31.12.2012

INTERNETRattenfeste Funkstationen

Kaum einer kennt den geheimnisvollen Huawei-Konzern - doch viele nutzen seine Mobilfunktechnik. Gegründet hat die Firma ein ehemaliger Offizier der chinesischen Armee.
Hua-was, bitte? Hawaii? Der Name der Firma ist schon das erste Problem: Huawei, sprich: Huaa-uäi. Er bedeutet so viel wie "China handelt!"
Diese patriotische Angeberei ist das zweite Problem: Dem Netzwerkausrüster und Handy-Hersteller aus der südchinesischen Stadt Shenzhen wird vorgeworfen, die Welt mit Spionagetechnik zu unterwandern, Verbindungen zur Volksbefreiungsarmee zu unterhalten und Länder wie Iran zu beliefern. Ein Ausschussbericht des US-Kongresses fordert Provider auf, sich nach anderen Anbietern umzusehen. Australien schloss die Firma vom Bau neuer Breitbandnetze aus.
Doch Huawei scheint nicht zu stoppen zu sein. Auf der Consumer Electronics Show, die kommende Woche in Las Vegas beginnt, wird die Firma eines der ersten Mobiltelefone mit dem Betriebssystem Windows Phone 8 vorstellen sowie ein aufgemotztes Riesenhandy mit über sechs Zoll Bildschirmdiagonale, einen Zwitter aus Tabletcomputer und Telefon ("Phablet").
Im Juli brachte die Firma mit dem Ascend P1 bereits ein respektables Android-Handy auf den Markt, flacher als viele andere und mit einem stärkeren Akku als dem des iPhone 5. Die Chinesen haben den Ehrgeiz, bald bessere Smartphones zu bauen als Samsung und Apple.
Das klingt nach Größenwahn. Aber die Firma meint es ernst. Rund ein Drittel der Weltbevölkerung nutzt angeblich bereits auf irgendeine Weise Huawei-Technik - oft ohne es zu wissen: Viele Internetverbindungen laufen über Server aus Shenzhen, viele Mobiltelefonate über Huawei-Basisstationen. Auch die ersten Surfsticks für den schnellen Datenfunk LTE der Telekom stammten von Huawei.
Derzeit wird mit einer Charmeoffensive versucht, die Bedenken zu zerstreuen. "Es ist ein Missverständnis, dass wir eine chinesische Firma sind", beteuert Firmensprecher Roland Sladek. "Wir sind längst international." Der freundliche Lockenkopf mit grüner Designerbrille ist das europäische Gesicht der Firma. Früher hielt der gebürtige Freiburger an der Elitehochschule Sciences Po in Paris Vorlesungen über "Interkulturelle Kommunikation". Nun sitzt der 39-Jährige in der Zentrale von Huawei, einem 21-stöckigen Glaspalast in einem Industriegebiet von Shenzhen.
Ein paar Kilometer von hier entfernt spucken die Foxconn-Fabriken, wo auch Samsung und Apple fertigen lassen, jeden Tag gigantische Menschenströme aus, Tausende Jugendliche blockieren dann die Kreuzungen wie bei einer Großdemonstration; dabei ist das einfach der Schichtwechsel.
Auf dem Huawei-Campus dagegen wird nicht montiert, sondern getüftelt. Die Konferenzräume sind elegant eingerichtet, die Espressobars vom Feinsten, die subtropischen Zimmerpflanzen behängt mit glänzender Weihnachtsdeko.
Hinter den Fenstern dampft der riesige Firmencampus in der Mittagssonne, mit Palmen, Restaurants und einem Heer junger Ingenieure, die großenteils in so etwas wie Studentenwohnheimen untergebracht sind. Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter liegt bei 29 Jahren. 40 000 von ihnen arbeiten allein auf diesem Campus.
Insgesamt hat Huawei weltweit rund 150 000 Mitarbeiter in über 140 Ländern. In Deutschland sind es gut 1600. Dennoch ist Huawei eine ausgesprochen chinesische Firma geblieben. Gegründet wurde sie 1987 von Ren Zhengfei, zuvor Offizier in der Volksbefreiungsarmee. Shenzhen, einst ein 30 000-Seelen-Kaff, das direkt an die britische Kronkolonie Hongkong grenzte, war 1980 zur Sonderwirtschaftszone erklärt worden - als Entwicklungslabor für kapitalistische Experimente. Heute leben zehn Millionen Menschen in der futuristischen Retortenstadt. Start-up-Gründer Ren importierte anfangs Telefonschaltschränke aus Hongkong, aber schon bald ließ er eigene IT-Bauelemente entwickeln. Er rollte den Heimatmarkt vom Lande her auf, gemäß der Strategie von Mao Zedong: "Vom Land aus die Städte einkreisen".
Als Beispiel für die besondere Kundennähe nennt Sprecher Sladek die rattenfesten Kabel. Die Telefonleitungen auf dem Lande seien damals oft von Nagern zerstört worden, erzählt er: "Die anderen Firmen haben mit den Schultern gezuckt, aber unsere Ingenieure haben die Kabel gegen Rattenbisse verstärkt."
