14.01.2013

INTERNETDer virtuelle Hörsaal

Neuartige Internetportale locken mit kostenlosen Kursen und Vorlesungen Hunderttausende Studenten an. Viele Universitäten wollen nun vom Boom des Online-Lernens profitieren.
In letzter Zeit bemerkt Professor Loviscach oft ungewöhnliche Studenten in seiner Vorlesung. Was reizt Charles, den Feuerwehrmann aus Dixon in Illinois, an der höheren Mathematik? Was treibt die Schüler aus Pakistan, die sich seit Monaten tapfer durch seine Formeln beißen? Und welche Pläne hat Sean, der Offizier auf einem U-Boot der US-Marine?
Sie alle verfolgen im Internet die Videoserie, mit der Jörn Loviscach sein Publikum in die Wunderwelt der Differentialgleichungen einführt. Sie gucken die Kurzfilme, sie machen die Übungen, und wenn sie nicht mehr weiterwissen, suchen sie Rat im angeschlossenen Webforum.
An der Fachhochschule Bielefeld, wo Loviscach normalerweise lehrt, hat er selten mehr als ein paar Dutzend Zuhörer. Im Internet aber laufen dem Mathematiker die Leute zu wie einem Popstar der Wissenschaft: Knapp 16 000 Teilnehmer aus aller Welt haben sich für seinen Kurs angemeldet. Er könnte ein mittleres Fußballstadion füllen.
Der Online-Kurs läuft unter dem Dach der US-Firma Udacity. Sie betreibt im Internet ein Portal mit Vorlesungen für jedermann. Die meisten Angebote stammen aus dem Umkreis von Physik, Informatik und Robotik. Und alle sind gratis.
Der Aufwand ist dennoch oft beträchtlich. Loviscach hat sich abenteuerliche Missionen für seine Studenten ausgedacht. Sie dürfen zum Beispiel die Astronauten von "Apollo 13" retten, indem sie die Flugbahn zurück zum Heimatplaneten berechnen und zum rechten Zeitpunkt das Triebwerk zünden.
Regelmäßige Tests sollen die Teilnehmer munterhalten. Ein Computer bewertet die Lösungen nach einem ausgetüftelten Verfahren - anders wäre so ein Massenandrang kaum zu bewältigen.
"Die Studenten helfen sich aber auch gegenseitig", sagt Loviscach. Im begleitenden Forum diskutieren sie über ballistische Kurven und die Rundungsfehler beim Euler-Verfahren. Manche Teilnehmer sind dort, fast wie Assistenten, schier unentwegt im Einsatz.
Einer der Gründer von Udacity ist der aus Deutschland stammende Informatiker Sebastian Thrun, ehemals Professor an der kalifornischen Stanford-Universität, heute Vordenker bei Google. Vor gut einem Jahr hielt Thrun erstmals einen Kurs im Internet ab. Der Titel versprach, wenig spektakulär, eine "Einführung in die Künstliche Intelligenz". Wer hätte da einen nennenswerten Ansturm befürchtet? Aber am Ende waren 160 000 Studenten aus 190 Ländern versammelt.
Seitdem gilt die Online-Akademie, bislang eher abgetan als weltfremde Schrulle von Techniknarren, als das nächste große Ding. Viele glauben, dass diese Idee die Bildungslandschaft verändern wird. "Wir erleben gerade einen Dammbruch", sagt Mathematiker Loviscach.
Weitere Portale sind bereits in Betrieb. Neben Udacity bietet auch die Plattform edX, eine Gründung der amerikanischen Eliteuniversitäten Harvard und MIT, Online-Kurse an; sie ist standesgemäß ausgestattet mit einem Startkapital von 60 Millionen Dollar.
Die Sozialwissenschaftlerin Vesna Ivanovska hat dort nach ihrem Studium einen Kurs in Biostatistik belegt, "rein aus Neugier", sagt sie. Die Sache macht ihr Spaß, und sie kommt gut voran, eher besser als zuvor an der Uni. "Die Videos sind gut gemacht", findet die Fernstudentin. Jede Woche gibt es Hausaufgaben, oft muss sie auch ganze Datensätze analysieren; der stete Lernreiz hilft gegen die Dämonen der Trödelsucht. Ein soziales Umfeld freilich kann so ein virtueller Kurs kaum bieten - nicht anders zu erwarten bei rund 35 000 Teilnehmern.
Ein drittes Portal, Coursera, entstand wie Udacity in Stanford; es ist inzwischen mit Abstand das größte. Mehr als zwei Millionen Nutzer haben sich bereits angemeldet, jede Woche kommen im Schnitt 70 000 neue hinzu. Auch wenn bei den meisten der Bildungseifer schnell wieder ermattet: Mit einem solchen Zuspruch hätte kaum jemand gerechnet.
Über 200 Kurse hat Coursera bereits im Angebot, darunter auch Astrobiologie, Chinesische Geschichte oder die Ökonomie der Fettleibigkeit. Die meisten Beiträge stammen von Hochschulen aus aller Welt, die sich jetzt beeilen, beim Boom dabei zu sein. 33 Universitäten von Hongkong bis Jerusalem haben mittlerweile Verträge mit Coursera geschlossen. Auch so noble Lehranstalten wie Princeton und Stanford sind vertreten.
