07.01.2013

COMEDYEin Veganer in der Metzgerei

Das Komikertrio Y-Titty ist mit seinen YouTube-Videos bei einem Millionenpublikum erfolgreich. Die drei Kölner sind dabei, die deutsche Spaßkultur umzukrempeln.
Neben dem bloßen Oberkörper des italienischen Fußballspielers Mario Balotelli, der die deutsche Fußballnationalmannschaft und ihren Trainer Joachim Löw aus ihren EM-Träumen schoss, hat sich noch ein anderes Brustbild festgegraben im Bewusstsein vieler deutscher Mediennutzer im Jahr 2012.
Auf diesem Videoporträt zieht ein blasshäutiger junger Mann mit spärlichem Brusthaar eine erbarmungswürdige Leidensmiene, während er in einer hellblauen Spongebob-Unterhose in einem Badezimmer steht und beklagt, was ihm widerfahren sei in der letzten durchzechten Nacht. Das ist auch deutlich zu sehen. Sein Gesicht ist mit rotem und schwarzem Filzstift vollgekritzelt. "Ihr Schweine habt mich angemalt", singt der Mann. "Jemand schmierte mir 'nen Penis auf die Backe mit Edding / Was habt ihr mit mir gemacht? / Ich sehe aus wie ein Kunstwerk von Picasso auf Drogen."
Über 14 Millionen Mal wurde in den vergangenen Monaten dieses YouTube-Video angeklickt, auf dem die deutschen Komiker der Gruppe Y-Titty eine Gaga-Version des Pophits "Somebody That I Used to Know" präsentieren. Es ist eines der lustigsten und populärsten Werke des Komikertrios Philipp Laude, 22, Matthias Roll, 21, und Oguz Yilmaz, 21. Sie haben sich als Schüler in der mittelfränkischen Stadt Hilpoltstein kennengelernt und leben seit Herbst 2010 in Köln. Die Zahl der Abonnenten, die sich für ihre meist im Wochenrhythmus produzierten Videos auf YouTube interessieren, hat im Dezember die Marke von einer Million überschritten.
Der Name Y-Titty, sprich "wai titti", ist eine Verballhornung der Anfangsbuchstaben von YouTube. Die Komiker beliefern auch den seit Ende Oktober gestarteten YouTube-Kanal Ponk. Er ist einer von bislang 13 deutschen "Original Channels", mit denen YouTube ein wenig Ordnung schaffen möchte in seinem Riesenangebot. Die "New York Times" nannte diese Kanäle, die es in den USA schon länger gibt, ein Indiz dafür, dass "YouTube dem Fernsehen immer ähnlicher wird".
Der deutsche Netzprophet Marius Sixtus verkündete vor einiger Zeit, YouTube verkörpere eine "neue Kultur". Aber gibt es die wirklich? Philipp Laude behauptet, er habe nie geglaubt, dass irgendeine mörderische Konkurrenz herrsche zwischen noch nicht ganz alten und neuen Medien. "Fernsehen wird es immer geben", sagt er. "Wir glauben an einen Universalhumor, der nicht daran gebunden ist, wie er verbreitet wird."
Der Vorzug von YouTube und ähnlichen Plattformen ist es, dass sie praktisch keine Zugangsbeschränkung kennen. Anders als im Fernsehen kann jeder sein Video einstellen, ohne dass ihm Redakteure oder Produzenten reinreden - nur rassistische und pornografische Inhalte werden von den YouTube-Kontrolleuren entfernt. Durch die Kommentare und Bewertungen derjenigen Nutzer, die sich ihr Werk angesehen haben, erfahren die Videomacher direkt, ob ihre Arbeit ankommt. Wer sie mag, drückt den "Like"-Button, wer sie hasst, auf das "Hate"-Symbol. "Auch wir wurden schon extrem gehatet", sagt Laude. Seit 2007 können sich erfolgreichere Videolieferanten von YouTube, das zum Google-Konzern gehört, an dessen Werbeeinnahmen beteiligen lassen. "Für uns ein perfektes Geschäftsmodell", so Laude.
Die tatsächliche Arbeit von Y-Titty findet in Köln bei der Firma Mediakraft statt, die von dem ehemaligen ZDF-und-RTL-Fernsehreporter Christoph Krachten, 48, geleitet wird. Um die Vermarktung des Komikertrios kümmert sich Kick Management, die Firma des umtriebigen Medienmannes Goetz Elbertzhagen, 53, der seit Jahrzehnten auch Stars aus Fernsehen und Popmusik betreut.
"Wir nehmen Künstler unter Vertrag, die sich bei YouTube eine Fanbasis geschaffen haben", sagt Tim Tilgner von Kick. "Das ist ein bisschen wie in den Anfängen von Indierock und Punkrock, als kleine Bands erst auf eigene Faust ihre Konzertauftritte organisierten und selbst ihre Platten herausbrachten, bis sie dann bei den großen Plattenfirmen Verträge bekamen."
