07.01.2013

GESUNDHEIT

Licht des Todes

Von Hackenbroch, Veronika

Die Gefahren durch Sonnenstudios werden noch immer unterschätzt. Studien zeigen: Die dort eingesetzte UV-Strahlung erhöht das Hautkrebs-Risiko. Dennoch preist die Branche die angeblich gesundheitsfördernde Wirkung der Sonnenbänke.

Zehn Jahre lang hatte die Hamburgerin das Gefühl, sich etwas richtig Gutes zu tun, wenn sie ins Solarium ging. "Ich war alleinerziehend, berufstätig, die Kinder waren noch klein, und mein Ex-Mann versuchte ständig, mir einen reinzuwürgen", erzählt die heute 51-jährige Taxifahrerin. "Aber auf der Sonnenbank, das war meine Viertelstunde. Da kam kein Stress an mich ran."

Ein- bis zweimal in der Woche ging Nadja Stein(*) ins Sonnenstudio, genoss das warme Licht, trank Kaffee und klönte mit der Besitzerin. Doch dann bemerkte sie auf einmal ein Muttermal am Knie, das irgendwie seltsam aussah. Der Hautarzt riet ihr, gleich noch zwei weitere auffällige Male entfernen zu lassen.

Zwei Wochen nach dem Eingriff bekam sie die schlimmste Nachricht ihres Lebens: schwarzer Hautkrebs. Das an der Hüfte entfernte Muttermal war ein mali-

gnes Melanom, die gefährlichste aller Hautkrebsformen. Wird ein Melanom zu spät entdeckt, kann es passieren, dass die Patienten innerhalb weniger Wochen tot sind. Nadja Stein wurde sofort an das Dermatologische Zentrum im niedersächsischen Buxtehude überwiesen.

"Für mich ging die Welt unter", erzählt sie. "Ich habe gedacht: Jetzt ist es vorbei." Sie aß nichts mehr, begann zu trinken. "Ich wollte mich totsaufen, bin nicht mehr zur Arbeit gegangen."

Am Ende hatte die Frau Glück im Unglück: Das Melanom befand sich noch im Frühstadium. Ihre Überlebenschancen sind gut. Dennoch muss sie jetzt alle drei Monate zur Kontrolle. Rund 40 Muttermale sind ihr in den vergangenen drei Jahren entfernt worden. Ein weiteres Melanom wurde dabei entdeckt, auch dieses zum Glück im Frühstadium. Außerdem dreimal sogenannter weißer Hautkrebs. Für Februar ist die nächste OP geplant.

Jahr für Jahr erkranken in Deutschland rund 130 000 Menschen an Hautkrebs; etwa 18 000 davon, so das Robert Koch-Institut (RKI), an einem malignen Melanom, etwa weitere 5000 an einem Melanom im Frühstadium. Jährlich sterben rund 2500 Patienten an diesem Tumor. Damit tritt der schwarze Hautkrebs zwar immer noch vergleichsweise selten auf - doch die Zahlen steigen dramatisch: Seit den achtziger Jahren haben sich die Erkrankungsraten laut RKI mehr als verdreifacht. Für die Dermatologen liegt die Erklärung auf der Hand: zu viel Sonne, besonders in jungen Jahren.

Das gilt auch für Nadja Stein: "Ihr mehrfacher Hautkrebs", erläutert Peter Mohr, Chefarzt des Dermatologischen Zentrums Buxtehude, "ist auf jeden Fall die Folge einer massiven Sonnenexposition. So etwas sehen wir sonst nur bei Patienten, die mit heller Haut in Südostasien oder Afrika aufgewachsen sind." Da Stein seit ihrer Geburt in Norddeutschland lebt, steht für Mohr fest: Schuld ist auch die Sonnenbank.

Etwa 40 000 solche Geräte gibt es schätzungsweise in Deutschland. Lange Zeit galten Solarien, die im Vergleich zur Sonne meist einen hohen Anteil an UV-A-Strahlung und einen niedrigen Anteil an UV-B-Strahlung aussenden, als vergleichsweise harmlos. Die energieärmere UV-A-Strahlung, die in tiefere Hautschichten vordringt, führe zwar zu Bräunung und Alterung der Haut, so die klassische Lehrmeinung, nicht jedoch zu Krebs.

Doch zahlreiche Studien haben in den vergangenen Jahren das alte Dogma widerlegt. Sonnenbänke sind demnach weit weniger harmlos als gedacht. Denn neue Experimente zeigen: Nicht nur UV-B-Strahlung, sondern auch UV-A-Strahlung kann im Erbgut zu gefährlichen Mutationen führen, aus denen dann der Krebs entsteht (siehe Grafik). "UV-A-Strahlung", warnt Rüdiger Greinert, Biophysiker am Dermatologischen Zentrum Buxtehude und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention, "spielt bei der krebserregenden Wirkung von Solarien eine wichtige Rolle." Hinzu kommt: Schon der geringe UV-B-Anteil im Solarienlicht kann Krebs auslösen.