Europäische Unis dagegen warten noch mit dem Aufbruch. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Eidgenössische Technische Hochschule in Lausanne. Sie fing im vergangenen Herbst mit einem Kurs bei Coursera an; es ging um eine Programmiersprache, denkbar trockener Stoff. Auf Anhieb waren rund 50 000 Studenten beisammen. Jeder fünfte Teilnehmer schaffte am Ende sogar die Abschlussprüfung - nicht schlecht für die notorisch hohen Abbrecherquoten im Schlaraffenland der Online-Bildung.
"Wir wollten erst einmal ausprobieren, ob wir solche Massen bewältigen können", sagt Karl Aberer, Hochschullehrer in Lausanne. "Es scheint tatsächlich zu funktionieren." Nun sollen jedes Jahr bis zu 20 weitere Kurse hinzukommen, auch wenn der Aufwand beträchtlich ist: Einen ganzen Arbeitstag, schätzt Aberer, muss ein Professor investieren, bis eine Stunde Video im Kasten ist.
Jürgen Handke, Sprachwissenschaftler an der Uni Marburg, nutzt die digitale Vorlesung schon lange. Seit 2001 versorgt er seine Studierenden vor Ort mit elektronischem Material zum Selbstlernen. 350 Lerneinheiten zu je 90 Minuten stehen für sie bereit.
Ein Kurs auf Englisch, einmal fertig produziert, kann im Prinzip überall ablaufen. Eine junge deutsche Lehrerin in Südkorea absolviert bei Handke gerade ein Masterstudium - für 3000 Euro im Semester. Eine Universität auf Jamaika hat sein Material in Lizenz übernommen.
So wird die Bildung zu einer global zirkulierenden Handelsware. Auch die großen Portale hoffen dereinst von Lizenzgeschäften zu leben. Coursera bietet demnächst Abschlusszertifikate gegen Gebühr an.
Aber noch ist unklar, ob die Einnahmen je den Aufwand decken werden. Und wenn eines Tages Geld fließt, wollen auch die Universitäten ihren Teil. Die Gründer von Coursera haben schon versichert, sie seien nicht auf schnelle Gewinne aus. Zunächst geht es darum, den neuen Markt zu erobern.
Freilich ist im Internet wenig von Dauer. Die Studenten können sich umstandslos heute hier und morgen dort anmelden. Mit unsteten Schwärmen ist zu rechnen, die jeweils dem neuesten Trend folgen. Am meisten dürften die Elite-Unis profitieren. Gut möglich, dass ihre Kurse sich zu den Blockbustern der akademischen Welt auswachsen - mit einem Publikum, das in die Hunderttausende geht. "Das kann durchaus passieren", sagt Handke. "Zumal wenn den Studenten dort echte Nobelpreisträger geboten werden und nicht Professor Meier von nebenan."
Für die kleineren Mitspieler wird es schwieriger. Sie werden, glaubt Handke, renommierte Online-Kurse zukaufen und in ihren Lehrplan einbauen müssen.
Die deutschen Hochschulen sollten da beizeiten mit eigenen Angeboten mitmischen. "Sie haben gar keine Wahl", sagt der Forscher. "Die Studenten werden das verlangen. Im Zweifelsfall stimmen sie einfach mit der Maus ab. Sie müssen all die Angebote ja nur anklicken."
Auch der Bielefelder Online-Pionier Loviscach rechnet mit steigender Nachfrage. Dennoch sieht er wenig Anlass, ins globale Wettrennen einzusteigen: "Das Tempo ist ja absurd." Er befürchtet eher "eine McDonaldisierung der Bildung".
Loviscach lehnt keineswegs die Technik als solche ab. Auf YouTube sind mehr als 2000 Videos zu finden, in denen er Schritt für Schritt die Mathematik erklärt - eine Art Nachhilfe für alle. Aber der Wert des Online-Lernens bleibt für ihn beschränkt: als ergänzendes Angebot zur guten alten Hochschule, wo man einander ständig über den Weg läuft und in Seminaren zusammensitzt. "Die meisten Studenten brauchen das unbedingt", sagt der Mathematiker. "Im Internet auf sich selbst gestellt, wären sie verloren."
Für eine elitäre Minderheit mögen herrliche Zeiten anbrechen: Sie bedienen sich frei aus dem Fundus der besten Angebote aus Harvard oder Princeton. Aber der breiten Masse drohen eher Nachteile, vor allem in den USA. Dort ist das Studieren sehr teuer, auch an zweitklassigen Unis. Sie werden ihre Gebühren kaum mehr rechtfertigen können, wenn es fürs gleiche Geld - oder weniger - ein Angebot aus Harvard gibt. Die Unis müssten die Preise senken und ihre Studenten wohl zum Ausgleich mit eingekauften Online-Kursen abspeisen. Wer wenig Geld hat, ist vielleicht eines Tages ganz auf das Internet angewiesen.
In Deutschland, wo der Gebührendruck gewöhnlich entfällt, sind größere Verwerfungen unwahrscheinlich. Hier könnte die Technik, klug eingesetzt, vor allem das Studium vor Ort verbessern.
Jörn Loviscach nutzt die elektronische Vorlesung in Bielefeld für eine neue Art des Lernens. Die Studenten sehen sich zu Hause seine Vorträge an - wann und so oft sie wollen. Wenn sie an die Uni kommen, sind sie dann schon im Stoff. Die gewonnene Zeit wird frei zum Vertiefen: für Übungen und Diskussionen.
Und der Dozent erspart sich damit viel langweilige Routine. Er muss zum Beispiel nicht mehr jedes Semester den gleichen Sermon für die Anfänger an die Tafel malen. Zum hergebrachten Frontalunterricht hat Loviscach eine klare Haltung: "So weit wie möglich zurückdrängen."
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 3/2013
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