19.08.1996

Bewegliches Völkchen

Die Elbchaussee ist Hamburgs feinste Adresse. Nirgends leben so viele Millionäre wie an der acht Kilometer langen Straße zwischen Altona und Blankenese, und kaum irgendwo zahlen sie so widerwillig Steuern.
Die Steuermoral der Trick-Reichen bringt den Bürgermeister der Hansestadt, Henning Voscherau, so richtig in Rage: Sie ist für ihn ein Symptom für die "Krise der Gesellschaft".
Öffentlich geißelt Voscherau, wie unlängst in der Süddeutschen Zeitung, "Steuerflucht" und "unproduktive Finanzanlagen in Steueroasen". Und er wettert gegen "das vaterlandslose Spekulantentum eines Teils der Oberschicht".
Spekulantentum? Oberschicht? Voscherau versieht das Übel mit Namen: Dazu gehöre jemand wie Margarethe Schreinemakers. Oder Franz Beckenbauer. Oder Michael Stich. "Oder der Allerschlimmste: Friedrich Karl Flick".
Die Liste ließe sich mühelos fortsetzen. Gewieft nutzen Prominente, die es sich leisten können, die Lücken im deutschen Steuerdickicht - und das machen sie weitgehend öffentlich.
Die Gagen der Ball- und Fernsehkünstler sind in den vergangenen Jahren geradezu explosionsartig gewachsen - während die Einkommen der Massen bestenfalls stagnierten. Im gleichen Umfang wuchs offenbar auch die Gier der neureichen Aufsteiger.
Mit Macht drängen sie ins Ausland, wo niedrige Steuersätze locken. Oder sie lenken ihre Millionen in lukrative Abschreibungsobjekte, in Supertanker und ostdeutsche Mercedes-Niederlassungen - bloß, um nicht mehr als nötig ans Finanzamt abzuführen.
Nur selten verstoßen Showstars, Sportler und Superreiche, die ins Ausland abwandern, dabei gegen die komplizierten Gesetze des Theo Waigel. Aber manchmal wohl gegen die Moral.
Das meint jedenfalls Volkes Stimme. "Solidaritätszuschlag: Wir müssen zahlen ... Flick haut ab", empörte sich Bild etwa, als der Wohnortwechsel des wohl reichsten Deutschen ruchbar wurde.
Rund vier Milliarden Mark hat der Mann, der sich mit Barem einen Namen und manchen Vorteil verschaffte, schon angehäuft. Und doch - oder gerade deswegen - zog der Parteispender vor zwei Jahren in die Steueroase Österreich um.
Flick beteuert: "Ich liebe Deutschland!" Noch mehr liebt er wohl das Steuersystem im Alpennachbarland. Dort fällt keine Vermögensteuer mehr an, keine Gewerbekapitalsteuer und nur 25 Prozent Abgaben auf Zinserträge. Dadurch entgehen dem deutschen Fiskus Jahr für Jahr schätzungsweise 100 Millionen Mark - soviel wie 5000 Durchschnittsdeutsche zusammen zahlen müßten.
Der Milliardär Flick befindet sich in allerbester Gesellschaft. Kaiser Franz residiert seit Jahren in Kitzbühel, wenn er nicht gerade den FC Bayern führt oder Kolumnen schreibt. Auch die Tennisprofis Anke Huber und Michael Stich lassen es sich in Österreich gutgehen, Schlagersänger Heino hat dort seinen Zweitwohnsitz. Stich, immerhin, engagiert sich in seinem Heimatland und gründete mit ein paar hunderttausend Mark in München eine Stiftung für aidskranke Kinder.
Allein in den letzten drei Jahren sollen sich etwa 50 deutsche Millionäre nach Österreich abgesetzt haben. Doch Fluchtburgen für Steuervermeider gibt es auch anderswo - oft nur wenige Kilometer von der Arbeitsstätte entfernt.
Scharenweise zogen die Fußballer des 1. FC Saarbrücken ins nahe Frankreich, gleich hinter die Grenze. Ins Stadion konnten sie mit dem Fahrrad radeln. Trainer Peter Neururer, inzwischen in Köln, wehrt sich noch heute gegen sechsstellige Nachforderungen des Finanzamts.
Am häufigsten aber geht es in die Ausläufer der Ardennen, direkt hinter Aachen. Die Gegend war mal deutsch, und sie scheint es wieder zu werden. Aus dem Rheinland fahren nach getaner Arbeit nicht nur Schreinemakers, sondern auch die Schauspielerin Tina Ruland ("Manta, Manta") und etliche Fußballer ins belgische Grenzland.
