filbinger heute erzählt, wenn er erklären soll, warum in Baden-Württemberg aus Schwarz Grün werden konnte. Sie handelt von einem frühen Natur- und Umweltbewusstsein, das selbst einen Konservativen wie seinen Vater Hans, den Ministerpräsidenten aus der CDU, durchdrungen hatte.
Die andere erzählt von der urschwäbischsten Form der "Ressourcen-Schonung". Von der Sparsamkeit, die hier so verbreitet ist, weil große Landstriche früher hungerarm waren. Noch als Innenminister warf sein Vater ein Hemd nicht weg, wenn es an den Manschetten aufgescheuert war. Stattdessen gab er es zum Schneider, ließ aus dem Rücken ein Stück heraustrennen und daraus neue Manschetten machen. Hinten setzte der Schneider ein Stück Bettlaken ein; mit einer Weste darüber merkte das keiner.
Natürlich war sein Vater ein CDU-Mann durch und durch. Entweder Schwarz oder Rot, Gut oder Böse, der Russe stand immer kurz vor dem Einmarsch und alles links von der CDU auf der falschen Seite. Als sich Mitte der Siebziger der Protest gegen das geplante Atomkraftwerk in Wyhl am Rhein hochschaukelte, waren die Gegner in den Augen des Vaters nicht Naturschützer, sondern Linke, Radikalinskis. "Kannst du dir vorstellen, dass die jemals in Baden-Württemberg an die Macht kommen?", fragte er den jungen Matthias, als die Grünen 1980 zum ersten Mal in den Landtag eingezogen waren. Und gab sich die Antwort gleich selbst: unvorstellbar. "Die sind nur eine Zeiterscheinung."
Damals auch für Matthias Filbinger. Im Maschinenbaustudium fuhr er mit einem Aufkleber auf seinem Käfer herum, "Atomkraft? Na klar!". "Eine andere Meinung zu haben hätte nicht ins Familienbild gepasst. Ich habe nicht aufbegehrt."
Aber Hans Filbinger starb vor fünf Jahren, und so wie er ist eine ganze Generation weggestorben, die nie Grün gewählt hätte, unter keinen Umständen. Ihre Kinder dagegen sind eine Generation, die nur dachte, sie würde nie Grün wählen.
Dabei war es doch das grüne Erbe, das einem Matthias Filbinger erhalten blieb. Nicht die Angst vor dem Russen, sondern die schwäbische Sparsamkeit. Die Liebe zur Natur. Die Pflicht, die Schöpfung zu bewahren, sich an Gottes Werk nicht zu versündigen. Die konservative Gründlichkeit, mit der hier nicht nur der Bürgersteig gekehrt, sondern auch der Müll getrennt wird, mit dem Fanatismus der Gerechten. "Früher ist mein Vater vor dem Abendessen durchs ganze Haus gegangen und hat die Lampen ausgeknipst. Das mache ich heute genauso", sagt Matthias Filbinger. Nur dass er, anders als sein Vater, nicht allein an die Stromrechnung denke, sondern auch an CO2.
Matthias Filbinger hat lange als Vorstand eine IT-Firma geführt, bis zum Umfallen. Nach dem Herzinfarkt ist er ausgestiegen, hat sich selbständig gemacht, als Berater für Start-up- und Krisenfirmen. Auf den ersten Blick ein Leben wie fürs schwäbische Klischee, immer fleißig schaffen und solide anschaffen: das eigene Haus, der Mercedes 280 CDI.
Doch dann ist da eben auch noch die Infrarotkamera, die hinten auf dem Rasen steht. Damit beobachtet Filbinger nachts die Igel; wenn einer zum Futternapf kommt, löst der Bewegungsmelder aus, und sofort hat Filbinger sechs Fotos auf seinem iPhone. Oder unten im Werkkeller der Lötkolben: schon 42 Jahre alt, aber der lötet immer noch - wie er sich darüber freut.
