07.01.2013

JUSTIZDer Besserungsbetrieb

Resozialisieren statt wegsperren? In weiten Teilen des Landes könnten neue Gesetze einen effizienten, liberaleren Justizvollzug begründen - für viele Bürger ein Schreckgespenst.
Ein Mann spielt mit einem Hund. Er krault dessen Fell mit seinen tätowierten Händen, er ruft: Sitz! Still! Lauf! Komm! Der Hund stürmt über den staubigen Platz auf den kleinen Mann zu, leckt ihm Gesicht und Hand, schmiegt sich an die graue Jogginghose. Der Hund gehorcht ihm, der Mann lacht, um ihn herum die Gefängnismauern, davor glänzt in der Sonne der Stacheldraht.
Der Mann hat jemanden umgebracht, vor 20 Jahren. Seither sitzt er. Es war ein brutaler Mord, nicht seine erste Tat, er war ein gefährlicher Mensch, damals. Und heute? "Nicht mehr", murmelt Herr Lützow. "Wenn ich's schaff, den Alkohol wegzulassen." Der Hund kommt einmal die Woche in die Justizvollzugsanstalt Waldeck bei Rostock, er ist Teil von Lützows Resozialisierungsprogramm.
Fred Lützow(*) ist 53 Jahre alt, ein Einzelgänger. Jahrelang sprach er kaum ein Wort, bis ihn die Therapeuten ins Hundeprojekt schickten. Der Hund soll ihm helfen, ein anderer Mensch zu werden, einer, der imstande ist, mit der Welt in Kontakt zu treten. Einer, den man wieder nach draußen lassen kann, in die Freiheit.
Lützow hofft auf ein Gutachten. Fällt es positiv aus, könnte ein Richter seine Entlassung verfügen, in ein betreutes Wohnprojekt. Allein wäre er nicht lebensfähig, war es wohl nie. Aber jetzt weiß er ja nicht mal mehr, wie man Bus fährt.
Neben Lützow haben die Anstaltspsychologen drei Gefangene für das Hundeprojekt ausgewählt: Herr W. hat eine Frau vergewaltigt, Herr M. seine Tochter miss-
braucht, Herr D. ein Kind geschüttelt, bis es tot war. Jetzt üben sie mit den Hunden, Beziehungen aufzubauen, zum Schutz der Allgemeinheit. Für den Tag, an dem sie freikommen. Herr M. in ein paar Monaten, Herr W. in zwei Jahren, und auch Herr D. wird wieder nach draußen kommen. Die Frage ist, in welcher Verfassung.
In Waldeck versuchen sie, Lützow und die anderen zu besseren Menschen zu machen. Das ist nach dem Gesetz das Ziel des Strafvollzugs: Er soll die Gefangenen in die Lage versetzen, ein Leben ohne Straftaten zu führen.
Die Bürger draußen stellen sich den Vollzug gern als eine Art Waschmaschine vor: Man steckt Wölfe hinein und bekommt Lämmer heraus. Aber so ist es natürlich nicht. Wenn einer seine Strafe abgesessen hat und man ihn nicht bessern konnte, dann muss man ihn entlassen, wie er ist. Vielleicht mit Führungsaufsicht, vielleicht sogar mit elektronischer Fußfessel. Aber er kommt raus.
Es gibt - das haben jene, die im Knast arbeiten, längst verinnerlicht - zum Konzept der Resozialisierung im modernen Rechtsstaat keine Alternative. Von Vergeltung steht nichts im Gesetz, erst recht nichts von pauschalem Wegschließen für immer, wie Gerhard Schröder als Kanzler es sich für Kinderschänder wünschte.
Zwar dient der Strafvollzug auch dem Schutz der Allgemeinheit, aber eben nur so lange, wie die Strafe dauert, die der Richter verhängt. Die Aussicht auf ein Leben in Freiheit gehört zur verfassungsrechtlich garantierten Menschenwürde, selbst für Lebenslängliche. Der Staat, der beim Strafen nicht in Maßlosigkeit und Rache verfallen will, mutet den Bürgern ein vertretbares Risiko zu. An dessen Eingrenzung arbeiten sie hier, die Psychologen, Sozialarbeiter und Justizbediensteten, auch wenn es manchmal schwerfällt, nachdem sie die Akten gelesen und die Fotos der Opfer betrachtet haben.
