21.01.2013

KARRIERENDie Mega-Provokation

Ginge es nach dem Willen der US-Behörden, würde Kim Dotcom als Pate der Internetpiraterie verurteilt und in einem US-Gefängnis verschwinden. Stattdessen startet er ein neues Unternehmen - und genießt seinen Star-Status in Neuseeland.
Irgendetwas ist seltsam an diesem schwarzen Golfmobil, mit dem der Hausherr gerade die weißgekieselte Auffahrt hinunterfährt, um seine Besucher abzuholen. Es rollt nicht gemächlich den Berg herunter, es rast.
Das kann unmöglich nur am Mann hinter dem Lenkrad liegen, auch wenn der zwei Meter groß ist und auch ansonsten eine stattliche Erscheinung, so steil abwärts geht es hier nicht. Klar, sagt der Fahrer später, die Golfmobile seien frisiert.
Willkommen im Reich von Kim Dotcom, einem 25-Millionen-Dollar-Anwesen im Örtchen Coatesville bei Auckland in Neuseeland. Aufgemotzte Golfmobile gehören hier zu den kleineren Extravaganzen und zu den sinnvollen, denn die Rundfahrt um die hügeligen hauseigenen Ländereien würde sonst viel zu lange dauern. Vorbei an dem direkt neben dem Haupthaus geparkten Helikopter passiert man Weiher, kleine Brücken und später lebensgroße Tierskulpturen, zwei Giraffen und ein Rhinozeros.
Dass er es möglichst schnell, geräumig und kostspielig mag, zumindest das ist geblieben im sonst recht unsteten Leben von Kim Dotcom, der 1974 als Kim Schmitz in Kiel geboren wurde, der zwischenzeitlich als Kim Tim Jim Vestor aus Manila und Hongkong seinen Geschäften nachging und der schon als Junge unbedingt Millionär werden wollte, wie er einst gestand. "Aber nur, weil ich das Wort Milliardär noch nicht kannte."
Womöglich hätte er auch dieses Ziel erreichen können. Wenn man ihm glaubt, dann trennte ihn nur noch der geplante Börsengang seiner Firma "Megaupload" davon, in die Riege der Superreichen aufzusteigen.
Jahre nachdem er seine schillernde deutsche Vergangenheit und den Namen Schmitz abgelegt hatte, war ihm weithin unbemerkt im Land der Kiwis fast schon gelungen, was er immer angekündigt hatte: sein "Kimpire" aufzubauen. Es wurde dann aber doch seine eigene Dotcom-Blase.
Die platzte am Morgen des 20. Januar des vorigen Jahres, als über dem parkähnlichen Anwesen Polizeihubschrauber einschwebten. Schwerbewaffnete neuseeländische Spezialkräfte stürmten das Haus, gleichzeitig starteten Durchsuchungen in den Wohnungen der anderen Megaupload-Macher in neun Ländern weltweit. Die "Operation Takedown" hatte begonnen. Sogar bei Kims Mutter in Bayern standen bewaffnete Beamte vor der Tür und beschlagnahmten ihren neuen Mercedes, das Weihnachtsgeschenk des Sohnes.
In Coatesville stellten die Beamten derweil rund ein Dutzend Karossen schwäbischer Bauart sicher, dazu einen Rolls- Royce Phantom, eine Harley, mehrere Jetski sowie Breitling- und Rolex-Uhren. Die gesamte Liste umfasst 133 Positionen und liest sich wie der Katalog eines Auktionshauses für Luxusgüter.
Vor allem aber beschlagnahmte die amerikanische Bundespolizei FBI die Quelle dieses Wohlstands, die Seite Megaupload.com nebst diversen Schwesterunternehmungen wie Megavideo, Megaporn und Megaclick. Bis heute prangen auf den Seiten die eindrucksvollen Banner des amerikanischen Justizministeriums und des FBI samt einer "Piraterie-Warnung".
