14.01.2013

FUSSBALL Wüstenzuschlag

Der VW-Konzern leistet sich mit dem VfL Wolfsburg eine der teuersten Mannschaften der Bundesliga, doch das Team stagniert seit Jahren. Bislang regt sich in der Autostadt kein Widerstand gegen die Millionengehälter der Profis. Wie lange noch?
Francisco Javier García Sanz arbeitet im zwölften Stockwerk des VW-Hochhauses. Die Namensschilder neben den Bürotüren sind mit goldenen Buchstaben beschriftet.
Es ist die Vorstandsetage. Von den Büros aus blickt man auf eine schier endlose Reihe von Fabrikhallen, in denen auch der Golf gebaut wird. García Sanz ist im VW-Vorstand für den Einkauf zuständig. Sein Gehalt ist bekannt. Es wird in der Konzernbilanz ausgewiesen. García Sanz erhielt 2011 exakt 7 703 154 Euro.
Das Salär seines teuersten Angestellten dagegen ist ein Firmengeheimnis. García Sanz mag darüber nicht sprechen. Der Automanager ist im Nebenberuf Aufsichtsratschef des Fußball-Erstligisten VfL Wolfsburg, einer Tochtergesellschaft der Volkswagen AG. Das Stadion liegt gleich hinter den Fabrikhallen, Star der Mannschaft ist der brasilianische Mittelfeldspieler Diego. Er kassiert in Wolfsburg ein jährliches Grundgehalt, das höher ist als García Sanz' Gesamteinkommen. Es sind 8,2 Millionen Euro.
"Dazu werde ich mich nicht äußern", sagt García Sanz. Sein Gemütszustand: bemüht beherrscht. Der Bundesligist ist für den VW-Manager derzeit ein eher unangenehmes Thema. Gemessen an seinen Gehaltskosten müsste der VfL Wolfsburg ein Spitzenclub sein und um die Champions-League-Plätze spielen. Aber die Wolfsburger stehen in der Winterpause auf Platz 15. Darunter liegt die Abstiegszone.
"Erfolg kann man offenbar doch nicht kaufen", sagt García Sanz. Es soll selbstironisch klingen. Eine Bundesligasaison lasse sich nicht planen wie die Entwicklung eines Autos. Deshalb hat er vor wenigen Wochen Felix Magath entlassen und dafür Klaus Allofs als Manager sowie Dieter Hecking als Trainer verpflichtet. Es ist das Eingeständnis, dass Europas größter Autokonzern, der in seinem Stammgeschäft von Erfolg zu Erfolg eilt, auf dem Fußballplatz mit dem VfL Wolfsburg vorerst gescheitert ist.
Für García Sanz, der in der Jugend einst bei Eintracht Rüsselsheim Fußball spielte, und für VW-Boss Martin Winterkorn, der im Tor des TSV Münchingen stand, ist dies ärgerlich. Sie sind die treibenden Kräfte hinter dem Engagement des Autoherstellers im Fußball.
Die Konzernmarke Audi ist an der Bayern München AG beteiligt. Volkswagen ist Sponsor bei den Bundesligisten Werder Bremen, Schalke 04, Hannover 96 und Greuther Fürth. Und wenn Mercedes-Benz nicht 2011 vorzeitig den Sponsoringvertrag mit der deutschen Nationalmannschaft verlängert hätte, würde auch sie wohl mit einem VW-Emblem auf den Trikots auflaufen.
Das wichtigste Fußballprodukt für VW ist jedoch der VfL Wolfsburg. Es geht bei seiner Förderung nicht nur um einen erhofften Imagegewinn für die Automarke. Es ist ein Stück Standortpolitik.
Volkswagen fällt es oft schwer, Manager zu verpflichten, weil kaum einer privat in der ehemaligen Zonenrandstadt leben möchte. "München, Hamburg und Berlin glänzen", sagt ein VW-Manager, "aber Wolfsburg?"
Dank VW gibt es dort immerhin die Autostadt, das Fünfsternehaus Ritz-Carlton, das Museum für moderne Kunst - und den Fußball-Erstligisten.
Die VW-Loge, ein offener, großräumiger VIP-Bereich im Bauch der Haupttribüne, ist an Spieltagen Treffpunkt für Firmenfreunde und Führungskräfte. Welcher Mitarbeiter kostenlosen Zugang hat und wer nicht, wird aufmerksam registriert im Konzern. Die Besetzungsliste der noblen Stadionplätze ist ein Abbild der Unternehmenshierarchie. Manche Karriere wurde hier befördert oder beendet, manche Investition mal eben zwischen zwei Torraumszenen genehmigt.
Am Tisch, an den es alle drängt, sitzt Winterkorn. Der Vorstandsvorsitzende, ein kerniger Schwabe, lädt an Spieltagen gern die wichtigsten VW-Händler aus der Region des Wolfsburger Gegners ein. Vor dem Spiel wird Tacheles geredet. Winterkorn will von seinen Leuten wissen, wo es läuft und wo es klemmt.