Wie viel Strafe muss sein? Und welche? Wo immer in Deutschland ein schlimmes Verbrechen geschieht, rufen Bürger nach härteren Strafen, empfinden sie moderate Urteile als Verhöhnung der Opfer, halten sie Therapien für rausgeworfenes Geld. Darüber werden Landtage wohl schon bald streiten - Rationale gegen Populisten, Liberale gegen Scharfmacher. Denn unter der Federführung von Berlin und Thüringen haben sich die Justizminister von zehn Ländern auf einen Musterentwurf für neue Strafvollzugsgesetze geeinigt. Sie würden das Leben hinter Gittern noch klarer auf die Resozialisierung jedes einzelnen Gefangenen ausrichten, die Skizze für eine Zukunft des effizienteren Strafens in Deutschland. Die Frage ist, ob die Gesetze so in Kraft treten werden.
Seit 2006 ist der Strafvollzug in Deutschland vollständig Ländersache. In Schleswig-Holstein ist die Gefangenenrate niedrig, viele Straftäter werden ambulant betreut. Berlin setzt im Gegensatz zu Bayern verstärkt auf offenen Vollzug, Bayern punktet dafür mit einer gutausgebauten Sozialtherapie, Baden-Württemberg mit seiner freien Straffälligenhilfe. Traditionell straft der Süden repressiver, der Norden moderater, ohne erkennbare Auswirkungen auf die Kriminalität. Welches Bundesland den besten Strafvollzug hat, ist schwer zu sagen; es gibt nicht mal eine vergleichende Rückfallstatistik.
In dem Gesetzentwurf ist nun von standardisierten Diagnoseverfahren die Rede, von maßgeschneiderten Therapien und von einer besseren Betreuung nach der Entlassung. Aber auch von mehr Kontrolle und Unterstützung durch die Welt außerhalb der Mauern: externe Experten, Ehrenamtliche, Angehörige.
Das Gesetz soll helfen, Haftstrafen zu verkürzen oder die Sicherungsverwahrung abzuwenden. Es geht um einen humanen Vollzug, nicht aus Gefühlsduselei, sondern begründet mit einem rationalen Ziel: Sicherheit. Minus 30 Prozent Rückfälle seien durch gelungene Resozialisierung machbar, das sagt die Wirkungsforschung. Tätertherapie ist der beste Opferschutz, ausgerechnet Opferhilfeorganisationen werben für diese Erkenntnis.
Ohnehin ist die Zeit, in welcher der Staat auf die abschreckende Wirkung des
"Härtevollzugs" setzte, vorbei. Experten wie der Greifswalder Kriminologe Frieder Dünkel verzeichnen bei aller Kritik stetige Fortschritte - weg vom Verwahren, hin zum Behandlungsvollzug. Nach einer Phase des Frusts, in der es hieß: "Nothing works", nichts hilft wirklich, verbreiten internationale Studien wieder Optimismus: Es geht doch etwas.
Norwegen etwa hat mit einem der liberalsten Vollzugssysteme der Welt nur halb so hohe Rückfallquoten wie Europa im Durchschnitt. In der Schweiz ergab eine Studie bei unbehandelten Gewalt- und Sexualstraftätern zehn Prozent einschlägige Rückfälle; bei denen, die ihre Tat in einer Psychotherapie aufgearbeitet hatten: fünf Prozent. Vergleiche belegen, dass eine Kombination aus frühen Lockerungen, vorzeitiger Entlassung und intensiver Nachbetreuung weniger Rückfälle produziert, als Gefangene bis zuletzt schmoren zu lassen und sie dann unvorbereitet vor das Gefängnistor zu stellen, wie es in Deutschland noch oft geschieht.
Sicherheit und Resozialisierung sind keine Gegensätze, sie gehören zusammen - das ist der Kerngedanke des Gesetzentwurfs. Doch als der brandenburgische Justizminister ankündigte, diesen umsetzen zu wollen, schlug ihm Empörung entgegen: Der Mann von der Linkspartei, klagte die CDU-Opposition, plane das "täterfreundlichste Strafvollzugsgesetz" in Deutschland.
Eine Blaupause dafür gibt es schon, in Mecklenburg-Vorpommern. Das Land hat seinen Strafvollzug geräuschlos reformiert. Es hat das bundesweit wohl umfassendste Konzept zur Behandlung von Straftätern, in der Medizin würde man es ganzheitlich nennen. Lützows Hundetherapie ist ein Teil davon, ein anderer das Diagnostikzentrum der JVA Waldeck.
