21.01.2013

POPDie Staatsdichter

Es beginnt mit dem großen Grusel. "Ich bin jetzt alt / Bald bin ich kalt", singt Dirk von Lowtzow, 41, in "Im Keller", dem Auftaktsong des neuen Tocotronic-Albums, es "wartet schon der Lohn". Ein Homunkulus nämlich, eine neue Version des Sängers, die ihn ersetzen wird, "wenn man ihr Liebe schenkt" und "sie nicht ertränkt". Dass das Haar des Tocotronic-Sängers ergraut, ist unübersehbar. Doch die Todesbilder und Selbstauflösungsphantasien des Albums nehmen sich schon sehr arg aus.
Ende dieser Woche kommt "Wie wir leben wollen" heraus, die Erwartungen sind hoch. Es ist das rätselhafteste Werk einer Band, die bisher einigermaßen berechenbar erschien, weil sich die Musiker mit eher subkulturtypischen Fragen beschäftigten - nämlich wo, mit wem und wie sie eben nicht leben wollen. Wollen sie nun also am liebsten gar nicht leben, und wenn es nicht anders geht, wie im ersten Song, dann nur als Duplikat? Als die Band Tocotronic 1993 in Hamburg auftauchte, war das ein Trio lustiger, manchmal larmoyanter Studenten mit dem Talent zum genialen One-Liner. "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein", "Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit", "Über Sex kann man nur auf Englisch singen". Sie wurden neben Rammstein zur prägenden deutschen Rockband und sind doch der totale Gegenentwurf: ostdeutsch die einen, westdeutsch die anderen, harte Männer gegen weiche Jungs, und dennoch verkörpern beide das, was heute Rock in Deutschland ist: eine Absage an die Authentizität einer vermeintlich mit sich selbst identischen Vorgängergeneration der Westernhagens und Grönemeyers. Doch mit der Verweigerungshaltung der vergangenen Jahre, in denen sie Slogans verbreiteten wie "Aber hier leben, nein danke", "Sag alles ab" und "Macht es nicht selbst", scheint es vorbei zu sein, und fast klingen die Texte dieses nun zehnten Albums so, als ob sich die Band auf der Flucht vor ihrem alten Selbst verlaufen hätte, obwohl es musikalisch in seiner melancholischen Indie-Poppigkeit bezaubern kann. Aber was sucht Lowtzow auf der dunklen Seite des Lebens eigentlich genau? Geht es durch die Nacht zum Licht? Ist es ein Scherz, dass die Revolution den Tod abschaffen werde? Oder eine Perspektive? Kann es beides sein? Oft sind Tocotronic von Fans und Kritikern auf das Podest der Indierock-Staatsdichter gehoben worden, viel fehlt jetzt nicht mehr.

DER SPIEGEL 4/2013
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