28.01.2013

ROHSTOFFEAmerika gibt Gas

Neue Fördermethoden verändern die Weltpolitik: Die Vereinigten Staaten produzieren Energie im Übermaß, russische Konzerne und arabische Scheichs verlieren plötzlich an Einfluss. Und Deutschland? Sorgt sich um die Umwelt.
Williston in North Dakota ist eine öde Kleinstadt in der Weite der amerikanischen Prärie. Im Sommer ist es hier staubig, im Winter eiskalt. Für Unterhaltung sorgt allenfalls die Elchjagd. Trotzdem hat sich die Zahl der Bewohner von Williston binnen kurzer Zeit mehr als verdoppelt.
Die Stadt ist überfüllt. Neuankömmlingen bleibt oft nur ein Schlafplatz im Wohnmobil, bei einer Parkgebühr von 1200 Dollar im Monat auch nicht gerade billig. Und es ziehen immer mehr Menschen in das unscheinbare Kaff.
Der Grund: Im Gestein tief unter der Stadt sind Geologen auf eine Schicht aus gas- und ölgesättigtem Schiefer gestoßen. Das sogenannte Bakken-Massiv erstreckt sich über Tausende Quadratkilometer; es ist zum Synonym für ein amerikanisches Wirtschaftswunder geworden, wie es das Land zuletzt beim Ölrausch vor fast hundert Jahren erlebt hat.
In North Dakota herrscht neuerdings praktisch Vollbeschäftigung; der Haushalt hat einen Milliardenüberschuss. Lastwagenfahrer verdienen hier 100 000 Dollar im Jahr, die Stripperinnen, die aus Las Vegas herangeschafft werden, mehr als tausend Dollar pro Nacht. Einen "Glücksfall" nennt Präsident Barack Obama die Entdeckung des Bakken-Massivs und vergleichbarer Gesteinsschichten in Texas, Colorado, Pennsylvania, Louisiana und Utah: "Wir haben Energie für mehrere hundert Jahre unter unseren Füßen."
Noch vor kurzem sah die Zukunft der amerikanischen Energieversorgung düster aus. Die eigenen Ressourcen gingen zur Neige, die USA waren auf arabische Ölscheichs und verhaltensauffällige Diktatoren angewiesen. Die steigenden Energiekosten drückten auf die Lebensnerven der Industrie.
Doch seit die amerikanischen Bohrexperten ein Verfahren nutzen, mit dem sich Öl- und Gasmoleküle aus dichtem Schiefergestein herauspressen lassen, das sogenannte "Fracking", hat sich die Lage fundamental geändert. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass die USA bereits in zwei Jahren Russland als größten Erdgasförderer ablösen werden. Beim Erdöl könnten sich die Amerikaner im Jahr 2017 an die Weltspitze setzen.
Weil der Gaspreis in den USA nur noch ein Viertel des Preises von 2008 beträgt, kommt womöglich auch die Industrie zurück. "Billiges Erdgas ist das Elixier, der Saft, das Viagra, das die USA wieder in die stärkste Industriemacht unserer Tage verwandelt", jubelt ein amerikanischer Branchenvertreter im Wirtschaftsblatt "Fortune".
Die Regierung geht von etwa 600 000 neuen Jobs aus, die entstehen können. Manche Experten halten sogar bis zu drei Millionen neue Arbeitsplätze in den kommenden Jahren für möglich. "Wir werden alles daransetzen, diese Energie für uns sicher zu entwickeln", sagte Obama in seiner jüngsten Rede zur Lage der Nation.
Die Gas-Revolution verändert die politischen Machtverhältnisse auf der ganzen Welt. Amerikaner und Russen haben Kriege um Öl und Gas geführt; sie haben deswegen Regime gestützt oder gestürzt. Wenn sich die Energieströme ändern, verändern sich auch die strategischen und militärischen Kalkulationen der Großmächte.
Noch ist offen, wer die Gewinner und Verlierer sein werden. Chinesen und Argentinier sitzen ebenfalls auf riesigen Schiefergasvorkommen. Auch in Polen, Frankreich und Deutschland soll es nennenswerte Ressourcen geben; genau weiß es noch niemand. Die Förderung steht außerhalb der USA erst am Anfang.