Die Psychologin Ulrike Schütt wuchtet hier täglich Kartons voller Akten auf ihren Schreibtisch, man kann sich ihr Büro als eine Art Stellwerk denken. Schütt und ihre Kollegen erstellen Diagnosen und Behandlungspläne für Straftäter aus dem ganzen Bundesland, treffen Vorentscheidungen, ob einer in den Regelvollzug kommt oder in die Sozialtherapeutische Anstalt. Und sie stellen Prognosen. Wann müssen die Entlassungsvorbereitungen beginnen? Und wie kriegen sie hin, dass einer sich draußen wieder zurechtfindet?
Schütt sieht ihre Klienten mindestens zweimal. Rückt das Ende der Strafe näher, stehen Lockerungen an oder der Wechsel in den offenen Vollzug, beurteilt sie den Erfolg der Arbeit ihrer Kollegen mit den Gefangenen. Das Prinzip ist: Wer die Prognose stellt, darf nicht Behandler des Gefangenen sein. So systematisch läuft das in keinem anderen Bundesland.
"Manche Leute entscheiden sich sehr bewusst dafür, Gewalttaten zu begehen", sagt Frank Grotjohann, der Anstaltsleiter. "Aber der Großteil gehört nicht dazu. Die allermeisten wollen nicht rückfällig werden." Das Kunststück, das man vom Anstaltteam verlangt, ist, mit einer chronisch zu knappen Personaldecke jedem Einzelnen gerecht zu werden.
Etwa 52 000 Gefangene sitzen in Deutschland im Erwachsenenvollzug, rechnet Grotjohann vor. Rund die Hälfte ist nach einem Jahr wieder draußen, zwei Drittel nach zwei Jahren, 90 Prozent nach vier Jahren. Bleiben zehn Prozent mit mehr als vier Jahren Haft für ein schweres Gewaltverbrechen, ein Sexual- oder Tötungsdelikt. Das sind die schwierigsten, die gefährlichsten, die gefürchtetsten. Die sortiert Schütt obligatorisch in die Sozialtherapeutische Anstalt, kurz: SothA.
In der Waldecker SothA wohnt ein gutes Dutzend Gefangene in einer Gruppe, auf einem Flur mit Sitzecke, großem Tisch, Küche. Auf zwölf Gefangene kommen ein Psychologe, ein Sozialpädagoge und vier Justizbedienstete.
Im Regelvollzug ist die gleiche Besetzung für einen Flur mit 80 Gefangenen zuständig, die große Teile des Tages in ihren Zellen hocken, hinter Türen aus dickem Stahl wie für Kühlkammern. Die SothAs sind in Deutschland die Hochburgen des Behandlungsvollzugs. Noch machen sie keine fünf Prozent vom Gesamtbetrieb aus, doch ihr Anteil wächst stetig. Aber auch im Regelvollzug, sagt Schütt, gelte eine Diagnose als "Aufforderung, etwas mit dem Gefangenen anzufangen".
Schütt nimmt sich im Schnitt 20 Tage für jeden Täter. Vor jeder Begegnung studiert sie Akten. Am Anfang steht die Delinquenzhypothese: Was macht diesen Menschen kriminell? Schütt bewertet Aggressionspotentiale, Intelligenz und Selbststeuerungsfähigkeit, sie erhebt die Sucht-, Sexual- und Gewaltanamnese.
Da ist der impulsive Herr W., der auf einen Zufallsbekannten eintrat, im Suff. Herr S., der ein Mädchen vom Fahrrad riss, missbrauchte und tötete, Herr F., der seine Frau nach einem perfiden Plan mit der Nagelschere umbrachte und nun im Freistundenhof die Erdbeerbeete pflegt, oder einer wie Lützow, der auf der Straße lebte und den Mann erschlug, der ihm Obdach gewährte, weil, wie er sagt, etwas geschah, was ihn an seine schlimme Kindheit erinnerte. Monströse Taten, aber Schütt fragt auch nach Ressourcen und sondiert die Bereitschaft zur Veränderung: Nicht jeder muss zum Psychologen. Elementare Regeln des Zusammenlebens lassen sich trainieren, im Rollenspiel: "Wenn einer in der Wohngruppe seine Tasse nicht spült, wie regeln wir das? Nicht wie zu Hause: Wenn die Frau nicht spurt, kriegt sie eine geknallt."
