07.01.2013

MEDIZINEin Mensch, ein Wunder

Wer schwer verletzt einen Anschlag übersteht, muss ein neues Leben beginnen. Feuer machte die Irakerin Raghad al-Shammari zu einem Wesen ohne Gesicht. Berliner Ärzte geben ihr wieder ein menschliches Antlitz. Von Dialika Neufeld
Sie guckt in den Spiegel und sieht sich nicht an. Der Spiegel hängt in einem Friseursalon am Potsdamer Platz, ein schicker Laden, in dem sich Blondinen blonder machen und dabei Kaffee mit dicker Crema trinken. Raghad al-Shammari sitzt auf ihrem Lederstuhl, frische Außenwelle im Haar, offener Rücken von der letzten OP und ein Gesicht, das wie ein Quilt zusammengenäht worden ist. Sie sagt mit leiser Stimme: "Danke, René."
René, der Friseur, hat ihr gerade helle Strähnchen in ihr dunkles Haar gefärbt, mit neun Prozent Cremeoxyd und einer anderen Farbe drüber, "damit es nicht so goldig wirkt", und jetzt steht er hinter ihr und sagt: "So, nun wollen wir noch mal in den Spiegel schauen." Aber Raghad will nicht in den Spiegel schauen. Raghad betrachtet die weiße Wand.
Raghad hat sich langsam herangetastet an diesen Tag, fast zwei Jahre dauerte es, 22 Operationen waren nötig, in denen ihr die Ärzte den Bauch an den Hals nähten und eine Haut aus Haifischknorpel auf die Wunden, in denen sie ihr die Hornhaut eines Verstorbenen ins Auge setzten und die Haut ihres Fußrückens auf das Augenlid. Sie hat sich gehäutet, sie war ein Wesen ohne Ohren, Augen, Nase, Mund, und jetzt soll sie in den Spiegel schauen. René pumpt den Friseurstuhl mit dem Fuß nach unten.
Die neue Raghad ist an diesem Tag, ihrem 34. Geburtstag, zum ersten Mal in Deutschland hinausgegangen, ohne auf dem Weg in eine Klinik zu sein. Sie tastete sich von ihrer Zweizimmerwohnung in Reinickendorf an der Hand ihrer Schwester Inaam bis zum Taxistand, vorbei am Internet-Callshop, am Dönerladen, am Italiener "Latium" mit den Grünpflanzen hinter der Scheibe.
Der türkische Taxifahrer sprach auf der Fahrt über Istanbul und darüber, dass Türken und Iraker ja die gleiche Kultur hätten, "allet gleich", sagte er, und Raghad liefen Tränen aus den Augen. Vielleicht, weil der Taxifahrer so nett war, nicht in den Rückspiegel zu starren. Vielleicht, weil sie noch am Leben ist, so genau kann man das zurzeit nicht sagen.
Ihr erstes Leben endete am 3. November 2010, einem Mittwoch. Es war früh am Abend in Bagdad. Raghad bereitete sich auf das Opferfest vor. Sie putzte das Haus in der Palästinastraße, sie nahm die langen Vorhänge von den Fenstern und wusch sie. Raghad lebte in einem Hinterhaus mit Garten, zusammen mit ihrem Mann, einem Elektrohändler, ihrem kleinen Sohn Abdallah, damals drei Jahre alt, und ihrer Adoptivtochter Maryam, deren Mutter bei einem Anschlag gestorben war.
Wie so oft kamen an diesem Abend die christlichen Nachbarn herüber. In Raghads Viertel leben Muslime und Christen auf engem Raum zusammen. Sie stammt aus einer liberalen Familie, früher hat sie in einer Bank am Schalter gearbeitet, sie trägt kein Kopftuch, sie mag Make-up und lackierte Nägel. Die Nachbarn wollten ihr helfen, die Gardinen wieder aufzuhängen.
Raghad lud sie noch zum Essen ein, zu Hamburgern und Salat. Gegen 22 Uhr fiel der Strom aus. Nichts Besonderes in Bagdad. Im Garten, neben dem Planschbecken ihres Sohnes, steht ein dieselbetriebener Generator. Raghad lief hinaus. Sie drehte den Zündschlüssel, als sie in den Augenwinkeln jemanden kommen sah.
Eine Sekunde später stand sie in Flammen.