In den Planspielen der Geostrategen zeichnen sich bereits die Umrisse einer veränderten Weltordnung ab. Die USA werden demnach am stärksten von der Entwicklung profitieren. Der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) kommt in einer Studie zu dem Schluss, dass die außen- und sicherheitspolitische Handlungsfreiheit der Regierung in Washington durch den neuen Energiereichtum erheblich zunehmen wird.
Das politische Drohpotential von Erdöllieferanten wie Iran werde schwinden. Optimisten gehen davon aus, dass die USA in etwa 15 Jahren keinen Flugzeugträger mehr an den persischen Golf schicken müssen, um zu garantieren, dass die Öltanker ungehindert durch die Straße von Hormus fahren können, der derzeit noch wichtigsten Energieader der Welt.
Auf der Verliererseite könnten die Russen stehen. Die Macht von Präsident Wladimir Putin fußt vor allem auf den Einnahmen aus dem Gas- und Ölgeschäft. Sollten die Energiepreise dauerhaft sinken und damit die russischen Einnahmen wegbrechen, geriete Putins Herrschaft ins Wanken. Auch für die autoritären Regime im Nahen Ostens ist der plötzliche Gas- und Ölreichtum der Amerikaner keine schöne Nachricht.
Die europäische Industrie dürfte einerseits von sinkenden Weltmarktpreisen für Öl und Gas profitieren. Doch ohne eigene Förderung, so die Prognosen, verschlechtern sich die Standortbedingungen.
Der Chemiekonzern BASF hat in den vergangenen zwei Jahren bereits viel Geld nach Amerika getragen und etwa in Louisiana neue Anlagen für die Produktion von Methylaminen und Ameisensäure gebaut. "Der lokale Gaspreis ist ein Kriterium bei der Frage, wo wir in neue Produktionsanlagen investieren", sagt BASF-Vorstandsmitglied Harald Schwager: "Die USA sind gegenüber Europa hier derzeit klar im Vorteil."
Die politische Debatte hierzulande wird bislang von der Sorge vor möglichen Umweltschäden beherrscht. Fracking ist zur Schreckensvokabel für Bürgerinitiativen und Ökoverbände geworden.
Die Vorstellung, dass mit Chemikalien versetztes Wasser mit Hochdruck in die Erde gepumpt wird, um Gesteinsschichten in mehreren tausend Metern Tiefe aufzuknacken, löst bei vielen Bürgern Unbehagen aus, auch wenn die Technik im Prinzip schon seit Jahrzehnten bei der konventionellen Gasförderung auch in Niedersachsen angewendet wird.
Gleichzeitig wäre gerade die deutsche Energie- und Klimapolitik ein Grund, die neuen Gasvorkommen zu nutzen. Flexible Gaskraftwerke wären am besten geeignet, die unberechenbaren Schwankungen beim Wind- und Solarstrom auszugleichen und so die sichere Stromversorgung aufrechtzuerhalten. Beim Verfeuern von Erdgas fällt außerdem bis zu 60 Prozent weniger klimaschädliches CO2 an als beim Verbrennen von Kohle.
Den Amerikanern ist es mit Hilfe des Gases gelungen, ihren CO2-Ausstoß bei der Energieerzeugung auf den niedrigsten Stand seit Jahren zu drücken. Auch deshalb planen die USA, bis 2020 jedes sechste Kohlekraftwerk durch Gaskraftwerke zu ersetzen.
Bei der Münchner Sicherheitskonferenz Ende dieser Woche steht das Fracking erstmals ganz oben auf der Agenda. "Die amerikanische Öl- und Gas-Bonanza" steht auf der Tagesordnung. In früheren Jahren wurde bei der Konferenz über Atomwaffen oder internationale Terrorgefahren geredet, jetzt geht es auch um "Changing Geopolitics of Energy"; das zeigt den Bedeutungszuwachs des Themas. "Es ist nicht übertrieben, von einer Revolution zu sprechen", sagt John Deutch, einst US-Staatssekretär für Energie und CIA-Direktor, nun Professor an der Eliteuniversität MIT, der die Entwicklung seit Jahren verfolgt.
Amerikas Energiewunder
Ende der neunziger Jahre begannen amerikanische Öl- und Gasfirmen, mit neuen Techniken in bis dahin unerschlossene Erdschichten vorzudringen. Sie bohren bis zu 4000 Meter ins Schiefergestein, knicken scharf ab und bohren, das ist der Trick, horizontal weiter. Anschließend jagen sie ein Gemisch aus Wasser, Chemikalien und Sand mit hohem Druck ins Bohrloch. Dadurch entstehen kleine Risse im umliegenden Gestein: Gas und Öl werden frei und steigen durch die Leitungen nach oben.
