07.01.2013

HANDELAuftrag von ganz oben

Über Jahre spionierte ein Detektiv bei Aldi Süd Mitarbeiter aus, mit mobilen Mini-Kameras und anderen fragwürdigen Methoden. Nun enthüllt er Details.
Wenn Wolfgang Paul durch eine Aldi-Filiale läuft, dann ist er kein klassischer Kunde. Paul sieht das Sortiment, die Mitarbeiter, die Anordnung der Regale und Kassenbereiche mit anderen Augen. Denn Paul war knapp 15 Jahre lang als Detektiv für den Mülheimer Discounter tätig. Für Aldi Süd und Aldi Suisse überwachte er in bis zu sechs Regionalgesellschaften mehr als 300 Filialen. Er sollte den Handelsriesen vor Kundendiebstählen bewahren.
Doch das war nur der offizielle Auftrag. Er habe Instruktionen bekommen, auch ein Auge auf Mitarbeiter und ihre Gewohnheiten zu werfen, sagt Paul. Immer wieder sei er gedrängt worden, es dabei mit den Gesetzen nicht so genau zu nehmen.
So soll eine Aldi-Führungskraft in Dornstadt vor drei Jahren von ihm verlangt haben, er möge über den Spinden in der Mitarbeiterumkleidekabine mobile Miniaturkameras installieren. Als er ablehnte, sei ihm gedroht worden, er werde "alle Überwachungsaufträge verlieren", wenn er nicht spure, berichtet Paul.
"Ich hatte weiterhin den Auftrag, alle Auffälligkeiten zu melden", sagt der Detektiv. "Also auch, wenn ein Mitarbeiter zu langsam arbeitete, ich von einem Verhältnis der Mitarbeiter untereinander erfahren habe oder ich andere Details aus dem Privatleben mitbekam, zum Beispiel im Hinblick auf die finanzielle Situation des Mitarbeiters."
Paul weiß, wie brisant seine Äußerungen sind - und er ahnt, dass Aldi sie hart dementieren wird. Er hat deshalb eine eidesstattliche Versicherung unterschrieben.
Er sei angehalten worden, Miniaturkameras in Zentrallagern einzubauen, also an Orten ohne Publikumsverkehr, sagt Paul. Deren Installation und das Speichern der so erhaltenen Daten aber ist verboten, wenn nicht ausdrücklich auf diese Überwachung hingewiesen wird.
Im Frühjahr 2008 geriet Aldis Discount-Konkurrent Lidl in die Kritik, weil er systematisch Mitarbeiter von Kameras und Detektiven überwachen ließ. Bei allen Handelsunternehmen löste der Spitzelskandal äußerste Vorsicht bei der Wahl der Überwachungsmethoden aus. Umso erstaunlicher, dass Aldi Süd kurz darauf diese Praxis offenbar wieder anwandte.
Im vergangenen Jahr berichtete der SPIEGEL (18/2012) erstmals über systematische Überwachungen bei Aldi. Damals erklärte der Discounter, alles ginge mit rechten Dingen zu. Paul behauptet das Gegenteil. "Zwischen Aldi und Lidl gibt es keinen Unterschied", sagt der Detektiv.
In der Schweizer Filiale Kreuzlingen will er mobile Kameraanlagen über der Kasse eingebaut haben, in der Filiale Krumbach vier Kameras über den Kassen, eine im Büro. Auf der Rechnung steht "Sonderdienstleistung".
Häufig habe er zu den üblichen Kamerasystemen zusätzliche Mini-Anlagen installiert, um mehr als nur die datenschutzrechtlich zulässigen Standardbilder zu gewinnen. Wenn er Zweifel an dem Vorgehen geäußert habe, sei ihm gesagt worden, der Auftrag komme von ganz oben und "sei mit den Aldi-Rechtsanwälten abgeklärt". Aldi Süd bestreitet das.
Aldi Süd setzte Paul auch auf die Konkurrenz an. So soll er von einem Aldi-Manager den Auftrag erhalten haben, die Rewe-Filiale in Wangen im Allgäu zu inspizieren, deren Kunden zu zählen und zu beobachten, was Rewe anders macht als Aldi. 44 Stunden à 22 Euro ließ Aldi sich diese Inspektion kosten.
Der Discounter bestätigt den Auftrag, dies sei während eines "Tests von verlängerten Öffnungszeiten" geschehen. Grundsätzlich aber würden Detektive ausschließlich zum Zweck der Beobachtung und Überführung von Ladendieben sowie zur Verhinderung und Aufklärung von Straftaten engagiert, heißt es weiter. Eine Überwachung von Mitarbeitern im Hinblick auf deren Arbeitsleistung sei ausdrücklich ausgeschlossen. Es habe keine Anweisung gegeben' ",Auffälligkeiten' wie private Details zu melden". Bei der Überwachung des Logistiklagers seien Mitarbeiter und Fahrer informiert worden, die Aufnahmen seien auf CDs gespeichert, ausgewertet und danach umgehend vernichtet worden.
Rechnungen bis 5000 Euro müssen bei Aldi Süd von einem Mitarbeiter der Geschäftsführung abgezeichnet werden, ab 5000 vom Geschäftsführer persönlich. Der Detektiv Paul schickte mehrere Rechnungen an das Unternehmen, die über 5000 Euro lagen - und die bezahlt wurden. Aus einigen geht eindeutig hervor, dass Mini-Kameras eingesetzt worden waren.
Aldi Süd sagt dagegen, illegale und nicht vertragskonforme Praktiken der Detektive würden weder freigegeben noch geduldet. Rechnungen über 5000 Euro von Herrn Paul seien durch die Geschäftsführung zwar abgezeichnet worden, diese "betreffen jedoch keine unseriösen Praktiken".
Wolfgang Paul selbst meidet das Unternehmen inzwischen. "Über die Jahre hat mir das Arbeitsklima bei Aldi sehr zu schaffen gemacht", sagt er. Aldi-Manager sollen immer wieder gedroht haben, "wir machen Sie fertig, Sie kennen unsere Rechtsanwälte", sagt Paul. "Aber ich lasse mich nicht einschüchtern."
Von Susanne Amann und Janko Tietz

DER SPIEGEL 2/2013
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