31.12.2012

AUSTRALIEN„Felder des Donners“

Vor 60 Jahren zündeten die Briten ihre ersten Atombomben - ohne Rücksicht auf eigene Soldaten oder Aborigines in den Testgebieten.
Henry Carter ankerte mit seinem Boot in einem Sicherheitsabstand von zwei Seemeilen vor der Sandinsel Trimouille. Er deckte das Schiff mit einer Persenning ab und hockte sich unter die schwarzbeschichtete Plane. Dann warf er sich noch ein dunkelgrünes Handtuch über den Kopf.
Der Skipper befolgte alle Anweisungen, die man ihm erteilt hatte. Pünktlich brach schließlich das Inferno los. Zunächst schien ein derart gleißendes, durchdringendes Licht auf, dass es Carter durch die Plane und das Handtuch blendete: "Ein elektrisches Blau von einer Intensität, die ich nie zuvor gesehen hatte." Er presste sich die Hände vors Gesicht - und sah dann entgeistert seine
Handknochen, wie auf einem Röntgenfoto.
Zehn, zwölf Sekunden dauerte das Spektakel. Dann kam die Druckwelle. Das Boot bäumte sich auf, Carter hatte das Gefühl, er befände sich "tief unter Wasser". Schließlich spürte er "einen Vakuumsog, der den ganzen Körper wie einen Ballon aufblähte".
Über der Lagune von Trimouille stieg ein monströser Rauchpilz fünf Kilometer in die Höhe. Die Sprengkraft der ersten britischen Atombombe, die gerade vor Westaustraliens Küste explodiert war, betrug 25 Kilotonnen. Die Bombe war damit fast doppelt so stark wie die von Hiroshima, die Operation trug den Codenamen "Hurricane".
Carters Job war es zuvor, britische Nuklearphysiker und deren Helfer vom 80 Kilometer entfernten Festland nach Trimouille überzusetzen. Nun wurde er Augenzeuge, wie das Vereinigte Königreich zur Nuklearmacht avancierte. In einiger Entfernung lagen vier Kriegsschiffe mit zusammen 1075 Mann Besatzung; ein Soldat sagte später, er habe ein "Ölgemälde aus der Hölle" gesehen.
Die Bombe von Trimouille, gezündet am 3. Oktober 1952, war nur der Anfang: Vor nunmehr 60 Jahren bauten die Briten mit diversen Tests ihre Atom-Streitmacht auf, die Folgen waren verheerend. Während die Amerikaner bei ihren Versuchen das Bikini-Atoll in der Südsee zerstörten und die Franzosen das Moruroa-Atoll, missbrauchten die Engländer ihre ehemalige Kolonie Australien. 22 000 Briten und 16 000 Australier wurden der Strahlung der Bomben ausgesetzt - dazu viele Aborigines.
In Winston Churchills Kabinett herrschte nach den ersten Tests schwungvolle Champagnerstimmung. Wenig später wusste der Feind in Moskau, dass Britannien, wenn es schon nicht mehr die Weltmeere regierte, jetzt ebenfalls die ultimative Vernichtungswaffe besaß. Man war wieder auf Augenhöhe, voller Nationalstolz und Großmachtphantasien: Einige Militärs in London schwadronierten bereits, im Ernstfall sei die UdSSR mit Atombomben zu erledigen.
Auf die Sowjets bezog sich auch die Versuchsanordnung in der fernen Lagune: Die Engländer entfesselten den "Hurricane" knapp drei Meter unter dem Meeresspiegel im Rumpf der Fregatte HMS "Plym", weil daheim die Angst umging, die Kommunisten könnten auf ebendiese Weise ein Atom-Attentat in der Themse verüben.
Man wollte Aufschluss gewinnen über die Auswirkungen eines solchen Angriffs, insbesondere auf Menschen. Das Elend von Hiroshima und Nagasaki genügte nicht als Anschauung, die Briten wollten eigene Messdaten und Erkenntnisse sammeln.
Chefstratege des 1946 begonnenen Programms war der britische Mathematiker William G. Penney, der schon im US-Nuklearzentrum Los Alamos gearbeitet und die Zerstörungen in Nagasaki durch die Plutoniumbombe "Fat Man" aus einem Begleitflugzeug beobachtet hatte.
Die ersten drei seiner Versuche fanden im Montebello-Archipel statt, zu dem Trimouille gehört, die folgenden im südaustralischen Outback in zwei Gebieten namens Maralinga ("Felder des Donners") und Emu. Außerdem explodierten 1957 drei Wasserstoffbomben über der zentralpazifischen Malden-Insel. Auch auf der etwas nördlich gelegenen Weihnachtsinsel gab es Tests, einige davon mit der 150fachen Stärke jener Bombe, die Hiroshima verwüstet hatte.
Bei weiteren kleineren Versuchen in Maralinga und Emu wurden bis 1963 hauptsächlich Zündmechanismen erprobt. Eine Bombe, die 1963 auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges über dem Regenwald von Nord-Queensland ausgeklinkt wurde, soll ebenfalls spaltbares Material enthalten haben. Der australische Sergeant Brian Stanislaus Hussey erhielt jedenfalls 1965 einen hohen britischen Orden für sein Mitwirken bei diesem Projekt, drei Jahre später starb er, mit 45, an multiplem Krebs.
Die Öffentlichkeit wusste bis zu den ersten Klagen von Betroffenen in den achtziger Jahren nichts von den skrupellosen Testmethoden, zumal die Beteiligten mit der Todesstrafe wegen Hochverrats rechnen mussten, sollten sie plaudern. Die Briten erfuhren nur, ihr Land sei nun ebenfalls Mitglied im exklusiven Atomclub.
