07.01.2013

FRANKREICH

Nach dem Fall

Von Rohr, Mathieu von

Dominique Strauss-Kahn sehnt sich nach einem Comeback - nicht als Politiker, sondern als Wirtschaftsexperte. Aber dafür müsste er erst einmal die Vergangenheit vergessen machen.

Ein Mann steht in einer Disco, umringt von drei blonden jungen Frauen, sie lachen und posieren mit ihm für ein Foto. Er hat traurige Augen, und sein Gesicht wirkt versteinert, als ob er ahnte, dass das hier gerade keine besonders gute Idee ist.

Der Mann ist Dominique Strauss-Kahn, 63, die Frauen tragen Baseballmützen der Cocktailmarke "Sex on the beach", und der Club heißt Le Matignon, wie der Sitz des Premierministers. Ausgerechnet.

Es gab eine Zeit, da wären selbst Matignon und das Amt des Premierministers für Dominique Strauss-Kahn eine Nummer zu klein gewesen. Da war er ein Gigant, der Chef des Internationalen Währungsfonds, ein Ökonom von Weltrang, vermutlich der nächste Präsident Frankreichs.

Dann kam das Zimmermädchen Nafissatou Diallo, das ihn beschuldigte, es am 14. Mai 2011 in der Suite 2806 des Sofitel von Manhattan zum Oralsex gezwungen zu haben. Er landete im Gefängnis, er wurde zum Gejagten und sein übergriffiges Verhalten gegenüber Frauen plötzlich zu einem Thema für die ganze Welt. Das Verfahren gegen ihn wurde wenige Monate später eingestellt, wegen Zweifeln an der Glaubwürdigkeit der Zeugin.

Doch Strauss-Kahn war längst vorverurteilt als Monster, er wurde zum Paria, zu einer lächerlichen Figur. "Es war ein Abstieg in die Hölle", sagt Michel Taubmann, sein Biograf, der regelmäßig mit ihm spricht.

Kann ein Mann nach einer so gewaltigen Demütigung jemals wieder respektabel werden? Kann es für Dominique Strauss-Kahn ein Comeback geben?

Er hat diese Hoffnung nie aufgegeben, und seit einigen Monaten arbeitet er ernsthaft an seiner Rückkehr. Auf den Trümmern seines alten Lebens baut er sich eine neue Existenz auf: Als hochbezahlter Redner tritt er monatlich auf ein bis zwei internationalen Konferenzen auf, in China, Großbritannien, Marokko, Südkorea und Thailand.

Er nutzt sein Wissen und seine alten Kontakte, um Schwellenländer und internationale Organisationen zu beraten. Er fädelt Geschäfte zwischen französischen und ausländischen Firmen ein, er kümmert sich um Schiefergas in Israel und den Textilmarkt in China. Die Geschäfte laufen ordentlich, sagen Freunde.

"Er will sich nicht mehr für sein Vorleben rechtfertigen", sagt sein Biograf Taubmann. "Die Wirtschaftskrise beschäftigt ihn sehr. Wenn er über sie spricht, ist er Feuer und Flamme, und er ist frustriert, dass er keine Rolle mehr spielt und sich nicht einbringen kann."

Strauss-Kahn will sich zu seinem neuen Leben nicht interviewen lassen. "Er strebt nichts mehr an als Ruhe", sagt ein Freund, der ihn regelmäßig sieht, sich aber genauso wenig namentlich zitieren lassen will wie alle anderen, die Strauss-Kahn nahestehen. Er sei Privatmann, keine Person des öffentlichen Interesses mehr, heißt es. Paparazzi, die ihn und seine neue Freundin, die 20 Jahre jünger ist, heimlich fotografieren, überzieht er mit Klagen. Die wenigen engen Freunde, die ihm geblieben sind, haben das Bedürfnis, ihn zu beschützen vor der bösen Welt.

Eines weiß Strauss-Kahn: dass es mit der Politik für ihn vorbei ist. Damit habe er abgeschlossen, sagen seine Vertrauten.

Und doch lässt auch dieses Kapitel ihn nicht ganz los, wie könnte es auch. Freunde, die ihn in den vergangenen Wochen besucht haben, berichten von einem Mann, der sich sehr kritisch über die Präsidentschaft von François Hollande äußert. Der gebe den Leuten keine Richtung vor, kritisiere Strauss-Kahn, Hollande erkläre nicht, was getan werden müsse. Auch sonst fänden nur wenige in der aktuellen Regierung bei ihm Gnade. Er wirke bei diesem Thema bitter, heißt es.

Viele seiner Vertrauten sind traurig, dass DSK, wie sie ihn nennen, nicht der großartige Präsident werden konnte, den sie in ihm sahen. "Je länger ich Hollande reden höre, desto mehr sage ich mir, wie schade es ist, dass Dominique nicht an seinem Platz ist", sagt einer von ihnen. Seine Popularität nehme zu, er werde nun oft auf der Straße angesprochen: Die Leute wollten Fotos machen, und er lasse es zu.

In erster Linie ist Dominique Strauss-Kahn aber damit beschäftigt, die Hindernisse für sein Comeback aus dem Weg zu räumen: die Ermittlungen und Prozesse gegen ihn. Erst wenn alle eingestellt sind, kann er als rehabilitierter Mann an die Öffentlichkeit treten. Einige sind bereits seit 2011 vom Tisch, dazu gehört das New Yorker Strafverfahren, aber auch die Anschuldigung der Autorin Tristane Banon, er habe versucht, sie zu vergewaltigen.

