21.01.2013

Neger

HOMESTORY Ein hässliches Wort verfolgt mich seit meiner Kindheit. Warum es richtig ist, dass Verlage es aus ihren Kinderbüchern entfernen.
Vor ein paar Wochen kehrte ein Gefühl zurück, das ich schon fast vergessen hatte. Ich kenne das Gefühl aus meiner Kindheit, es hat damit zu tun, dass mich andere gern "Neger" nannten.
Als Kind war ich oft ein "Neger". Das war so in Kiel, Anfang der neunziger Jahre, als ich in die Grundschule ging. Wenn ein Junge auf dem Spielplatz seine Mutter am Ärmel zog, auf mich zeigte und sagte: "Guck mal, Mama, ein Neger!" Wenn ein Kind Geburtstag feierte und es "Negerküsse" gab. Wenn ich im Schwimmbad tauchte und das Wasser von meinen Locken perlte: "Bei den Negern werden ja nicht mal die Haare nass."
Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Senegalese. Ich sah anders aus, und das ließen mich die Kinder wissen. In erster Linie hatte ich das wohl ihrer Erziehung zu verdanken. Aber irgendwie verdankte ich es auch Astrid Lindgren, Otfried Preußler, jenen Kinderbuchautoren, die meinen Spielkameraden dieses Wort in den Kopf gesetzt hatten: Bei "Pippi Langstrumpf" gab es "Neger", in der "Kleinen Hexe" "Negerlein", den "Mohren" beim "Struwwelpeter". Wer das las, dachte logischerweise, es sei nichts dabei, mich auch so zu nennen. Ich war ja schwarz wie Jim Knopf und hatte krauses Haar. Auch ich las diese Bücher und liebte die Geschichten. Gleichzeitig hasste ich sie.
Eine Aussage von Familienministerin Kristina Schröder hat mich wieder daran erinnert. In einem Interview mit der "Zeit" erklärte sie, sie lasse beim Vorlesen von Kinderbüchern wie "Pippi Langstrumpf" diskriminierende Begriffe wie "Negerkönig" weg, um "mein Kind davor zu bewahren, solche Ausdrücke zu übernehmen". Seitdem wird darüber diskutiert, in den Feuilletons, in den Verlagen, im Internet. In der Zwischenzeit kündigte der Thienemann Verlag an, er werde "Die kleine Hexe" modernisieren und das "Negerlein" entfernen. Endlich, denke ich.
Herrje, denken die Kritiker. Sie sind empört, sie sprechen von Zensur. Sie lassen sich in drei Typen unterteilen: die Aus-Prinzip-Neger-Sager. Die Problem-Leugner. Und diejenigen, die sich ernsthaft um die Literatur Gedanken machen.
Die Aus-Prinzip-Neger-Sager kenne ich, davon gibt es viele. Political Correctness empfinden sie als Bedrohung. Sie verklären die Sprache ihrer Kindheit. "Dann darf ich ja wohl nicht mal mehr Zigeunerschnitzel sagen", fürchten sie. Mein Lehrer in der zweiten Klasse war so einer. Er bestand darauf, mit uns "Zehn kleine Negerlein" zu singen, ein Kinderlied, in dem es darum geht, dass ein schwarzes Kind nach dem anderen auf lustige Weise ums Leben kommt. Eins fällt von der Scheune, eins wird totgeschossen, eins erfriert. Es saßen zwei schwarze Kinder in seiner Klasse, mein bester Freund und ich. Wir weigerten uns mitzumachen. Das Lied wird heute noch gesungen.
Die Problem-Leugner behaupten, heutzutage wisse doch jeder, dass man "Neger, Zigeuner, Polacke, Schlitzauge", all diese schönen Begriffe aus dem Handbuch der Diskriminierung, nicht sage. Dagegen spricht, dass ich regelmäßig erwachsenen Menschen erklären muss, dass sie das Wort "Neger" nicht benutzen sollten, erst recht nicht in meiner Gegenwart.
Dann gibt es noch die, die sich um die Literatur sorgen, zu Recht. Denn es geht ja um die Frage, ob man das darf: ein Original verändern?
In meinen Augen muss man es dann, wenn es um Kinderbücher geht, die rassistische Klischees bedienen. Denn diese Bücher werden nicht nur vorgelesen, sondern von Kindern selbst gelesen, ohne dass ihnen jemand hilft, das Gelesene einzuordnen. Kinder tragen das, was sie aufschnappen, eins zu eins in die Klassenzimmer. Klassenzimmer, in denen heute Mitschüler sitzen, deren Eltern aus Ghana oder Pakistan kommen. Mittlerweile hat jedes fünfte Kind, das in Deutschland auf die Welt kommt, einen Migrationshintergrund.
Für mich war es wohl am schlimmsten, aufgrund meiner Hautfarbe ausgegrenzt, beschimpft zu werden. Es ging ja nicht nur um Sprache. Es waren die Neunziger, eine Zeit, in der Neonazis Asylbewerberheime anzündeten und Schwarze von rechten Schlägern durch die Straßen gejagt wurden. "Neger", das war für mich Nazi-Sprache.
Meine Mutter hat mir früh beigebracht, mich zu wehren. Meine besten Freunde waren afrodeutsche Kinder, Türken, Iraner. Wir gingen mit unseren Eltern auf antirassistische Demos, wir sangen "Zehn kleine Nazi-Schweine". Wir wurden zu Klugscheißern: "Das sagt man nicht", riefen wir unseren Beleidigern hinterher, "so etwas sagen Nazis."
Irgendwann schlug die Ausgrenzung bei mir in Stolz um. Ich stellte fest, dass es von Vorteil sein kann, nicht immer Teil der Masse zu sein. Für mich war die Welt größer als für andere. Ich kannte nicht nur die deutsche Kultur, ich kannte mehrere. Ich hatte einen Namen, den sich jeder merken konnte, und mein Aussehen fing an, mir zu gefallen.
Aber es gibt Kinder, denen das ständige "Neger"-Sein mehr weh tut als mir damals. Allein deshalb sollten die Verlage ihre Bücher überarbeiten, sollten Eltern nicht weiter behaupten: Ist doch alles gar nicht schlimm.
Bei "Pippi Langstrumpf" hat der Oetinger Verlag schon vor einigen Jahren aus dem "Negerkönig" einen Südseekönig gemacht. Es hat dem Text nicht weh getan.
In Michael Endes "Traumfresserchen" wurden die "Negerkinder" durch "Kinder auf der ganzen Welt" ersetzt.
Bei Preußlers "Kleiner Hexe" geht es um eine Faschingsszene. Es spielt keine Rolle, ob das Kind als "Negerlein" oder als Koch verkleidet ist.
Eine Klassenkameradin auf dem Gymnasium schrieb mal in mein Freundebuch unter "Was ich nicht mag": "Spinat und Asylanten." Wer weiß, was die gelesen hatte.
Von Dialika Neufeld

DER SPIEGEL 4/2013
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