Ein Attentäter hatte einen Molotowcocktail über den Zaun auf sie geworfen. Es war eine Woche, in der in Bagdad mehrere Kirchen gebrannt hatten, Raghad hatte das zuvor in den Nachrichten gesehen. Er muss sie für eine Christin gehalten haben, das vermutet sie. Sie hatte unverschleiert im Garten gestanden.
Es geschieht täglich. Irgendwo auf der Welt zündet eine Autobombe, sprengt sich ein Selbstmordattentäter in die Luft, werden Menschen getroffen. In den Zeitungen stehen dann Zahlen: "Selbstmordattentäter richtet Blutbad auf Basar an, mindestens 20 Menschen tot" oder "240 Tote bei Autobombenanschlägen in Aleppo" oder "Elf Tote bei Anschlag in Kabul wegen Mohammed-Video". Aber neben den Toten gibt es viel mehr Menschen, die einen Anschlag überleben, ohne je wieder richtig leben zu können. Die von Splittern durchsiebt sind. Die in den Flammen ihre Haare verlieren, ihre Haut, ihre Identität.
Die Nachbarn erstickten die Flammen auf Raghads Körper und riefen den Krankenwagen. Sie wurde eingeliefert, die Arme und Beine von ihrem Körper gestreckt, als wäre sie gekreuzigt worden.
Ihre Augenlider waren auf die Wangen gerutscht, als ob sie geschmolzen wären, ihre Augen trübten ein, weil das Gewebe zusammengebacken wurde, die Netzhäute lösten sich, die Glaskörper liefen aus. Ihre Nasenflügel, die Lippen, die Ohren, die Haare und die Haut auf ihrem Oberkörper - weg.
Schon bei einer Verbrennungsfläche von 15 Prozent an kann ein erwachsener Mensch in Lebensgefahr schweben. Bei Raghad verbrannten 53 Prozent ihrer Körperoberfläche. Im Krankenhaus schob man sie in einen Raum zum Sterben.
Ihre Familie akzeptierte das nicht und brachte sie in ein anderes Krankenhaus. Dort schabte ein Arzt einen Teil der verbrannten Haut von ihrem Körper und rieb sie mit Apfelessig ein. Raghad sagt, "das war, als würde ich ein zweites Mal brennen".
"Ich war ein toter Mensch", sagt Raghad al-Shammari heute.
Sie blieb 56 Tage lang in einem Krankenhaus, das sie eigentlich nicht versorgte.
Bei schwer Brandverletzten müssen die abgestorbenen Gewebeschichten möglichst schnell abgetragen und durch Hauttransplantate ersetzt werden. Doch im Irak gab es kein Verbrennungszentrum, das Raghad richtig hätte behandeln können. Der Großteil ihrer Körperoberfläche war offen. Sie war anfällig für Infektionen. Aber nicht einmal ihr Zimmer war ausreichend desinfiziert. Es gab auch nicht genügend Medikamente, die Familie musste alles selbst besorgen.
Raghad brauchte eine Blutkonserve am Tag, aber im Krankenhaus gab es kein AB negativ. Raghads kleiner Bruder war der Einzige mit ihrer Blutgruppe. Er spendete und spendete, bis er nicht mehr konnte. Dann liefen ihre Schwestern durch die Stadt und verteilten Zettel mit Raghads Blutgruppe darauf. Ihre Schwester Mays wärmte die gekühlten Spendenbeutel in ihrer Achselhöhle auf, bevor sie das Blut ihrer Schwester injizierten.
Die Haut ist das größte Organ des menschlichen Körpers. Sie besteht aus mehreren Schichten, der Oberhaut, der darunterliegenden Lederhaut und der Unterhaut. Ab 40 Grad Hitze verändert das Eiweiß in den Hautzellen seine molekulare Struktur. Ab 45 Grad Hitze werden die Zellstrukturen vollständig zerstört und verlieren ihre Funktion. Eine Stichflamme entwickelt eine Hitze von über 1000 Grad.
In der Unterhaut sitzen Blut- und Lymphgefäße, Hautdrüsen, Haarwurzeln und Nerven. Bei einer drittgradigen Verbrennung werden sie unwiderruflich vernichtet. Der Kreislauf wird instabil, die Barrierefunktion der Haut existiert nicht mehr, der Körper verliert Eiweiße und Wasser.