Bessern soll der Strafvollzug, aber manchen, wie den gutsituierten Herrn D., muss man vor dessen schädlichen Folgen bewahren: Seine Frau wollte ihn verlassen. Da vergewaltigte er sie, aus Wut und Angst. Herr D. ist selbst geschockt, nie zuvor war er gewalttätig, er hat ein intaktes soziales Umfeld und einen Brotberuf. Höchst unwahrscheinlich, dass er noch mal so etwas tut, sagt Schütt: "So einen muss man nicht resozialisieren, der kann bald in den offenen Vollzug."
Das ist auch eine Strafe, aber eine, die verhindert, dass Herr D. den Steuerzahlern eines Tages weltentwöhnt auf der Tasche liegt. Jeder Tag im Vollzug kostet die Allgemeinheit rund hundert Euro. Wer im Knast arbeitet, kriegt nur neun Prozent des Durchschnittslohns. Viele Vorsätze für ein straffreies Leben scheitern an den Schulden. Im offenen Vollzug gehen die Gefangenen draußen arbeiten, den Rest des Tages verbringen sie im Gefängnis, zahlen für Kost und Logis und können Wiedergutmachung für ihre Opfer leisten.
Diagnose - das Wort verstehen Schütt und ihre Kollegen hier nicht nur medizinisch. Aber bei mehr als der Hälfte der Neuzugänge stellt sie psychische Störungen fest: dissoziale oder narzisstische Persönlichkeitsstörungen, hohe Werte auf der Psychopathie-Skala, Drogen- und Alkoholsucht. Der Richter hat diese Täter nicht für so krank gehalten, dass sie nicht zurechnungsfähig wären, "aber ohne die Störung wäre es wahrscheinlich auch nicht passiert", sagt Schütt.
Herr M. beispielsweise - zurückgezogen, schizoide Persönlichkeitsstörung, Züge von krankhaftem Misstrauen - spielte am Computer, während sein essgestörtes Kind die Nahrung verweigerte, bis es verhungert war. Dafür bekam er zehn Jahre. Anfangs sah er aus wie ein Waldschrat, mied Blickkontakt: "Ich hab mich geschnitten, damit das Schlechte aus mir ausblutet", sagt Herr M. Nach vier Jahren Psychotherapie arbeitet er in der Anstalt als Lackierer. In seiner Zelle hat er einen Altar eingerichtet, für das Kind. Heute kann er sich mitteilen, schreibt auch mal einen Brief. Er hat ein zweites Kind, den Kontakt will er halten.
Herr M. könnte in drei Jahren entlassen werden, nach zwei Dritteln seiner Haftzeit. Dass er dann Halt findet, darauf arbeiten sie schon jetzt mit ihm hin. Neulich hat Schütt die Eltern des Herrn M. gefragt, wie sie zu ihrem Sohn stehen. Sie wollen ihn unterstützen, wenn er entlassen wird.
Wo geht einer hin, wenn er seine Strafe abgesessen hat? Die Frage treibt Jörg Jesse um. "Der Vollzug kann so gut sein, wie er will", sagt Jesse, "das Entscheidende passiert draußen." Wer die ersten sechs Monate ohne Rückfall schafft, dessen Chancen auf ein straffreies Leben steigen.
Jesse, Fünftagebart, parteilos, leitet im Schweriner Justizministerium die Abteilung Justizvollzug und Bewährungshilfe. Er ist 59, seit 30 Jahren im Vollzug. Nach der Wende wurden fast alle Gefängnisse neu gebaut, alte Überzeugungen über Bord geworfen. Die Strafe besteht im Freiheitsentzug, man darf Gefangene nicht demütigen durch den Entzug von Frischluft oder Respekt; gut ausgebildete Bedienstete haben die "Schließer" der Vergangenheit ersetzt; es gibt bessere Behandlungs- und Ausbildungsangebote. Und das Ergebnis? Das Bundesjustizministerium verweist auf eine Studie; danach wurde innerhalb von drei Jahren zwar die Hälfte aller Strafentlassenen in Deutschland wieder kriminell; jeder vierte musste zurück ins Gefängnis - aber selten wegen schwerer Straftaten. Unter entlassenen Mördern und Totschlägern waren nur 5,8 Prozent mit einer Gewalttat aufgefallen, 0,3 Prozent hatten erneut getötet. Bei Tätern mit einem sexuellen Gewaltdelikt waren 2 Prozent einschlägig rückfällig geworden, unter Kindesmissbrauchern: 2,3 Prozent.
