31.12.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH„Occupy war Event-Philosophie“

Banker sind das Feindbild Nummer eins. Alexander Dibelius gilt als einer der einflussreichsten Vertreter der Branche. Wie schaut so einer auf all die Skandale?
Ein Dezember-Nachmittag im 60. Stock des Messeturms in Frankfurt am Main. Lackiertes Holz. Thermoskannenkaffee. Keksmischung. Der Himmel ist so trübe, dass in den Büros der benachbarten Hochhäuser schon um 15 Uhr die ersten Neonröhren leuchten. Die Banken hier sind das große Feindbild einer Gesellschaft geworden, die den Märkten und dem Kapitalismus neuerdings misstraut. Das global vielleicht mächtigste Geldinstitut ist Goldman Sachs - mit einer Bilanzsumme von 949 Milliarden Dollar Mythos und Machtfaktor zugleich. Alexander Dibelius, 53, ist Europa-Statthalter von Goldman: Einser-Abiturient, Ex-Chirurg, Ex-McKinsey-Berater, der oft einen Schritt schneller zu sein scheint als das Geraune um seine Deals. Mal hat er die feindliche Übernahme von Mannesmann durch Vodafone eingefädelt, mal die Fusion von Daimler und Chrysler, später die Rückabwicklung des Desasters gleich mit.
SPIEGEL: Herr Dibelius, wohl keine andere Branche hat 2012 so drastisch an Ansehen verloren wie das Finanzgewerbe - wieder einmal.
Dibelius: Ich würde sagen, wir stecken mitten in der Aufarbeitung einer dramatischen Finanzkrise. Wenn viele Leute viel Geld verloren haben, liegt es auf der Hand, dass das untersucht wird. Parallel haben wir auch in der Finanzindustrie selbst damit angefangen, unsere eigene Rolle zu hinterfragen. Schmerzhafte Selbsterkenntnis und entsprechend bittere Konsequenzen können da nicht ausbleiben.
SPIEGEL: Überall hagelt es Vorwürfe, Ermittlungen, Affären, Prozesse und Razzien wie zuletzt bei der Deutschen Bank. Auch Ihr Haus war mehrfach in den Schlagzeilen. Kunden warfen Goldman Betrug vor, der Börsenaufsicht in den USA wurden 550 Millionen Dollar gezahlt, damit sie entsprechende Untersuchungen ruhen lässt.
Dibelius: Als Marktführer ist man nicht nur der Erste, wenn's gut läuft. Auch wenn die Branche insgesamt in die Kritik gerät, ist man schnell an vorderster Front dabei.
SPIEGEL: Zuletzt kam noch der New Yorker Ex-Goldman-Angestellte Greg Smith und schrieb ein Buch über das Innenleben Ihrer Bank. Wie fanden Sie's?
Dibelius: Ich habe es nur auszugsweise gelesen und fand die Lektüre eher ermüdend. Es war weder neu noch skandalträchtig. Wenn das die Verrottetheit unserer Bank oder gar der Branche beweisen sollte, würde ich sagen: Thema verfehlt!
SPIEGEL: Smith beschreibt ein Milieu arroganter Zocker, die ihre Kunden in internen Mails gern als Blödmänner titulieren.
Dibelius: Seine Darstellungen waren teils nur schwer oder gar nicht zu verifizieren. Wir haben Millionen von Mails untersuchen lassen und keine Belege für seine Vorwürfe gefunden. Smith war offensichtlich unzufrieden mit seiner Bezahlung und Karriereperspektive. Ich glaube, das waren mehr als alles andere seine Beweggründe, dieses Buch zu schreiben. Das Problem ist aus meiner Sicht ein anderes: Dieses Buch unterstützt ungewollt und indirekt jenen Mythos, gegen den wir arbeiten ...
SPIEGEL: ... den Mythos, dass im Goldman-Pool die gefährlichsten Haie schwimmen?