Danach dürfen seine Gäste im Stadion Bundesliga gucken, in Sichtweite zum Boss. Manche sprechen Winterkorn in der Loge mit "Herr Professor" an. Wenn sie über den Konzernchef reden, nennen sie ihn "Wiko". Als wäre Winterkorn nicht einer der wichtigsten Industriekapitäne der Welt, sondern einer von ihnen.
Als früherer Audi-Chef ist Winterkorn als Sponsor bei Bayern München eingestiegen, noch immer sitzt er im Aufsichtsrat der FC Bayern AG. Dort hat der promovierte Physiker erlebt, dass es kaum eine bessere Bühne als die glitzernde Fußballbranche gibt, auf der sich Mensch und Auto so innig verbinden lassen.
Solange Winterkorns Vorgänger Ferdinand Piëch und Bernd Pischetsrieder den Volkswagen-Konzern leiteten, mussten die Verantwortlichen des VfL Wolfsburg günstige Momente abpassen, um in der Vorstandsetage Geld für ihr Bundesligateam loszueisen. "Wir waren verpflichtet, die alten VW-Richtlinien einzuhalten", sagt ein Club-Insider, "mehr als fünf Millionen Euro pro Jahr waren nicht drin."
Mit der Beförderung Winterkorns hat sich das geändert. "Wir machen es ganz oder gar nicht", sagte der neue VW-Boss an einem Samstag im Mai 2007 zu seinem Vorstandskollegen García Sanz. Beide saßen damals im Stadion von Alemannia Aachen und mussten mitansehen, wie der VfL Wolfsburg erst durch zwei Tore kurz vor Spielende den Klassenerhalt sicherte. "So ein Drama", sagte Winterkorn, "will ich nicht noch einmal erleben."
Seither pumpt der Konzern Jahr für Jahr immer gewaltigere Summen in seine Mannschaft. Bisher gab es nur kolportierte Summen. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb von 67,5 Millionen Euro, die die Volkswagen AG im Jahr nach der Meisterschaft 2009 in den Club gesteckt habe. García Sanz dementiert diese Summe, korrigiert sie aber auch nicht. "Uns ist der Club wert, was er uns wert ist", sagt er nur.
Der Anspruch der Konzernbosse: Der VfL soll dauerhaft zu den sechs besten Teams des Landes gehören. Doch Geld allein schießt keine Tore. Man muss es schon mit Verstand ausgeben.
Der VfL Wolfsburg leistet sich mittlerweile eine der teuersten Mannschaften der Fußball-Bundesliga. Nach Bayern München zahlt der Club die höchsten Gehälter, auf Augenhöhe mit dem FC Schalke 04. Die Gelsenkirchener haben sich in den vergangenen Jahren immerhin mehrmals für die lukrative Champions League qualifiziert. Wolfsburg allerdings dümpelte - mit Ausnahme der Meistersaison vor vier Jahren - stets nur im Mittelmaß.
Nun aber lässt sich belegen, wie viel Geld der Club auf die Konten seiner Spieler spült. Die Zahlen basieren auf einer Zusammenstellung der Personalkosten der Saison 2011/2012. Aufgeführt ist das jährliche Grundgehalt, in der Auflistung "P-kosten (fix)" genannt.
Handgeldzahlungen für einen ablösefreien Wechsel zum VfL Wolfsburg oder für eine Vertragsverlängerung, Boni für das Erreichen bestimmter Saisonziele oder "Punkteinsatzprämien" sind nicht aufgeführt auf dieser Liste. Für die Großverdiener des VW-Clubs summieren sich diese Posten zu weiteren Millionenbeträgen. Demnach ist der bestbezahlte Spieler beim VfL Wolfsburg der Brasilianer Diego. Sein Grundgehalt: 8,2 Millionen Euro. Der Mittelfeldspieler Thomas Hitzlsperger, der in der vorigen Saison zweimal von Beginn an spielte und viermal eingewechselt wurde, kassierte ein Grundgehalt von 2,9 Millionen.
Der Mittelfeldspieler Christian Träsch verdiente ein festes Salär von 2,8 Millionen, der Stürmer Srdjan Lakić 2,6 Millionen. Der griechische Abwehr-Haudegen Sotirios Kyrgiakos erhielt 2 Millionen, der dänische Verteidiger Simon Kjaer, in der vorigen Saison an den AS Rom ausgeliehen und in Wolfsburg noch bis Juni 2014 unter Vertrag, bekommt ein Festgehalt von 2,4 Millionen Euro.
Und so weiter, und so weiter.
Selbst dem nur Experten bekannten Profi Mateusz Klich, der in die zweite Mannschaft abgeschoben wurde und der in der Regionalliga Nord ganze achtmal von Beginn an spielte, garantierte der VfL Wolfsburg 600 000 Euro.