Raghad entwickelte eine tiefe Thrombose im linken Oberschenkel. Sie infizierte sich mit mehreren multiresistenten Keimen, "MRSA, Pseudomonas aeruginosa multiresistent, Acinetobacter baumannii", das steht in ihrem Krankenbericht. Ein Arzt sagte zu Raghads Familie: "Ich gebe ihr keine vier Tage."
Inaam, Raghads jüngere Schwester, die in Frankfurt am Main lebt und dort im irakischen Konsulat arbeitet, wusste nicht, was mit Raghad passiert war. Die Familie hatte Inaam nichts erzählt, aus Sorge, sie könne das psychisch nicht verkraften: 2009 wurde Inaam selbst bei einem Anschlag schwer verletzt, als Terroristen mehrere Autobomben zündeten. Noch immer steckt ein Splitter in ihrem Kopf. Sie bewahrt die Röntgenbilder in einer Plastiktüte auf.
Inaam ist 31 Jahre alt, sie ist wie Raghads andere Schwester Mays eine bildhübsche Frau, sie hat Samthaut und lange, volle Haare, wer sie ansieht, kann sich vorstellen, wie Raghad einmal ausgesehen hat.
Bald spürte Inaam, dass etwas mit Raghad nicht in Ordnung war, an der Stimme ihrer Mutter, an den Ausflüchten ihres Vaters. Sie setzte sich in ein Flugzeug nach Bagdad und wurde ohnmächtig, als sie Raghad das erste Mal sah.
Sie rief ihre Diplomatenkollegen an, und irgendwie schaffte sie es, ein Visum für Raghad zu besorgen. Sie rief am Frankfurter Flughafen an und fragte, was es kosten würde, ein Flugzeug mit medizinischer Versorgung zu schicken: 46 000 Euro. Sie bat im Berliner Unfallkrankenhaus (UKB) um einen Kostenvoranschlag für Raghads Behandlung: 166 100 Euro.
Die Eltern verkauften ihr Haus, in dem sie zusammen mit Mays und Raghads kleinem Bruder lebten. Der Vater verkaufte sein Auto, einen schwarzen Daewoo. Sie versuchten, ihre Möbel zu Geld zu machen. Die Nachbarn verkauften ihr Geschirr, eine Nachbarin gab ihren Ehering. Und wenige Wochen später hielten Raghad und ihre Schwester Inaam in einem Krankenwagen vor dem Unfallkrankenhaus Berlin. Ohne Geld. Es hatte nur für das Flugzeug gereicht.
Raghad war am 29. Dezember 2010 mit einem Learjet 35, Flugnummer MAD 139, in Berlin-Tegel gelandet.
Für ein Krankenhaus ist diese Situation wie Erpressung. Die Ärzte können die Patientin nicht abweisen, das würde bedeuten, sie sterben zu lassen. Sie können sie aber auch nicht aufnehmen, weil sie wissen, dass niemand die teure Behandlung bezahlt. Bei einer Schwerstverletzten wie Raghad kostet sie leicht mehrere tausend Euro am Tag. Und dann ist sie nicht einmal deutsche Staatsbürgerin.
Raghad erinnert sich, wie sie eine quälende Ewigkeit im medizinischen Transportwagen vor dem Krankenhaus wartete, während Inaam um ihre Aufnahme bettelte. Sie zahlte 5000 Euro Vorkasse in bar und am nächsten Tag noch einmal 10 000 Dollar. Mehr bekam sie nicht zusammen.
Die Ärzte versetzten Raghad in ein künstliches Koma. "Befund: Superinfizierte Verbrennungswunden der oberen Körperhälfte, zu 43% offen. Nicht mehr frische tiefe Thrombose des linken Oberschenkels. Behandlung: Maschinelle Beatmung, Katecholamingabe. Antibiose. Intensivtherapie auf der Verbrennungseinheit", das steht am Anfang ihres Verlaufsberichts.
Bald folgen die ersten Operationen:
"4.1.2011: Débridement, MEEK - Transplantation 1:4 Thorax, Arm und Hand rechts."
"7.1.2011: Débridement, MEEK - Transplantation 1:3 Rücken, Arm und Hand links."
"11.1.2011: Débridement, Spalthaut - Transplantation Schulter rechts und Unterarm li."