In den vergangenen Monaten waren seine Anwälte an vielen weiteren Fronten erfolgreich: Am 10. Dezember wurde die Zivilklage des ehemaligen Zimmermädchens Nafissatou Diallo gegen eine Geldzahlung fallengelassen. Und ein Escort-Girl zog den Vorwurf zurück, DSK habe es bei einer Sexparty in Washington vergewaltigt.

Doch kurz vor Weihnachten scheiterten seine Anwälte damit, auch das letzte Verfahren einstellen zu lassen, das gegen ihn läuft: die "Carlton-Affäre", in der wegen "schwerer bandenmäßiger Zuhälterei" gegen ihn und acht weitere Personen ermittelt wird. Noch droht ihm hier ein Prozess.

Strauss-Kahn hatte an Sexpartys teilgenommen, organisiert von einem Geschäftsmann, der sich bei ihm einschmeicheln wollte. Er habe nicht sehen können, dass es sich um Prostituierte handelte, sagte er zu seiner Verteidigung, die Frauen seien ja nackt gewesen. Die übrigen Beschuldigten bestätigen, dass er mit der Organisation der Abende nichts zu tun hatte - deshalb glauben seine Anwälte nicht, dass er verurteilt werden kann. Doch das Verfahren kann sich noch über Jahre hinziehen.

In seinem einzigen Interview seit mehr als einem Jahr sagte Strauss-Kahn dem Magazin "Le Point", er habe fälschlicherweise geglaubt, er könne sein Privatleben führen, wie er wolle: "Dazu gehört auch freizügiges Verhalten zwischen willigen Er-

wachsenen - es gibt viele solcher Partys in Paris, Sie wären verwundert, wen Sie dort alles treffen." Er sei naiv gewesen, denn ein Politiker könne nicht tun, was ein Manager oder Sportler tun könne. "Ich hatte mich zu weit von der französischen Gesellschaft entfernt."

Er habe nichts Verbotenes getan, heißt das, bloß einen umstrittenen Lebensstil praktiziert - die Libertinage samt ihren "parties fines", dem Gruppensex der höfischen Gesellschaft, der in Frankreich seit dem 17. Jahrhundert Tradition hat. "L'Express" zitierte ihn mit der Bemerkung: Ihn verdamme man, während das Sado-Maso-Sexbuch "Fifty Shades of Grey" zum Bestseller wurde - das belege die heuchlerische Moral der Franzosen.

Die große Unbekannte in der Geschichte ist Anne Sinclair. Wie viel sie von seinem Doppel- und Dreifachleben genau mitbekam, weiß niemand. Als sie DSK 1991 heiratete, war sie der Star der beiden, die schönste TV-Journalistin des Landes. Die Millionen ihrer Familie ermöglichten beiden ein luxuriöses Leben. Nur dank ihres Geldes kam er gegen Kaution aus dem Gefängnis in New York frei. Nachdem Strauss-Kahn im Herbst 2011 nach Paris zurückgekommen war, verdrehten sich erneut die Rollen: Seine Frau wurde Chefredakteurin der französischen "Huffington Post". Und der Mann, der früher den Gastgeber von Welt gegeben hatte, saß in sich zusammengesunken in der gemeinsamen Wohnung, wurde nicht mehr eingeladen und spielte auf dem iPad Schach.

Die Beziehung hat den Skandal nicht überlebt, Anne Sinclair trennte sich im vergangenen Sommer von ihm. Er zog aus dem luxuriösen 240-Quadratmeter-Apartment an der Place des Vosges aus und wohnt seither in Montparnasse, im 14. Arrondissement, auf der anderen Seite der Seine in einem modernen Bau an einem großen Boulevard. Dort befindet sich auch der Sitz seiner neuen Firma: "Parnasse", gegründet am 4. September, Kapital: 1000 Euro. Sie dient ihm dazu, Rechnungen zu stellen, bisher ist sie nur das traurige Überbleibsel einer Karriere.

Sein Biograf Taubmann sagt: Schon mehrmals im Leben habe Strauss-Kahn vor dem Nichts gestanden, er sei ein Spieler, der immer wieder alles verloren habe. In den Neunzigern verlor er sein Ministeramt, daraufhin gründete er den Cercle de l'industrie, einen Club der Unternehmensführer, der zur Basis seines späteren Erfolgs wurde. Aber kann ihm ein solcher Erfolg auch im Rentenalter noch gelingen?

Das Interesse an ihm nimmt nicht ab, die französischen Medien berichten über jede seiner Regungen, obwohl er in Ruhe gelassen werden möchte. Zuletzt wurde er an Weihnachten beim Familienurlaub mit seinen Kindern in Savoyen fotografiert, Silvester schossen Paparazzi unvorteilhafte Bilder von ihm, als er mit seiner Freundin am Strand von Mauritius saß und auf sein iPad starrte.

In der Satiresendung "Les Guignols de l'info", in der Politiker von Puppen parodiert werden, kommt er immer noch vor, als Typ im halbgeöffneten Leoparden-Bademantel, der als Wirtschaftsexperte befragt wird, aber als Antwort nur versaute Zweideutigkeiten säuselt, bis der Moderator ihn stoppt.

Die Komik der Puppe liegt darin, dass sie Strauss-Kahns Problem auf den Kopf stellt: Der Mann, der über Weltwirtschaft reden möchte, ist zu einer Karikatur verkommen, bei der die Franzosen zuallererst an Sauereien denken müssen.

Sein schwerster Kampf ist deshalb nicht mehr der um seine Unschuld, sondern der gegen seine eigene Lächerlichkeit.

(*) Nach einer Anhörung vor dem State Supreme Court.

DER SPIEGEL 2/2013
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