Dibelius: Solche Storys führen schlicht in die Irre. Selbst beim SPIEGEL kündigen wohl gelegentlich Leute, die mit der Führung Ihres Blattes nicht einverstanden sind. Die schaffen es mit einem bösen offenen Brief indes eher selten auf die Titelseite der "New York Times".
SPIEGEL: Nach der Veröffentlichung des Buchs ist der Börsenwert von Goldman an nur einem Tag um 1,8 Milliarden Dollar abgesackt. Der Verlust von so viel Geld schmerzt Sie im Zweifel sicher mehr als der Imageschaden.
Dibelius: Täuschen Sie sich bitte nicht! Die drei wichtigsten Assets, die wir haben, sind unsere Reputation, unsere Mitarbeiter und unser Kapital. Wenn eines davon verlorengeht, ist es unterschiedlich schwierig, Ersatz zu finden. Glaubwürdigkeit ist sicherlich am schwierigsten wiederherzustellen.
SPIEGEL: Vor drei Jahren haben Sie sich in einem Gespräch mit uns sehr schuldbewusst präsentiert, eine Rolle, die Ihnen viele in der Branche nicht abnahmen.
Dibelius: Ja, leider. Aber das ist ja das Problem: mangelndes Vertrauen in die Branche und mangelnde Glaubwürdigkeit ihrer Vertreter. Das werden wir nur über die Zeit verändern können. Das sollte mich aber dennoch nicht davon abhalten können zu sagen, was ich meine.
SPIEGEL: Sie forderten sogar "kollektive Demut". Geändert hat sich nichts.
Dibelius: Ich finde schon. Wir Banken halten mehr Eigenkapital vor. Mehr Liquidität. Die Zeiten 25-prozentiger Renditeansprüche, wie sie hier und da formuliert wurden, sind unwiederbringlich vorbei. Das gesamte Bonussystem wurde überdacht.
SPIEGEL: Lange hielt Ihre eigene Demut nicht an. Eineinhalb Jahre nach dem Interview gaben Sie zu Protokoll, Banken hätten als privatwirtschaftliche Unternehmen keine Verpflichtung, das Gemeinwohl zu fördern.
Dibelius: Das ist nicht richtig. Dieses aus dem Englischen übersetzte und aus dem Zusammenhang gerissene und damit irreführende Zitat lautete: "Banken, besonders privat geführte, haben keine öffentlich-rechtliche Aufgabe." Dies hatte ich im Zusammenhang mit der Kreditvergabe durch Banken zu nicht risikoadäquaten Kreditkosten gesagt, und gerade das hat ja auch zur Finanz- und Bankenkrise beigetragen. Noch mal: Es hat sich eine Menge geändert. Sowohl an den Regeln für unsere Industrie als auch an unserem Bewusstsein. Und wir sagen nicht, dass wir keine Fehler gemacht haben. Ich sehe sie nur in einer anderen Dimension, nicht unbedingt in der von justitiablem Fehlverhalten, sondern in einer moralischen. Wir haben früher sicher eher gedacht, dass etwas, was legal ist, auch legitim sein muss. Da haben wir uns verändert. Nicht alles, was gemacht werden darf, muss auch gemacht werden.
SPIEGEL: Viele Menschen fragen sich mittlerweile, wozu man Banken wie Ihre überhaupt braucht.
Dibelius: Auf dem Deutschen Juristentag hat Jürgen Habermas eine kluge Rede gehalten. Seiner Ansicht nach gibt es zwei Bereiche, die Freiheit konstituieren: das politische System und Märkte, auf denen jeden Tag dezentral Unmengen von individuellen Entscheidungen getroffen werden. Beide sind letztlich Bühnen, auf denen Freiheit erlebbar wird.
SPIEGEL: Müssen wir uns Sorgen machen, wenn jemand wie Sie anfängt, sich auf Habermas zu berufen?
Dibelius: Mit Verlaub, das ist auch so ein Klischee, dass einer wie ich nur mit Geld und Zahlen zu tun hat.
