29.04.1996

RechtsextremistenGesunde Barbaren

Mit V-Männern und FBI-Hilfe verschafften sich Fahnder genug Material, um einen der weltweit aktivsten Neonazis vor Gericht zu stellen.
Mit Gewalt war der deutschstämmige Amerikaner Gary Rex Lauck, 42, schon früh konfrontiert. Regelmäßig bekam der Sohn eines Ingenieurs und einer hartherzigen Christin als Kind daheim in Milwaukee Prügel.
Das hatte offenbar Folgen. Gewalt begann den jungen Lauck zu faszinieren. Schon in der Schule nervte er seine Mitschüler mit Vorträgen über den Zweiten Weltkrieg und schwärmte von Hitler. Vom 9. Mai an muß sich Lauck nun auf der Anklagebank im Staatsschutzsaal der Hamburger Justiz dafür verantworten, daß er auch später nicht von seiner Obsession lassen mochte.
Die Staatsanwaltschaft Hamburg wirft Lauck Nazi-Propaganda, Volksverhetzung und Gewaltdarstellung vor. Der Hitler-Fan muß mit mehreren Jahren Haft rechnen. Das Verfahren soll unter strengen Sicherheitsvorkehrungen laufen, die Behörden fürchten Krawalle.
Lauck, der seit September letzten Jahres in Hamburg in Untersuchungshaft sitzt, leitet die in der Bundesrepublik illegale Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei/Auslands- und Aufbauorganisation (NSDAP/AO). Von Lincoln im US-Staat Nebraska aus avancierte Lauck seit 1973 zum Hauptlieferanten von Propagandamaterial für Neonazis unter anderem in Deutschland.
Aufschluß über die Strukturen der NSDAP/AO-Anhänger gaben vor allem V-Leute des Verfassungsschutzes. Einer von ihnen war Peter Schulz, 23, bis 1992 stellvertretender Kreisvorsitzender der Republikaner im nordrhein-westfälischen Herford.
Rechtsextremist Schulz pflegte rege Kontakte zu dem Lauck-Mitarbeiter Opal Soltau. Der ist in der NSDAP/AO-Zentrale in Lincoln unter dem Kampfnamen "Karl Hammer" für den Briefwechsel mit den Untergrundkämpfern verantwortlich.
Für einen Beitrag von 20 Dollar im Monat und "Aktionsberichte" in die USA erhielt der junge Parteigenosse Schulz von der NSDAP/AO einen Ausweis als "Party Officer". Schulz: "Da kam man sich gleich wichtig vor und fühlte sich geehrt."
Inspiriert von der NSDAP/AO, die in ihren Schriften die "Heranbildung eines geeigneten Werwolfkaders" propagierte, baute Schulz mit einem Dutzend junger Rechtsradikaler 1992 eine Wehrsportgruppe auf. Das "Heimatschutzkorps Ostwestfalen-Lippe" übte an Wochenenden im Wald in SS-ähnlichen Uniformen und mit Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg Sturmangriffe.
Doch 1993 gelang es einem versierten V-Mann-Führer des Düsseldorfer Verfassungsschutzes mit dem Decknamen "Uwe Niesrath", Schulz für den Dienst anzuwerben. In einem Herforder Cafe lockte er ihn mit einem monatlichen Agentenlohn von 500 Mark plus Spesen. Neonazi Schulz bekam den Tarnnamen "Fraga".
Der inzwischen abgeschaltete V-Mann leistete zeitweise gute Arbeit: Da Wehrsportler Schulz seinem V-Mann-Führer alle Verästelungen enthüllte, konnte seine Nazi-Truppe im Herbst letzten Jahres vom Staatsschutz zerschlagen werden.
V-Mann "Fraga" durchleuchtete auch die internationalen Verbindungen der NSDAP/AO. Von seinem Kontaktmann in Nebraska wußte er, wie Lauck seine Kameraden in der Bundesrepublik betreute.