Bereits 2009 stufte die International Agency for Research on Cancer, die zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehört, Sonnenbänke als "krebserregend für Menschen" ein. Die Solarienindustrie, die in Deutschland jährlich rund 600 Millionen Euro umsetzt, startete daraufhin eine PR-Offensive: Bis heute leugnen die Sonnenbank-Lobbyisten den Zusammenhang zwischen Solarien und Hautkrebs - und preisen die künstliche Besonnung sogar als gesundheitsfördernd an.

"Licht ist Leben" heißt das Werbemotto im Logo des Branchenverbands. In Wahrheit aber senden die Sonnenbänke eher Licht des Todes aus.

Die epidemiologische Beweislage ist mittlerweile erdrückend, wie eine aktuelle Auswertung wichtiger Studien im "British Medical Journal" belegt:

‣ Wer sich vor dem 35. Lebensjahr regelmäßig auf die Sonnenbank legt, verdoppelt nahezu sein Risiko, am malignen Melanom zu erkranken.

‣ Statistisch gesehen weisen hellhäutige Menschen, die schon mindestens einmal in ihrem Leben ein Sonnenstudio besucht haben, ein um 20 Prozent höheres Risiko auf, an einem Melanom zu erkranken.

‣ Schon jeder weitere Besuch im Sonnenstudio steigert das Risiko um rund zwei Prozent pro Jahr.

‣ Insgesamt, errechneten die Autoren, seien 2008 in 18 untersuchten europäischen Ländern 3438 Fälle von malignem Melanom auf Solarien zurückzuführen - die meisten der Betroffenen waren Frauen.

"Es gibt eindeutig einen Zusammenhang zwischen der Benutzung von Sonnenstudios und dem gefährlichen schwarzen Hautkrebs", so fasst der Mediziner Philippe Autier vom International Prevention Research Institute in Lyon die Ergebnisse zusammen. "Und das Risiko ist am größten, wenn man schon in jungen Jahren mit der Bestrahlung anfängt."

Anders als es dem Klischee entspricht, gehören Solariennutzer keiner Randgruppe an. Fast 40 Prozent der Deutschen haben sich schon einmal auf die Sonnenbank gelegt, hat eine aktuelle Umfrage ergeben. Fast 15 Prozent nutzen das Solarium sogar regelmäßig. Neben dem Wunsch nach Entspannung und gutem Aussehen spielt dabei offenbar auch ein gewisser Suchtfaktor eine Rolle - was Nadja Stein bestätigen kann: "Ich hatte richtig einen kleinen Entzug, als ich nicht mehr ins Solarium gehen konnte."

Biophysiker Greinert formuliert das so: "Natürlich sind wir alle irgendwie Sonnenjunkies. Oft findet man noch im letzten Kaff, wo sonst nichts mehr ist, ein Sonnenstudio."

Doch eine Aufklärung über die Risiken findet kaum statt. Auch für Nadja Stein war Krebs nie ein Thema. "Kein Mitarbeiter des Sonnenstudios hat mir jemals einen Warnhinweis gegeben", erzählt sie. Im Gegenteil werden auf den Internetseiten ihres Solariumbetreibers "Ihr Sonnenstudio" nur beruhigende Botschaften verbreitet. Unter der Überschrift "Aufgeräumt mit Vorurteilen!" steht dort zu lesen: "Ein weiteres Vorurteil: UV-Bestrahlung würde Hautkrebs auslösen. Hier widerspricht Prof. Dr. Schröpl, einer der führenden Hautärzte Deutschlands, in einem Interview: ,Seit rund 20 Jahren werden Patienten mit Hautkrankheiten mit hohen UV-Dosen bestrahlt. Bis heute sind dabei keine Melanome aufgetreten.'"

Was auf der Internetseite nicht steht: Prof. Dr. Schröpl ist bereits verstorben - und stand jahrelang im Dienst der Solarienbranche. Für den Sonnenbank-Hersteller Ergoline etwa gab er einen "Literaturservice" heraus. Auch nach seinem Ableben finden sich seine solarienfreundlichen Äußerungen immer noch auf zahllosen Internetseiten von Betreibern und Herstellern. Der Betreiber von "Ihr Sonnenstudio" war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

"Wir stehen fassungslos vor diesem Phänomen", sagt Biophysiker Greinert. "Wir wissen eigentlich so viel darüber, wie Solarien Hautkrebs verursachen. Trotzdem gibt es aber sogar Kollegen aus der Dermatologie, die dies zu leugnen scheinen."

Tatsächlich betreibt die Solarienbranche mittlerweile so professionelle Lobbyarbeit, wie es jahrzehntelang die Tabakindustrie tat. In einer Studie haben Forscher der Harvard Medical School Tabak- und Solarienwerbung miteinander verglichen - und verblüffende Parallelen festgestellt: etwa Ärzte als Werbefiguren, die bezeugen sollen, wie harmlos oder gar gesundheitsfördernd die Produkte sind.