Neue Technologien reduzieren die Bohrkosten drastisch. 2012 lag der Anteil von Schiefergas an der Gesamtförderung bereits bei 34 Prozent, und die Technik wird immer besser. Die Branche boomt, Dutzende Unternehmen sind neu entstanden, die nach weiteren, bislang unentdeckten Vorkommen suchen.
Es wäre künftig sogar möglich, dass die USA vom Energieimporteur zum -exporteur werden. Dafür müsste die Politik allerdings einen echten Kurswechsel einleiten. Der Export eigener Rohölressourcen ist in den USA seit dem Ölpreisschock der siebziger Jahre gesetzlich untersagt. Vielen Unternehmen ist außerdem daran gelegen, dass auch das billige Gas möglichst im Land bleibt, als Wettbewerbsvorteil gegenüber der ausländischen Konkurrenz.
Schon im vergangenen Jahr brachten die niedrigen Gaspreise der US-Industrie einen Vorteil von über hundert Milliarden Dollar, so eine Studie. "Das Land ist in eine unverhoffte Glückssituation hineingestolpert", sagt Professor Edward Hirs von der University of Houston, Co-Autor der Studie.
Und vielleicht kommt alles noch viel besser. Die US-Regierung hat ein neues Ölvorkommen in Utah identifiziert, für dessen wirtschaftlich sinnvolle Erschließung allerdings ein weiterer großer Techniksprung notwendig ist. Es ginge um ein förderbares Vorkommen von insgesamt 1,5 Billionen Barrel - so viel wie die gesamten bislang nachgewiesenen Ölreserven der Welt.
Verlierer Russland
Einer Rakete gleich reckt sich in Moskaus Südwesten ein Gebäude in den Himmel. Die architektonische Botschaft der alles überragenden Firmenzentrale des Energiegiganten Gazprom ist klar: Es geht nur in eine Richtung - steil nach oben. Und bis vor kurzem waren sich auch noch alle einig: Atomwaffen und Energieträger wie Öl und Gas seien die beiden Währungen, die den Supermachtstatus eines Landes begründeten. Russland, der weltgrößte Rohstoffexporteur, verfüge über beide im Überfluss.
Wladimir Putin baute seine Herrschaft im Inneren und seine Außenpolitik auf dem Rohstoffreichtum Russlands auf. Die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft machen rund 50 Prozent des Staatshaushalts aus. Der Präsident braucht die Milliardeneinnahmen Gazproms, um seine Anhänger, meist Staatsangestellte, Rentner, Arbeiter und Bauern, mit teuren Sozialleistungen bei Laune zu halten. Auch bei dem Plan, den russischen Machtbereich in den früheren Sowjetrepubliken zu erweitern, spielt Gas eine zentrale Rolle.
Nun aber bedroht Amerikas Rohstoffboom Putins Träume von der imperialen Wiederauferstehung seines Landes. Schon jetzt muss es mit sinkenden Gaspreisen kämpfen. Der operative Gewinn von Gazprom schrumpfte in den ersten neun Monaten 2012 um mehr als 25 Prozent.
Die Russen mussten ihren Kunden wie dem deutschen E.on-Konzern oder der italienischen Eni milliardenschwere Preisnachlässe gewähren. Dennoch orientieren sich die Europäer um. In den Niederlanden brach der Gazprom-Absatz in den ersten drei Quartalen 2012 um 43 Prozent ein, in der Slowakei um 30 und in Frankreich um 20 Prozent.
Niemand in Moskau rattert diese Statistiken schneller herunter als Wladimir Milow. Nach der Jahrtausendwende war er Vize-Energieminister, heute führt er eine kleine Oppositionspartei an. Milow hält Gazprom für einen tönernen Koloss. "Amerika verkündet die Schiefergas-Revolution, Gazprom und Russland aber liegen weiter im Winterschlaf", sagt er.
Wenn eines Tages flüssiges Gas aus den USA in Rotterdam, Hamburg oder Odessa anlandet, wird der Preisdruck weiter steigen. Westliche Strategen hoffen auf einen ökonomischen Hebel, um auf Russland politischen Druck auszuüben. Wenn Moskau sich etwa bei einer Diskussion über eine Iran-Resolution im Uno-Sicherheitsrat hartleibig zeigt, könnte Washington damit drohen, den Markt mit Gas zu fluten.