SPIEGEL: Aber Sie wollen doch wohl nicht behaupten, dass die Freiheit der Finanzmärkte eine Voraussetzung für die Freiheit der Politik ist.
Dibelius: Nein, nein. Um es mal logisch zu verkürzen: Investmentbanken wie wir bringen Angebot und Nachfrage auf bestimmten Märkten zusammen. Märkte sind konstitutiv für Freiheit, wenn auch nicht allein. In einem Rechtsstaat befinden sie sich mit der Politik in einer wechselseitigen Balance. Habermas behauptet da nun, die Politik habe sich in den vergangenen Jahren von diesen Märkten in ihrem Gestaltungswillen zu sehr an den Rand drängen lassen. Das ist zwar nicht meine Meinung, aber auch ich halte die Existenz von Märkten für konstitutiv für Freiheit.
SPIEGEL: Jetzt klingen Sie fast wie Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein, der mal gesagt hat, er erfülle nur "Gottes Werk".
Dibelius: Diese Bemerkung, das sollten auch Sie wissen, wurde im Scherz gemacht. Mit Freiheit ist auch Verantwortung verbunden. Darüber wird in der Finanzindustrie zumindest bei jenen Kollegen mittlerweile nachgedacht, die einen gewissen intellektuellen Tiefgang für sich beanspruchen können.
SPIEGEL: Ob es als Vermittler auf diesen Märkten unbedingt Investmentbanker braucht, bezweifeln wir. Ein Report des "Rolling Stone" nannte Ihr Haus mal ...
Dibelius: ... ja, ja, einen Kraken ...
SPIEGEL: ... der das Gesicht der Menschheit fest umklammere.
Dibelius: Ich bin der festen Überzeugung, dass man eine Dienstleistung wie unsere nicht verkaufen könnte, wenn sie nicht zugleich einen Mehrwert schaffen würde. Oder klarer: Goldman Sachs hätte sonst wohl kaum schon seit 1869 Bestand. Indem wir unseren Klienten helfen, ihre unternehmerischen Ziele zu finanzieren oder ihre Investments zu tätigen, leisten wir einen zentralen Beitrag zu Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand in einer sich immer stärker globalisierenden Welt.
SPIEGEL: Banker sind ziemlich gut darin, ihren Ratschlag als unerlässlich zu verkaufen, und verdienen dann kräftig mit.
Dibelius: Ja und? Firmen wie Amazon, Google, Facebook; Wachstum, neue Ideen, Fortschritt - das alles wäre gar nicht möglich ohne Märkte, die Geldströme und Investoren dorthin leiten, wo sie einen produktiven Mehrwert leisten. In einer immer komplexer werdenden Welt gibt es zwei Entwicklungen: Zum einen werden einfache Transaktionen automatisiert, schnelle Aktiengeschäfte beispielsweise. Auf der anderen Seite benötigen Sie eine Art Kurator.
SPIEGEL: Finanzwirtschaft ist doch keine Kunst ...
Dibelius: ... braucht aber in einem immer komplexer werdenden Umfeld ebenfalls Experten, Wegweiser, die Ihnen sagen können, welche Möglichkeiten sich aus welchen Entwicklungen in der ganzen Welt ergeben und wie man das nutzen kann. Insofern haben wir Banker auch eine Art Kuratorenfunktion, worüber Sie jetzt sicher lachen.
SPIEGEL: Stimmt, weil sich zu oft gezeigt hat, dass Banker eben nicht zuerst den Vorteil ihrer Kunden im Blick haben, sondern die eigenen Boni. Auch Goldman ist durchaus kreativ darin, stets neue Geschäftsfelder zu entdecken. Das Geschäft mit Rohstoffen wird beispielsweise immer wichtiger für Institute wie Ihres.