Es geht auch anders. Der Sport-Club Freiburg, nach der Hinrunde Tabellenfünfter der Bundesliga, hat in der vorigen Saison insgesamt 18,6 Millionen Euro an Gehältern gezahlt: für Mannschaft, Trainer und Betreuer. Kein Spieler in Freiburg hat ein jährliches Grundgehalt von mehr als 400 000 Euro. Es gibt dort Jungprofis, die mit monatlich 12 000 Euro zufrieden sind.
"Solange die Wolfsburger ihre Konzernmillionen nicht intelligenter einsetzen, kann es den Konkurrenten egal sein, dass sie als Werksclub einen gravierenden Wettbewerbsvorteil haben", sagt der Sportdirektor eines westdeutschen Erstligisten.
Seit der VW-Club im Sommer 1997 in die erste Liga aufgestiegen ist, mussten die Vereinsbosse meist ein paar Euro mehr als die Konkurrenz bieten, um gute Spieler nach Wolfsburg zu locken. "Wir haben das Wüstenzuschlag genannt", sagt ein früherer Verantwortlicher des Clubs.
Diese Zulage hielt sich bis 2007 in Grenzen. Stammspieler verdienten damals zwischen 600 000 und 800 000 Euro jährlich, nur namhafte Profis wie Stefan Effenberg oder der Brasilianer Marcelinho kamen auf Gagen von mehr als einer Million Euro pro Jahr.
Verrutscht sind die finanziellen Maßstäbe in Wolfsburg spätestens seit dem Gewinn der Meisterschaft im Mai 2009. Anstatt danach Prämien für die Verteidigung des Titels auszuloben und den Spielern so einen finanziellen Anreiz für die kommende Saison zu bieten, hob der Werks-Club die Grundgehälter seiner Meisterspieler aus eigenen Stücken an. Der brasilianische Stürmer Grafite, der den VfL im Sommer 2011 verließ, steigerte sein garantiertes Einkommen so auf 5,4 Millionen Euro im Jahr.
Der zweite Managementfehler bestand darin, Felix Magath nach seiner Rückkehr im Frühjahr 2011 erneut zum Trainer und Sportdirektor zu machen. Diese Posten sind bei anderen Vereinen aus gutem Grund getrennt. Ein Trainer ist schnell dabei, mehr und teurere Spieler zu fordern. Ein Sportdirektor achtet eher auf die Kosten und bremst ihn. Magath fehlte dieses Korrektiv. Geschäftsführung und Aufsichtsrat des VfL stellte er bei Personalentscheidungen ein ums andere Mal vor vollendete Tatsachen. Magath gab das Geld aus, als würde VW keine Autos herstellen, sondern Banknoten.
Für die Fans des VfL Wolfsburg, die ihr Geld fast alle bei Volkswagen verdienen, sind Top-Gehälter grundsätzlich nichts Anstößiges. So gab es in der Belegschaft auch keine Proteste gegen die 18,3 Millionen Euro, die VW-Boss Winterkorn im Jahr 2011 einstrich. Das Ergebnis stimmte, es war ein Rekordjahr für den Konzern.
Bei den Fußballern des VfL Wolfsburg läuft es spätestens seit drei Jahren andersherum. Die Gehälter steigen, während die Leistungen sinken. "Der Club ist mit seinem Gehaltsniveau an einem extrem kritischen Punkt angelangt", sagt ein früherer Vereinsfunktionär, "die Stimmung im Stadion kann bei anhaltend schlechten Ergebnissen ganz schnell in Ablehnung umschlagen."
Der einstige Hobbykicker García Sanz hat diese Gefahr erkannt und das System Magath beendet. "Wir haben den Schalter umgelegt", sagt er. Der neue Trainer Hecking wie der neue Sportdirektor Allofs haben bewiesen, dass sie langfristig denken und solide wirtschaften können. Für beide ist Wolfsburg eine Karrierechance. Nun müssen sie liefern.
Am Samstagnachmittag vorvergangener Woche saß Allofs gut gelaunt in der Lobby des Luxushotels Calista im türkischen Badeort Belek. Er schwärmte von den Möglichkeiten, die sich ihm in Wolfsburg böten.
Dann setzte Allofs sich in einen gelben VW-Beetle und fuhr zu einer Sportanlage, auf der die Mannschaft trainierte. Auf dem Rasen standen 35 Spieler, ein Resultat der zweiten Ära Magath - kein anderer Erstligist hat einen derart aufgeblähten Kader.
Die Aufgabe für den Manager besteht nun auch darin, Spieler loszuwerden, die Trainer Dieter Hecking in der Rückrunde nicht mehr braucht. Ein harter Job. Freiwillig wird kaum einer der Profis die Oase Wolfsburg verlassen. Denn wer beim VfL aussortiert wird, verdient dort auf der Tribüne immer noch mehr als bei den meisten Erstligisten als Stammkraft auf dem Platz.
Von Hawranek, Dietmar, Wulzinger, Michael

DER SPIEGEL 3/2013
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