Auch Russlands Versuch, über eine sogenannte Gas-Opec den Weltmarktpreis zu beeinflussen, dürfte dann endgültig vom Tisch sein. Moskau hatte zuletzt im vergangenen Juli die größten Gasexporteure der Welt eingeladen, um eine bessere Zusammenarbeit zu verabreden, aber ohne Erfolg. Wenn die USA einen Teil ihrer riesigen Ressourcen exportieren, dürften Preis- und Produktionsabsprachen endgültig unmöglich werden.
Der Kreml ist alarmiert, auch wenn Gazprom-Chef Alexej Miller die Revolution gern als Übertreibung im Stil "amerikanischer Hollywood-Filme" abtut. Schiefergas werde nur eine Nebenrolle auf dem Markt spielen, sagt Miller und verweist auf die Milliardeninvestitionen westlicher Energiekonzerne in Pipelines und die traditionelle Erschließung sibirischer Felder.
Doch neue Leitungen sind teuer. So ist völlig unklar, ob die South-Stream-Röhre, die über eine Distanz von 2380 Kilometern russisches Gas vom Schwarzen Meer nach Italien transportiert und geschätzte 16 Milliarden Euro kosten soll, sich je rechnen wird. Millers Sprecher Sergej Kuprijanow räumt ein, dass die neuen Technologien Amerika helfen.
Ein anderer Trend aber werde übersehen. "Die Nachfrage nach Gas wird weltweit steigen", erklärt er, "weil die Wirtschaften der schnell wachsenden Schwellenländer Energie brauchen und in Zukunft mehr Autos und bald auch Schiffe mit umweltfreundlichem Gas betrieben werden."
Sicher scheint, dass Russland ein wichtiger Rohstofflieferant bleiben wird. Aber sein politisches Drohpotential wird geringer, wenn es für die Länder Westeuropas oder die Ukraine mehr Alternativen zum russischen Rohstoff gibt. Moskau dürfte politisch zum größten Verlierer des amerikanischen Rohstoffreichtums werden. Aber wie sieht es an anderen Schaltstellen des Geschäfts aus?
Kein Blut für Öl
Der Nahe Osten zum Beispiel ist eine gefährliche Region. Immer wieder wurde hier in den vergangenen Jahrzehnten Krieg geführt. Zweimal haben die Amerikaner den Irak attackiert, auch um ihre Ölversorgung zu sichern.
In Bahrain sind mehr als 20 US-Schiffe stationiert, darunter ein Flugzeugträger, mehrere Zerstörer und U-Boote. Die 5. Flotte soll die Straße von Hormus sichern, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman verbindet. Über sie laufen 35 Prozent des weltweiten Ölhandels mit Schiffen.
Das amerikanische Militär sichert damit nicht nur die Handelswege, sondern auch die Monarchien am Golf. Im Gegenzug sorgten die Saudis, derzeit noch der größte Ölproduzent der Welt, in der Opec für eine moderate Preispolitik. Doch der Deal Sicherheit gegen Öl ist für die Amerikaner teuer.
Für die Militärpräsenz im Nahen Osten zahlt Washington Milliarden. Die Kosten sind nicht nur materiell. Dass amerikanische Truppen von saudischem Boden aus in den Krieg um Kuwait geschickt wurden, war der Auslöser des Kampfs von Osama Bin Laden gegen die USA.
Nach BND-Einschätzungen könnten die Amerikaner bald komplett auf Energielieferungen aus dem Nahen Osten verzichten. Es sei denkbar, dass die USA dann kein unmittelbares Interesse mehr daran haben könnten, den Ölfluss aus der Golfregion sicherzustellen, schreibt der Londoner Energiewissenschaftler Alan Riley in der "New York Times".
Dennoch ist es nicht wahrscheinlich, dass die USA sich auf absehbare Zeit aus der Region zurückziehen. "Die USA werden auf lange Zeit abhängig von den internationalen Energiemärkten bleiben", glaubt Josef Braml von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.
Die Interessen der USA am Nahen Osten sind zudem nicht auf das Öl beschränkt. Die Eindämmung Irans gehört ebenso dazu wie der Kampf gegen islamistischen Terror. Außerdem spielt der Schutz Israels in der amerikanischen Außenpolitik eine zentrale Rolle.
