19.08.1996

Ich bin Kobold und du Halbgott

Rudi Dutschke und die Studentenrevolution (I) / Von Gretchen Dutschke

Im Winter 1964 verließ ich meine Heimatstadt Chicago. Ich kaufte mir eine Passage auf einem Frachter. Der sollte mich weit wegbringen. Ich wußte nicht, wohin, und das war gut. Mit der Ausbildung gerade fertig, wollte ich weg, um einen großen Abstand zwischen mir und den Schuldgefühlen zu schaffen, die in der einschnürenden Enge von Familienmoral und Religion gewachsen waren.

An einem grauen Februartag ging es endlich los. Das Schiff war alt und von Rostbeulen und Ruß überzogen. Es brachte eine Ladung Kohle nach Antwerpen, daneben zwölf Passagiere.

Wenige Wochen später war ich in Deutschland, in einem Dorf in Bayern, im Ausländerghetto eines Goethe-Instituts. Die einzigen Deutschen, die ich dort traf, waren die Lehrer.

Als der Kursus zu Ende ging, erzählte mir meine Klassenkameradin Denyse aus Frankreich, daß Berlin eine spannende Stadt sei. "Komm mit nach Berlin", schlug sie vor. Und ich dachte: "Warum nicht." So landete ich im Mai 1964 in West-Berlin.

Ich hatte kaum Geld und keine Wohnung; ich übernachtete in der Mission am Bahnhof Zoo, in einem riesigen Saal voller Menschen. Wenn ich den Gestank in der Bahnhofsmission nicht mehr aushalten konnte, schlief ich im Grunewald. Und wenn ich völlig verdreckt war, nahm ich ein Hotelzimmer und badete.

Endlich fand ich eine Arbeit als Tellerwäscherin in einem Standcafé am Tegeler See. Mit meinem kargen Lohn konnte ich ein Zimmer bezahlen. Genauer gesagt, handelte es sich um eine Küche. Mein Bett bestand aus drei Kissen, die auf einem alten gekachelten Herd lagen.

Eines Tages kam ich bei "Aschinger", wo es die billigste Erbsensuppe gab, mit einem jungen Mann ins Gespräch. Er hieß Lugio und war aus Italien. Nach dem Essen gingen wir zum Café am Steinplatz. Die weißen Tische warfen das Sonnenlicht auf die Gesichter der Menschen, die rege diskutierten. Wir setzten uns an einen Tisch zu Bekannten von Lugio. Neben mir saß ein Mann. Ich schaute ihn neugierig an. Vor ihm auf dem Tisch lag ein Haufen Bücher, alle polnisch.

"Bist du aus Polen?" fragte ich schüchtern.

"Ah nein", erklärte er, "aber ich lerne Polnisch, damit ich die Bücher lesen kann."

"Du redest deutsch nicht wie die anderen", bemerkte ich. Er ging darauf nicht ein.

"Ich bin Rudi", sagte er.

"Ich heiße Gretchen", erwiderte ich. Die Leute am Tisch kicherten. Denn Gretchen ist "Faust", und wenn nicht, dann ist sie bäuerlich, naiv und unbeholfen und vor allem deutsch. Sie ist auf jeden Fall keine Amerikanerin.

Rudi lachte nicht. Er grinste mich freundlich an und fragte, was ich mache und warum ich nach Deutschland gekommen sei. Mein Blick war wie gefesselt von seinen hell und dunkel gefleckten braunen Augen, sie waren unglaublich weich und intensiv. Er hatte glatte schwarze Haare, die über die Ohren hingen, was damals ungewöhnlich war. Er gefiel mir.

Die Leute am Tisch beschlossen, einen Western mit John Wayne anzuschauen. Ich ging mit und saß im Kino zwischen Rudi und Lugio. Nach dem Film war es beinahe dunkel, und die Gruppe begann sich aufzulösen. Sie fragten mich, wohin ich gehen würde. Ich dachte an die Kissen auf dem Herd und rümpfte schweigend meine Nase. "Dann gehst du mit Rudi", befahlen sie. Rudi schaute einen Augenblick erschrocken, aber er protestierte nicht.

Rudis Zimmer war im Dachboden, draußen in einem Haus in Schlachtensee. Es hatte nur ein kleines Fenster, durch das das Mondlicht hereinstrahlte, ein schmales Bett, einen Tisch und viele übereinandergestapelte Kisten voller Bücher. Wir saßen auf dem Bett, redeten und verfielen dem Zauber der Anziehung.

Rudi wollte wissen, was ich tagsüber machte, und so erfuhr er, daß ich eine Vorlesung des Theologieprofessors Helmut Gollwitzer besuchte. Rudi kannte Gollwitzer, aber nur von der Kirche, wo er ihn predigen gehört hatte. "Wie kommst du darauf?" fragte er.

Ich antwortete, daß ich wissen wollte, ob Theologen überhaupt etwas Relevantes mit dem Christentum anfangen könnten. "Aber es ist manchmal schwer für mich, zu verstehen, was er sagt."

Rudi war gleich begeistert: "Dann komme ich mit zur Vorlesung, und wir können darüber diskutieren."

Wir redeten über Gollwitzer, über Karl Barth und Paul Tillich, deren Vorlesungen ich in Chicago gehört hatte. Aber ich hatte keine Ahnung gehabt, daß sie Sozialisten gewesen waren. Christentum und Sozialismus, ich war erstaunt und fasziniert.