Nach der Jahrtausendwende expandierte Huawei dann auch international. Die einstige Start-up-Firma des Ex-Militärs ist heute weltweit die Nummer zwei unter den Netzwerkausrüstern, mit einem Jahresumsatz von rund 25 Milliarden Euro. Bald dürfte sie den schwedischen Marktführer Ericsson überholen. Dabei baut Huawei nicht einfach nur Billigtechnik nach, sondern steckt über elf Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung und hält bereits über 20 000 Patente.
Noch nie hat Firmengründer Ren ein Interview gegeben. Zur Undurchsichtigkeit tragen auch chinesische Besonderheiten bei, zum Beispiel das hauseigene Komitee der Kommunistischen Partei Chinas bei Huawei. Das Komitee sei überbewertet, jede Firma mit mehr als 50 Angestellten müsse das in China haben, auch die Filialen von VW und BMW, wehrt Sladek ab: "Die Komitees tun nicht mehr, als zum chinesischen Neujahr Geschenkkörbe mit Früchten an die Mitarbeiter zu verteilen." China-Experten bezweifeln diese Version.
Rein äußerlich wirkt alles harmlos bei Huawei, der Campus würde auch im Silicon Valley kaum auffallen, mit palmengesäumten Alleen und dem neoklassizistischen Säulenbau, "White House" genannt: Hier werden Prototypen in Klimalabors gequält - Qualitätskontrolle. Formal befindet sich die Firma im Besitz der Angestellten, wobei der Gründer 1,4 Prozent der Anteile hält - und dynastischen Neigungen nachgeht: Seine Tochter ist Finanzchefin, sein Bruder im Aufsichtsrat.
Wie vielseitig die Firma in den digitalen Alltag eingreift, zeigt die Dauerausstellung im Tiefgeschoss der Zentrale: Huawei bietet solarbetriebene Mobilfunkstationen, Krankenhaus-Software, Telekonferenzsysteme, interaktives Fernsehen, Überwachungskameras, Verkehrsleitsysteme, Gebäudesteuerung. Bei den Preisen unterbieten die Chinesen die Konkurrenz meist um rund 30 Prozent.
Pro Jahr verkauft Huawei rund hundert Millionen Handys - allerdings oft unter dem Namen der jeweiligen Mobilfunkbetreiber. Da sich die No-Name-Anbieter in einem mörderischen Preiskrieg befinden, setzt Huawei nun auf eine eigene Marke, wie es schon Firmen wie die taiwanische HTC vorgemacht haben.
"Die gute Nachricht ist: Wir bauen gute Technik", erläutert Manager Shao Yang, ein eleganter Herr in schwarzem Anzug. "Und jetzt die schlechte Nachricht: Kaum einer kennt unsere Marke." Das zu ändern sei seine Aufgabe.
Um die Spionagevorwürfe aus der Welt zu räumen, hat das Unternehmen vor zwei Jahren zudem einen radikalen Schritt gewagt: Im britischen Städtchen Banbury unweit von Oxford befindet sich das Cyber Security Evaluation Centre, eine Art Quarantänestation, wo 20 Mitarbeiter im Austausch mit dem britischen Geheimdienst GCHQ die Geräte auf Sicherheitslücken untersuchen. Sogar der Quellcode sei dort hinterlegt - das Allerheiligste einer jeden Hightech-Firma. Das soll die Angst vor dem geheimnisvollen Ren-Clan und seiner Armeevergangenheit bannen.
In Berlin-Kreuzberg, in einem Hinterhof im vierten Stock, ist man skeptisch. "Das soll wohl beruhigend klingen, aber was haben deutsche Firmen davon, wenn der britische Geheimdienst die Sicherheitslücken von Huawei kennt?", sagt Felix Lindner. Er ist Chef der Sicherheitsfirma Recurity Labs mit derzeit zehn Mitarbeitern, kleidet sich gern komplett in Schwarz und ist in der Szene besser bekannt als "FX". "Geheimdienste lieben Sicherheitslücken", sagt er. "Für den Fall, dass sie selbst einmal Zugang brauchen."
Lindner sorgte weltweit für Aufsehen, als er auf der Hacker-Konferenz Defcon in Las Vegas auf Hintertüren in Huawei-Systemen hinwies: Die Sicherheits-Software der Router ließ sich damals einfach knacken, indem Angreifer fest voreingestellte Standard-Passwörter eingaben, zum Beispiel "supperman", mit zwei p.
"Früher habe ich oft Firmen wie Sun Microsystems kritisiert", sagt Lindner trocken. "Aber Sun erscheint mir im Vergleich geradezu vorbildlich, seit ich Huawei kenne. Deren Sicherheit erinnert an das Niveau der neunziger Jahre." Die kritisierte Firma antwortet, dass sie höchsten Wert auf Qualität lege, aber in Sachen Sicherheit nicht ins Detail gehen könne.
Sicherheitsexperte Lindner glaubt nicht, dass die ungesicherten Hintertürchen in Huawei-Routern mit böser Absicht programmiert wurden. Er vermutet, dass eher Schlamperei unterbezahlter Jung-Ingenieure dahintersteckt.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 1/2013
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