Denn darum geht es, um einen der größten Copyright-Fälle der Geschichte, wie das US-Justizministerium mitteilte, um eine "Mega-Verschwörung" - es scheint, als habe Kims megalomanische Weltsicht und Wortwahl auf die Ermittler abgefärbt, die ihm mehr als zwei Jahre lang auf den Fersen waren. Dotcom wird in der Anklage als Kopf einer kriminellen Vereinigung beschrieben, als Krösus und Pate der internationalen Internetpiraterie.
Megaupload habe von Beginn an vor allem dazu gedient, illegal Filme und Musik zu verbreiten, so die Anklage. Die Millionen kamen über "Premium"-Angebote herein, die beispielsweise monatlich 9,99 Euro kosteten, und über Online-Werbung auf den boomenden Seiten.
Wäre nach der Razzia alles nach dem Drehbuch der US-Behörden gelaufen, hätte Neuseeland ihn längst ausgeliefert und er würde in einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis sitzen. Würde er in den USA im Sinne der Anklage schuldig gesprochen, drohte ihm jahrzehntelanges Gefängnis.
Hätte, wäre, würde. Stattdessen sitzt Kim Dotcom am vorigen Mittwochnachmittag auf seiner überdachten Veranda und hat Schweißperlen auf der Stirn. Nicht vor Angst, sondern wegen der Wärme, es ist gerade Sommer am anderen Ende der Welt. Gerade hat er noch mit seinem Anwalt konferiert, mit einem seiner Anwälte, besser gesagt, denn mittlerweile beschäftigen er und seine sechs mitangeklagten Megaupload-Kollegen ein Heer von, nach ihrer letzten Zählung, 28 Juristen.
Weniger selbstbewusste Charaktere wären in einer ähnlichen Situation wahrscheinlich abgetaucht und würden sich verschüchtert ihrer Verteidigung widmen. Nicht so Kim Schmitz alias Vestor alias Dotcom.
Er sieht die 72-seitige Anklage als persönliche Kriegserklärung - und in der amerikanischen Regierung einen Gegner auf Augenhöhe. Deshalb denkt er auch nicht an Rückzug, sondern fährt seit Monaten eine Gegenoffensive. Juristisch und als lautstarke PR-Kampagne in eigener Sache über seinen Twitterfeed. Nun startet er die bislang heftigste Breitseite. Am Wochenende, auf den Tag genau ein Jahr nach der Operation Takedown - und einen Tag vor seinem 39. Geburtstag -, sollte sein neuer Dienst Mega online gehen.
Mega ist eine Art externe Riesenfestplatte in der Cloud. Die soll ähnlich wie Megaupload funktionieren, nur noch raffinierter. Wie damals können die Nutzer große Datenmengen hochladen, dort lagern und sie über Links mit anderen teilen. Der Unterschied: Jetzt werden die Daten automatisch verschlüsselt.
Schon in der Vergangenheit, argumentiert Dotcom, habe er gar nicht wissen dürfen, was genau seine Nutzer so hochladen, ihre Privatsphäre sei gesetzlich geschützt. Die Verantwortung für etwaige Verstöße liege also beim Nutzer. Künftig könne er es technisch gar nicht mehr in Erfahrung bringen - schließlich seien die Daten ja verschlüsselt. Mega werde die Welt verändern, hieß es auf der Website des Dienstes gewohnt unbescheiden.
Seine Anhänger, die ihn in seiner ungewohnten Rolle als Underdog gegen einen übermächtigen Gegner feiern, preisen das schon jetzt als genialen Schachzug. Aus Sicht seiner Gegner in den US-Behörden ist das eine Mega-Provokation.
"Wieso denn das?", fragt Kim Dotcom auf seiner Veranda, verengt seine Augen und nimmt einen Schluck vom gekühlten Samoa-Wasser, ein Bediensteter reicht ihm ein neues Fläschchen, sobald sich eines dem Ende zuneigt.