Der Verfassungsschutz-Spitzel berichtete auch von Verbindungen der NSDAP/AO zu Neonazis in mehreren Ländern Europas, etwa in Ungarn und in Litauen. Dort hielt sich "Fraga" im September 1994 in einem Wehrsportlager bewaffneter litauischer Nationalisten in der Nähe von Klaipeda (früher Memel) auf.
Die Versuche von Rechtsextremisten, außerhalb der Bundesrepublik mit Hilfe von Gesinnungsgenossen logistische Stützpunkte aufzubauen, interessierte die Verfassungsschützer ganz besonders. Wenn "Uwe Niesrath" in einem BMW mit wechselnden Kennzeichen zum V-Mann-Treff vorfuhr, kam das Gespräch immer wieder auf die internationale Vernetzung der braunen Szene.
"Fraga" berichtete auch, daß Lauck große Hoffnungen auf die nationalistische Bewegung Rußlands setzte. Mehrfach schärfte der NSDAP/AO-Chef seinen Kameraden ein, eine "nationale, antijüdische Regierung in Rußland" könne zu einem weltweiten Aufschwung des Nationalsozialismus führen.
Um mehr über die braune Internationale zu erfahren, griffen die Verfassungsschützer schon mal tiefer in die Tasche. So zahlte der Verfassungsschutz Schulz im April letzten Jahres eine Flugreise nach Athen zu einem Treffen mit Funktionären der griechischen Neonazi-Truppe "Goldene Dämmerung". Die in Griechenland legale NS-Gruppe kooperiert eng mit der NSDAP/AO und der legalen NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten".
Gedeckt durch die liberale Gesetzgebung in den USA, schickte Lauck seinen Kameraden in ganz Europa tonnenweise Hakenkreuz-Aufkleber und sein zweimonatlich erscheinendes Zentralorgan NS Kampfruf. Die "AO", wie die Kameraden Laucks Verein nennen, bietet vom SS-Abzeichen über Hitler-Reden und SA-Lieder in Originalaufnahmen bis zum Hetzfilm "Der ewige Jude" von 1940 alles, was einen Neonazi freut.
Im NS Kampfruf wetterte Lauck, der sich selbst als "Waffenschmied der NS-Untergrundbewegung in Deutschland" sieht, gegen die "Bonner Judenrepublik" und rühmt die "urwüchsigen, gesunden Barbaren aus dem Norden". Die hätten "instinktiv den ekligen Wurm in den Juden" erkannt: "Kurzerhand schlugen sie ihn tot."
Durch eine intensive Zusammenarbeit zwischen dem Bundeskriminalamt (BKA), dem Verfassungsschutz und dem FBI in den USA gelang es den deutschen Sicherheitsbehörden, das Netz der Empfänger von NSDAP/AO-Material weitgehend zu erfassen. Das BKA hörte bald sämtliche Telefonate deutscher Neonazis mit Lauck ab.
So erfuhren die Fahnder von Reiseplänen Laucks, der im März letzten Jahres dänische Neonazis besuchte. Bei Kopenhagen verhaftete die dänische Polizei, von deutschen Kollegen mit belastendem Material beliefert, den Nazi-Führer. Lauck wurde ein halbes Jahr später an Deutschland ausgeliefert.
Zwar halfen die US-Ermittler, Lauck in Europa eine Falle zu stellen. Aber bisher scheiterten alle Versuche deutscher Behörden, sie gegen die Hetzer daheim in den USA in Stellung zu bringen. So agitieren Lauck-Mitkämpfer von Amerika aus unbehelligt und unverdrossen wie zuvor. Über das Postfach der NSDAP/AO in Lincoln versenden sie nach wie vor Propagandamaterial. Parole: "Der Kampf geht weiter". Y
Lauck-Mitkämpfer agitieren von Amerika aus unbehelligt weiter

DER SPIEGEL 18/1996
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