Raghad wurde zu ihrem eigenen Ersatzteillager. Die intakte Haut auf ihren Beinen wurde ihr nach und nach auf die verbrannten Stellen gepflanzt. Auf ihren Augen steckten Uhrglasverbände, durch Heftpflaster eingefasste durchsichtige Kunststoffkappen, die gegen Austrocknung schützen sollen. Raghad hatte ja keine Augenlider. Ihre Haut war ein rosarot schimmernder Flickenteppich aus Narben, Wunden und Transplantaten. Ihre Oberlippe fehlte, die Unterlippe bestand aus Schleimhaut, die durch den Narbenzug nach außen gestülpt wurde. Sie sah aus wie ein böser Traum.
Trotzdem wurde sie Mitte Februar aus dem UKB entlassen. Sie war jetzt kein Notfall mehr, das Krankenhaus musste sie nicht weiter behandeln. Inaam bekam eine Rechnung: 94 676,21 Euro. Sie konnte sie bis heute nicht bezahlen. "Wir haben nichts mehr, kein Haus, kein Geld", sagt Inaam, "nur Schulden."
Sie mietete für einen Monat eine Wohnung in Moabit, City-Apartment, 60 Quadratmeter groß in der Lehrter Straße, 55 Euro die Nacht. Sie wusch Raghad jeden Tag, sie wechselte die Verbände, gab ihr Schmerzmittel. Raghad war nicht tot, aber auch nicht wirklich lebensfähig.
Bis ihre zweite Rettung begann. Sie begegnete Dr. Frank Peter. Raghads behandelnder Arzt aus dem Unfallkrankenhaus hatte ihn gebeten, sich Raghad anzusehen.
Peter steht im grünen Kittel in einem Behandlungsraum seiner Schönheitsklinik am Wittenbergplatz in Berlin. Normalerweise saugt er hier Fett aus Schenkeln und versenkt Silikonkissen in zu klein geratenen Brüsten. Jetzt betrachtet er Raghads offenen Rücken. Dort, wo vor kurzem noch ein intakter Musculus trapezius war, klafft ein rechteckiges Loch, rote Muskelfasern. "Da sieht man die tieferen Muskelschichten", sagt Peter.
Raghad sitzt aufrecht vor ihm auf der Liege und schließt die Augen. Aufrecht, weil sie kaum anders kann, das Narbengewebe, das ihren Körper überwuchert wie eine tropische Schlingpflanze, hat sie in eine komische Form gepresst. Hat den Kopf auf die Brust gedrückt und die Wirbelsäule verzogen, hat ihre Oberarme an den Oberkörper geklebt. Und ihre linke Hand zu einer Kralle werden lassen.
"Are you well? Geht es dir gut, Raghad?", fragt er.
Raghad nickt.
Peter war bei den meisten von Raghads Operationen beteiligt. Vor zehn Jahren hat er einen Verein gegründet, der sich um Opfer von Krieg und Terror kümmert. Er holt Menschen nach Deutschland, die so schwer verletzt sind, dass sie in ihrem Land keine Chance mehr haben zu überleben. Peter nannte den Verein "Placet", er soll aus Spenden neues Leben schaffen.
Die Idee sei ihm nach einer erfolgreichen OP gekommen, damals, als er noch in Bochum als Chirurg arbeitete. Er hatte einen Unfallpatienten und dachte: "Mensch, der hat einfach nur Glück gehabt, hier in Deutschland zu sein. Aber was ist mit den anderen?" Er dachte darüber nach, ins Ausland zu gehen und dort vor Ort zu helfen. In Afghanistan, im Kongo, in Liberia sind viele Chirurgen im Einsatz. Aber da seien die Möglichkeiten begrenzt, sagt Peter. "Außerdem werde ich krank in diesen Ländern", sagt er, "da kann ich nicht richtig arbeiten."
Er sprach mit anderen Ärzten, und die meisten waren begeistert. Er sammelte Spender, die die Operationen finanzieren wollten. Und bald war die erste Patientin da, eine Jurastudentin aus Odessa, die mit Benzin überschüttet und angezündet worden war. Heute behandeln die Ärzte und Pfleger von Placet drei bis fünf Menschen im Jahr mit je bis zu 20 Operationen.
Als Raghad aus dem Unfallkrankenhaus entlassen wurde, fingen die Placet-Ärzte an, eine Zukunft für sie zu entwerfen. Eine, in der sie wieder sehen und auf die Straße gehen kann. Eine, in der sie ihren Sohn Abdallah in die Arme nimmt.