"Eine Provokation, das ist, was mir und meiner Familie widerfahren ist." Er saß einen Monat in Haft, musste seinen Pass abgeben und sich einmal in der Woche bei der Polizei melden. Im "Dotcom Mansion" lebt er mit seiner zweiten Frau Mona und den mittlerweile vier gemeinsamen Kindern, Kimmo, Kobi, Kylee, Keera, die älteste Tochter Kaylo, fünf Jahre, stammt aus der ersten Ehe. Auch Kim Dotcom sieht durchaus eine Mega-Verschwörung am Werk, allerdings eine, bei der er das Opfer ist.
Er hat viel recherchiert und recherchieren lassen in den vergangenen Monaten. Er sieht im mächtigen Interessenverband der Hollywood-Studios MPAA die treibende Kraft hinter der Anklage, dessen Chef sei ein Freund des US-Vizepräsidenten Joe Biden und der wiederum bestens mit dem zuständigen Staatsanwalt bekannt. Auch der Zeitpunkt der Operation sei kein Zufall gewesen. Kurz danach hätten die wichtigen Spendensammel-Dinner in Hollywood stattgefunden, und die Filmindustrie habe sich bei Obama & Co. mit hohen Schecks für den spektakulären Schlag bedankt.
"So wurde aus politischen Motiven ein völlig legitimes Geschäftsmodell einfach aus dem Markt geschossen." Die Anklage sei "böswillig, konstruiert und falsch, und auf dieser Grundlage wurden wir unseres gesamten Vermögens beraubt", schimpft Dotcom.
Tatsächlich gibt es jetzt nicht nur deutlich mehr freie Parkplätze in seiner Garage, auch im Haus, das mit schwarzen Vorhängen und Lüstern ausgestattet ist, sind die Wände kahler geworden: Kunstgegenstände, riesige Flachbildfernseher, alles eingezogen - 175 Millionen Dollar sollen Dotcom und Co. laut Anklage mit Megaupload seit dessen Start 2005 verdient haben.
Ein neuseeländisches Gericht hat entschieden, dass er eine Million neuseeländische Dollar für die Jahresmiete einem seiner Konten entnehmen darf, dazu monatlich weitere 20 000 für die Lebenshaltung. Das reiche bei weitem nicht, sagt er, er müsse sich einschränken, die Zahl der Hausangestellten beispielsweise habe er von 50 auf 8 reduziert. Allein für die Anwälte seien bislang fünf Millionen an Kosten aufgelaufen. Der Autofanatiker musste sogar schon Teile seines Fuhrparks verkaufen, um Rechnungen zu bezahlen.
Kim Dotcom weiß genau, wie diese Zahlen wirken, er weiß auch, dass seine Art, mit Geld umzugehen, und sein Lebensstil polarisieren. Er hat nicht einmal ein Problem damit, den Verdacht zu bestätigen, dass es vor allem die Bond-Filme waren, die in früher Jugend seine Vorstellung von einem aufregenden Luxusleben prägten. "Sie waren für mich Ansporn, Motivation, so wollte ich leben."
Wenn seine Namen und Geschäftsmodelle auch wechselten, seinem Spleen für schnelle Autos und waghalsige Rennen blieb er treu, noch 2011 fegte er zusammen mit Kimi Räikkönen und einem Mitarbeiter über den Nürburgring und ließ sich dabei professionell aus einem Helikopter filmen, "just for fun". Für die Familien-Sommerurlaube mietete er Yachten der Luxusklasse. Durch das Ende von Megaupload, erzählt er, sei einer deutschen Werft ein Multi-Millionen-Auftrag entgangen, für seine geplante 80-Meter-Yacht.
So bizarr sein Lebensstil ist: Mit den Vorwürfen hat das nichts zu tun. Hier geht es um eine Frage, die über den Einzelfall Megaupload hinausreicht - nämlich um die juristischen Verantwortlichkeiten beim Geschäftsmodell dieser Online-Speicher, die auch Cyberlocker heißen.