Bewahren und behalten, schützen und schonen, damit hätte er schon immer genauso gut bei den Grünen sein können wie bei der CDU, aber eingetreten ist er bei der Union, so gehörte es sich für einen Filbinger. Er ließ sich in den Bezirksbeirat von Stuttgart-Vaihingen wählen, die Tische standen dort in einem U, auf der anderen Seite die Grünen. Schon damals dachte Filbinger manchmal, dass er von denen gegenüber nicht so weit weg war wie von denen neben ihm. Was die Art anging, Politik zu machen.
"Bei uns hieß es, unser Oberbürgermeister will das so, also war's beschlossen." Als dann mit dem Bahnprojekt Stuttgart 21 der Busbahnhof nach Vaihingen kommen sollte, mehr Verkehr, mehr Lärm, wollte er nicht mehr mitnicken. Nicht für den Oberbürgermeister, die Partei, nicht für die Familientradition.
Filbinger ging damals durch Parteisitzungen, die ihm wie Tribunale vorkamen, hinter Erklärungen versteckten sich Ermahnungen, hinter Ermahnungen versteckten sich Erpressungen. Er verstand, dass er kuschen musste, wenn er in der Partei noch was werden wollte. Und dann kam der Tag, an dem er in die Stuttgarter CDU-Geschäftsstelle zitiert wurde, aber niemand erwartete ihn. Noch beim Pförtner schrieb er seine Austrittserklärung.
Ein Jahr später fragten ihn die Grünen, ob er nicht zu ihnen kommen wolle. Filbinger sagte: "Langsam, lasst mich erst mal zu mir kommen." Doch so, wie die Grünen waren - Bewahren und Erhalten -, musste er gar nicht mehr weit gehen, um zu den Grünen und trotzdem zu sich selbst zu kommen. Also trat er ein. Ein Verrat? "Ich glaube schon, das haben in der CDU einige so gesehen, mit diesem Namen." Aber sein Vater, hofft er, hätte sich am Ende seines Lebens nicht mehr verraten gefühlt.
Spät, drei Jahre vor seinem Tod, machte Hans Filbinger mit seinem Sohn eine Wanderung, es ging auf den Schauinsland bei Freiburg. Sein Vater habe nach Nordwesten, Richtung Wyhl gezeigt, und dann habe er gesagt, die Kernkraft zu forcieren, die Wasserwerfer aufzufahren, das sei damals wohl doch ein Fehler gewesen.
Ja, es geht ihm gut. Hinten in der Halle surren zehn Drehmaschinen in drei Schichten, am Anfang hat Ingo Dreher hier noch Miete gezahlt, aber vor zwei Jahren hat er alles gekauft. Die Halle, die Büros, und wenn die Genehmigung schneller gekommen wäre, hätte er schon mit dem Anbau begonnen. Noch mal 360 Quadratmeter, blühender Mittelstand.
Und wer hat regiert, die meiste Zeit? Die CDU war's. Da muss ein Ingo Dreher diese Partei doch wählen; wer, wenn nicht er? Ein Unternehmer vom Land, aus Balgheim, Kreis Tuttlingen, sonst stets erste Stimme CDU, zweite FDP, um für Schwarz-Gelb alles rauszuholen. Sogar CDU-Mitglied, seit 1996. So einer muss doch müssen.
Nein, musste er nicht. "Sicher, die CDU hat das Land gut regiert. Aber nur weil's Wetter vier Wochen gut war, heißt das ja nicht, dass es die nächsten vier Wochen gut bleibt." Also hat er bei der Landtagswahl 2011 die Grünen gewählt.
Filbinger und Dreher kennen sich, und solche wie ihn kennt der Unternehmensberater Filbinger nun eine ganze Reihe. Es sind Mittelständler, die sich nicht darauf verlassen wollen, dass es immer so weitergeht mit dem blühenden Geschäft. Sie haben erlebt, wie ganze Branchen kaputtgingen, die Uhrenindustrie, die Phonoindustrie. Ihr Überlebensinstinkt in Baden-Württemberg - mehr als anderswo - ist der Erfindergeist, getrieben von der Frage, was morgen ein Geschäft sein könnte. Und eine Antwort, eine ziemlich gute sogar, heißt nun "Umwelttechnik". "Der technische Fortschritt liegt den Unternehmern hier im Naturell", sagt Filbinger, "deshalb ist hier auch die Bereitschaft für grüne Technik viel größer."