Rudi bot mir an, bei ihm zu wohnen, solange seine Vermieter verreist waren. Jede Stunde hörte Rudi die Nachrichten im Radio, und er verfolgte auch die politischen Kommentare. Einmal sprach im Radio ein Mann mit einer häßlichen Fistelstimme. Ich verstand kaum ein Wort. Rudi schaute finster auf das Radio. Der Mann mit der Fistelstimme sprach weiter, und Rudi fing an zu fluchen. Plötzlich hob er das Radio hoch und schleuderte es gegen die Wand. "Du hast dein Radio kaputtgemacht", sagte ich erstaunt.

"Ulbricht, der Betrüger, ich kann das nicht hören", brummte Rudi.

Als die Hausbesitzer zurückkamen, war unser Leben im Zimmer unter dem Dach vorbei. Ich hatte keineswegs daran gedacht, ewig bei Rudi zu bleiben. Aber ich wußte, daß ich ihn liebte. War es nur ein Zwischenspiel?

"Ich bin ein Revolutionär", sagte Rudi ernst. "Ein Revolutionär muß die Revolution machen." Es gebe einen russischen Anarchisten, Sergej Netschajew, der einen Verhaltenskodex für Revolutionäre aufgestellt habe. Darin stehe, daß der Revolutionär mit der Revolution verheiratet sei und es keinen Platz gebe für eine Frau.

Ich wollte bei ihm bleiben, aber gegen diese Argumente kam ich nicht an. Und so ging ich mit stechendem Schmerz im Herzen. Rudi begleitete mich zum Bahnhof Zoo. Wir lagen uns in den Armen, bis der Zugschaffner die Türen schloß. Dann nahmen wir uns durch das Fenster an den Händen und hielten uns noch, während der Zug abfuhr. Rudi lief neben dem Waggon her, bis der Bahnsteig zu Ende war. Dann war er weg.

Im September war ich wieder in Chicago. Meine Traurigkeit ließ sich nicht verdrängen. Ich liebte Rudi und hoffte, daß er den Abschied nicht so absolut gemeint haben könnte. Deswegen schrieb ich ihm, und auch er schrieb mir Briefe. Im Dezember 1964 ließ ich ihn wissen, daß ich zurück nach Berlin wollte: "Ich möchte Dir helfen mit Deiner Arbeit. Ich möchte zu Dir und Deinen Freunden kommen. Wenn ich Dir wirklich helfe, hast Du gewonnen, aber wenn es nicht geht, dann gehe ich sofort weg und komme nicht wieder. Das verspreche ich."

Eine Antwort bekam ich zunächst nicht. Erst im März 1965 schrieb mir Rudi, es sei meine Entscheidung, wenn ich zurückkommen wolle, er habe nichts dagegen. Ich dachte nicht lange nach. Meine Eltern gaben mir Geld für ein Studium, und ich hatte auch etwas gespart.

Bald nach meiner Ankunft in West-Berlin sagte Rudi mir, daß er nach Moskau reisen müsse. Der sowjetische kommunistische Jugendverband Komsomol hatte eine Delegation des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) eingeladen.

Rudi war nervös wegen der Reise. Es war ein komisches Gefühl für ihn, als "Republikflüchtling" durch die DDR zu fahren. Am 19. April verabschiedete ich mich von ihm am Bahnhof Zoo, danach fuhr ich nach Hamburg, um dort Theologie zu studieren.

Die SDS-Delegation bestand aus fünf Leuten. Jürgen Horlemann war ihr Leiter. Er war damals der Moskauer Linie recht nahe und versuchte während der Reise Rudi bei bei seinen Auseinandersetzungen mit den sowjetischen Funktionären zu bremsen. Zweck der Reise war, Informationen aus erster Hand zu gewinnen über Projekte der Entkolonisierung, der Entwicklungshilfe, über die Planung und Leitung der sowjetischen Volkswirtschaft. Die SDS-Delegation sollte außerdem Zugang zu den Archiven erbitten, in denen sich Dokumente über NS-Verbrechen befanden.

"Ist schon verrückt", notierte Rudi in seinen Reiseskizzen: "Ich komme aus Ost-Deutschland, aus der DDR, mußte abhauen. Jetzt fahre ich hindurch, darf nirgendwo aussteigen. Die Genossin und die Genossen, die mit mir fahren, können dieses komische Gefühl wahrscheinlich nicht ganz nachvollziehen. Viel gemeinsamer wird unser Gefühl bei der Durchfahrt durch Polen gewesen sein. Zu viele Erinnerungen an die Beteiligung der Väter bei der Eroberung Polens, das gleiche bei der Fahrt nach Moskau. Allerdings konnte ich eine andere Erfahrung nicht vergessen: die jugendliche Wahrnehmung des 17. Juni 1953, mein Beten für die ungarischen Aufständischen von 1956. Zweifellos wird mich auch in diesen Wochen meine frühere Sympathie für die russischen Oppositionellen nicht verlassen."

Bei den Besichtigungen in der Sowjetunion hatte Rudi "die verschiedensten Empfindungen", speziell wenn es um die blutigen Zusammenstöße in der Revolutionsgeschichte sowie um die Stalinschen Säuberungen und Schauprozesse Mitte der dreißiger Jahre ging. "Die Komsomol-Gastgeber stellten sich echt dumm und wußten von nichts." Ihm fiel oft schwer, "entspannt zuzuhören, wenn uns die Geschichte des Aufbaus des Sozialismus ,erklärt'' wird. Wie problemlos uns über 1936 berichtet wird, macht wohl nicht nur mir Sorgen. Die ganze Problematisierung findet aber ihre Grenze, wenn zur Kenntnis genommen wird, wie der deutsche Faschismus versuchte, über Leningrad herzufallen, wieviel da zerstört wurde".