Dibelius: Und auch da wird ja gern sofort die moralische Verwerflichkeit begrifflich bemüht, die aber als Metabegriff nicht weiter definiert oder differenziert wird. Was ist denn moralisch im Rohstoffgeschäft, was nicht? Ist es unmoralisch, Bauern eine Möglichkeit zu bieten, sich gegen schlechte Witterung und schlechte Ernten abzusichern?
SPIEGEL: Klar ist das gut, aber wenn jemand mit Rohstoffspekulationen nur Geld verdienen möchte und dabei die Preise derart befeuert, dass arme Schichten sich Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten können, ist das nicht in Ordnung.
Dibelius: Es gibt keine Beweise, die diese Hypothese stützen würden. Banken an der Schnittstelle zwischen Angebot und Nachfrage können außerdem gar nicht wissen, mit welcher Zielsetzung jemand ein Geschäft einfädelt: Sitzt da der gute Bauer oder der böse Spekulant, oder sitzen da vielleicht beide in einer Person, weil ja unter Umständen auch der Bauer auf die Wetterentwicklung spekulieren könnte? Eine Wette aufs Wetter mit realwirtschaftlichem Hintergrund sozusagen. Gibt es also die gute und die böse Spekulation, und wie wickle ich die Gewissensprüfung an Märkten ab?
SPIEGEL: Man könnte Spekulation generell verbieten und auch dem Bauern nur die Risikoabsicherung erlauben, mehr nicht.
Dibelius: Irgendjemand muss diesem Bauern sein Risiko doch abkaufen, wenn er sich absichern will - das kann nur ein Spekulant sein. Und wer entscheidet denn, wo Spekulation anfängt? Oder schaffe ich die Märkte gleich ganz ab, weil es dann keine Spekulation mehr gibt und ich entsprechende Risikovorsorge dem Staat überlasse? Diese Gesellschaftsmodelle sind für uns alle doch sichtbar gescheitert.
SPIEGEL: Auch das Geschäftsmodell Ihrer Branche ändert sich gerade drastisch ...
Dibelius: ... was zunächst weniger mit Ethik, sondern viel mit Wettbewerbsfähigkeit und Regulierung zu tun hat.
SPIEGEL: Viele Investmentbanken werfen Leute raus. Wie geht's Ihrem Haus?
Dibelius: Wir hatten in der Spitze mal rund 35 000 Mitarbeiter, zurzeit sind es noch etwa 32 000. Damit haben wir uns nach unserer Ansicht zunächst ausreichend auf die neuen Verhältnisse eingestellt. Aber niemand kann ausschließen, dass weitere Personalmaßnahmen notwendig werden. Wir sind eine sehr zyklische Industrie. Das weiß jeder, der einen Job im Investmentbanking annimmt.
SPIEGEL: Nicht nur Ihrer Branche geht's schlecht - sogar Ihren Kritikern bei Occupy. Was empfinden Sie angesichts des Niedergangs der gerade noch so starken Bewegung - Genugtuung, Melancholie?
Dibelius: Occupy war eher Ausdruck einer zeitgeistigen Event-Philosophie. Die kritische Auseinandersetzung mit unserer Industrie war da doch sehr oberflächlich und Folie für alte Ressentiments.
SPIEGEL: Wir machen "Jobs, die wir hassen, und kaufen dann Scheiße, die wir nicht brauchen", sagt der Protagonist Tyler Durden im Film "Fight Club". Haben Sie sich je so gefühlt?
Dibelius: Ich konsumiere vergleichsweise wenig.
SPIEGEL: Konnten Sie sich in dieser Krise mal neben sich stellen und fragen: Wo ist dieser Kapitalismus pervertiert?
Dibelius: Das mache ich nicht nur hier, auch wenn Kapitalismuskritik wieder merkwürdig en vogue ist. Sicher, die alte Dialektik ist ja nicht mehr so gegenwärtig. Umso leidenschaftlicher beschäftigt man sich nun mit sich selbst, bis in gutbürgerliche Kreise hinein. Der Kapitalismus ist dennoch lebendig und wird sich vor allem in seinen sozialen Dimensionen weiterentwickeln ...