Sie brachten Raghad in eine Wohnung in Reinickendorf, die dem Verein gehört, Küche, Bad, Balkon. Sie holten ihren Vater und ihre Schwester Mays mit einer Sonderaufenthaltsgenehmigung aus dem Irak, damit sie sich um sie kümmern können. Und bald begannen sie zu operieren.
Sie entfernten die tote Haut in ihrem Gesicht und ersetzten sie durch Haut vom Unter- und Oberschenkel, 0,3 Millimeter dick. Raghads Stirn ist jetzt glatt.
Sie rekonstruierten ihre Augenlider mit Haut von ihrem Fuß. Heute wachsen Raghad wieder lange Wimpern.
Sie nähten Integra, eine aus Haifischknorpel gezüchtete Haut, auf ihre offenen Wunden, weil deren Eiweißstruktur der menschlichen Eiweißstruktur am nächsten ist.
Sie entnahmen ein großes Stück von ihrem Unterbauch, ließen es auf der Vorderseite ihres Halses wieder anwachsen.
Sie saugten Fett ab, aus dem Stück Bauch, das jetzt an ihrem Hals war.
Mehr als 20 Operationen machten sie in weniger als zwei Jahren. Raghads Verlaufsbericht liest sich wie eine Anleitung zur Menschwerdung.
Bei der letzten großen OP schnitten die Ärzte die Narben aus der Seite ihres Halses, auch, damit sie ihren Kopf wieder nach links und rechts drehen kann. Zwei Wochen ist das jetzt her, die OP dauerte fünf Stunden. Die Ärzte lösten einen Teil des Trapezius aus Raghads Rücken, weil sie etwas brauchten, womit sie den Hals wieder schließen konnten. Sie taten das, ohne die Stelle, an der das Blutgefäß in den Muskel eintritt, zu durchtrennen. So konnten sie die Blutversorgung erhalten und den Muskel nach vorn drehen. "Der Muskel ist entbehrlich", sagt Peter und zeigt auf das neue Loch am Rücken. "Da haben wir Unterschenkelhaut drübergemacht. Das wächst dann wieder zu."
Das mit den Hauttransplantaten müsse man sich vorstellen wie einen vibrierenden Käsehobel, der die oberste Hautschicht abträgt, erzählt Frank Peter. Bei Raghad wird von den Beinen abgetragen, weil es der einzige Teil ihres Körpers ist, an dem die Haut intakt ist und nachwachsen kann. Mehrere Wochen lag Raghad im Berliner Westend-Klinikum, das Placet einen OP-Raum und ein Zimmer für die Behandlung stellt, Station 4b, Zimmer 16. Mays schlief wie immer auf einem Bett neben ihrer Schwester.
"Der Hals ist jetzt besser als vorher? Verstehst du, Raghad? Ist besser, oder?", fragt Dr. Peter jetzt. "Ich habe Schmerzen", sagt Raghad mit den wenigen deutschen Worten, die sie kennt. "Aber die hören auf", sagt Peter.
Raghad fragt, ob er als Nächstes ihre Nase und ihren Mund operieren kann. "Vielleicht in einem Monat", sagt Peter.
"Was ist mit den Ohren?", fragt Raghad. Peter sagt: "Ohren sind Luxus. Die Ohren machen wir nicht." Er lacht. Er umarmt Raghad und ihren Vater zum Abschied.
Darum geht es stets wieder: Die Frage, was überlebenswichtig ist. Braucht man ein ästhetisches Ohr, wenn man auch ohne hören kann? Braucht man eine Nase mit Flügeln, wenn man auch ohne riechen kann? Was bedeutet ein Mund für die Identität?
Wer über Monate immer wieder mit Raghad spricht, der vergisst, dass etwas anders ist an ihr. Nur manchmal gehorcht ihre Mimik nicht. Dann wirkt es, als bewegte sich ihr neues Gesicht zeitverzögert zu ihren Gefühlen. Sie lächelt dann ohne Lippen, sie weint, ohne dass sich das Gesicht verzieht.
Raghad hat auf RTL einen Bericht gesehen. Sie hat nicht viel verstanden, aber es ging um Schönheits-OPs und darum, dass eigentlich alles möglich ist. Sie hatte das Gefühl, dass die deutschen Ärzte Menschen wie Schöpfer entwerfen können. "Stimmt das", fragt sie, "werde ich wieder normal?"