Auf der Delegiertenkonferenz in Frankfurt im Oktober 1965 wollten die DDR-Sympathisanten um den Vorsitzenden Helmut Schauer den SDS näher an die SED heranführen und bekämpften die neue Strömung, die Rudi repräsentierte.

Hinter dieser neuen Richtung stand vor allem die Theorie eines Mannes, der in Amerika lebte: Herbert Marcuse. Seine Bücher, besonders "Triebstruktur und Gesellschaft" und "Der eindimensionale Mensch" hatten mit die Grundlagen unserer Revolte gelegt.

Die Ostblock-Kommunisten lehnten Marcuse ab wegen seiner Kritik an der Sowjetunion. Aber Marcuses Kritik an den westlichen Demokratien war nicht weniger scharf. Und er bot eine Antwort auf die Frage, die auch Rudi gestellt hatte: Was bedeutet es in einer sogenannten freien Gesellschaft, Revolutionär zu sein? Marcuse sprach von der repressiven Toleranz: "Was heute als Toleranz verkündet und praktiziert wird, dient in vielen seiner wirksamsten Manifestationen den Interessen der Unterdrückung."

Doch eines bei Marcuse störte Rudi: Dessen Idee der "großen Verweigerung" reichte ihm nicht. Rudi suchte eine philosophische Grundlage, auf der er trotz allem hoffen konnte, daß eine bessere Gesellschaft möglich sei. Er fand eine Antwort bei Ernst Bloch, in dessen Begriff des Noch-nicht-Seins.

Ich hatte ein kleines Zimmer in Hamburg und eine Wirtin, die mich vermutlich nur ertrug, weil ich einen deutschen Namen hatte. Als ich einmal mit einem Kommilitonen aus Indonesien erschien, ließ sie ihn nicht ins Haus. Rudi war in Berlin, und wir konnten uns nicht oft sehen, aber ich schrieb ihm jeden Tag ein bißchen, und wenn der Brief einige Seiten lang war, schickte ich ihn ab: "Viele Mal denke ich, daß Du nicht wirklich Mensch bist, aber irgendwas anderes, vielleicht Engel oder Halbgott. Ich bin Kobold und du Halbgott. Wir passen gut in die griechische Mythologie."

Am wohlsten fühlte sich Rudi im Dritte-Welt-Arbeitskreis. Er wurde auch "Viva-Maria-Gruppe" genannt, nach einem Film von Louis Malle über die mexikanische Revolution. Die Hauptdarstellerinnen waren Brigitte Bardot und Jeanne Moreau. Der Film war eine wunderbare Romantisierung der Revolution in der Dritten Welt. Rudi sah sich den Streifen mindestens viermal an, und ich bin wohl zweimal mitgegangen.

In diesem Film ist Rudi nicht ein einziges Mal eingeschlafen. Bei anderen Filmen hörte ich meistens ein leichtes Schnarchen neben mir, sobald die Lichter ausgegangen waren. Der Kreis traf sich jede Woche, er hatte 20 bis 30 Teilnehmer, die meisten kamen aus der Dritten Welt.

Im August 1965 veröffentlichte das "Kursbuch" einen Vorabdruck aus dem Buch "Die Verdammten dieser Erde". Dessen Autor Frantz Fanon lebte in Nordafrika und berichtete von der algerischen Revolution. Das Buch wurde sofort zu einem Schlüsselwerk für das Verständnis der Revolution in der Dritten Welt. Rudi entdeckte in dieser Zeit auch die chinesische Revolutionstheorie für sich: "Die Chinesen haben die besseren, das heißt marxistische, Argumente - die Sowjets lavieren und argumentieren wie die Revisionisten à la Kautsky, Hilferding und Bauer; besonders in der Beurteilung des Charakters unserer Epoche, einer Epoche der nationalen Befreiungskriege in Asien, Afrika und Lateinamerika, bin ich Chinese."

In der Viva-Maria-Gruppe hielten Ausländer Referate über ihre Länder. Danach wurde diskutiert. Auch ich hielt dort ein Referat, Thema: USA. Die Amerikaner galten als der Hauptfeind der Revolution.

Ich erzählte etwas anderes. Zu der Zeit gab es eine revolutionäre Bewegung unter den unterdrückten Schwarzen. Die Hauptfigur dieser Bewegung war Malcolm X. Rudi fand die Idee, eine Verbindung mit dieser amerikanischen Bewegung herzustellen, sehr spannend. Im Rachen des Löwen subversiv agieren! Plötzlich schien es uns, als ob wir tatsächlich den Kontakt herstellen könnten. Rudi teilte seinen Genossen mit: "Durch eine Theologie-Studentin in Hamburg, mit der ich zur Zeit hier in Berlin zusammenlebe, eine Amerikanerin, haben wir endlich einen guten Draht nach Nordamerika."

Es war kein guter Draht, es war ein Versuch. Ich hatte einen Freund aus College-Zeiten, Ron, der Theologiestudent war und in einer Kirche in New York-Harlem arbeitete. Bei der offenen Kirchenarbeit in den Slums hatte Ron, obwohl selbst Weißer, einige Harlem-Revolutionäre kennengelernt. Sie trafen sich regelmäßig jeden Samstagabend, und Ron war meist dabei. Auch Malcolm X kam, wenn er in New York war. Aber irgendwann wurden einige aus der Harlem-Gruppe verhaftet, weil sie die Freiheitsstatue in die Luft sprengen wollten, Malcolm X wurde ermordet, und die Gruppe fiel auseinander.

