31.12.2012

FERNSEHENDer letzte Dreck

Mit der Mini-Serie „Der Tatortreiniger“ ist dem NDR ein Kleinod gelungen. Die Macher hadern jedoch mit dem Sender.
Seit Stunden stecken Florian Lukas und Bjarne Mädel zusammen in der Kiste. Eine wackelige Sperrholzkonstruktion. Sie soll das Accessoire eines gerade verstorbenen Zauberers sein.
Florian Lukas spielt dessen tuntigen Freund, der den Toten heimlich mitnehmen will, um ihn angemessen schwul und nicht von seiner Frau begraben zu lassen. Und Bjarne Mädel ist der Tatortreiniger, der gerade seiner Arbeit nachgeht, als der Freund des Toten aufkreuzt. Nach einigen Tumulten landen beide in der Kiste, kämpfen gegen Panikattacken - und kommen widerwillig ins Reden.
"Es ist ein Kammerspiel innerhalb eines Kammerspiels", sagt Regisseur Arne Feldhusen. Er hatte die Drehbuchautorin gebeten, die beiden Protagonisten vielleicht nur kurz in der Kiste gefangen zu lassen, aber das hat die natürlich nicht beeindruckt, im Gegenteil.
Mädel ist der vielleicht lustigste Mann im deutschen Fernsehen, und Feldhusen versucht mit Ausdauer und kontraintuitiven Spielvorschlägen allen Witz aus ihm herauszuholen.
Als der NDR Mädel engagieren wollte, um norddeutschen Fernsehhumor mit ihm zu produzieren, sagte der: nur mit Feldhusen. Und dann sagten beide: nur mit dieser Idee einer Serie über einen bauernschlauen Tatortreiniger.
Die Geschichte lässt sich im Nachhinein als Erfolgsgeschichte erzählen: Zunächst sind vier wunderbare Folgen entstanden, trocken komische Geschichten über Begegnungen im Angesicht des Todes, makaber, warmherzig, albern und klug. Die Kritiken waren überschwänglich, Serie und Macher bekamen etliche Preise. Fragt man NDR-Verantwortliche nach Höhepunkten des eigenen Schaffens, erwähnen sie gern den "Tatortreiniger".
Arne Feldhusen erzählt die Geschichte allerdings eher als lange Abfolge von Kämpfen, Unannehmlichkeiten und Missverständnissen. Bei ihm klingt es, als wollte sich der NDR partout nicht zu seinem Glück zwingen lassen. Das fing bei der Stoffauswahl an und endete noch nicht beim Titel ("Der letzte Dreck" hatten sich die Macher gewünscht).
Bis heute scheint der Sender nichts Rechtes mit seinem Kleinod anzufangen zu wissen. Die ersten Folgen liefen wie zufällig im Programm verstreut. Ein einziger Teil schaffte es ins Erste. Drei neue kommen nun am Mittwoch und Donnerstag ab 22 Uhr im NDR-Fernsehen. Zwei weitere folgen im Sommer - vielleicht. "Ich wollte eine Serie machen", sagt Feldhusen, "aber die zeigen das nicht als Serie."
Immerhin gibt es inzwischen vier Drehtage pro halbstündige Folge, am Anfang waren es nur zwei. Die fehlenden Mittel glich das Team durch eigenes Engagement aus. Den Vorspann filmten sie auf eigene Kappe. Selbst für ein beim Film übliches "Bergfest" als Dank für die Mitarbeiter gibt es bis heute kein Geld.
"Wir wollten etwas machen, das uns gefällt", sagt Feldhusen. Bjarne Mädel schwärmt vom "Tatortreiniger" als persönlichem Projekt, das ihm besonders am Herzen liegt. Es ist eine kleine Serie, aber man merkt ihr diese Leidenschaft an, die sie aus einem an Herzblutarmut leidenden Programmbetrieb herausragen lässt.
In den neuen Folgen trifft der Tatortreiniger auf einen Produzenten von Lebensmittelattrappen, der nach 30 Jahren Ehe seine Frau mit einer Axt niedergemetzelt hat. Dass das keine erfreuliche Begegnung wird, liegt nicht nur daran, dass er gerade auf Nikotinentzug ist: "Ich putz da oben seit fast zwei Stunden Ihre Gattin weg, und das ist wirklich kein Vergnügen." Noch nerviger war für ihn eine aufdringliche Nachbarin, die angesichts des Blutes geseufzt hatte: "Jetzt ist sie an einem besseren Ort." - "Jau. In der Pathologie."
Wie alle Figuren Bjarne Mädels ist auch Schotty, der Tatortreiniger, so geerdet, dass sich die Serie ein paar Ausfallschritte ins Surreale leisten kann. In der Folge "Schottys Kampf" testet sie sogar, ob es ein einfacher Charakter wie er, bewaffnet lediglich mit gesundem Menschenverstand, mit einem intellektuellen Nazi aufnehmen könnte. Das ist gewagt. Das ist ja das Tolle.
Von Stefan Niggemeier

DER SPIEGEL 1/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 1/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FERNSEHEN:
Der letzte Dreck

Video 02:15

Neuer Spider-Man-Trailer Jetzt hat er auch noch Flügelchen

  • Video "Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen" Video 02:15
    Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen
  • Video "Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer" Video 00:54
    Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer
  • Video "Freiburgs Trainer über Fremdenhass: Man muss große Angst haben" Video 01:38
    Freiburgs Trainer über Fremdenhass: "Man muss große Angst haben"
  • Video "Virales Video aus Österreich: Was machen die da?" Video 00:57
    Virales Video aus Österreich: Was machen die da?
  • Video "Filmstarts der Woche: Hi, ich bin Frank Zappa" Video 05:00
    Filmstarts der Woche: "Hi, ich bin Frank Zappa"
  • Video "Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel" Video 00:43
    Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel
  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe" Video 00:58
    Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit
  • Video "Werbevideo der US-Polizei: May you be with the force" Video 01:28
    Werbevideo der US-Polizei: "May you be with the force"
  • Video "Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen" Video 00:52
    Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen