14.01.2013

JAGDGlaubenskrieg im Forst

Um die Giftbelastung im Wildbret zu senken, soll Bleimunition verboten werden. Doch die Jäger wollen nicht bleifrei schießen.
Der Damhirsch war tödlich getroffen. Ein Kammerschuss glatt durch die Lunge kann ein Tier innerhalb von Sekunden ins Jenseits befördern, doch in diesem Fall lebte der Hirsch noch lange zehn Minuten. "Es ist schlimm, da tatenlos zusehen zu müssen", sagt Jäger Wolfgang Bethe, aus dessen Büchse das Projektil bei einer Drückjagd stammte.
Der Veterinär aus Oranienburg fürchtet, dass künftig mehr Weidmänner solche Dramen auslösen werden. Bethe hatte mit neuartiger bleifreier Munition auf den Geweihträger angelegt. Mit einem ausgereiften Jagdgeschoss aus Blei, ist Bethe überzeugt, hätte das Tier ein gnädigeres Ende ereilt.
Die Lieblingsmunition der Jägerschaft könnte bald ausgedient haben. Ab April darf etwa im nordrhein-westfälischen Staatswald nur noch bleifreie Munition verwendet werden. Auch Brandenburg und Schleswig-Holstein verbannen das Schwermetall aus ihren Landesforsten. Schon seit vorigem Jahr wird im Saarland in landeseigenen Wäldern auf Blei verzichtet, seit vergangenem April auf den Flächen der Deutschen Bundesstiftung Umwelt Naturerbe.
Zwar müssen vorerst nur wenige der rund 352 000 deutschen Grünröcke die Munition wechseln: In NRW etwa gehören nur vier Prozent der Jagdflächen zum Landesbetrieb Wald und Holz. Doch einige Bundesländer wollen das Bleiverbot generell in ihren Jagdgesetzen verankern. Und im April beraten die Agrarminister über einen bundesweiten Bleibann.
Damit könnte ein Glaubenskrieg zwischen Umweltverbänden, Verbraucherschützern und Jägern enden - und zwar mit Hilfe der Wissenschaft: In aufwendigen Studien wird die sogenannte Tötungswirkung der Alternativmunition ebenso untersucht wie die Frage, ob der Bleiersatz aus Zink oder Kupfer von Hindernissen abprallen und so womöglich auch Jäger zur Strecke bringen kann. Und es geht darum, inwiefern bleibelastetes Fleisch den Konsumenten schadet.
Der Streit begann vor Jahren in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Immer wieder starben dort Seeadler an Bleivergiftung: Die Greifvögel hatten sich über Wildreste hergemacht und dabei offenbar auch Geschoss-Splitter vertilgt.
Zwar wäre dem Seeadler schon geholfen, wenn kein Schütze Reste im Wald liegen ließe. Doch Umweltschützer und Politiker kamen auf die Idee von der sauberen Jagd. Alsbald wurden auch der Jäger und die Seinen als Spezies identifiziert, die besonderer Hege bedarf: 2010 warnte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vor der hohen Bleibelastung von Wildbret. Die sei angesichts der ein bis zwei Portionen Rehkeule oder Wildschweinrücken, die der Deutsche durchschnittlich pro Jahr verspeist, zwar "toxikologisch unbedeutend"; gefährdet seien jedoch "Vielverzehrer" wie Jäger, bei denen jährlich mehr als 50-mal Wild auf dem Teller landet, und deren Kinder. Blei kann Organe und das Nervensystem schädigen und die Blutbildung hemmen.
Mehr als die Bleivergiftung fürchtet die Jägerschaft jedoch das Bleiverbot: "Es gibt keinen sachlichen Grund für eine überstürzte Umstellung auf Alternativmunition", meint Rolf Knäpper, beim Landesjagdverband NRW zuständig für jagdliches Schießwesen. "Blei macht genau das, was wir wollen."
Das blaugraue Metall hat eine hohe Dichte, ist also schwer genug, um im Wildkörper viel Energie freizusetzen. Zugleich ist es weicher als Zink oder Kupfer. Während ein Bleiprojektil im Gewebe aufpilze, argumentieren Kritiker wie Knäpper, führe Munition aus formstabilerem Metall zwar zu Verletzungen, töte aber nicht schnell genug. "Ein Geschoss muss auf den ersten 15 Zentimetern möglichst viel Energie abgeben", sagt auch Jäger Bethe, "alle Patronen sollten nach einheitlichen Standards getestet werden, die erst noch festgelegt werden müssen."
Das hat der Eberswalder Forstwissenschaftler Carl Gremse erforscht: "Ob sich eine bestimmte Munition für die Jagdpraxis eignet, kann man nicht am Material festmachen", so sein Fazit. Gremse hat mehr als 11 000 Abschussberichte von Jägern ausgewertet, die mit bleihaltiger und -freier Munition angelegt hatten. Außerdem ließ er unterschiedliche Projektile auf Seifenblöcke feuern, um ihre Durchschlagskraft im Gewebe zu simulieren.
Das Ergebnis widerlegt die Vorurteile der Jäger: Die Tötungswirkung hängt primär von der Konstruktion der Munition ab, nicht vom Material. "Wir haben erstmals Grenzwerte für die Wirksamkeit von Jagdgeschossen berechnet", sagt er. "Kein Jäger muss mit einem Geschoss schießen, dessen Effekt nicht vorhersagbar ist."
Mit ähnlicher Akribie ließen Mitarbeiter der Deutschen Versuchs- und Prüf-Anstalt für Jagd- und Sportwaffen ihre Schießmaschine 2500-mal auf Fichtenstämme, Steinplatten und nachgebildete Gebüsche, Waldwege und Wildkörper ballern. Sie wollten wissen, ob bleifreie Munition gefährliche Abpraller verursacht: Die "Ablenkwinkel bleifreier Geschosse unterscheiden sich nicht signifikant von den Ablenkwinkeln bleihaltiger Geschosse", urteilt wissenschaftlich trocken der Berner Ballistiker Beat Kneubuehl.
Aber hilft Kupfermunition überhaupt, den Bleigehalt im Wildfleisch zu senken? "Dazu gibt es noch keine Daten", räumt Monika Lahrssen-Wiederholt ein, Veterinärin am BfR. In Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt erlegen Forstleute deshalb Rehwild und Wildschweine im Dienste der Forschung - die Hälfte mit bleihaltiger, die andere mit bleifreier Ladung.
Mehr als 12 000 Fleischproben sollen zusammenkommen und auf Blei-, Kupfer- und Zinkgehalt untersucht werden. Denn noch ist offen, ob das Blei im Fleisch tatsächlich aus der Jagdmunition stammt. Blei aus der Industrie gelangt auch über das Regenwasser in den Waldboden - ebenso gut könnten die Tiere den Giftstoff beim Äsen aufnehmen.
Von Julia Koch

DER SPIEGEL 3/2013
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