Als die Amerikaner 1966 ihre Bombenangriffe auf Nordvietnam fortsetzten, organisierte Rudi mit den Genossen in West-Berlin und München eine Plakataktion. Der Kabarettist Wolfgang Neuss gab das Geld dazu. In der Nacht vom 2. auf den 3. Februar zogen die Plakatkleber mit Kleistertöpfen los. Auf dem Plakat war zu lesen: "Erhard und die Bonner Parteien unterstützen MORD. Mord durch Napalmbomben! Mord durch Giftgas! Mord durch Atombomben? Die Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas kämpfen gegen Hunger, Tod und Entmenschlichung. Die ehemaligen Sklaven wollen Menschen werden. Kuba, Kongo, Vietnam - die Antwort der Kapitalisten ist Krieg. Mit Waffengewalt wird die Herrschaft aufrechterhalten. Ost und West arrangieren sich immer mehr auf Kosten der wirtschaftlich unterentwickelten Länder. Jetzt bleibt den Unterdrückten nur noch der Griff zu den Waffen. Für sie heißt Zukunft: REVOLUTION. Wie lange noch lassen wir es zu, daß in unserem Namen gemordet wird? AMIS RAUS AUS VIETNAM! Internationale Befreiungsfront."

Die Kritik an den kommunistischen Staaten, wie sie noch im ersten Entwurf zu lesen gewesen war, war weitgehend verschwunden. Was offenbar praktische Gründe hatte, denn die Plakate wurden in der DDR gedruckt. Rudi wußte das nicht.

Die Frage war: "Warum Trennung überhaupt?" Eigentlich war sie sinnlos. Konnte ich nicht besser bei Helmut Gollwitzer in Berlin studieren als bei Helmut Thielicke in Hamburg? Zumal letzterer zu unserer Überraschung die Burschenschaften unterstützte. Aber feste Bindungen, Ehen gar, waren unter Rudis Bekannten verpönt. Frauen galten als Zubehör, das nach Belieben weggelegt werden konnte. Die Männer hatten Freundinnen. Einige hatten sich in ihrer vorpolitischen Zeit verheiratet, was gerade noch zu entschuldigen war. Diese Denkweise war mir fremd. Rudi auch, aber aus anderen Gründen. Ich sträubte mich dagegen, ans Heiraten zu denken, nicht aber gegen Liebe. Rudi stellte hohe Ansprüche an eine Beziehung. Er spürte den Druck von den Freunden, und er hatte auch ein bißchen Angst vor den eigenen Ansprüchen. Und in dem Augenblick, wo wir uns füreinander entscheiden wollten, entdeckten wir, wie wenig wir uns kannten.

Wir beschlossen, trotz allem zu heiraten. Das beendete den Erklärungsnotstand gegenüber unseren Eltern. Und das brachte Geld, denn der Senat zahlte damals jedem Paar, das in West-Berlin heiratete, 3000 Mark.

Ich schrieb Rudi nach West-Berlin, was er zu erledigen hatte: "Pfarrer finden, Musiker finden für den Jazz bei der Hochzeit. Eine Halle finden, wo der Empfang stattfinden kann. Wohnung finden, genug Schlaf und Essen und keine Selbstbefriedigung."

Rudi wagte es nicht, Gollwitzer zu fragen, ob er uns trauen würde. Wir entschieden uns, nur standesamtlich zu heiraten.

Eine Hochzeitsreise gab es nicht. Statt dessen fuhren wir mit Lothar und Inge nach Budapest, um Georg Lukács zu besuchen. Er war zwar schon über 80 Jahre alt, aber dem Hörensagen nach noch rüstig. Wir hatten bis dahin keinen Kontakt mit ihm herstellen können - wir verließen uns einfach auf unser Glück.

Am 29. April fuhren wir los. In Budapest wandten wir uns an Ferenc Jánossy, Lukács'' Stiefsohn.

Auf einem Hügel, hinter einem Eisenzaun, stand eine uralte Villa. Rudi drückte auf die Klingel. Ferenc und seine Frau Maria begrüßten uns herzlich und baten uns herein. Beide sprachen perfekt Deutsch. Rudi erzählte, daß er seine Doktorarbeit über Lukács schreiben würde, und Jánossy versprach, ein Treffen mit ihm zu arrangieren. Er lachte verschmitzt: "Gewöhnlich redet Lukács nur mit jungen Menschen. Aber Sie sind jung genug."

Beim Essen erzählten sie ihre Lebensgeschichten. Maria war in der Hitler-Zeit inhaftiert gewesen in den Konzentrationslagern Bergen-Belsen und Auschwitz. Jetzt arbeitete sie als Metallurgin an einem Forschungsinstitut. Ferenc'' Vater starb, als er sieben war, seine Mutter heiratete danach Lukács. Als 1919 die ungarische Räterepublik niedergeschlagen war, mußten sie fliehen, weil sie Kommunisten waren. Sie gingen nach Wien, dann nach Berlin. Nach dem Reichstagsbrand 1933 verließ die Familie Berlin, weil sie Kommunisten und Juden waren. Sie reisten nach Moskau. Dort wurde Jánossy 1942 verhaftet und in ein Arbeitslager in Sibirien gesteckt, weil er Deutsch sprach. Nach dem Krieg wollte Lukács Rußland verlassen, jedoch nicht ohne seinen Sohn, der noch seine Strafe abbüßte. Ein Freund von Lukács spielte jede Woche Bridge mit Stalins furchtbarem Geheimdienstchef Berija. Dieser Freund versprach, beim Spiel darum zu bitten, Jánossy freizulassen. Kurz danach durfte er das Lager verlassen.