Zum Mythos von YouTube gehört es, dass sich Videos durch den Charme des Unprofessionellen und Handgemachten auszeichnen; Filme von tollpatschigen Kindern oder derben Scherzen erreichen gerade, weil sie erkennbar von Amateuren gefertigt sind, ein großes Publikum. Für Y-Titty, die selbst mit wackeligen Schülervideos angefangen haben, gelte das nicht, sagt Philipp Laude: "Wir sind gezwungen, uns technisch weiterzuentwickeln, damit wir für unsere Fans glaubwürdig bleiben. Wir haben durch unseren Erfolg andere finanzielle Möglichkeiten, und wir machen auch als Menschen eine Entwicklung durch. Es wäre lächerlich, wenn wir immer noch mit der Kamera wackeln würden."
In den besonders häufig angeklickten Videos von Y-Titty sieht man die Komiker zum Beispiel über deutsche Verkehrskreuzungen robben, weil ihnen eine monströse Erektion das Gehen schwermacht ("Ständertime"). Man sieht sie Werbespots verhöhnen ("Wegwerfen"), den Weltuntergang beschwören ("Der letzte Sommer") und den Modetanz "Gangnam Style" nach Art von Tolkiens "Der Herr der Ringe" als "Gandalf Style" nachspielen. Das ist oft grandios blöd und oft der schiere Pennälerhumor, vor allem aber ist es auf unverschämte Art lustig. Im etablierten deutschen Fernsehen wird man oft sehr viel dämlicher unterhalten.
Während sich in den deutschen Feuilletons Kritiker zu Recht über den Brachialhumor von Mario Barth erregen und zu Unrecht die nicht weniger klobigen Späße von Cindy aus Marzahn bejubeln, schert sich dort um die Kunst von Y-Titty bislang fast niemand. "Viele YouTube-Künstler arbeiten unter Ausschluss der kulturkritischen Öffentlichkeit", sagt Tim Tilgner von Kick, "diese Trennung wollen wir aufheben."
"Deutsche Comedy ist für uns keine Inspiration. Das, was im Fernsehen zurzeit an Sketchen und Comedy geboten wird, finden wir nicht lustig", sagt Laude. Die Y-Titty-Jungs bewundern amerikanische Komiker wie The Lonely Island oder Julian Smith, auch britische Klassiker wie Monty Python seien okay. Zudem sei die Welt der Computerspiele, in der viele ihrer Sketche spielen, "eine unterschätzte Kunstform".
Mit Politik beschäftigen sich die drei von Y-Titty nur im Ausnahmefall, als es allerdings um den Protest gegen das sogenannte Acta-Abkommen und die Regelung der Urheberrechte im Netz ging, "da haben wir dazu aufgerufen, auf die Straße zu gehen, weil uns das persönlich was anging".
Ein Akt frecher politischer Kunst ist auch das mehrteilige Video "Reich durch Gebühren - Die Anstalt". In dem hampeln die Komiker in die Studios eines großen öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders namens "Der Deutsche Rundfunk", kurz DDR, und verhöhnen auf charmante Weise die Arroganz, die Prasssucht und den Arbeitsfleiß der dort Beschäftigten. Karin, die Cutterin, zum Beispiel, kehrt nach einer dreistündigen Mittagspause mit anschließender Kaffee- und Rauchpause an ihren Schneidetisch zurück. Dort trifft sie auf Gregor, den Regisseur, der eigentlich die Story "eines Veganers, der in der Metzgerei arbeitet" erzählen sollte, dann aber nach Rücksprache mit seinem Redakteur doch lieber einen Tierfilm gedreht hat. Der handelt von einer Schnecke und war sehr teuer, weil er vom Helikopter aus gefilmt werden musste.
Dann besuchen die Reporter den Chef vom Dienst des Hauses. Der schreitet, wie es in öffentlich-rechtlichen Reportagen nun mal üblich ist, "sinnlos auf ein Fenster zu, um mit einem seemännischen Blick in die Ferne seine Wichtigkeit zu untermalen".
Die Polemik trügt. Philipp Laude und seine Kollegen werden früher oder später doch im deutschen Fernsehen landen. Eine einstündige Probeshow auf RTL II gab es bereits, auch bei Harald Schmidt saßen sie in dessen Sat.1-Zeit schon mal auf der Talkshow-Couch. Sie wollen, sagen die Komiker, lustige Videos nicht bloß für junge Menschen produzieren, sondern eine Sorte Unterhaltung, die für alle Altersgruppen und für jede Bildungsschicht verständlich sein soll.
"Über Peniswitze lacht wirklich jeder", glaubt Laude. "Da kann man noch so viele Doktortitel haben."
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 2/2013
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