07.01.2013

ARCHÄOLOGIEAls die Tranfunzeln erloschen

Knochenanalysen zeigen, wie sich die Wikinger auf Grönland im Mittelalter an die Abkühlung anpassten: Aus Rinderzüchtern wurden Robbenjäger. Warum gaben sie ihre Kolonie auf?
Am 14. September 1408 heirateten Thorstein Olafsson und Sigrid Björnsdottir. Die Zeremonie fand in einer nur fünf Meter hohen Kirche am Hvalseyfjord auf Grönland statt.
Im Halbdunkel des Gotteshauses dürften die Brautleute einander kaum erkannt haben. Nur durch ein Rundbogenfenster an der Ostseite und einige schießschartenähnliche Öffnungen fiel das milchige Spätsommerlicht in die mit Grassoden bedeckte Kirche. Anschließend stärkten sich die Gäste mit Robbenfleisch.
Die Hochzeit des Isländers mit dem grönländischen Mädchen war eines der letzten rauschenden Feste in der Wikingerkolonie im hohen Norden. Wenig später war alles vorbei. In den grönländischen Siedlungen der Nordmänner erloschen die Tranfunzeln.
Fast 500 Jahre lang, vom Ende des 10. Jahrhunderts bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts, hatten die Nachfahren der Wikinger auf ihrem Außenposten im Nordatlantik ausgeharrt. Die mittelalterliche Warmzeit machte es möglich. Die Siedler aus Norwegen, Island und Dänemark lebten auf Hunderten verstreuten Höfen entlang der geschützten Fjorde, bauten Dutzende Kirchen und hatten sogar Bischöfe.
Ihr Verschwinden ist bis heute ungeklärt. Viele Experten haben bisher angenommen, dass die Abkühlung des Klimas und daraus resultierende Missernten und Hungersnöte der skandinavischen Kolonie den Todesstoß versetzt hätten. Doch diese Untergangstheorie glaubt ein dänisch-kanadisches Forscherteam jetzt widerlegen zu können.
Die Gelehrten haben an Hunderten Menschen- und Tierknochen, die auf der Insel gefunden wurden, Isotopenanalysen durchgeführt. Ihre im "Journal of the North Atlantic" veröffentlichte Studie zeichnet das bisher detaillierteste Bild von den Ernährungsgewohnheiten der nordischen Siedler.
Wie sich aus den Messungen ergibt, dürfte der Hunger die Wikingernachfahren kaum aus ihren Wohnstätten am Rande der Gletscher vertrieben haben. Die Knochenuntersuchungen belegen: Als die Warmzeit zu Ende ging, stellten die grönländischen Landwirte und Tierhalter ihre Ernährung überraschend schnell auf marine Kost um. Fortan machten die Siedler vor allem Jagd auf Robben, die bei ihren jährlichen Wanderungen in Scharen vor den Küsten Grönlands auftauchten.
Während zu Beginn der Besiedlung im frühen 11. Jahrhundert nur zwischen 20 und 30 Prozent der Nahrung aus dem Meer stammten, spielte die Robbenjagd in den Jahrhunderten danach eine wachsende Rolle: "Sie aßen immer mehr Robbenfleisch, im 14. Jahrhundert machten die Tiere bis zu 80 Prozent ihrer Ernährung aus", erklärt Teammitglied Jan Heinemeier, Datierungsexperte von der Universität Aarhus.
Dass die Grönland-Wikinger selbst in kälter werdenden Zeiten reichlich zu essen hatten, bestätigt auch Teamkollege Niels Lynnerup, Anthropologe und Forensiker von der Universität Kopenhagen: "Es hing ihnen höchstens zum Hals raus, sich am Rande der Welt fast nur noch von Seehunden ernähren zu müssen."
Von den eigenen Viehherden, so zeigen die Knochenanalysen, kam dagegen nur noch selten Fleisch auf den Tisch. Ab Mitte des 13. Jahrhunderts war das Klima auf der Insel rauer geworden. Die Temperaturen im Sommer fielen, heftige Stürme tobten um die Häuser, die Winter waren klirrend kalt. Für die nach Grönland mitgebrachten Rinder gab es auf den Weiden und Wiesen entlang der Fjorde immer weniger zu fressen.
Auf den kleineren Höfen wurden sie deshalb mehr und mehr durch einfacher zu haltende Schafe und Ziegen ersetzt. Die wegen ihres Fleisches geschätzten Schweine wiederum wurden den Isotopenanalysen zufolge noch eine Weile mit Fisch- und Robbenabfällen gefüttert. Doch um 1300 gab es sie auf der Insel nicht mehr.
