14.01.2013

GEHEIMDIENSTEGekaufte Geschichte

Die NS-Vergangenheit des BND-Chefs Reinhard Gehlen wurde von einem Historiker retuschiert - im Auftrag des Bundesnachrichtendienstes.
Altkanzler Helmut Kohl hatte schon immer ein Faible für Geschichte. Er studierte das Fach in Frankfurt am Main und Heidelberg, erwarb darin sogar einen Doktortitel und nahm sich noch als Regierungschef die Zeit, in historischen Wälzern zu schmökern.
Zu den von Kohl geschätzten Autoren zählt der Schriftsteller und Historiker Gert Buchheit (1900 bis 1978). Kohl überreichte ihm 1970 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. In der Begründung schlug der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz einen hohen Ton an. Buchheit gehöre "zu den fruchtbarsten und erfolgreichsten Schriftstellern und Historikern der Pfalz". Sein Name sei "weit über die pfälzischen Grenzen hinaus bekannt" und sein Lebenswerk gar "für viele im In- und Ausland zu einem geistigen Besitz geworden".
Doch Buchheit schrieb zumindest einen Teil seiner Werke nicht ohne Hintersinn, wie jetzt der Berliner Geschichtswissenschaftler Winfried Meyer aufgedeckt hat(*): Der nationalkonservative Autor - Deckname "Gero" - arbeitete jahrelang als geschichtspolitischer Spindoktor für den Bundesnachrichtendienst (BND) und dessen Präsidenten Reinhard Gehlen (1902 bis 1979). "Gero" verdrehte in seinen Veröffentlichungen die Vergangenheit, um Gehlen und seinen Dienst möglichst gut aussehen zu lassen.
Er erhielt 500 Mark pro Monat plus Spesen und das vage Versprechen des BND, für freundliche Rezensionen von Buchheits Büchern in den Medien zu sorgen. Im Gegenzug verfasste der Geschichtsklitterer aus der Pfalz tendenziöse Artikel und ein Buch, das die Rolle Gehlens und anderer BND-Mitarbeiter während des "Dritten Reichs" schönte.
Begonnen hatte Buchheits Wirken als BND-Historiker Mitte der sechziger Jahre. Das Ansehen des Geheimdienstes hatte aufgrund diverser Affären gelitten, Gehlens Ruf als Agentenchef von Weltniveau beruhte nur noch auf angeblichen
Scoops während des Zweiten Weltkriegs. Doch die DDR-Propaganda zog die Erfolge von einst in Zweifel und warf zudem Gehlen vor, schwer belastete NS-Täter zu beschäftigen - beides zu Recht.
Dem BND kam es daher gelegen, als der stramm rechte Buchheit - in der Nazi-Zeit Verfasser regimefreundlicher Geschichtstraktate - über einen Mittelsmann Interesse an einer Kooperation signalisierte: Er wünsche sich eine "engere Zusammenarbeit mit dem BND". Gehlen ließ ausrichten, Buchheit möge sich "der Erfassung und der Abwehr aller Angriffe auf die alte und die neue Firma widmen". Und das tat Buchheit mit Verve.
Ende 1966 erschien sein Buch "Der deutsche Geheimdienst. Geschichte der militärischen Abwehr", in dem Buchheit die deutsche Militärspionage bejubelte und dem schmächtigen und eitlen Gehlen, der selbst bei schlechtem Wetter eine Sonnenbrille trug, ein Denkmal setzte.
Gehlen hatte bis 1945 die Abteilung Fremde Heere Ost geleitet, einen eher erfolglosen Haufen, der das Wirken feindlicher Armeen analysierte. Buchheit stilisierte die Einheit zur Supertruppe, die mit "wissenschaftlicher Exaktheit" die Schachzüge von Hitlers Gegnern voraussah. Bedauernd schrieb der BND-Lohnhistoriker, "es wäre besser gewesen", wenn Hitler "mehr" auf Gehlen gehört hätte als auf den Geheimdienst der SS.
Man fragt sich: besser für wen?
Das von Buchheit und Gehlen erhoffte breite Echo blieb jedoch aus, obwohl ein BND-Mitarbeiter versprochen hatte, er werde Hörfunk und Fernsehen "bearbeiten" und sich auch bei der "Welt" oder der "Welt am Sonntag" für Rezensionen einsetzen. Immerhin erschien in der "Zeit" eine begeisterte Kritik.
PR-Schreiber Buchheit zählte zudem zu einer privaten Runde, die ansonsten aus Geheimdienstveteranen bestand und zusammenkam, um Angriffe der DDR-Propaganda auf die Militärspionage der Nazi-Zeit publizistisch abzuwehren. Neben Buchheit war mindestens noch einer aus dem Kreis BND-Mitarbeiter.
Die Truppe gründete eine "Arbeitsgemeinschaft" und gab die Fachzeitschrift "Die Nachhut" heraus, die der BND vor Drucklegung genehmigte. Buchheit wurde "Schriftleiter". Einige Themen standen allerdings auf einem Index: Man möge, so ein BND-Oberer, von Veröffentlichungen über Sabotageaktionen oder Spionageeinsätze während des Krieges gegen die damaligen Gegner und jetzigen Verbündeten USA, Großbritannien und Frankreich "absehen".
Ansonsten versorgte die Arbeitsgruppe in den folgenden Jahren Historiker und Journalisten - auch des SPIEGEL - "systematisch mit tendenziösen Auskünften und Erinnerungen", wie Historiker Meyer schreibt.
Bis in die Ära Willy Brandts dauerte die Zusammenarbeit zwischen dem BND, der Arbeitsgemeinschaft und Buchheit. Ob der Dienst dazu beitrug, dass Helmut Kohl Buchheit das Bundesverdienstkreuz überreichte, ist unklar.
Erst 1971 stellte Pullach die regelmäßigen Zahlungen ein. Zu diesem Zeitpunkt war Gehlen bereits seit drei Jahren im Ruhestand. Die Mär vom Geheimdienst-Ass Gehlen hielt sich jedoch weit über seine Amtszeit hinaus. Buchheits Buch über die militärische Abwehr findet sogar heute noch Leser. Es wurde 2010 wieder aufgelegt - von einem rechtsradikalen Verlag.
(*) Winfried Meyer: ",Nachhut'-Gefechte", in: "Journal for Intelligence, Propaganda and Security Studies" No. 2/2012.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 3/2013
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