SPIEGEL: ... wie Goldman? Wir haben den Eindruck, dass Ihr Haus überall mitmischt. Wenn mal was schiefgeht, zahlt man ein paar hundert Millionen und sucht sich eben neue Betätigungsfelder.
Dibelius: Sie sollten schon unterscheiden zwischen Finanzindustrie, Investmentbanken und unserem Unternehmen. Weil an der Uni Göttingen Transplantationsorgane nach fragwürdigen Kriterien zugeteilt wurden, zweifelt ja auch niemand die Behandlungsmethode als solche an oder stellt alle Organtransplanteure, geschweige denn die gesamte Ärzteschaft, an den Pranger. Und bitte vergessen Sie nicht: Die Geschäftspartner von Goldman Sachs sind kluge und erfahrene Marktteilnehmer - Konzerne, institutionelle Investoren oder die öffentliche Hand. Glauben Sie doch nicht, dass die sich über den Tisch ziehen lassen, wie das immer suggeriert wird! Als Dienstleister sind wir nur erfolgreich, wenn auch unsere Klienten gewinnen.
SPIEGEL: Sie machen sich gern klein, wenn Sie sich als Dienstleister definieren. Das passt aber wiederum nicht zur Höhe Ihrer Gagen und zum Einfluss, den Leute wie Sie in der Wirtschaft oder Politik haben.
Dibelius: Ich bezweifle, dass meine Branche eine solch enorme Macht hat. Die haben eher große Investoren und Fondsmanager, die zu bestimmten Zeitpunkten an bestimmte Entwicklungen glauben.
SPIEGEL: Banker wie Sie jonglieren bisweilen mit Milliardensummen.
Dibelius: Schon das "Jonglieren" stört mich.
SPIEGEL: Wäre Ihnen "Agieren" lieber? Jedenfalls scheint es uns angesichts der schieren Dimensionen fast zwingend, dass es gelegentlich zum GAU kommt.
Dibelius: Interessanter Gedanke. Sie fragen also, ob man moralisch umso verworfener oder gar kriminell wird, je näher man dem großen Geld ist?
SPIEGEL: So hatten wir's gar nicht gemeint.
Dibelius: Fehlleistungen in jedem sozialen System haben zwei Quellen: Entweder man wusste es kollektiv nicht besser, oder Einzelne haben aktiv falsch gehandelt - etwa um sich persönliche Vorteile zu Lasten der Gemeinschaft zu verschaffen -, oder beides zusammen. Vor der Finanzkrise fand dies in unserer Branche eher im Verborgenen statt. In der jetzigen Phase einer gewissermaßen neuen gesellschaftlichen Aufklärung in Finanzmarktdingen kommen sie schneller ans Licht. Das ist gut so.
SPIEGEL: Der Londoner UBS-Händler Kweku Adoboli wurde verurteilt, weil er 2,3 Milliarden Dollar verzockt hat. Er ist erst 32 Jahre alt.
Dibelius: Und wenn ein junger Arzt Mitte zwanzig einen Fehler an der Herz-Lungen-Maschine macht und einen Patienten verliert? Was ist schlimmer?
SPIEGEL: Das können Sie ja nun nicht gegenseitig aufrechnen.
Dibelius: Mache ich auch nicht. Fehler sind aber trotzdem keine Altersfrage. Man
muss sich immer seiner Verantwortung und der Konsequenzen individueller Fehlleistungen bewusst sein. Ob ich in einer Autowerkstatt Bremsen repariere, ob ich einen Airbus steuere oder eine Firmenfusion koordiniere.
SPIEGEL: In den globalen Handelsräumen sind vor allem junge Männer aktiv.