Dass in der von Spinifex-Gräsern bewachsenen Halbwüste von Maralinga beispielsweise ahnungslose Aborigines lebten und jagten, interessierte da noch weniger als die Gesundheit des eigenen Personals. Die Briten argumentierten zynisch, dies dürfe nicht die Verteidigungsinteressen der westlichen Zivilisation beeinflussen. Australiens konservativer Premier Robert Menzies wiegelte zudem ab, es sei "keine denkbare Verletzung von Leben, Körper oder Eigentum" zu befürchten.
Uran, Plutonium, Cäsium und Strontium regneten auf die Gebiete der Aborigines und führten bei den Ureinwohnern zu Missbildungen, Siechtum und vorzeitigem Tod - über Generationen hinweg. Bei den Einsatzkräften erhöhte sich die Knochenkrebsrate um das Zehnfache. Tot-, Fehl- und Missgeburten häuften sich.
Der Skipper Henry Carter litt bald unter chronischen Seh- und Atemstörungen. Die Tochter des englischen Soldaten Tommy Wilson, der nach dem Big Bang von Trimouille stundenlang mit einem "wie verrückt tickenden" Geigerzähler durch die Gegend geschickt worden war, erkrankte an der seltenen Langerhans-Zell-Histiozytose, einer aggressiven Veränderung des Blutbildes. Seine Enkelin Julie wurde mit deformierten Füßen und Wucherungen im Verdauungstrakt geboren.
In Maralinga schmolz roter Wüstensand zu Glas, als auf 30 Meter hohen Metallgerüsten die Sprengköpfe für Atomwaffen mit Namen wie "Rotbart" oder "Blaue Donau" explodierten. Die Druckwellen schleuderten Vögel aus den Bäumen, schwarzer Regen zog über das Land, sogar bis ins 850 Kilometer entfernte Adelaide.
Viele Opfer trugen nur Khaki-Shorts und Hemden, denn die Briten wollten verschiedene Sorten Kleidung auf Strahlungsresistenz prüfen - vom Freizeitdress bis zu weißen Schutzoveralls. Offiziere und Zivilisten mussten nur Stunden nach Detonationen durch verstrahltes Gelände gehen oder fahren, manche sogar über die kontaminierte Erde kriechen. Auf Kommando wälzten sich ganze Hundertschaften über den Boden. "Wir waren wie Versuchskaninchen, Teil eines Experiments", sagt ein Ex-Soldat.
Bis heute kursieren Vorwürfe, dass auch Behinderte systematisch zu Testzwecken missbraucht und den Strahlen besonders rücksichtslos ausgesetzt worden seien. Ein Zeuge, der ehemalige Royal-Air-Force-Pilot Allen Robinson, behauptete schon Ende der achtziger Jahre gegenüber einem Wissenschaftler der Universität Perth, er habe Behinderte nach Maralinga eingeflogen - "aber nicht wieder hinaus". Sie wurden angeblich in ein Gebäude nördlich der Landebahn verfrachtet, das meterhoch eingezäunt und von Bundespolizei bewacht war. Kaum jemand durfte es betreten.
Der Kühlanlagentechniker Fred Wilkinson indes hatte Zugang, er erinnerte sich an Geräusche "wie von schnatternden Geisteskranken". Australiens Regierung, gedrängt von Veteranenverbänden und mittlerweile auf Anti-Atom-Kurs, bildete 1984 eine Untersuchungskommission. Sie fand jedoch keine Belege dafür, dass Behinderte getötet wurden.
1958 verabschiedeten sich die Briten von ihrem kostspieligen Programm und verzichteten auf weitere Tests. Die Amerikaner hatten ihnen Einsicht in vertrauliche Daten aus Los Alamos gewährt. Danach erschien es London sinnvoller, den großen technologischen Vorsprung der USA zu nutzen und als Juniorpartner in deren Programm einzusteigen.
Zudem musste sich London später mit Schadensersatzansprüchen befassen. Hartnäckige Strahlenopfer und ihre Unterstützer taten alles, um die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen. Spektakulär war beispielsweise der Auftritt einer Aborigines-Delegation, die Anfang der neunziger Jahre einem Parlamentsausschuss in London einen Brocken Plutoniumerde präsentierte.
Die Aufarbeitung der Versuche gestaltete sich schwierig, weil etwa Krankenblätter des Maralinga-Hospitals verschwunden und in anderen Unterlagen die Namen stark verstrahlter Opfer getilgt waren. Erst als der Kommissionsvorsitzende James McClelland, ein Richter und Ex-Senator, die Briten der Vertuschung bezichtigte, machten die, höchst widerwillig, einige Dokumente zugänglich.
Canberra zahlte bereits Millionen an Soldaten und Hinterbliebene, die Aborigines im Maralinga-Gebiet erhielten pauschal umgerechnet elf Millionen Euro. Die Briten gewährten ihren Staatsangehörigen Pensionen oder Hinterbliebenenrenten, ohne aber bisher offiziell eine Verantwortung einzugestehen.
Dennoch laufen bis heute zahlreiche Klagen auf Schadensersatz von überlebenden Strahlenopfern, sechs Jahrzehnte nach Beginn der Tests. Vor anderthalb Jahren erreichten ihre Anwälte vor dem Obersten Gericht in London einen wichtigen Sieg. Die Verjährungsfrist für ihre Klage wurde ausgesetzt. Aber jeder dritte Veteran war schon zur Jahrtausendwende tot, die meisten starben an Knochenkrebs oder Leukämie.
(*) Im September 1956 in Maralinga.
Von Rüdiger Falksohn

DER SPIEGEL 1/2013
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