Rico Steinmann vom 1. FC Köln etwa zieht es nach dem Training stets zu seiner Frau und den Töchtern Nadja und Julia; nicht weit entfernt wohnen schon seit längerem die Vereinskollegen Stefan Kohn und Henrik Andersen. Das Handelsblatt will wissen, daß es auf der Autobahn Köln-Aachen "auch schon mal eine Drängelei" zwischen anderen Fernsehstars und Spitzensportlern gegeben habe.
Das Ziel der Raserei ist - anders als bei Steinmann, Kohn und Andersen - nicht immer der wahre Wohnsitz. Mitunter verbirgt sich dahinter eine dubiose Adresse wie in Eupen, einer 17 000-Einwohner-Stadt rund 20 Kilometer hinterm Grenzübergang Wachenheim. In einem unscheinbaren dreistöckigen Bau an der Aachener Straße 72 lebt der Spielerberater Klaus-Dieter ("Ömmes") Convents. Und dort meldeten auch etliche Fußballer des 1. FC Köln und von Borussia Mönchengladbach ihren Wohnsitz an.
Das "Modell Eupen" basierte wie bei Schreinemakers auf Paragraph 50 a des Einkommensteuergesetzes. Er regelt, daß die Einkünfte bestimmter Berufsgruppen pauschal besteuert werden. Der Passus wurde extra geschaffen, um das bewegliche Völkchen der Sportler, Künstler und freien Journalisten zu packen.
Wer als Sportler oder Künstler im Ausland lebt, zahlt dort seine Steuern - und das ist oft weniger als in Deutschland. Michael Schumacher jedenfalls urteilt über seinen Ex-Nachbarn Boris Becker, der aus Monte Carlo nach München-Bogenhausen übersiedelte: "Das verstehe ich nicht ..."
In Belgien muß das bewegliche Völkchen sogar überhaupt keine Einkommensteuern bezahlen - eine Lücke im internationalen Steuerrecht. Null Prozent gelten für Schreinemakers ebenso wie für Kölns Fußballer.
Als Ausländer gilt, wer dort den "Mittelpunkt seines Lebens" hat, also zum Beispiel seine Familie. Oder wer dort mindestens 183 Tage pro Jahr lebt. WahlMonegassin Claudia Schiffer darf also alles machen, nur nicht zu oft nach Deutschland kommen.
Auch Thomas Gottschalk müßte über die Hälfte des Jahres in seiner Villa bei Los Angeles verbringen, wenn er steuerlich als Amerikaner gelten will. Seit kurzem lebt er dort mit seiner Familie, und der Talkmaster möchte ab September auch seine "Hausparty" für Sat 1 gelegentlich von Kalifornien aus senden; für die übrigen Sendungen fliegt er aus L. A. nach Deutschland ein.
Egal aber, was am ausländischen Wohnsitz fällig ist: Wer in Deutschland Fußball spielt oder eine Fernsehshow macht, muß an den deutschen Fiskus Quellensteuer abführen. Bis Ende 1995 waren 15 Prozent fällig, seither 25 Prozent - beides zuzüglich Solidaritätszuschlag und Mehrwertsteuer.
In Eupen jedoch hatten die Fahnder Zweifel: Was machen so viele Jungmillionäre unter einem Dach? Haben alle dort ihren Lebensmittelpunkt - oder ist die Aachener Straße 72 nur eine bessere Briefkastenadresse? "Ömmes" jedenfalls brachte seinen Schützlingen schon mal die Post ins Rheinland mit. Die hätten aber, sagt er, "alle mal hier gewohnt".
Doch die Fahnder führten akribisch Buch. Mal maßen sie am Kölner Trainingsplatz die Schneehöhe auf den Autos der Profis Frank Greiner und Uwe Fuchs nach und folgerten, daß die weiße Masse bei einer Anfahrt aus Belgien längst weggeschmolzen wäre. Mal kontrollierten sie über den Stromzähler oder den Wasserverbrauch die Anwesenheit in Belgien.
Die Steuerjäger forschten auch auf der Geschäftsstelle von Borussia Mönchengladbach nach, wo denn die Freundinnen der hochbezahlten Herren leben. Ihre Vermutung: Einige Balltreter nächtigten womöglich häufiger dort als in Belgien.
Das "Modell Eupen", so erwies sich, war keines. Reumütig haben die meisten betroffenen Fußballprofis inzwischen ihre Steuern nachbezahlt; dazu gab es Geldbußen.
Doch anderswo geben die Häscher keine Ruhe. In diesen Tagen sind sie erneut einigen Prominenten auf der Spur, darunter nicht nur Sportler. Da verschicken die Ermittler schon mal Fragebögen, um sich nach der Schule der Kinder zu erkundigen. Oder sie fordern Einkaufsquittungen aus belgischen Supermärkten an.