Die Antwort darauf ist selbst im Fall von Megaupload nicht so einfach, wie viele betroffene Branchen es sich wünschen. Copyright-Delikte werden vornehmlich zivilrechtlich verhandelt, strafrechtlich sind sie schwieriger zu verfolgen.
Es ist deshalb nicht leicht, den Mann auf der Veranda aus der Reserve zu locken. Er trägt sein Standard-Outfit, einen schwarzen Cardigan und eine schwarze Hose, und wirkt entspannt, nicht unfreundlich und kontrolliert. In Wallung bringt ihn ausgerechnet ein Thema aus der alten Heimat, eine Frage nach Kino.to.
Dotcom hat das Schicksal des Portals, über das sich illegal aktuelle Kino-Blockbuster im Netz finden und dann über Links zu Filehostern abspielen ließen, genau verfolgt. Als die Macher aufflogen, die später zu Haftstrafen von bis zu viereinhalb Jahren verurteilt wurden, mailte er laut Anklage einem Megaupload-Kollegen: "Vielleicht besser nicht nach Deutschland fliegen."
Aber Kino.to mit Megaupload zu vergleichen? Eine Frechheit, total Banane, findet Kim Dotcom. "Die waren wirklich kriminell, sie haben selbst Inhalte hochgeladen und andere dafür bezahlt, sie haben die Filme selbst katalogisiert und eine eigene Suchseite betrieben. Nichts davon haben wir gemacht, unsere Angebote trennen Welten." Die amerikanischen Ankläger sehen das anders und glauben auch, es beweisen zu können.
Immerhin verfügte Dotcoms Angebot tatsächlich über eine Missbrauch-Meldefunktion, wie sie das Gesetz vorschreibt, große Studios wie Warner, Disney und Sony nutzten sie und meldeten Verstöße; zuletzt konnten Rechte-Inhaber inkriminierte Links auch selbst entfernen. Der Anklage zufolge wurden dann nur die Links gelöscht, nicht aber die Dateien.
Das sei der Marktstandard, das machten alle Anbieter, sagt Kim Dotcom, wenn der Link weg sei, sei die Datei nicht mehr aufzufinden.
Nun also das neue Mega. Wie lange kann es dauern, bis auch das abgeschaltet wird? "Wir haben die Angriffspunkte der Anklage genau analysiert, das ist juristisch wasserfest." Wollten die USA das verbieten, müssten sie die Verschlüsselung insgesamt für illegal erklären und auch den populären Cloud-Anbieter Dropbox vom Netz nehmen, sagt Dotcom - für Detailfragen stünden seine Leute bereit.
Um die zu fragen, muss man in den etwa 40 Autominuten entfernten Aucklander Vorort Orakei fahren, hier schlägt das Herz des neuen Angebots. In einem hübschen, am Hang gelegenen Holzhaus hat sich vor einem Jahr notgedrungen eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft gefunden.
Drei junge Männer, zwei Deutsche und ein Niederländer, leben und arbeiten hier, ihr Büro ist ein Zimmer im ersten Stock mit Blick auf die Skyline der benachbarten Stadt. Schreibtisch, zwei Monitore, schwarze Ledersessel, das war's. Über den Türrahmen haben sie in schwarzen Buchstaben "Mega" geklebt.
"Dass es das neue Angebot überhaupt gibt, haben wir nur dem FBI zu verdanken", sagt Mathias Ortmann, 40. Eigentlich waren er und Finn Batato zur Geburtstagsparty von Kim Dotcom nach Neuseeland gereist und wollten jeweils nur ein paar Tage bleiben. Ortmann kennt Kim noch aus alten Münchner Tagen, als sie mit ihrer Firma Data Protect in den Neunzigern die IT-Sicherheit von Firmen testeten. Batato, 39, war Geschäftsführer bei einem Werbezeitenvermarkter, bevor er als Marketing-Chef zu Megaupload stieß.