Es dauerte ein paar Tage, bis wir Lukács sehen konnten. Rudi hielt in seinem Tagebuch die Begegnung fest: "Wir waren irgendwie kindlich aufgeregt. Der Mann, der auf unser Klingeln öffnete, war klein, hatte ein freundliches Gesicht, eine Zigarette in der Hand, weiße Haare, große Ohren, ein Hemd mit Schlips, keine Jacke. Zu einem Gespräch kam es nicht gleich, wir waren zurückhaltend, und er wolle erst mal Kaffee trinken. Als Lothar und Inge die Roth-Händle rausholten und ihm gaben, freute er sich, lachte, und wir konnten uns ein wenig entkrampfen."

Rudi holte den Reprint eines Buches des bedeutenden marxistischen Philosophen Karl Korsch (1886 bis 1961) aus der Tasche, den wir selbst gedruckt hatten, und fragte Lukács, ob er es gebrauchen könne. Er schaute darauf, lächelte, bedankte sich, ging aber nicht weiter auf das Buch ein.

Rudi hatte sich viele Fragen aufgeschrieben, die er Lukács stellen wollte, Als er ihn über Fraktionen in der ungarischen KP während der zwanziger Jahre befragte, war Lukács verwundert über diesen jungen West-Berliner, der die kleinsten Einzelheiten der Parteigeschichte kannte. Erfreut war er aber nicht. Er glaubte, die wichtige Arbeit liege in der Zukunft. Die Irrwege der Vergangenheit sollten vergessen werden.

"Das war in der Tat die Linie Georg Lukács, eine widersprüchliche Linie von Anpassung und Abweichung", hielt Rudi nach dem Gespräch seinen Eindruck fest. Er hatte einige Schwierigkeiten, die Begegnung zu verdauen.

Rudi hatte nie in Studentengremien gearbeitet. Er hatte ihre Rolle bis dahin nicht so wichtig genommen, aber nun sah er, daß die Studenten dabei waren, radikal zu werden. Die Universitäten, erkannte er, wurden zu Zentren einer neuen Bewegung. Hier war der Ort, einzugreifen.

Am 22. Juni 1966 tagte der Akademische Senat der "Freien Universität" (FU) Berlin, um über Raumverbote, Studienreform und die Reaktion der Presse und der Stadtregierung auf die Studentenunruhen zu diskutieren.

Als wir in der Universität ankamen, saßen schon Studenten auf dem Boden und den Treppen vor dem Sitzungssaal des Akademischen Senats im Henry-Ford-Bau. Die Türen zum Saal waren fest verschlossen.

Hans-Joachim Lieber, der damals Rektor war, kannte Rudi gut, er war Doktorand bei ihm und arbeitete als hilfswissenschaftlicher Assistent für ihn. Lieber lehnte es ab, zu den versammelten Studenten zu sprechen. Die Versammlung, die immer größer wurde und schließlich etwa 3000 Studenten umfaßte, forderte unter anderem die Einführung der Drittelparität in Hochschulgremien.

Das Sit-in wurde in ein Teach-in umfunktioniert, das erste der FU. Solidaritätstelegramme von Professoren, Studentenausschüssen anderer Universitäten wurden vorgelesen. Sympathisierende Lehrkräfte der FU erschienen und machten mit.

Rudi sammelte in einer Rede die Fäden der Diskussion: "Wir führen die Auseinandersetzung mit dem Rücken an der Wand, ohne illusionäre Hoffnungen, aber wir führen sie permanent und haben die Überzeugung, durch die ununterbrochene Vermittlung von Aktionen und Aufklärungskampagnen unser Lager der Antiautoritären vergrößern zu können ... Wir sind dabei, die akademische Würde zu verlieren und das Niveau der Geschichte zu gewinnen, das Niveau von Madrid, Barcelona, Berkeley und Caracas. Friede dem Berliner Modell, Krieg den autoritären Zuständen in und außerhalb der Universität."

Die amerikanischen Streitkräfte in Vietnam wurden 1966 weiter verstärkt. Mindestens eine halbe Million Menschenleben hatte der Krieg schon gefordert. In New York demonstrierten 100 000 Menschen gegen den Krieg.

Auf einer Vietnam-Demonstration im Dezember 1966 in Berlin stand ich allein unter den Zuschauern, weil Rudi reden mußte. Als ich nach den Reden merkte, daß einige Demonstranten in Richtung Kurfürstendamm zogen, schloß ich mich an. An der Ecke Joachimstaler Straße und Ku''damm, beim Café Kranzler, drängten sich die Menschen. Vor dem Café sah ich Dieter Kunzelmann und einige andere von der Kommunegruppe. Sie hatten einen Weihnachtsbaum aufgestellt und mit der US-Flagge drapiert. Auf einem Transparent daneben stand: "Spießer aller Länder, vereinigt euch!" Zwei zugedeckte Pappköpfe wurden enthüllt: US-Präsident Johnson und SED-Chef Walter Ulbricht. Während ich dastand und ruhig mit meiner Kamera knipste, setzten Kunzelmann und Genossen den Köpfen benzingetränkte Strohhüte auf und zündeten sie und den Weihnachtsbaum an. Bald heulten die Polizeisirenen, und ein Trupp Polizisten kesselte die Menge ein, während viele Demonstranten Weihnachtslieder sangen.