Manchmal genügt auch ein Blick in die Zeitung. Ein Fahnder der Oberfinanzdirektion Köln: "Wenn sich ein bekannter Steuerzahler mit einer Home-Story aus Deutschland feiern läßt, obwohl doch die ganze Familie angeblich in Belgien lebt, dann bohren wir natürlich nach."
Bundesfinanzminister Theo Waigel will dem munteren Pendelspielchen nun ein Ende bereiten. Anfang des Jahres erhöhte er nicht nur den Pauschalsatz für Künstler und Sportler von 15 auf 25 Prozent. Extra für Fußballer drückte er sogar eine Art "Lex Eupen" durch. Balltreter müssen nun - anders als Tennisspieler - überall gleich viel bezahlen. Egal ob sie diesseits oder jenseits der Grenzen leben, als Angestellte unterliegen sie nun der deutschen Lohnsteuer.
Doch für die Millionarios, die nebenher noch durch Sponsoren oder Showauftritte absahnen, lohnt sich der Steuertrip ins Ausland weiterhin. Nationalspieler Thomas Häßler etwa, der ins Elsaß zog anstatt nach Karlsruhe, muß zwar für die rund 1,5 Millionen Mark pro Jahr, die sein Klub bezahlt, 53 Prozent berappen - nicht aber für die lukrativen Werbeeinnahmen wie mit Snickers.
Dank der neuen Gesetze hat Finanzminister Waigel bereits eine kleine "Rückreisewelle" ausgemacht. "Ich habe die Anmeldung 'Theo, wir sind wieder da!' gerne aufgenommen und überall zurückgefaxt: 'Ich grüße Sie!'"
Post bekam auch Harald Schmidt. Der TV-Mann residierte, als er noch für den WDR talkte, drei Jahre in einem Fachwerkhaus im belgischen Gleize und amüsierte sich köstlich, wenn er die Schreinemakers traf: "Ist doch herrlich. Hier treffe ich im Supermarkt viele TV-Kollegen. Neulich erst eine humpelnde Moderatorin mit gebrochenem Zeh."
Weil Schmidt durch die Late-Night-Show bei Sat 1 nun mehr als 183 Tage in Deutschland weilt, entschloß er sich aber im vergangenen Jahr zur steuerlichen Rückkehr: "Ich habe keine Lust auf Zoff mit dem Finanzamt, deshalb zahle ich jetzt volles Rohr in Deutschland."
Schreinemakers-Ersatz Jörg Wontorra hingegen, der für drei Jahre in Luxemburg wohnte und zum Jahreswechsel wieder nach Deutschland zog, muß sich noch mit einer Altlast herumschlagen, die das Finanzamt interessiert. Anfang der neunziger Jahre, so bekannte der Fernsehmann jüngst, seien ihm beim Umzug nach Luxemburg 200 000 Mark Honorar irgendwie durch die Lappen gegangen - es waren Nebenverdienste bei Gala-Veranstaltungen, Sportpressefesten und Werbefirmen.
Damals verdingte sich Wontorra hauptberuflich noch als Sportkommentator bei Radio Bremen, heute moderiert er "ran" und "Bitte melde Dich" bei Sat 1. Seine Entschuldigung für den Lapsus: "Ich war beruflich so viel unterwegs, daß ich das Sammeln von Belegen und Rechnungen total vernachlässigt habe. Ich schwöre, daß es keine Absicht war. Ich habe die Honorare einfach vergessen."
Waigels harte Hand trifft aber auch ausländische Künstler. Bis 1988 mußten Popstars und Tenöre, die die Stadien an Rhein und Isar füllten, überhaupt keine Steuern in Deutschland abführen; seit Jahresbeginn gilt nun auch für sie der neue Pauschalsteuersatz von 25 Prozent - und zwar für ihre kompletten Gagen. Weil von der Gage pro Auftritt aber auch noch ein paar hunderttausend Mark für Organisation und Technik abgehen, lohnt sich das Bühnenspielchen für manchen Promoter und Künstler nicht mehr.
Jens Michow, Präsident des Interessenverbandes Deutscher Konzertveranstalter, hat schon beobachtet, "daß Kulturschaffende aus dem Ausland zunehmend einen Bogen um die Bundesrepublik machen". Im Februar sagte Chris de Burgh Konzerttermine ab, im Mai strich auch Michael Jackson die Bundesrepublik aus dem Tourneekalender.
So schrieb Waigel wieder mal einen Brief. Diesmal an den "lieben Michael Jackson". Der Bundesfinanzminister mühte sich nach Kräften, der bleichen Pop-Ikone das deutsche Steuerdilemma nahezubringen: "Sie haben bestimmt Verständnis dafür, wenn Sie in Deutschland steuerlich nicht bevorzugt werden können gegenüber ihren zahlreichen Anhängern."

DER SPIEGEL 34/1996
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