"Wer meint, dass die Amerikaner sich aus Nahost zurückziehen könnten, der versteht weder die Dynamik der Ölmärkte noch die geopolitischen Zusammenhänge", sagt Braml. Amerika werde auch deshalb an der Straße von Hormus präsent sein, um bei Bedarf den Chinesen den Energiehahn zudrehen zu können.
Dennoch könnten vor allem auf die Europäer neue politische Herausforderungen zukommen. "Es sollte für Amerika künftig leichter sein, von anderen mehr Hilfe bei der Energiesicherung einzufordern", sagt der Sicherheitsexperte Michael O'Hanlon vom Washingtoner Brookings Institut. Das betreffe die Nato-Verbündeten, aber auch Japan, Südkorea und sogar Indien.
Für Deutschland hieße das vermutlich nicht, eigene Soldaten an den Golf zu schicken. Aber es müsste sich dann stärker an den Kosten des US-Einsatzes beteiligen.
Die Chinesen werden nach Einschätzung des BND ein großer Verlierer des amerikanischen Ölreichtums sein. Das Land werde noch stärker als bisher vom Öl aus der Golfregion abhängig, sei aber noch nicht in der Lage, die Transportwege selbst zu schützen. Dadurch werde es verwundbarer - und Amerika gewinne neuen Handlungsspielraum gegenüber dem weltpolitischen Rivalen. Doch was bedeutet das alles für Deutschland?
Deutsche Zurückhaltung
Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover kam in einer Studie im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass selbst im hiesigen Boden ein Schatz schlummert. Es geht um 700 bis 2300 Milliarden Kubikmeter förderbares Schiefergas, das 200fache der derzeitigen deutschen Erdgasproduktion. "Damit könnte Schiefergas aus heimischen Vorräten bei einer umfänglichen Nutzung signifikant zur Erdgasversorgung Deutschlands beitragen", urteilen die Behördenexperten. Den vermarktbaren Wert dieses Schatzes bezifferten Vertreter der Energiekonzerne ExxonMobil und Wintershall auf bis zu eine Billion Euro.
Die Studie der Bundesanstalt liest sich, als könne Deutschland sofort mit der Förderung loslegen. Sorgen um die Umwelt seien unbegründet. Es handle sich ja im Prinzip um ein längst erprobtes Verfahren, wenngleich es bislang in anderen Gesteinsschichten angewandt wurde.
"Die Risiken von Fracking-Maßnahmen im geologischen Untergrund stellen sich im Vergleich zu möglichen Unfällen bei obertägigen Aktivitäten als gering dar", heißt es in der Studie, im Klartext: Die Gefahr, dass im Straßenverkehr ein Öllaster umkippt, ist viel größer als das Risiko einer Grundwasserverschmutzung beim Fracking. Nur aus erdbebengefährdeten Regionen solle man sich besser fernhalten.
Doch in der Politik überwiegen die Bedenken. Die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen beschloss eine Art Moratorium. Selbst für eine von ExxonMobil beantragte Erkundungsbohrung gibt es derzeit keine Genehmigung. Und auch in Niedersachsen, wo das Fracking-Verfahren in herkömmlichen Gasvorkommen bereits vielfach angewandt wurde, hat sich die Stimmung nach dem rot-grünen Landtagswahlsieg vorerst gedreht.
Die Kritiker stützen sich unter anderem auf eine Stellungnahme des in Ökofragen naturgemäß besonders sensiblen Umweltbundesamts. Demnach sollte Fracking nur unter strengsten Auflagen erlaubt sein, was wiederum den Befürwortern missfällt.
"Es ist ein typisches deutsches Verhalten, bei jeder neuen Technologie zunächst nur die Risiken zu sehen, statt auch an die Chancen zu denken", sagt BASF-Vorstand Harald Schwager.
Umweltminister Peter Altmaier und Wirtschaftsminister Philipp Rösler haben aus dem Expertenstreit ihre eigenen Lehren gezogen. Fracking, so heißt es in ihren Stellungnahmen, sei technisch aufwendig und ökologisch umstritten, mit anderen Worten: Finger weg - jedenfalls bis zur Bundestagswahl im Herbst.
Von Alexander Neubacher, Ralf Neukirch, Matthias Schepp und Thomas Schulz

DER SPIEGEL 5/2013
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