07.01.2013

SENIORENDie Übriggebliebenen

Mehr als zwei Millionen Menschen über 80 Jahre leben hierzulande allein. Mit Hausbesuchen versuchen Sozialarbeiter, die Einsamkeit zu lindern.
Auch in diesen Wintertagen öffnet Erna J., 93, oft die Balkontür ihrer kleinen Zweizimmerwohnung in Berlin-Neukölln. Sie stellt dann ein Schälchen Erdnüsse auf ihren geblümten Teppich und schaut zu, wie die Blaumeisen ins Wohnzimmer flattern und Nüsse stibitzen. "Die Vögelchen sind meine Untermieter", sagt sie.
Außer den Meisen besucht so gut wie niemand mehr Erna J. Die alte Dame mit den weißen Haaren und schwarzen Stützschienen an den Beinen ist eine Übriggebliebene. Geboren wurde sie kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, vor 50 Jahren zog sie in diese Wohnung, zehn Jahre später starb ihr Mann. Ihre Geschwister und all ihre Freundinnen hat sie überlebt. Ihr Mann wollte keine Kinder. "Ich hätte mich durchsetzen müssen", sagt die ehemalige Köchin, "dann wäre ich heute nicht so allein, vielleicht." Das Telefon von Frau J. klingelt fast nie, und wenn, dann ist am anderen Ende meist jemand von der Krankenkasse.
Eines Tages war Erna J. im Bad zusammengebrochen. Mit letzter Kraft konnte sie ins Schlafzimmer robben, sie wählte 112, die Feuerwehr brach die Tür auf und half ihr wieder hoch. Inzwischen geht es ihr wieder gut, aber die alte Dame hat Angst, dass ihr so etwas noch einmal passieren könnte, dass sie dann hilflos in der Wohnung läge. "Damit ich nicht stolpere, habe ich alle Brücken und meine Badezimmergarnitur weggeräumt", sagt sie.
Ein Heim ist für sie noch keine Lösung. Ihre zwei Zimmer bedeuten Selbständigkeit. Kochen macht ihr bis heute Freude, sie kann sich noch allein waschen, und in ihrer Wohnung darf sie entscheiden, wann sie aufsteht und zu Bett geht.
Mehr als zwei Millionen Männer und Frauen über 80 wohnen in Deutschland allein; meist blieben sie zurück, als ihre Ehepartner starben. Experten rechnen damit, dass ihre Zahl aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung noch deutlich wächst. Zwar sind Senioren in Deutschland heute so fit wie noch nie in der Geschichte, wie eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach belegt. Wahr ist aber auch, dass Senioren über 70 im Schnitt rund 17 Stunden am Tag allein sind - so lange wie keine andere Bevölkerungsgruppe.
Mehr als 20 Prozent der Menschen über 70 haben laut dem Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) keine oder nur noch eine feste Bezugsperson, zu der sie regelmäßig Kontakt haben. Jeder vierte hat seltener als einmal im Monat Besuch von Freunden und Bekannten, fast jeder zehnte trifft keinen mehr. Viele alte Menschen haben niemanden, der sie noch mit ihrem Vornamen anspricht oder fragt, wie es ihnen geht. Für viele sind Darsteller aus Telenovelas zur Ersatzfamilie geworden.
Die Isolation alter Menschen könnte sich verschärfen, weil auch der Anteil Kinderloser wächst. Kinderlosigkeit vergrößert das Einsamkeitsrisiko erheblich. Da die Menschen jedoch mobiler werden und immer seltener in der Nähe ihrer alten Eltern leben, können diese sich auch nicht mehr darauf verlassen, dass ihr Nachwuchs sich intensiv um sie kümmern wird. Das Einsamkeitsrisiko alter Menschen werde deshalb in Zukunft möglicherweise steigen, sagt DZA-Direktor Clemens Tesch-Römer.
Der Berliner Verein Freunde alter Menschen versucht, diese Not zu lindern. Geschäftsführer Klaus Pawletko und seine Kollegen organisieren Zoobesuche, Dampferfahrten, Gesprächskreise und Besuchspartnerschaften zwischen Jungen und Alten. Sie bieten auch einen Dienst an, den sie "Per Telefon zu Besuch" nennen. Dort können sich alte Menschen anmelden, damit einmal wöchentlich überhaupt mal jemand mit ihnen plaudert.
Pawletko hat bei seiner Arbeit schon viel Armut gesehen. Es sei daher richtig, dass über zu kleine Renten gesprochen werde in Deutschland. "Das Alleinsein finden alte Menschen aber noch viel schlimmer als ihre Geldnot", sagt der Sozialarbeiter. Doch darüber werde in Deutschland kaum geredet, es werde als Befindlichkeitsproblem abgetan, klagt er.
Dabei ist erwiesen, dass Einsamkeit nicht nur traurig macht, sondern auch krank. Experten wie Pawletko wundert es deshalb nicht, dass die Zahl der Suizide in keiner anderen Altersgruppe so hoch ist wie bei den über 80-Jährigen. "Viele sehen den Tod als Erlösung", sagt er. Hinzu kommt: Krankheit verstärkt die Einsamkeit. Wer schwach und nicht mehr mobil ist, leidet oft unter Isolation, bestätigt auch DZA-Direktor Tesch-Römer.
Wie schwer es für einen alten Menschen ist, Einsamkeit zu überwinden, weiß Irmgard Bielke. Die 78-Jährige hat 1994 ihren Mann Herbert verloren, vor wenigen Jahren ihre Tochter Gabi. Beide starben an Lungenkrebs. Kontakt zu Freundinnen pflegte Irmgard Bielke nicht, ihre kleine Familie hatte ihr gereicht. "Das rächt sich jetzt", bedauert sie.