Die zu Robbenjägern mutierten Bauern haben sich gegen den Niedergang ihrer Viehwirtschaft offenbar kaum gewehrt. Die Tierknochenanalysen der Forscher zeigen, dass die Grönländer gar nicht erst versuchten, ihre Rinder mit einer Art Hungerkost aus Büschen, Pferdemist, Seetang und Fischabfällen über die langen eisigen Winter zu bringen - eine Praxis, wie sie in klimatisch ähnlich belasteten Regionen Nordeuropas bis vor wenigen Jahrzehnten weitverbreitet war.
Auch Epidemien haben das Leben auf den Höfen allem Anschein nach nicht ausgelöscht. Bei den auf der Insel ausgegrabenen Wikingergebeinen haben die Wissenschaftler nicht mehr Anzeichen für Krankheiten entdeckt als anderswo: "Wir sind auf normale Skelette gestoßen, die genauso aussahen wie vergleichbare Funde aus skandinavischen Ländern", berichtet Lynnerup.
Was aber war dann der Grund dafür, dass in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Siedlungen auf Grönland aufgegeben wurden? Vermutlich, so die Forscher, habe ein Mix von Ursachen den skandinavischen Aussiedlern das Leben in der Fremde unerträglich gemacht. So waren Walrosszähne und Robbenfelle, die wichtigsten Exportgüter der Kolonie, als Handelsware kaum noch gefragt - ab Mitte des 14. Jahrhunderts brach der regelmäßige Schiffsverkehr mit Norwegen und Island ab.
Die Bewohner fanden sich zunehmend von ihren Mutterländern isoliert. Dringend benötigtes Bauholz und Eisenwerkzeuge erreichten sie nur noch sporadisch. "Es wurde für die Grönländer immer schwieriger, Kaufleute aus Europa auf die Insel zu locken - doch ohne den Austausch konnten sie nicht dauerhaft überleben", glaubt Jette Arneborg, Archäologin am Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen.
Auch der zunehmende Verlust ihrer skandinavischen Identität dürfte den Siedlern zugesetzt haben. Ihrem Selbstverständnis nach waren sie Landwirte und Viehhalter, nicht Fischer und Jäger. Ihr gesellschaftlicher Status hing von Landbesitz und Tierherden ab - doch genau diese Werte halfen nun nicht mehr, um das zu produzieren, was sie zum Überleben brauchten.
Die Wikingernachfahren hatten sich zwar an die Lebensumstände im Norden angepasst, aber für die Assimilierung gab es Grenzen. "Sie hätten mehr und mehr wie Inuit leben und sich von ihren kulturellen Wurzeln entfernen müssen", sagt Arneborg. "An diesem immer stärker aufbrechenden Widerspruch zwischen Identität und Wirklichkeit sind sie offenbar gescheitert."
Vor allem die Jungen im fortpflanzungsfähigen Alter sahen in der Endphase keine Zukunft mehr auf der Insel. Auf einem Friedhof aus der späten Periode entdeckten die Ausgräber kaum noch Skelette junger Frauen.
"Es war vermutlich so ähnlich wie heute, wenn junge Griechen und Spanier ihr Land verlassen, um in wirtschaftlich aussichtsreicheren Regionen ihr Glück zu suchen - es sind stets die Jungen und Starken, die gehen, die Alten bleiben zurück", sagt Lynnerup.
Zudem herrschte in den skandinavischen Ursprungsländern um diese Zeit Landflucht. Die Bevölkerung in den abgelegenen Gebieten Islands, Norwegens und Dänemarks dünnte aus. Höfe und Ländereien wurden frei für die Rückkehrer aus dem Nordwesten.
Überstürzt haben die Grönländer ihre Behausungen indes nicht geräumt. Außer einem goldenen Siegelring in einem Bischofsgrab wurden auf der Insel bislang nirgendwo wertvolle Fundstücke wie Kruzifixe aus Silber oder Gold geborgen. Die Forscher werten das als Hinweis darauf, dass der Abschied aus der Kolonie geordnet verlief und die Bewohner wertvolle Gegenstände mitnahmen: "Wenn sie als Folge von Krankheiten oder Naturkatastrophen ausgestorben wären, hätten wir solche Pretiosen mit Sicherheit längst gefunden", sagt Lynnerup.
Auch das Paar aus der Kirche am Hvalseyfjord verließ kurz nach der Hochzeit die Insel. Auf Island mussten die Eheleute gegenüber dem dortigen Bischof schriftlich nachweisen, dass sie den Bund fürs Leben unter dem Grassodendach getreu den Regeln von Mutter Kirche geschlossen hatten - ihre Protokolle sind das letzte Zeugnis, das vom Leben der Nordmänner auf Grönland berichtet.
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 2/2013
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