Wenn sie über sich nachdenke, dann sehe sie immer die alte Raghad. Sie kennt noch kein Bild zu ihrem neuen Ich, zu der Frau, die einen Terrorbrandanschlag überlebte. In der Zweizimmerwohnung in Berlin-Reinickendorf, in der sie zusammen mit ihrem Vater und ihrer jüngeren Schwester wohnt, hat Raghad ein Baumwolltuch vor den Spiegelschrank im Bad gehängt.
Drei-, viermal in der Woche ruft sie ihren Mann und ihren Sohn Abdallah in Bagdad an, meist skypen sie mit einem Computer ohne Kamera. Beim Laptop könnte ihr Sohn sie live über die Videokamera sehen. Raghad erzählt ihm, ihr Laptop sei kaputt.
Abdallah, fünf Jahre alt, stellt jetzt Fragen. "Mama muss nach Berlin, weil sie ein Kind auf die Welt bringt", das haben sie ihm gesagt. Eine "weiße Lüge", so nennen sie das. Aber Abdallah fing an, nach dem Kind zu fragen. Um ihrer Schwester zu helfen, fing Mays an, Babygeräusche im Hintergrund zu machen, Babywimmern, Babylachen.
An schlimmen Tagen wird das Leben für Raghad schöner mit zwei Lyrica. "Raghad love Lyrica", sagt Mays, ihre Schwester. "Yes, I love", sagt Raghad. Die beiden lachen, wenn sie darüber sprechen. Lyrica ist ein Antidepressivum, das außerdem die Wirkung der Schmerzmittel verstärkt.
Raghad mag den Kartoffelbrei von Kentucky Fried Chicken, den ihr Mays manchmal nach dem Deutschkurs mitbringt. Sie mag auch dieses Lied von Helene Fischer, der Schlagersängerin. Es geht um Liebe. Sie mag den Regen; wenn es regnet, öffnet Raghad die Balkontür.
Sie mag auch ihre neue Brille. Die ist von Prada und hat Bänder, wo normalerweise die Bügel sind. Der Optiker hat sie gespendet. Früher, wenn sie mit Abdallah fernsah, haben sie in der Werbepause die Marken aufgesagt: Prada, Dolce & Gabbana, Gucci, das erzählt sie. Sie machten daraus ein Spiel. Die neue Brille verstärkt Raghads Sehkraft auf 15 Prozent. Damit kann sie Details in Gesichtern sehen.
Ihr Augenarzt Christoph Wiemer sagt, er sei sehr skeptisch gewesen, ob eine Brille für Raghad schon das Richtige sei. "Es gibt blinde Menschen, die sehr glücklich sind", sagt er. "Am Anfang mussten wir ja aufpassen, dass die Taxifahrer nicht ohnmächtig wurden, wenn Raghad zu ihnen ins Auto stieg", sagt Wiemer. "Wie soll das erst werden, wenn sie sich selber sieht?"
Die Angst vor dem Spiegel begleitet Raghad auch am Tag ihres 34. Geburtstages, beim Friseurbesuch, und vorher beim Weg ins Einkaufszentrum. Dort soll sie neue Blusen und Kleider bekommen, die Leute von Placet schenken ihr die.
Raghad soll wieder aussehen wie eine junge Frau, das ist der Plan. Es könnte der erste Tag von so etwas wie Zukunft werden, 689 Tage nachdem ein Fanatiker versuchte, ihr Leben in Flammen aufgehen zu lassen, ein Leben, das er nicht kannte, aber das ihm nicht gefiel.
Der Taxifahrer hält vor den Potsdamer- Platz-Arkaden. Raghad läuft mit kleinen Schritten an der Hand ihrer Schwester durch das grelle Einkaufslicht. Sie sieht die Geschäfte links und rechts, sieht, wie die Menschen an ihr vorbeiströmen, ohne sie komisch anzusehen.
Als sie schließlich in der Umkleidekabine von H & M steht, mit einem Berg bunter Blusen, dreht sie sich mit dem Rücken zum Spiegel. Ihre Schwestern ziehen ihr nacheinander die Kleider an. Raghad hebt den Ärmel vor ihr Gesicht, um zu erkennen, ob sie die Farben mag. Sie könnte sich umdrehen und in den Spiegel schauen. Aber sie tut es nicht. Was sie dort sehen würde: ein Wunder, einen neuen Menschen.
Von Dialika Neufeld

DER SPIEGEL 2/2013
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