Wer aber mit grüner Technik Geld verdienen will, für den sind auch die Grünen nicht von vornherein Spinner, sondern Politiker mit einer Vision, die Aussichten eröffnen, Geschäftschancen. Das macht sie auch für Ingo Dreher interessant. Früher, da waren für ihn die Grünen das, was die Sozialdemokraten heute noch für ihn sind: Ideologen, Phantasten. Wollen alles umverteilen, haben aber keine Ahnung, woher das Geld dafür kommen soll. Jetzt erkennt er bei den Grünen statt einer Ideologie eine Idee, die für die Wirtschaft aufgehen könnte. Jenes "Grün", das auch im Wort "Gründergeist" steckt.
Dagegen die CDU: "Die hat den Bogen zwischen Ökologie und Ökonomie nicht geschafft und wollte das auch nicht", sagt Dreher, "solange die CDU nicht versteht, dass das kein Gegensatz ist, geht's mit der CDU und mir nicht mehr." Trotz Mitgliedsausweis.
Was er bei der CDU sah, war keine Vision. Er sah einen Ministerpräsidenten Stefan Mappus, kaum älter als er, der sich aber wie ein Patron vom alten Schlag aufführte. Nicht zuhörte, einsame Entscheidungen traf. Eben so, wie man heute auch keine Firma mehr führt. "Ich will ja als Unternehmer Leute, die mitdenken, Vorschläge machen, mich auf mögliche Fehler hinweisen", sagt Dreher.
Deshalb gruselte er sich mehr vor Mappus als vor dem, was der Wirtschaft von den Grünen und ihrem Spitzenmann Winfried Kretschmann drohen könnte. Und heute gruselt sich Dreher sowieso nicht mehr: "Jetzt haben wir Kretschmann eineinhalb Jahre, und gar nichts hat sich für mich verändert."
Es werden immer noch Straßen gebaut, es gibt immer noch Strom, der die Maschinen am Laufen hält, sogar Atomstrom, und deshalb werden auch immer noch Firmen gegründet, Fabrikhallen errichtet. Und was ist mit dem Kostenschub, weil die Grünen auf Ökostrom setzen? Das muss doch Unternehmern Angst machen. Klar, sagt Dreher, und dass die Energiepreise auch für ihn ein wichtiges Thema sind. Aber Gas, Öl, die Entsorgung von Atommüll, das werde doch in Zukunft auch alles teurer, was wäre dann besser, was schlechter? Und überhaupt: Wie viel Einfluss hat da schon eine Landesregierung, ob grün oder schwarz?
Soweit bekannt, hat kein einziger Unternehmer die Einladung der CSU nach der Landtagswahl angenommen, sich mit der Firma nach Bayern in Sicherheit zu bringen. "Ich vermute, die Grünen bekämen heute sogar noch ein paar Prozentpunkte mehr, weil die Angst vor ihnen jetzt weg ist", glaubt Dreher.
Wer hat Angst vor Dieter Salomon? Keiner. Weil Freiburg nicht untergegangen ist. Oder ausgestorben. Freiburg wächst, rund 20 000 Einwohner mehr in zehn Jahren. So lange sitzt Salomon schon im Freiburger Rathaus. Der erste grüne Oberbürgermeister einer Großstadt, der gezeigt hat, dass Grüne nicht zu grün sind für diese Art von Spitzenämtern. Oder zu verbohrt. Oder einfach nur zu schlecht angezogen.
Salomon trägt einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und auch ansonsten keinerlei An- oder Abzeichen, die auf Restwerte von Rebellentum hindeuten würden. Ein bürgerlicher Oberbürgermeister, was auch sonst, "von der Sozialstruktur waren die Grünen immer bürgerlich", sagt Salomon, "sie kommen weder aus der Arbeiterschaft noch aus dem Adel".
In Baden-Württemberg hat der Großteil der Grünen schon vor Jahrzehnten aufgehört, diese Herkunft zu verleugnen. Sie wollten nicht mehr den Staat stürmen, die Demokratie demontieren, "wir haben begriffen, dass die Gesellschaft Regeln braucht und Politik nachvollziehbar sein muss", sagt Salomon. Das hat er mit Boris Palmer gemeinsam, dem grünen OB von Tübingen, oder Horst Frank, der 16 Jahre lang das Rathaus von Konstanz führte. "Mein Ziel ist nicht die Weltrevolution, mein Ziel ist gute Verwaltung - und die Leute nicht vor den Kopf zu stoßen."