Frau Bielke schläft auf ihrer Seite des Ehebetts, die Hälfte ihres Mannes lässt sie unberührt. Auf der Tagesdecke liegt ein plattgelegener Plüschelefant, er gehörte Gabi, als die noch ein Kind war. An Weihnachten und Schlechtwettertagen sei sie oft ganz unten, sagt Bielke. Wenn sie es in ihrer stillen Wohnung nicht mehr aushält, geht sie in Cafés, macht Ausflüge, aber sie lernt nie jemanden kennen. "Es ist schwer, Anschluss zu finden, wenn man alt ist."
Irmgard Bielke unternimmt mehr, als die meisten anderen es können. Viele sind schon damit überfordert, sich über Besuchs- und Einkaufsdienste zu informieren, die Städte und Gemeinden anbieten. Inzwischen ist einigen Kommunen und Wohnungsunternehmen klargeworden, dass sie auf die Senioren zugehen müssen. In Bremen und Hamburg etwa klingeln Behördenmitarbeiter bei alleinstehenden Alten mit einer schlichten Frage: Können wir etwas für Sie tun?
Die Seniorenberater in Hamburg trafen auf eine alte Dame, die seit zwei Jahren mit niemandem gesprochen hatte außer der Kassiererin im Supermarkt; ein betagter Herr lebte seit Monaten im Dunkeln, weil er Mahnungen für die Stromrechnung übersehen hatte und nun nicht wusste, an wen er sich wenden sollte.
Auch die 45-jährige Gabriele Broszonn kennt solche Fälle. Sie arbeitet für das Münchner Wohnungsunternehmen Gewofag, das beim Projekt "Präventive Hausbesuche" mitmacht. Allein im Stadtteil Ramersdorf leben in mehr als 800 Gewofag-Wohnungen Mieter, die schon über 75 sind. Auch zwölf alleinlebende Menschen über 100 sind darunter.
Broszonn und ihre Kollegen vermitteln Haushalts- und Einkaufshilfen, kündigen Seniorenveranstaltungen an und prüfen, ob die Wohnungen altersgerecht ausgestattet sind. Bei mehr als 200 Senioren hat Broszonn im Wohnzimmer gesessen.
Morgens um neun klingelt die Hausbesucherin zum ersten Termin des Tages bei Rosa Doll. Es dauert ein bisschen, bis die 92-Jährige den Türöffner drückt. Die gebückt gehende Dame wohnt seit 20 Jahren allein und wartet lächelnd in der Wohnungstür. Sie trägt karierte Puschen und schlurft voran ins Wohnzimmer, wo Puppen auf einem Cordsofa sitzen und Zither-Musik im Radio spielt. Frau Doll hat Schokoplätzchen hingestellt und schenkt Kaffee in geblümte Tassen ein.
Ihre Zeit verbringt sie damit, Volksmusik aus dem Bayerischen Rundfunk aufzunehmen. Fast 2000 Kassetten hat sie schon bespielt und archiviert. "Meine Banderl", sagt sie.
Im Gespräch will Gabriele Broszonn wissen, ob Frau Doll in der Wohnung zurechtkommt. "Der Rücken zwickt schon ein bisschen", sagt die alte Dame. Deswegen falle es ihr schwer, in die Badewanne zu gelangen und sich darin wieder aufzurichten. Ein Haltegriff an der Wand könnte ihr helfen. "Aber lohnt sich das denn noch für mich? Rentiert sich das?", fragt sie. Die Sozialarbeiterin nimmt Frau Doll in den Arm und verspricht, schnell einen Handwerker zu schicken.
Nach dem Besuch sagt sie, Doll habe "einen sehr guten Eindruck" auf sie gemacht. Oft sehe sie alte Menschen, die deutlich besser in einem Heim aufgehoben wären, von denen sich aber viele gegen einen Umzug sträubten. "Ihre Wohnung ist das Letzte, was ihnen geblieben ist", sagt Gabriele Broszonn. Bei aller Isolation und Einsamkeit sei eine eigene Wohnung ein wichtiger Teil der Selbstbestimmung, die ein alter Mensch oft bewahren wolle, solange es irgendwie geht.
Technische Hilfsmittel sollen Senioren wenigstens die Angst vor Unfällen nehmen. Frau Bielke trägt einen Notfallknopf am Handgelenk. Wenn sie ihn drückt, wird die Johanniter Unfallhilfe alarmiert. Auch Frau J., die Dame, die gern Meisen füttert, trägt einen solchen Knopf an einem Band um den Hals.
Fast 3000 Notrufe von 110 000 Kunden gehen jeden Tag bei den Johannitern ein. Aber bei mehr als der Hälfte der Anrufe ist niemand gestürzt oder erkrankt. Die Menschen drücken den Knopf, um mit jemandem reden zu können.
Erna J. wird inzwischen einmal im Monat zum Bingospielen abgeholt. Der Verein Freunde alter Menschen hat das arrangiert. "Da lebe ich auf", sagt sie.
Zuvor hatte sie bei einem Klinikaufenthalt einer Schwester anvertraut, wie allein sie sei. Die gab ihr Nummern von Arbeitsämtern, die Ein-Euro-Jobber an alte Leute vermitteln. "Da musste ich mir richtig ein Herz fassen, bevor ich da angerufen habe", erzählt sie. Inzwischen kommt dienstags und donnerstags jeweils ein Mann und geht für sie einkaufen. Erna J. nennt die beiden Herren "Dienstagsfreund" und "Donnerstagsfreund".
Von Guido Kleinhubbert und Antje Windmann

DER SPIEGEL 2/2013
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