Zusammen mit dem Hauptmieter Bram van der Kolk, 30, ist in der WG die Hälfte des ehemaligen Megaupload-Managements versammelt. Alle drei sind mitangeklagt. Würden sie in den USA schuldig gesprochen, könnten die Bewohner zusammen leicht auf ein paar Jahrzehnte Gefängnisstrafe kommen.
Ortmann und Batato waren während der Razzia vorigen Januar Dotcoms Hausgäste, sie haben die Aktion miterlebt. "Überall Männer mit Sturmgewehren, sogar auf dem Dach, völlig überzogen, Hollywood-reif", sagt Ortmann. Batato erinnert sich an die Plastikhandschellen und an seinen Verdacht, jemand von den Mitarbeitern habe wohl Mist gebaut. "Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, dass das uns gilt." Ortmann ist der technische Kopf hinter Dotcom, zusammen mit van der Kolk arbeitet er seit September an dem neuen Projekt.
Schlicht sieht es aus, das Angebot, fast ein wenig retro mit seiner simplen Ordnerstruktur, aber technisch ist es schon deshalb interessant, weil die Anwender ihre Dateien mit nur wenigen Klicks direkt aus ihrem Browser hochladen können.
Die Idee sei in der Mega-Zwangs-WG entstanden, denn auch die als Touristen eingereisten Ortmann und Batato mussten nach ihrer Haftentlassung ihre Reisepässe abgeben und sitzen in Neuseeland fest. So entstand der Dienst, komplett neu programmiert. Ortmann spricht von einem Innovationssprung, den sie ohne das Ende von Megaupload nie so gemacht hätten.
"Das neue Mega ist reine Notwehr, ein Akt der Selbstverteidigung", sagt Ortmann, ihre Konten seien eingefroren, sie hätten kein Geld, um Anwälte zu bezahlen. Wie einst bei Megaupload sollen die Einkünfte durch Premiumangebote hereinkommen, mehr Speicherplatz und Bandbreite sollen zwischen 9,99 und 29,99 Euro im Monat kosten.
Aber wer soll ihnen noch seine Daten anvertrauen? Immerhin können die früheren Kunden nicht mehr auf ihre Daten zugreifen, auch diejenigen, die Megaupload völlig legal als Zweitspeicher für Backups nutzen. Abwarten, meint Ortmann selbstbewusst, immerhin seien ehemalige Geschäftspartner von sich aus wieder an Bord gekommen, sogar eine große, börsennotierte amerikanische Hosting-Firma. Mehrheitseigentümer des neuen Mega ist der Trust me Trust, die Familienstiftung der Dotcoms, die drei Bewohner der Mega-WG halten zusammen 35 Prozent.
Der Kampfeswille und das Selbstbewusstsein von Kim & Co. haben viel mit Neuseeland zu tun. Vor gut drei Jahren zog Dotcom von Hongkong nach Coatesville. Der Familie wegen, wie er sagt, er wolle seinen Kindern ein Aufwachsen in der Natur jenseits des Millionenmolochs Hongkong ermöglichen. Er erwarb für zehn Millionen Dollar Staatsanleihen und erkaufte sich so seine Niederlassungserlaubnis, er spendete für die Erdbebenopfer von Christchurch und spendierte Auckland Silvester 2010 sein bislang größtes Feuerwerk - das er vom Helikopter aus verfolgte.
Die Selfmade-Geschichte des Mannes, der in Deutschland einst eine Mischung aus Sozialneid, Mitleid und Spott erweckte, kommt an. Der Eindruck, dass die USA mit der Anklage überzogen haben, ist inzwischen weit verbreitet.
