31.12.2012

BUCHMARKTBestseller 2013

Dem SPIEGEL liegen schon jetzt die Jahrespläne der großen Verlage vor, die so geheim sind, dass die Lektoren sie selbst noch nicht kennen. Eine weltexklusive Vorschau
In den vergangenen zwölf Monaten fühlten sich außergewöhnlich viele Prominente berufen, sich in Büchern zu offenbaren: 2012 war das Jahr der Autobiografien, Enthüllungs-Storys und Anklageschriften, von Bettina Wulffs selbstmitleidigem "Jenseits des Protokolls" bis zum zornigen "Recht und Gerechtigkeit" eines Jörg Kachelmann nebst seiner Frau Miriam. Und nun? Ist alles geschrieben? 2013 könnte noch gewaltiger werden.
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Zunächst meldet sich Hape Kerkeling als Literat zurück. In "Ich bin ja wirklich weg!" thematisiert er sein Scheitern beim Schreiben. Kerkeling erzählt, wie er am Manuskript seines seit Jahren angekündigten neuen Buchs verzweifelt. Er schiebt die Abgabetermine immer weiter nach hinten, verbringt die Tage damit, lustige Videos von früher anzusehen, und trauert verpassten Karrierechancen ("Wetten, dass ...?") hinterher. "Wetten, dass ...?"-Erfinder Frank Elstner rechnet daraufhin in "Bild" gnadenlos mit Kerkeling ab: "Ich bin Hapes größter Fan - aber hier und da hätte ich mir mehr erwartet."
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Um ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten, veröffentlicht Martin Walser den Roman "Tod eines Schaffners". Es geht um einen alten Schriftsteller, der im ICE sein Tagebuch liegenlässt. Da der leicht untersetzte Fahrkartenkontrolleur Ähnlichkeiten mit dem ARD-Buchkritiker Denis Scheck aufweist, wird Walser latenter Anti-Adipositismus vorgeworfen.
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Ex-"Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert, seit 2012 Vater von Zwillingen, gibt einen Erziehungsratgeber heraus. Weil er den Geruch voller Windeln mit dem von Roquefort vergleicht, erkennt ihm die Käsegilde Confrérie de Saint-Uguzon die Ehrenmitgliedschaft ab. Beifall erhält Wickert aus der feministischen Ecke.
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Deren Ikone Alice Schwarzer wiederum veröffentlicht das Entschuldigungsbuch "Sorry, Jörg". Nachdem sie mit ihren Kachelmann-kritischen Äußerungen in den Medien zuletzt keine Resonanz mehr gefunden hat, schlägt Schwarzer sich nun auf die Seite des früheren Wettermoderators. Dessen Frau Miriam lässt das Buch verbieten. Das Journalistinnen-Netzwerk "Pro Quote" schließt Schwarzer aus.
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Zum grundsätzlichen Streit um die Frauenquote legt "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo einen Sonderband seiner Gespräche mit Altkanzler Helmut Schmidt vor. "Verstehen Sie die, Herr Schmidt? Ich nämlich schon!" heißt das Buch, das in befreundeten Feuilletons hymnisch gefeiert wird. Durch das mediale Grundrauschen ermutigt, schreiben die "Stern"-Chefredakteure Thomas Osterkorn und Andreas Petzold binnen eines Wochenendes ihr Manifest "Wir auch!" nieder und kündigen darin an, den "Stern" ab 2020 nur noch an Frauen in Führungspositionen zu verkaufen.
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Maike Kohl-Richter, Gattin des Altkanzlers, plaudert im Enthüllungsbuch "Hinter Mauern" aus ihrem Leben im Oggersheimer Bungalow. Zu den intimsten Stellen gehören die Schilderung des ersten gemeinsamen Saumagen-Essens bei Kerzenschein sowie das Kapitel "So fühlte ich mich in Hannelores Abendkleid". Die Kohl-Söhne lassen das Werk verbieten. Kohls langjähriger Fahrer Ecki Seeber gibt der "Bunten" ein Interview mit dem Titel: "So war es wirklich".
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Gleich mehrere Bücher gewähren Einblicke ins deutsche TV-Gewerbe. WDR-Intendantin Monika Piel beglückwünscht sich in ihren Memoiren "Allein unter Pfauen" selbst dazu, dass sie den ARD-Vorsitz endlich los ist. Harald Schmidt beschreibt in "Skyfall", wie er am Quotendiktat von ARD und Sat.1 fast zerbrochen wäre, dann aber loskam von der Sucht nach Aufmerksamkeit - beim Abo-Sender Sky, wo er nun jeden Zuschauer persönlich kennt. Johannes B. Kerner versucht sich an einem autobiografischen Roman: "Der Fastfünfzigjährige, der aus dem Fernsehen stieg und verschwand". In einer Sammelrezension in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" nennt Claudius Seidl alle drei Werke "so überflüssig wie die ,Frankfurter Rundschau'".
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Um sein Image aufzupolieren, schreibt Volksmusikstar Florian Silbereisen seine Autobiografie "Sakra". Darin stilisiert er sich als Herzensbrecher und Rock'n'Roller und bekennt, privat schon mal Songs von Peter Kraus zu hören. Das Buch enthält Bilder verwüsteter Hotelzimmer und Pin-up-Fotos von den Wildecker Herzbuben. Nach der Veröffentlichung steigt die Zahl der Herzinfarkte in deutschen Altersheimen drastisch an.
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Thomas Gottschalk rechnet mit seinen Kritikern ab. In seiner Selbstbespiegelung "Narziss und Goldmund" erklärt er, warum er immer noch der beste Showmaster Deutschlands wäre, wenn man ihn nur ließe. Marcel Reich-Ranicki nennt es "ein grauenhaftes Buch, ein Buch von einem Freund zwar, aber trotzdem ein grauenhaftes, auch wenn ich den Inhalt gar nicht kenne, weil ich nur noch Lyrik lese".