Bürgermeister Heinrich Albertz billigte das Verfahren der Polizei. Die Berliner Bevölkerung möge keine politischen Radauszenen, schon gar nicht, wenn sie sich gegen die Amerikaner richteten. Er hatte recht, die Bevölkerung war gegen uns. Im politischen Klub "Ça Ira" wurden ein paar Tage später die Ereignisse ausgewertet. Viele fragten, wie es möglich sei, die Bevölkerung besser anzusprechen.

Für Samstag, den 17. Dezember wurde, inspiriert von den Protestformen der Provos in Amsterdam, zu einer Spaziergangsdemonstration aufgerufen.

"Wir ,spazieren'' für die Polizei!!!" stand auf einem Flugblatt: "Wir fordern für sie die 35-Stunden-Woche, damit sie mehr Zeit zum Lesen haben, mehr Muße für die Bräute und Ehefrauen, um im Liebesspiel die Aggressionen zu verlieren, mehr Zeit zum Diskutieren, um den alten Passanten die Demokratie zu erklären. Wir fordern eine moderne Ausrüstung für die Polizei. Statt des Gummiknüppels eine weiße Büchse, in der sich Bonbons für weinende Kinder befinden und Verhütungsmittel für Teenager, die sich lieben wollen, und Pornographie für geile Opas. Ausschuß ,Rettet die Polizei e.V.''"

Rudi und ich zogen zum Ku''damm. Ich trug eine Tasche mit zwei Flaschen Wein und Rudi eine Kiste mit Flugblättern. Auf die Kiste konnte er sich stellen, wenn er reden wollte. Es schien eine festliche Stimmung aufzukommen. Wenn die Passanten lasen: "Wir spazieren für die Polizei", lachten sie freundlich. Plötzlich hielt ein graues Auto neben uns. Vier grimmig aussehende Männer in Trenchcoats stiegen aus, schubsten mich zur Seite und packten Rudi. Einer riß ihm seine Kiste weg. Ein anderer zeigte ein Kriminalpolizeiabzeichen. Rudi wehrte sich mit Händen und Füßen, während eine daneben stehende ältere Dame empört rief: "Das ist ja wie bei den Nazis!" Die Polizisten schleppten den zappelnden Rudi zum Auto.

Ich lief hinterher und schlug auf einen der Polizisten ein. "Laß ihn los, laß ihn los", heulte ich. Rudi wurde grob ins Auto gedrückt. Ich begann in Richtung Joachimstaler Straße zu gehen, in der Hoffnung, einem Genossen berichten zu können, was geschehen war. Bald sah ich jemanden, den ich kannte. Während wir überlegten, was wir unternehmen konnten, stoppte ein Polizeibus neben uns. Ich sah, wie darin ein Mann mit seinem Finger auf mich zeigte. Die Türen des Wagens flog auf, und mindestens zehn Polizisten stürzten sich auf mich.

Das Zimmer, in das ich eingesperrt wurde, war klein, schmutziggelb und häßlich, und immer mehr Frauen wurden hineingeschoben. Nach einer Weile sagte ich: "Ich habe Wein. Wenn wir draußen nicht feiern können, dann feiern wir hier."

Draußen auf dem Ku''damm drehte die Polizei durch. 74 Menschen wurden festgenommen, nur ein kleiner Teil davon waren Demonstranten. Die Stimmung auf der Straße schlug um und richtete sich nun gegen die Polizei. Zum erstenmal schien es, daß wir tatsächlich die Bevölkerung erreicht hatten.

In den Schlagzeilen der Zeitungen las sich die Geschichte damals im April 1967 fürchterlich: "Geplant in Berlin: Bombenanschlag auf US-Vizepräsident" - "Attentat auf Humphrey von Kripo vereitelt" - "FU-Studenten fertigen Bomben mit Sprengstoff aus Peking."

In größter Verschwörermanier hatte die Kommune I den frevelhaften Anschlag vorbereitet. Bewaffnet mit Plastiktüten, Puddingpulver und Joghurt, alles in roter Farbe, schlichen die Kommunarden in den Wald und übten zum Leidwesen der Bäume ihr Verbrechen. Sie wollten dem Staatsgast Hubert Humphrey einen ganz speziellen Empfang bereiten: erst durch Werfen von Rauchkerzen Verwirrung stiften, damit sie die Polizeiabsperrung um den Wagen Humphreys durchbrechen konnten, dann Puddingpulver und Joghurt auf das Auto schmeißen, um schließlich im entstandenen Chaos Lieder zu singen wie "Backe, backe Kuchen".

Aber am Tag vor Humphreys Ankunft saßen die sieben Kommunarden im Gefängnis, verraten von Unbekannten. Dafür begrüßten 2000 Studenten den Vizepräsidenten mit Sprechchören: "Humphrey ist der Vize-Killer! Jeder, der den Springer liest, auch auf Vietnamesen schießt!" und sangen die "Internationale". Eier und Mehltüten dienten als Wurfgeschosse. Berittene Polizei griff die Demonstranten an, Hunde wurden eingesetzt.

Die Stadtregierung, der Akademische Senat, der Rektor und die Medien wußten nicht, wie sie die Revolte eindämmen konnten. Also griffen sie zur Peitsche. "Die sollen nur kommen", drohte der Senatsrat Joachim Prill, "dann kriegen sie eins mit dem Knüppel über den Kopf, das ist dann ein gutes Übungsfeld für unsere Polizeibeamten."

Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Er hatte mit 2000 anderen Studenten und Schülern gegen den Besuch des Schahs aus Teheran demonstriert. Gleich nach der Tat begannen die Vertuschungsmanöver der Behörden. Die West-Berliner Presse setzte ihre Kampagne fort: "Die Polizei trägt keine Schuld an den Zusammenstößen, die eindeutig von unseren Krawallradikalen provoziert wurden." Bürgermeister Albertz gab eine Presseerklärung ab: "Die Geduld der Stadt ist am Ende."

Es brach ein Proteststurm los. Am 8. Juni wurde Benno Ohnesorg nach Hannover überführt. Dort fand auch ein Kongreß statt, der die Bedingungen und die Organisation des Widerstandes zum Thema hatte. Rudi kündigte in seiner Rede "Kampfaktionen" an, was ihm seitens des Soziologen Jürgen Habermas den Vorwurf des "Linksfaschismus" eintrug.

Jahre später schrieb Rudi dazu: "Voller Wonne griff die Springer-Presse den Begriff Linksfaschismus in den nächsten Monaten und Jahren auf. Daß Jürgen Habermas in der Welle der Antiintellektuellen-Hetze von 1977 seinen Vorwurf von damals erklärte und zurücknahm, spricht für ihn."

Mitten in der Aufregung dieses turbulenten Sommers gingen Rudi und ich aus. Es war das erstemal seit Wochen, daß wir Zeit für uns hatten. In der Deutschlandhalle gab es Maurice Béjarts Ballett "Romeo und Julia". Wie war das komisch, dort unter den feinen Leuten zu sitzen. Gepuderte Frauen in engen schwarzen Kleidern, die fast zu platzen schienen, und Männer in grauen Anzügen, die ihre Bäuche versteckten. Ich trug immerhin ein Kleid. Rudi hatte sich rasiert, aber seine langen Haare fielen ihm ins Gesicht.

Wir hatten gute Plätze vorne im Balkon. Es wurde dunkel, die Fantasie auf der Bühne begann, und Rudi war binnen fünf Minuten fest eingeschlafen. Aber das war kein gewöhnliches "Romeo und Julia". Keine Fehde zwischen verfeindeten Familien, sondern Klassenkampf. Die Tänzer bewegten sich in Kampfhaltung. Plötzlich fingen sie an zu rufen: "Es lebe die Revolution! Es lebe die Revolution!"

Rudi wachte schlagartig auf. Er sprang hoch, hob die linke Faust, hüpfte herum und rief: "Es lebe die Revolution! Es lebe die Revolution!" Um uns herum Raunen und Keuchen. Ich drehte mich um und sah die erschrockenen Gesichter und gerunzelten Stirnen. Aber auch Lächeln dazwischen. Ich schaute wieder nach vorne und schmunzelte. Rudi hüpfte weiter, die Musik riß ihn mit, und der Jubel auf der Bühne steckte an. Dann schaffte es irgendein Mann, sich zu fassen, und er zischte Rudi böse an: "Setzen Sie sich hin, und seien Sie still!" Rudi entschuldigte sich und setzte sich wieder hin.

Aber er schlief nicht mehr. Nach der Vorstellung notierte er in seinem Tagebuch: "Hervorragendes Ballett gegen Krieg, für die Liebe. Das Schlußbild arbeitet mit einer Vielfalt an Mitteln, die Dritte Welt in ihrem Kampf steht vor uns. Das Leben und die Liebe besiegen den Tod."

Ein paar Wochen später hielt er fest: "In der Kneipe Machtergreifungsplan ausgepackt. Riesige Überraschung - Wasserstoffbombe. Neues Gespräch angepeilt." Am Tag darauf wurde der Plan dem SDS vorgelegt, als "Theorie der räterevolutionären Machtergreifung in West-Berlin".

Die ersten Schritte sollten nach Rudis Konzept die Enteignung des Springer-Konzerns sein und die Gründung einer Gegen-Universität.

Aber haben Rudi und die rebellierenden Studenten wirklich geglaubt, die Machtfrage stellen zu können? In der Zeit der Großen Koalition erschien es vielen notwendig, durch so etwas wie eine Räteorganisation das Parteienkartell aufzubrechen. Manche, die besonnener waren als Rudi, mögen gedacht haben: Wenn er über das Ziel hinausschießt, ist es auch nicht schlimm, er wird wieder zurückfinden. Er fand zurück. Als er Jahre später seinen Artikel über die Machtergreifung noch einmal las, schrieb er an den Rand: "Was für eine Illusion!"

Während der SDS innerlich über der Auseinandersetzung zwischen den Antiautoritären und den DDR-Sympathisanten und dem Streit, wem die führende Rolle im revolutionären Prozeß gebühre, zerbröckelte, beschäftigte sich die West-Berliner Stadtregierung mit den Folgen des Studentenprotestes. Der Senat gestand Fehler ein, Polizeipräsident Erich Duensing mußte sich beurlauben lassen und kam nicht wieder. Am 19. September trat Innensenator Wolfgang Büsch zurück. Am Tag danach machte der Regierende Bürgermeister Albertz ein überraschendes Geständnis: "Ich war am schwächsten, wenn ich am härtesten gehandelt habe, am Abend des 2. Juni, weil an diesem Tag habe ich mich objektiv fa lsch verhalten." Wenige Tage später trat er zurück.

