21.01.2013

DOPINGSeifen-Oprah

Lance Armstrong hat sich mit seiner Fernsehbeichte Luft verschafft. Er versucht, Ansehen zurückzugewinnen, doch die Rolle des Büßers passt nicht zu ihm.
Für einen Mann, dem das Wasser bis zum Hals steht, sah Lance Armstrong gefasst aus. Auch wenn es ihm sichtbar schwerfiel zuzugeben, dass er die Welt belogen hatte, seine ganze Radprofikarriere hindurch und auch lange danach. Erste Interviewfrage: Habe er jemals verbotene Substanzen genommen, um seine Leistung zu steigern, ja oder nein? Armstrong saß auf dem Polsterstuhl, blass, fiebriger Blick, die Hände ineinandergelegt, er löste die verkniffenen Lippen, nickte und antwortete, wie er noch nie auf diese Frage geantwortet hatte.
"Yes."
Er hatte gedopt. Talkmasterin Oprah Winfrey, die ihm gegenüber mit einem Papierstapel von 111 weiteren Fragen auf dem Schoß saß, wollte das sofort wissen. Quasi fürs Protokoll. Um den Zuschauern klarzumachen, auf welcher Grundlage man nun zweieinhalb Stunden lang miteinander zu sprechen gedenke.
Überraschend kam Armstrongs Geständnis nicht mehr. Die Beweislage gegen ihn ist erdrückend. Und der Trend des Interviews war Tage vor der Ausstrahlung angekündigt worden. Niemand brauchte mehr damit zu rechnen, dass Armstrong alles abstreiten würde, was ihm vorgeworfen wird.
Es ging Donnerstag und Freitag Nacht voriger Woche also weniger darum, dass Armstrong überhaupt gesteht. Sondern darum, was genau er alles gesteht. Wie er damit klarkommt, ein Betrüger zu sein. Was er jetzt unternimmt, um das Geschehen aufzuklären und Schaden wiedergutzumachen.
Er sprach von Arroganz, Verrat, Fehler, Lüge und meinte tatsächlich sich selbst. Er sagte, es tue ihm leid, er wolle sich entschuldigen. Doch was das Ausmaß seiner Zerknirschtheit betrifft, wirkte Armstrong wie ein Banker, der ein paar Milliarden mit hochriskanten Geldgeschäften versenkt hat, sich aber darauf beruft, dass doch alle mitgezockt hätten. "Ich habe das Problem nicht erschaffen", sagte Armstrong über das Doping, "aber ich habe auch nicht versucht, es zu stoppen." Ein Wall-Street-Satz.
Armstrong hätte bei Oprah Winfrey näher auf das Dopingsystem eingehen können, Hintergründe erklären, Wege aufzeigen, Namen nennen. Aber das wollte er nicht. Er beichtete, was längst belegt ist, und stritt ab, was ihm kaum nachzuweisen ist - etwa ob Spenden von insgesamt 125 000 Dollar an den Radsport-Weltverband UCI als Dank dafür gedacht waren, dass eine verdächtige Dopingprobe aus dem Jahr 2001 verschwand.
Außerdem sagte Armstrong, er habe Teamkollegen nicht zum Dopen gezwungen. Was er dabei verschwieg: Er brauchte das auch nicht zu tun. Denn wer nicht mitzog, musste damit rechnen, bald keinen Vertrag mehr in Armstrongs Rennstall zu bekommen. Über solch subtile Zwänge hätte man gern Erhellendes aus seinem Mund gehört.
Die Fernsehbeichte hat Armstrong jene Luft verschafft, die er dringend benötigt. Er war so sehr in die Defensive geraten, dass er keine Energie mehr mit sinnlosem Widerstand verplempern mochte. Seine sieben Siege bei der Tour de France sind ihm aberkannt worden, die Karriere als größter Radrennfahrer der Welt ist zerstört. Doch verglichen mit Jan Ullrich, der nicht viel anderes hat als den Radsport, der weiter zu allen Dopingvorwürfen schweigt und ein eher weltabgewandtes Leben führt, hat Armstrong viel zu verlieren. Er braucht das Scheinwerferlicht. Seine Krebsstiftung Livestrong ist auf die Glaubwürdigkeit ihres Gründers und Frontmannes angewiesen, und Armstrong hat das Leben als Superstar zu sehr genossen, um sich mit einem Schattendasein als Ausgestoßener abzugeben. Vor allem deshalb ließ er sich von Oprah Winfrey befragen.
"Die amerikanische Öffentlichkeit vergibt gern Menschen, die berühmt sind", sagt die New Yorker Kolumnistin Selena Roberts, die sich intensiv mit Armstrongs Starrolle, Macht und Einfluss befasst hat. "Wir glauben an Wunder. Wir feiern Leute, die in unglaubliche Höhe aufsteigen. Deswegen steht ihnen eine Tür offen, wenn sie gefallen sind." Armstrong besiegte den Krebs und gewann nach Belieben auf dem Rennrad. "Lance Armstrong war kein Mensch, er war eine Idee, ein amerikanischer Mythos", schreibt ein Reporter des Magazins "The New Yorker".
Also versucht er sich jetzt als Büßer, der Auftritt bei Beichtmutter Oprah war der erste Schritt in dieser ungewohnten Rolle. Viele Medien in Amerika haben darauf verhalten reagiert. Zu lange hatte Armstrong alle betrogen, als dass eine Reueshow zur besten Sendezeit die Skepsis wieder umwölkt. Selena Roberts fand es "irritierend, wie ihm das Mitgefühl abgeht für Menschen, die er ruiniert hat. Als wäre sein brutales Verhalten nichts weiter als ein Fehler gewesen".
In manchen Augenblicken schmunzelte Armstrong und redete über sich wie über jemand anderen, dessen Verhalten er heute nicht mehr nachvollziehen kann. Böser Lance, guter Lance. Sein Leben verläuft derzeit auf dem Niveau einer Seifenoper. Doch bald wird es wieder ernst für ihn. Die ersten Schadensersatzklagen in Millionenhöhe stehen an, und über die wird nicht in Talkshows entschieden. Sondern in Gerichtssälen.
Von Detlef Hacke

DER SPIEGEL 4/2013
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