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"Handelsblatt"-Herausgeber Gabor Steingart legt seinen Branchenratgeber "Wie man Freunde gewinnt - und Abos" vor. Er beschreibt, wie es möglich ist, auch im härtesten Konkurrenzkampf ein großes Herz zu bewahren. Steingart hatte die "Financial Times Deutschland" im Alleingang in die Knie gezwungen und dann den heimatlos gewordenen Lesern die Hand zu Versöhnung und "Handelsblatt"-Abo gereicht. Das Buch wird auf lachsrosa Papier gedruckt. Das Vorwort schreibt Carsten Maschmeyer.
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Springer-Chef Mathias Döpfner preist in dem in Samt eingeschlagenen Elogenband "Friede, Freude, Dividende" seine Verlegerin und wird von ihr mit einem weiteren Aktienpaket des Axel Springer Verlags im Wert von 73 Millionen Euro bedacht. Um im Beliebtheits-Ranking aufzuholen, ordnet "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann aus dem Sabbatical im Silicon Valley heraus den Abdruck einer 20-teiligen Serie über das Leben Friede Springers an - geht jedoch leer aus.
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Günter Wallraff schleicht sich als Frau verkleidet beim SPIEGEL ein, um zu recherchieren, wie ernst der Verlag es mit der Förderung weiblicher Kräfte meint. Wallraff fliegt jedoch auf, weil er vergessen hat, sich den Schnurrbart abzurasieren. Ein Buch kommt nicht zustande.
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Die Piratin Marina Weisband erklärt in der 500-Seiten-Schrift "@usgebrannt", weshalb sie nicht weiter für politische Ämter zur Verfügung steht. Nachdem es das Werk nicht einmal in die Top 100 der Bestsellerliste schafft, lässt Weisband sich aus Trotz zur Parteivorsitzenden wählen.
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Das politisch brisanteste Buch kommt im Wahljahr von Peer Steinbrück. In "Euer Gejammer kotzt mich an" erklärt der Kanzlerkandidat, warum er Sozialromantik und Duzkumpelei in der SPD nicht mehr erträgt und dass er seit Jahren zu Parteiveranstaltungen nur noch ein Double schickt. Die Medien beschäftigen sich wochenlang mit dem Thema. "Günther Jauch" fragt: "Wer ist noch echt in der Politik?" Hans-Ulrich Jörges enthüllt im "Stern", dass er es gewesen sei, der Steinbrück auf die Idee mit dem Double gebracht hat.
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Der Extremsportler Felix Baumgartner gibt in seiner Autobiografie "Neununddreißig" zu, dass er in Wahrheit gar nicht aus 39 Kilometer Höhe auf die Erde gesprungen ist: Alles war eine Inszenierung, gedreht in den Bavaria-Studios. Der Burda-Verlag erkennt Baumgartner mit sofortiger Wirkung den Millenniums-Bambi ab. Stattdessen erhält er von "Hörzu" die Goldene Kamera für das beste fiktionale TV-Event, was den auf derartige Kategorien abonnierten Star-Produzenten Nico Hofmann in eine mittelschwere Krise stürzt. Reflexartig kündigt Hofmann weitere Projekte an, darunter ein Zweiteiler über Hitlers Schäferhündin Blondi mit Veronica Ferres in der Hauptrolle.
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In dem Prachtband "Bellevue" blickt Christian Wulff auf seine Präsidentschaft zurück. Heribert Prantl geißelt in der "Süddeutschen Zeitung" die "Erinnerungslücken alttestamentarischen Ausmaßes", da Wulff darin die Hauskreditaffäre, seinen Anruf bei "Bild"-Chefredakteur Diekmann und die Ermittlungen gegen ihn komplett verschweigt.
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Weil nun auch seine letzte Tinte versiegt ist, bringt Günter Grass unter dem Titel "Häuten Sie eine Zwiebel" sein privates Kochbuch in den Handel. Die Illustrationen (Töpfe aus verschiedenen Kulturen und Epochen) stammen vom Autor selbst. "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher räumt sein Feuilleton frei, um ausgewählte Rezepte nachzudrucken - darunter das für kaschubische Kohlsuppe, die politisch motivierte Backanleitung für palästinensische Kichererbsenplätzchen sowie eine in Hexametern verfasste "Ode an das Gyros".
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Einen anderen Rhythmus gibt "Tatort"-Kommissarin Maria Furtwängler in "Tausend Mal ist nichts passiert" vor. Sie berichtet über 1000 Affären, die sie vielleicht hätte haben können - und über eine, die sie tatsächlich hatte, ohne einen Namen zu nennen. Ehemann Hubert Burda gibt im Exklusiv-Interview mit "Gala" zu, er wisse nicht, ob er gemeint sei.
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Benedikt XVI. wagt in seinem theologischen Vermächtnis "Tandem aliter sum - Eigentlich bin ich ganz anders" den Befreiungsschlag. In dem als Trilogie angelegten Werk leugnet der Papst die Jungfrauengeburt und behauptet, Jesus sei eine Frau gewesen. Um den Buchverkauf anzukurbeln, ordnet er die Zwangsehe für Priester an und macht seinen bekanntesten Kritiker Hans Küng zum Leiter der Glaubenskongregation. Papstsekretär Georg Gänswein leitet daraufhin ein Entmündigungsverfahren ein, was durch ein Leck im innersten Zirkel des Vatikans bekannt wird. Das Gerücht, SPIEGEL-Kollege Matthias Matussek stehe bereits als Nachfolger fest, erhärtet sich indes nicht.
Von Markus Brauck und Alexander Kühn

DER SPIEGEL 1/2013
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