Für noch mehr Sicherheit hat Mecklenburg-Vorpommern die "Integrale Straffälligenarbeit" (InStar) installiert, einen Mix aus Hilfen und Kontrollen: Manche Entlassene müssen sich regelmäßig bei der Polizei melden, andere bekommen Hausbesuch oder eine elektronische Fußfessel. Alle, die mit Gefangenen arbeiten, ob im Knast oder draußen, stimmen ihre Maßnahmen miteinander ab. Bundesweit ist so viel Kooperation einmalig. In der Deutschen Richterzeitung wurde InStar als "kriminalpolitischer Quantensprung" bezeichnet. Im Ministerium sehen sie nicht ohne Stolz, was sie geschafft haben.
Doch eine andere Entwicklung bereitet Jesse Sorgen, er findet sie schädlich im Bemühen um mehr Sicherheit: "Ausgerechnet in einer Zeit, in der der Strafvollzug sein Bestes gibt, wird der Blick der Gesellschaft auf Straftäter und Vollzug immer irrationaler", sagt Jesse. "Da ist was aus dem Lot geraten, Heilserwartungen und Ängste - das müsste mal jemand kalibrieren."
Das Leben in Deutschland ist heute sicherer als vor 20 Jahren. Es könnte sogar noch sicherer werden, wenn es nach skandinavischem Vorbild gelänge, die Kommunen in die Resozialisierung einzubinden, das Sozialamt, Hausärzte, Kirche, Feuerwehr, Sportverein - "alles, was Halt gibt", sagt Jesse. "Die Justiz allein kann das unmöglich schaffen".
Viele Bürger aber wollen sich U-Bahn-Treter und Kinderschänder, von denen sie täglich in der Zeitung lesen, vom Leib halten. In einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen schätzten Befragte, dass sich die Zahl der Sexualmorde in Deutschland innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt habe. Tatsächlich fiel sie in der Zeit um gut die Hälfte, von 18 auf 8 Fälle im Jahr. Doch die gefühlte Kriminalität steigt, Bürger formieren sich gegen die Ansiedlung entlassener Sexualstraftäter oder die Eröffnung forensischer Ambulanzen.
Führt Jesse Besucher durch eine Anstalt, komme immer dieselbe Frage: "Wie sind denn Ihre Rückfallquoten?" Dann fragt Jesse zurück: "Wieso unsere Rückfallquoten? Was würden Sie sagen, wenn Ihre Tochter einen Strafentlassenen mit nach Hause bringt? Würden Sie einem jungen Mann eine Lehrstelle geben, der aus dem Gefängnis kommt?"
Die Gesellschaft, sagt Jesse, dämonisiere die Straftäter - und erreiche so das Gegenteil von dem, was sie sich wünscht. Das öffentliche Bild des Vollzugs prägen Gewaltexzesse wie der Foltermord in der JVA Siegburg vor sechs Jahren. Dabei liegt das statistische Risiko, das von Freigängern ausgeht, unter dem der männlichen Durchschnittsbevölkerung, "aber das will keiner hören".
Oft fehle den Anstalten der Mut, Gefangene in Ausgängen oder Urlauben die Freiheit erproben zu lassen. "Die Toleranzschwelle ist auf null gesunken", sagt Jesse. "Es darf nichts passieren."
Das Schlimme ist: Tritt wirklich einmal eine Katastrophe ein, wie im Fall des Sexualstraftäters Maik S., der 2005 eine Woche nach der Entlassung aus der JVA Waldeck ein Mädchen tötete, gibt es Politiker, die spielen wider besseres Wissen die Ängste der Bevölkerung und den Strafvollzug gegeneinander aus. Sie fordern noch mehr Durchgreifen und Härte, anstatt den Leuten ehrlich zu sagen, dass es keine vollkommene Sicherheit gibt.
"Wir sind kurz davor, dass man sich dafür schuldig fühlt, in dem System zu arbeiten", sagt Jesse. "Es gibt Mitarbeiter, die sich schämen, in ihrer Dienstkleidung durch ihren Wohnort zu laufen, als wäre Kriminalität kontaminierend."