Das ist die eine Seite einer Annäherung zwischen dem konservativen Milieu und den Grünen im Ländle: dass Badener und Württemberger erlebt haben, wie Städte grün wurden, aber trotzdem nicht kaputtgingen. Aber es gibt auch eine Annäherung von der anderen Seite, und die hat für Salomon etwas mit dem Menschenschlag im Südwesten zu tun. So grundbodenständig der sein mag, er hat auch einen Hang zum Widerstand und dann eine Härte im Widerstand, wie sie Salomon aus seiner Heimat Bayern nicht kennt.
Salomon kommt aus dem Allgäu, also zitiert er den Satz von Herbert Achternbusch, dass 60 Prozent der Bayern Anarchisten sind, die trotzdem alle die CSU wählen. Baden-Württemberg, sagt Salomon, sei anders. Fähig nicht nur zum Widerstand, sondern auch zum Aufstand. Helmut Palmer zum Beispiel, der Vater von Tübingens Stadtoberhaupt Boris Palmer, war so einer, der gegen alles aufstand. Landesweit bekannt als der Remstalrebell, bis zum Tod vor acht Jahren ein personifiziertes Nein gegen die Obrigkeit.
Aber während er anderswo als Querulant geächtet worden wäre, von dem man sich besser fernhält, war Palmer in Baden-Württemberg ein Volksheld. Trat bei etwa 300 Wahlen an, als Einzelkandidat, kassierte wegen seiner aufbrausenden Art 33 Verurteilungen, saß insgesamt 423 Tage im Gefängnis. Wurde aber von Stuttgarts langjährigem Oberbürgermeister Manfred Rommel trotzdem als "ehrlicher Mensch" und "Kämpfer für die Demokratie" gewürdigt.
Es ist diese Bockigkeit, in letzter Instanz, mit letzter Konsequenz, die einen Matthias Filbinger gegen die eigene Partei aufstehen lässt. Die Stuttgarter Wutbürger gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21. Und den Unternehmer Ingo Dreher gegen die Selbstverständlichkeit, mit der die CDU-Spitze vor ein paar Jahren einen neuen Landtagskandidaten für den Wahlkreis Tuttlingen inthronisierte. "Vor allem die Württemberger sind da Überzeugungstäter", sagt Salomon. Mit dieser Überzeugung waren ihre Wege zu den Grünen dann doch nicht mehr so weit.
Trotzdem, dass ausgerechnet sie mal so weit gehen würde, hätte Thea Kummer ja selbst nie gedacht. Eine Frau vom Land, hier geboren, hier geblieben, ein Leben mit Ehemann, Eckbank, Einbauküche; sie war doch die klassische Hausfrauenstimme für die CDU, nie etwas gesagt, immer nur angekreuzt. Schon der Vater hatte 20 Jahre für die CDU im Gemeinderat gesessen, "für uns gab es nichts anderes als die CDU", und als sie mit 20 zu Hause auszog, "war da mein Mann, der hatte die gleiche Meinung".
Auf der Eckbank steht der heilige Wolfgang, daneben eine Kerze mit der Aufschrift "Gott schickt manchmal einen Engel, wenn er deine Sorgen spürt". Schwarzer Kerzendocht. Thea Kummer gehört noch zu denen, die für ihren Glauben brennen und nicht nur Kerzen in die Ecke stellen, damit es so aussieht, ohne sie je anzustecken. 25 Jahre hat sie im katholischen Gemeinderat von St. Nikolaus in Rottweil-Zepfenhan gesessen, ihr Mann Ernst teilt immer noch die Kommunion aus. Natürlich hat sie auch deshalb CDU gewählt. Die Christlichen. Wie im Himmel, so auch auf Erden.
Und daher ist sie sich sicher, dass es ihren toten Vater die ewige Ruhe kosten würde, wenn er wüsste, dass sie jetzt die Grünen wählt. Aber der kannte ja auch Winfried Kretschmann nicht.