Dibelius: Stimmt. Darüber gibt's mittlerweile sogar Studien, die zu dem Ergebnis kommen: Das Risiko würde besser gemanagt, wenn dort mehr Frauen aktiv wären. Ich könnte mir vorstellen, dass mit einem höheren Frauenanteil Entscheidungen anders getroffen würden; auch deshalb setzen wir uns für Diversität im Unternehmen ein.
SPIEGEL: Die Finanzbranche braucht den Testosteron-Überschuss der Händler also gar nicht?
Dibelius: Nein, zumal ich den gar nicht sehe. Es sind harte Jobs unter großem Druck, die Frauen genauso wie Männer machen können.
SPIEGEL: Sie selbst sollen sich mal auf dem Weg zu einem Kunden mit dem Auto überschlagen haben, aus dem Wrack gekrochen sein und den nächstbesten anhaltenden Fahrer gebeten haben, Sie mitzunehmen. Der Termin warte.
Dibelius: Immer diese alten Geschichten. Was hätten Sie gemacht? Es geht darum, in kritischen Situationen rationale Entscheidungen zu treffen.
SPIEGEL: Ihr eigener biografischer Eintrag bei Wikipedia ist umfangreicher als der von vielen Staatsmännern ...
Dibelius: ... wofür ich nichts kann. Ich habe mir das mal angeschaut und mich über manche Fehler geärgert. Andererseits würde ich nie intervenieren. Profilklitterung wäre dann wohl noch peinlicher als einige immer wieder abgeschriebene Falschaussagen.
SPIEGEL: Bei Wikipedia steht über Sie, dass Sie einst aus "pekuniären Gründen" zu Goldman Sachs gewechselt seien.
Dibelius: Sehen Sie, das ist zum Beispiel totaler Quatsch. Mein wichtigerer Wechsel war der erste - von der Herzchirurgie zur Unternehmensberatung McKinsey. Meine Perspektive als junger Arzt war, in den nächsten 20 Jahren jeden Tag mehr oder weniger dasselbe zu machen. Ich hatte aber das Bedürfnis, wenigstens für ein Jahr noch mal etwas anderes zu tun. Damals las ich zufällig im "manager magazin" eine Story über McKinsey ...
SPIEGEL: "Die eiskalte Elite" hieß der Text. Das hat Sie angelockt?
Dibelius: Nein, ich fand faszinierend, dass McKinsey in so unterschiedlichen Bereichen aktiv ist. Deshalb habe ich die kontaktiert, dachte aber: Einen Arzt werden die wohl kaum nehmen. Es kam anders.
SPIEGEL: Sie entstammen einer Familie evangelischer Theologen. Welche Rolle spielt Kirche noch für Sie?
Dibelius: Der Glaube an Gott, wie ihn diese Kirche zu institutionalisieren versucht, ist für mich keine relevante Dimension in meiner Lebenserfahrung und -einstellung. Aber Demut und Respekt für Schöpfung und Leben, die Begeisterung an der Natur und ihren Entwicklungen, die empfinde ich - auch auf eine von der Ratio unabhängige Weise.
SPIEGEL: Mal ehrlich: Hat jemand wie Sie noch Kontakt zu normalen Menschen?
Dibelius: Was ist das für eine Frage? Natürlich, selbst wenn man viel unterwegs ist, bedeutet das ja nicht zwangsläufig, dass man von den, wie Sie sagen, "normalen" Leuten isoliert ist. Wie zum Beispiel jetzt an Weihnachten beim Skifahren mit meinen Freunden in Tirol.
SPIEGEL: Drängeln Sie am Lift?
Dibelius: Sie haben ein völlig falsches Bild von mir. Sicher bin ich ehrgeizig, aber das muss nicht heißen, immer vorn zu stehen. Was die Lift-Frage angeht: Sie müssen einfach die Staus vermeiden, das Skigebiet gut kennen und wissen, wann wo weniger los ist. Kontrazyklisch agieren - darum geht's auch hier.