In Greifswald sitzt Frieder Dünkel unter dem Dach der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät, ein freundlicher Professor mit Nickelbrille und grauem Schnäuzer. An den Wänden Postkarten: Ljubljana, Washington, Johannesburg - überall hat er Gefängnisse besucht. Es gibt den schönen Satz: Den Stand der Zivilisation einer Gesellschaft erkennt man beim Blick in ihre Gefängnisse. "Da ist was dran", sagt Dünkel. Auch Deutschland hat Nachholbedarf. Noch ist ein Drittel aller erwachsenen Häftlinge in Mehrbettzellen gesperrt, obwohl das Gesetz schon lange Einzelzellen verlangt. Die Subkultur aus Gewalt und Drogen ist ein Dauerproblem, in manchen Gefängnissen hängen, wo die Zellengänge sternförmig zusammenlaufen, Netze wie für Trapezkünstler, damit sich keiner kopfüber in die Tiefe stürzen kann.
Doch das Gefängniswesen macht Fortschritte, enorm sind sie im Jugendstrafvollzug, dank einer Gesetzesreform, angestoßen im Jahr 2006. Bei den Erwachsenen könnte das neue Gesetz ein ähnliches Aufbruchssignal setzen. Der Ziethener Kreis, eine Vereinigung liberal gesonnener Vollzugsexperten, hat dem Entwurf viel Lob gezollt - nicht ohne zu bemängeln, dass nirgendwo stehe, wo das nötige Personal herkommen soll.
Auf Dünkels Schreibtisch türmt sich Literatur zum Strafvollzug, eigentlich weiß man viel darüber, was den Menschen besser macht und was nicht. Der Professor kennt zum Beispiel keine Studie, die belegt, dass längere Strafen potentielle Täter abschrecken. Trotzdem hat der Gesetzgeber mehrfach Strafrahmen erhöht, vor allem bei Sexualdelikten. Auch die Zahl der Sicherungsverwahrten stieg, von knapp 260 im Jahr 2001 auf heute rund 470 - ohne dass die Kriminalitätsentwicklung dazu Anlass geboten hätte. "Sicherheit ist das bestimmende Paradigma unserer Zeit", sagt Dünkel. "Im Keim steckt darin die Tendenz zum Totalitären."
Ein Vollzug, der auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert, ist Dünkels Ideal. In einer Fachzeitschrift hielt er zuletzt ein Plädoyer für eine rationale Kriminalpolitik. Er kann sich das leisten, er muss ja nicht gewählt werden.
Die Gefängnisse sollen aber auch Orte sein, an denen wissenschaftlich gearbeitet wird - der Gesetzentwurf sieht das so vor. Was hilft, und was hilft nicht? In Waldeck dokumentieren die Psychologen ihre Arbeit. In der SothA fahren sie für die gefährlichsten zehn Prozent das ganze Instrumentarium auf: ausgefeilte Therapien für jede Tätergruppe, Einzelgespräche, Alltagstraining, die Hundegruppe.
Mit ihrem Forscherblick haben die Waldecker unter den Gefangenen eine Gruppe identifiziert, für die es bislang kaum Programme gibt, dabei macht sie die Hälfte aller Sexualstraftäter aus: Es sind erwachsene Männer mit dem Horizont von Kindern, und ausschließlich Kinder sind ihre Opfer. Manche der Männer können kaum lesen und schreiben, bei einigen liegt der IQ zwischen 70 und 60, nahe an der Grenze zum Schwachsinn. Aber alle hat ein Gericht für voll verantwortlich befunden. Solche Männer gehen in Sexualstraftätergruppen mit normal Intelligenten unter, hier haben sie ihre eigene Gruppe, für die Therapeuten eine besondere Herausforderung.
Die Sozialarbeiterin Margitta Hentschel-Klawitter und ihr Kollege Daniel Herm wollen schaffen, dass sich die Männer künftig in brenzligen Situationen innere Stoppschilder setzen können. Sie setzen bei der Sprache an: "Man" ist aus dem Vokabular gestrichen, es heißt "ich". Eine Straftat "passiert nicht", jemand begeht sie. Die Gruppe läuft seit einem Jahr.
Immer beginnt sie mit der Vorstellungsrunde: "Also, ich bin wegen einer, einer ..." Herr Stihl zieht die Stirn kraus und denkt nach: "... wegen einer Sexualgruppe hier!" Frau Hentschel-Klawitter ermuntert ihn: "Versuchen Sie's noch mal: Weshalb sind Sie hier und wie lange?" - "Wegen sexuellen Missbrauch an Kinder. Das waren ... Das waren ... eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun. Neun Stück." Stihl strahlt erleichtert.