Es lief wie bei so vielen, die von der CDU abgefallen sind: Jahrzehntelang hat die Union alles richtig gemacht, mit Männern, die so waren wie ihr Volk oder wenigstens so wirkten. Erwin Teufel etwa, auf den Thea Kummer noch große Stücke hält. Aber dann kam der Falsche, Mappus. Bei ihm hatte Thea Kummer das Gefühl, dass der nicht mehr einer von ihnen war, nur einer, der "die Backen aufblies". Und dann kam irgendwann der Punkt, an dem sich für sie herausstellte, dass man es doch gleich geahnt hatte.
Anfang 2010 hörten die Zepfenhaner, dass die Stadt Rottweil dem Land einen neuen Standort für ein Gefängnis angeboten hatte. Ihr Zepfenhan. Dafür sollte ein Wald abgeholzt werden, "25 000 Bäume, seitdem kämpfen wir wie die Geistesgestörten", sagt Thea Kummer.
2011 erschien Mappus in Rottweil zum Neujahrsempfang der CDU. Die Zepfenhaner standen mit ihren Plakaten auf dem Bürgersteig. Auf dem Bürgersteig, nicht auf der Straße, das ist Thea Kummer heute noch wichtig, "wir kannten das ja gar nicht, zivilen Ungehorsam, wir waren ja noch nie demonstrieren". Mappus ging zu ihnen, um zu reden, und als einer von den Zepfenhanern "Lügner" schrie, wurde er von Polizisten aus der Menge gezogen. "Das war für uns ein Schock", erinnert sich Kummer.
Beim nächsten Mal, Wahlkampfauftritt von Mappus in Balingen, standen sie wieder auf dem Bürgersteig vor einer Halle, diesmal nahm der Kandidat gleich den Hintereingang. "Bis dahin dachte ich nur, die CDU in Rottweil wähl ich nicht, von da an, dass ich die im Land auch nicht mehr wählen kann."
Und dann, einen Monat vor der Wahl, kam Kretschmann, nicht nach Balingen, nicht nach Rottweil, nach Zepfenhan, in ihren Wald. Seine Gefolgsleute im Rottweiler Gemeinderat waren auch für das Gefängnis, Kretschmann versprach also nicht, dass er es verhindern werde. Aber einen neuen Suchlauf, wenn er mitregieren sollte, das schon. Es klang zum ersten Mal nach mehr als nichts, wenigstens fair. Sollte Thea Kummer, statt nicht zu wählen, also Kretschmann wählen? Sie hat, sagt sie, gezögert, sie spürte ihren Rucksack, was man tut, was sich gehört, sie dachte daran, was der Vater und der liebe Gott davon halten würden. "Aber dann habe ich mir gesagt, der Kretschmann, der ist auch katholisch, der ist Kommunionhelfer und Lektor, wenn der ein Grüner sein kann, schaff ich das auch."
Aus Schwarz wurde Grün, es gibt viele Gründe für diesen Wandel, aber einen haben die neuen Grünen gemeinsam: Kretschmann. Das Landesväterliche an ihm, Ehrlichkeit statt Eitelkeit, das Geschick, niemanden abzuschrecken - all das hat in dem konservativen Land dieses Grün sprießen lassen. Doch was passiert, wenn der Gärtner geht, wissen seine schwarzen Wähler meist auch noch nicht. Matthias Filbinger wird bei den Grünen bleiben, aber Ingo Dreher, der Unternehmer, sagt, dass er noch nicht fertig sei mit der Partei, dass er Mitglied bleibe, weil er sie noch nicht aufgegeben habe. Ob "grünlackierte Schwarze oder schwarzlackierte Grüne", das ist ihm doch eigentlich egal. Und Thea Kummer? Wird demnächst auch wieder CDU wählen, bei der Bundestagswahl. In Berlin, da heißt ihr Kretschmann weiterhin Merkel.
(*) Am Wahlabend, 21. Oktober, im Stuttgarter Rathaus.
Von Jürgen Dahlkamp und Simone Kaiser

DER SPIEGEL 1/2013
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