Als neuen Bürgermeister schickte die SPD den biederen Klaus Schütz. Auf Fragen zur schwierigen Lage in West-Berlin fielen ihm nur Plattheiten ein: "Ein Berlin ohne Universität, aber mit einer Bevölkerung, die in Ordnung zu halten ist, kann noch leben. Auf die Studenten kann ich notfalls verzichten." - "Wer ist Herr Dutschke? Ich kenne diesen Namen nicht."

Im November 1967 bekamen wir ein Telegramm: "Mutti ist eingeschlafen." Rudi durfte nicht in die DDR reisen. Aber es gab Gerüchte, daß bei Todesfällen hin und wieder Ausnahmen gemacht wurden. Rudi erkundigte sich beim "Extra-Dienst", einem linken West-Berliner Blatt mit DDR-Sympathie (und mehr, wie sich später herausstellte). Kurz darauf rief der West-Berliner SED-Vorsitzende Gerhard Danelius an und bat Rudi um eine Unterhaltung. War es eine Ehre oder eine Gefahr? Rudi zögerte. Ich riet ihm, mit Danelius zu sprechen. Dieser bot an, eine Aufenthaltserlaubnis für uns beide zu besorgen und, weil er ohnehin nach Ost-Berlin fahre, uns von seinem Fahrer abholen und nach Luckenwalde bringen zu lassen. Er forderte nichts. Ich versuchte Rudi zu beruhigen: "Ich bin auch dabei, und wenn sie uns kidnappen, dann haben sie es auch mit den amerikanischen Behörden zu tun." Das erschien Rudi logisch.

Es war wie bei der Großbourgeoisie oder der Mafia. Am Tag vor dem Begräbnis holte der Fahrer uns in der Wohnung ab und geleitete uns zum Auto, das groß, dunkel und sehr teuer aussah. Danelius saß schwarz gekleidet darin. Wir fuhren zu einem Grenzübergang, den ich nie zuvor gesehen hatte. Er war nur für Parteioffizielle. Wir passierten ihn ohne Formalitäten. Rudi und Danelius diskutierten während der ganzen Fahrt.

Ein Stasispitzel notierte in seinem Bericht: "Dutschke ist am 14. 11. 67 aus Westberlin nach Luckenwalde eingereist. Die Personen, die Dutschke aus seiner Lehrzeit bzw. Schulzeit kennen, sind erstaunt über diesen und bewundern ihn wegen seiner polit. Aktivität, seiner Schlagfertigkeit und seines Mutes. Diese Entwicklung hätte dem D. keiner seiner Bekannten zugetraut."

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche war im Krieg zerbombt worden. Es stand von ihr nur noch ein halber Turm. Dieser diente als Mahnmal, um das herum eine neue, moderne Kirche gebaut worden war. Vor der Grundsteinlegung im Jahr 1958 hatte Pfarrer Günter Pohl gesagt: "Mögen Toleranz und Weltoffenheit ein Merkmal der neuen Gedächtniskirche sein."

Fünf Studenten fragten Rudi, ob er mitkomme zum Weihnachtsgottesdienst in die Gedächtniskirche. Sie wollten dort Plakatwände aufstellen gegen den Krieg in Vietnam. Die Plakate zeigten einen gefolterten Vietnamesen und trugen den Bibelvers Matthäus 25,40: "Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan." Rudi ging als erster in die Kirche hinein, peilte die Lage und setzte sich in eine der vorderen Reihen. Die Plakatträger folgten ein paar Minuten später. Sie kamen nicht weit. "Schämt euch! Wascht euch erst mal! Raus, ihr Schweine!" erklang es aus der frommen Gemeinde. Dann vergaßen die anständigen Bürger vollständig, daß sie in einem Gotteshaus waren. Sie entrissen den Studenten die Plakate, stießen sie grob zum Ausgang und trampelten auf dem Matthäusvers herum.

Mitten im Tumult sprang Rudi auf, erklomm die Kanzel und rief: "Liebe Brüder und Schwestern!" Weiter kam er nicht. Kirchendiener kreisten ihn ein. Ein hinkender älterer Mann nahm seine Krücke und zielte auf Rudis Kopf, er traf ihn mitten auf dem Schädel, und ein Blutstrom rieselte in Rudis Gesicht. Die Kirchendiener hielten Rudi fest, während der Mann weiter auf den blutenden Kopf einschlug. Rudi wurde ins Krankenhaus gebracht, eine dreieinhalb Zentimeter lange Platzwunde mußte genäht werden. Als er spät am Abend wieder zu Hause auftauchte, war sein Kopf verbunden und seine Kleidung voll von getrocknetem Blut. "Keine Angst", sagte Rudi, als er mein erbleichtes Gesicht sah. "Es ist nicht schlimm."

Ich schüttelte den Kopf: "Es sieht nicht gut aus. Du mußt vorsichtiger sein. Sie wollen dich umbringen."

"Nein, nein, so schlimm ist es nicht", beteuerte Rudi.

Im nächsten Heft

Unser Sohn heißt Hosea Che - Dynamitstangen im Kinderwagen - Prager Frühling - Das Attentat - Schädelknochen im Kühlschrank - Zu Gast in Henzes Villa La Leprara - Zerfall der Apo -- Epileptischer Schock in London - Gollwitzers Grabrede

_ 1996 Kiepenheuer & Witsch, Köln. * Mit Vater und Bruder vor dem Weißen Haus in Washington 1955. * Mit SDS-Genosse Jürgen Horlemann.

DER SPIEGEL 34/1996
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Ich bin Kobold und du Halbgott