So tauchten in den frühen Anzeigen der Zigarettenfirmen häufig Weißkittel auf mit Werbesprüchen wie: "Camel ist die von Ärzten am häufigsten gerauchte Marke" oder "20 679 Ärzte sagen, Luckies reizen weniger". Verblüffend ähnlich erscheinen heute Anzeigen der Solarienindustrie, in denen Mediziner das Bräunen auf der Sonnenbank anpreisen, etwa eine junge Frau in OP-Kleidung: "Nach meiner 16-Stunden-Schicht als Assistenzärztin gehe ich ins Sonnenstudio, weil ich so meine Batterien für die morgige Arbeit wieder auflade." Und drei Ärzte mit Kittel und umgehängtem Stethoskop sagen: "UV-B des Sonnenlichts produziert natürliches Vitamin D. Deshalb bräunen wir uns regelmäßig."

Dass UV-B-Licht in der Haut die Produktion des als Wundermittel gegen Krebs, Diabetes, Herzinfarkt und Depressionen gefeierten Vitamin D anregt, ist derzeit eines der am häufigsten verbreiteten Werbeargumente der Solarienindustrie. Zwar leben ältere Menschen mit mehr Vitamin D im Blut offenbar tatsächlich länger. Doch sonst sieht die wissenschaftliche Studienlage trübe aus: Keine der anderen angeblichen Wunderwirkungen von Vitamin D ist bislang durch hochwertige Studien sicher belegt, viele Untersuchungen widersprechen einander, mehr Forschung ist notwendig. Fest steht nur: Vitamin D ist wichtig für den Knochenaufbau. Doch dafür genügt es, sich im Sommer regelmäßig rund 15 Minuten in der Mittagssonne aufzuhalten. Droht ein Mangel, kann man Tabletten schlucken. Solarien sind für die Versorgung mit Vitamin D überflüssig.

Dennoch preist die Bräunungsindustrie Sonnenbänke als gesundheitsfördernde Vitamin-D-Quelle. Der Bundesfachverband Besonnung e. V. etwa stellt Solarienbetreibern und -herstellern einschlägige Broschüren und Plakate zur Verfügung: "Sonne kann schützen" (vor Diabetes), "Sonne ist gut - auch für Ihr Baby!" (zur Vitamin-D-Versorgung in der Schwangerschaft) oder "Sonnen ohne Risiko. Die positiven Wirkungen des Lichts auf Herz, Kreislauf, Haut, Psyche, Knochenaufbau und Immunsystem werden in Ihrem Sonnenstudio exakt für Sie dosiert!"

Diese Werbung spiegelt nach Ansicht des Bundesfachverbands Besonnung e. V. den "aktuellen Stand der wissenschaftlichen Diskussion" wider. Zudem gebe es "bislang keine einzige anerkannte Studie, die einen kausalen Zusammenhang zwischen der Nutzung von Solarien und einem Hautkrebs-Risiko" belege. Auch der umstrittene US-amerikanische Forscher und Vitamin-D-Aktivist William B. Grant wäge in einem Experteninterview auf der Website des Verbandes "seine wissenschaftlichen Erkenntnisse sorgfältig ab".

Grant, der für seine Forschung unter anderem Gelder der UV Foundation erhielt, deren erklärtes Ziel es ist, die positiven Effekte des UV-Lichts zu verbreiten, fällt ein mildes Urteil über das Melanom-Risiko durch Solarien: "Ein vorsichtiger Umgang mit Sonnenbänken, also kein Sonnenbrand, stellt meiner Meinung nach keinen Risikofaktor für Melanome dar."

Angesichts solcher verharmlosender Werbepropaganda erwägen US-amerikanische Anwälte nun - nach Vorbild des Kampfs gegen die Tabakkonzerne -, Schadensersatzprozesse gegen die Solarienindustrie anzustrengen. Geschädigte zu finden dürfte kein Problem sein.

In Deutschland sind die Vorschriften für Solarienbetreiber zwar strenger als in den USA. So ist zum Beispiel die Benutzung von Sonnenbänken für Jugendliche unter 18 Jahren seit rund drei Jahren verboten. Auf der anderen Seite beobachten Gesundheitsexperten eine verstärkte und zunehmend geschicktere Lobbyarbeit der Solarienindustrie.

In einem Kommentar für das britische Fachmagazin "The Lancet" mit dem Titel "Das falsche Spiel der Bräunungsindustrie" beschreibt der Solarienkritiker Autier, wie der europäische Branchenverband European Sunlight Association von der Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher der EU-Kommission dafür bezahlt wird, Informationsbroschüren für Sonnenstudionutzer zu produzieren. Autier: "Das ist so, als würde der Verbrecher die Strafgesetze machen."

In Brüssel kämpfen Solarienkritiker wie Greinert für europaweit schärfere Gesetze. Sein Traum: Vorschriften nach brasilianischem Vorbild.

In dem südamerikanischen Land sind Sonnenstudios seit 2009 verboten.

Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet.

(*) Name von der Redaktion geändert.

DER SPIEGEL 2/2013
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