Seit der Razzia hat Dotcom in dem 4,4-Millionen-Einwohner-Land so etwas wie einen Star-Status, den er lustvoll pflegt und der prima zu seinem neuen Hobby passt - einer Art Rap-Gesang, professionell abgemischt vom Produzenten der Black Eyed Peas. Die einheimischen Medien vermelden jede Kleinigkeit aus dem Dotcom-Anwesen.
Zur Popularität in seiner neuen Heimat tragen auch ständig neue Urteile bei, die das Vorgehen der Justiz in Zweifel ziehen. So entschieden Gerichte bereits, der Durchsuchungsbefehl sei illegal gewesen und Beweismaterial gegen richterliche Anordnung in die USA gelangt. Als klar wurde, dass der neuseeländische Geheimdienst Dotcom im Vorfeld widerrechtlich abgehört hatte, musste sich sogar der Premierminister öffentlich entschuldigen.
Die Entscheidung über seine Auslieferung wurde schon mehrfach vertagt, aktuell auf August, aber es ist jetzt schon klar, dass die Sache den Weg durch die Instanzen gehen wird.
Ob er sich schon ausgemalt hat, wie es ist, seine Luxusherberge gegen eine US-Zelle einzutauschen? Dotcom lacht, zum ersten Mal an diesem Nachmittag, ein gackerndes Lachen. Es sei gefährlich, Richterentscheidungen vorwegzunehmen, sagt er. Aber die Meinung der Anwälte sei einhellig: Dazu werde es nicht kommen.
Und was ist mit seiner ganz alten Heimat, mit Deutschland? Auf den ersten Blick erinnert daran in seinem Anwesen wenig, bis auf seine ausgeprägte Vorliebe für eine deutsche Automarke und ein großes Glas Nussnougat-Creme auf einem Esstisch. Die Kinder lernen kein Deutsch. Sein eigenes ist von englischen Begriffen durchsetzt, ein Business-Denglisch.
Eigentlich will Kim Dotcom nicht mehr über Kim Schmitz reden, über seine Rolle in der New Economy, sein Zerwürfnis mit der Hacker-Szene, seine Reisen mit Sternchen nach Monaco und seine Verurteilung wegen Insider-Handels rund um die Internetfirma Letsbuyit.com. Lange ging er gegen alle vor, die über diese Zeit berichteten, noch im vergangenen Sommer brachte er einen Blogger und Journalisten mit mehreren Verfügungen dazu, aufzugeben. Er habe mit der Insider-Sache damals niemandem geschadet, sagt er dann doch. "Ich bin als junger Mann damals unfair behandelt worden, das hat Narben hinterlassen." Sich auf einen Deal einzulassen, 20 Monate und eine Geldstrafe, sei falsch gewesen, ein Kurzschluss, weil er damals nur schnell herauswollte aus dem Knast. Inzwischen hat er mit seinem Herkunftsland abgeschlossen: "In Deutschland sehe ich mich nicht mehr."
Auch die alten Geschichten hätten dazu geführt, dass sich die USA nun ausgerechnet ihn für ihren Testfall in Sachen Copyright ausgewählt hätten, meint Dotcom, zusammen mit seinem "offensiven Lifestyle" sei er den Geschworenen der Grand Jury leicht als Karriere-Krimineller vorzuführen gewesen, ohne jede Möglichkeit, sich vor Anklageerhebung zu verteidigen.
Deshalb werde er sich nun auf keinerlei Deals einlassen, so Dotcom: "Ich bin im Recht und werde das diesmal durchkämpfen, bis zum Schluss."
Und übrigens: Der Plan mit dem Börsengang von Megaupload, das Ziel, damit zum Milliardär zu werden - "das wäre meine persönliche kleine Rache geworden. Dann hätten alle eingestehen müssen: Kim Dotcom ist der erfolgreichste deutsche Internetunternehmer".
Er ist eben doch der Alte, einen Superlativ hat er immer noch auf Lager - egal ob er sich gerade Kimble, Vestor oder Dotcom nennt. ◆
Von Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 4/2013
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