Dann sind die anderen an der Reihe: "Ich heiße Johns, bin Sexualstraftäter, wegen Kindermissbrauch. Ich habe noch 15 Wochen. Ich zähle die Wochen." - "Ich heiße Alwin Selle, bin hier wegen Kindersexualmissbrauch. Entlassung in 2014. Ich bin hier, damit das nicht noch mal passiert." - "Passiert?", fragt Frau Hentschel-Klawitter. Herr Selle grinst unsicher, dann fällt der Groschen: "Es ist nicht passiert, sondern ich habe getan! Ich bin hier, weil, damit ich keine Kinder mehr, also."
Frau Hentschel-Klawitter nickt zufrieden. Selle ist noch keine 50, hat kaum einen heilen Zahn im Mund, er malt antike Tempel und Palmenstrände, dabei war er nie weg aus seinem Kaff. Er hat auch sein Delikt gemalt, als Bildergeschichte: seine Tochter und sich selbst auf der Couch mit Aquarium und Topfblume. Wie er sie aufs Sofa legt, wie er hinter ihr steht mit erigiertem Penis. Er hat sich und das Mädchen gleich groß gemalt, er sah sie ja als Partnerin, aber sie war erst 12.
Alle Gefangenen in der SothA führen Tagebuch. Sie sollen reflektieren über ihre Tat, ihre Probleme und Gefühle. Die normal Intelligenten schreiben dann über Scham, Schuld, Angst. In der anderen Gruppe schreibt Herr Selle: "Heute war das Wetter schön, ich hatte Kochgruppe."
Damit ein Mensch alte Handlungsmuster durchbrechen kann, muss er üben, üben, üben. Bisher bleiben die Männer zwei Jahre in der SothA, mindestens. Im Gesetzentwurf steht, 18 Monate seien als wissenschaftlich begründete Therapiedauer anzusehen. Von Jesse, aus dem Ministerium, kommt die Ansage, es müsse auch mal schneller gehen. Das sehen sie hier mit Sorge: "Beziehung schafft Sicherheit", sagt Hentschel-Klawitter. "Zeit ist der große Faktor, wenn wir nachholen sollen, was im Leben versäumt wurde."
Fred Lützow ist schon fast vier Jahre in der SothA, aber den Durchbruch brachte die Hundegruppe. "Herr Lützow hat sich toll entwickelt", sagt die Justizbedienstete Kerstin Sommer, robuste Körpersprache, kurzes blondes Haar. Seit zehn Jahren arbeitet sie hier, in blauer Uniform mit Schlüsselbund am Gürtel. Manchmal ist Sommer dabei, wenn einer zu einer Beerdigung gehen darf oder zum 80. Geburtstag des Opas: "Das sind oft unfassbar desolate Verhältnisse."
Vor ein paar Monaten fuhr sie mit Lützow und dessen Wohngruppenleiter ein paar hundert Kilometer über Land, zur Verwaltung des Wohnprojekts, die Lützow nach seiner Entlassung aufnehmen könnte. "Wenn es jetzt nicht klappt", hatte Lützow genuschelt, "könnse den Schlüssel ganz wegwerfen."
Dank einer Sondergenehmigung durfte der Hund mit, das gab Sicherheit. Lützow machte es gut, saß nicht nur stumm da. Auf dem Rückweg streikte das Auto, aber Lützow zeigte soziale Kompetenz, half, so gut er konnte. Bald darauf folgte die Zusage für den Nachsorgeplatz. Dann warteten sie auf das Gutachten.
Ein paar Wochen später kam es. Der Gutachter sieht Fortschritte, aber er meint, Lützows Rückfallrisiko sei noch zu hoch. Er müsse sich weiter erproben: Ausgänge, Urlaub, später vielleicht mal ein Probewohnen in der Nachsorgeeinrichtung. Lützow will trotzdem zur Anhörung bei Gericht gehen. "Ich mach keinen Scheiß mehr", sagt er. Mal sehen, ob er den Richter davon überzeugen kann.
(*) Namen der Gefangenen von der Redaktion geändert.
Von Beate Lakotta

DER SPIEGEL 2/2013
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