SPIEGEL: Herr Dibelius, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Lloyd Blankfein (Goldman Sachs), James Dimon (JPMorgan Chase), John Mack (Morgan Stanley), Brian Moynihan (Bank of America) am 13. Januar 2010.
Das Gespräch führten die Redakteure Anne Seith und Thomas Tuma.
Von Anne Seith und Thomas Tuma

DER SPIEGEL 1/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 1/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL-GESPRÄCH:
„Occupy war Event-Philosophie“

Video 01:38

Parodien über US-Wettermoderator "Wie Sie sehen, kann ich mich kaum auf den Füßen halten"

  • Video "Muschelkrieg im Ärmelkanal: So heftig attackierten sich die Fischer" Video 01:00
    "Muschelkrieg" im Ärmelkanal: So heftig attackierten sich die Fischer
  • Video "Marathon-Weltrekordtempo im Selbstversuch: Es reißt mir hinten die Beine weg" Video 04:03
    Marathon-Weltrekordtempo im Selbstversuch: "Es reißt mir hinten die Beine weg"
  • Video "Fast 150 km/h: Der Einkaufswagen mit dem Jet-Antrieb" Video 00:44
    Fast 150 km/h: Der Einkaufswagen mit dem Jet-Antrieb
  • Video "Weltraumtourismus mit SpaceX: Japanischer Milliardär will zum Mond" Video 01:59
    Weltraumtourismus mit SpaceX: Japanischer Milliardär will zum Mond
  • Video "Seltenes Naturschauspiel: Buckelwale beim Synchronspringen" Video 00:53
    Seltenes Naturschauspiel: Buckelwale beim Synchronspringen
  • Video "Unfall in Madrid: Laptopbatterie explodiert morgens in der Metro" Video 01:20
    Unfall in Madrid: Laptopbatterie explodiert morgens in der Metro
  • Video "Arabische Großfamilien in Berlin: Er war mein bester Freund, ich habe ihn nicht umgebracht" Video 01:27
    Arabische Großfamilien in Berlin: "Er war mein bester Freund, ich habe ihn nicht umgebracht"
  • Video "Skyline Race in Schottland: Bloß nicht abrutschen" Video 01:18
    Skyline Race in Schottland: Bloß nicht abrutschen
  • Video "Wingsuit-Wettbewerb: Mit dem Kopf und 200 km/h durchs Ziel" Video 01:16
    Wingsuit-Wettbewerb: Mit dem Kopf und 200 km/h durchs Ziel
  • Video "Ibrahimovics 500. Karrieretor: Das macht dich sehr, sehr alt" Video 02:12
    Ibrahimovics 500. Karrieretor: "Das macht dich sehr, sehr alt"
  • Video "Steuerung wie von Geisterhand: Erstes Motorrad ohne Fahrer vorgestellt" Video 01:37
    Steuerung wie von Geisterhand: Erstes Motorrad ohne Fahrer vorgestellt
  • Video "Verheerende Folgen: Sturm Florence wütet über US-Ostküste" Video 01:11
    Verheerende Folgen: Sturm "Florence" wütet über US-Ostküste
  • Video "Protest am Hambacher Forst: Das letzte Kraftwerk soll 2030 vom Netz gehen" Video 01:39
    Protest am Hambacher Forst: "Das letzte Kraftwerk soll 2030 vom Netz gehen"
  • Video "Angriff auf Polizist in Chemnitz: Selbst das wurde nicht geahndet" Video 02:27
    Angriff auf Polizist in Chemnitz: "Selbst das wurde nicht geahndet"
  • Video "Albtraum auf US-Highway: Pick-up-Fahrer rammt Auto - vier Mal" Video 01:49
    Albtraum auf US-Highway: Pick-up-Fahrer rammt Auto - vier Mal
  • Video "Parodien über US-Wettermoderator: Wie Sie sehen, kann ich mich kaum auf den Füßen halten" Video 01:38
    Parodien über US-Wettermoderator: "Wie Sie sehen, kann ich mich kaum auf den Füßen halten"