04.02.2013

PROMINENTEDer Patron

Früher galt Uli Hoeneß als arrogant. Sein Erfolg als Fußballmanager und Wurstfabrikant aber hat ihn milder gemacht. Heute hält er Vorträge über die Gesellschaft und wird von der Politik hofiert. Taugt er als Vorbild für ein ganzes Land?
Kurz vor Weihnachten sitzt Uli Hoeneß in einem New Yorker Hotel und wartet darauf, abgeholt zu werden. Er wolle einen Wagen schicken, hatte Pep Guardiola gesagt. Hoeneß war zunächst nach Chicago geflogen, um mit seinem Sohn Florian Würstchen zu verkaufen, dann flog er allein weiter nach New York, um einen Trainer zu kaufen.
Plötzlich biegt eine Limousine mit verdunkelten Scheiben in die Hoteleinfahrt ein. Der Fahrer öffnet die Tür, Hoeneß steigt ein. Sie kurven durch Manhattan, irgendwann biegen sie in eine Tiefgarage an der Upper East Side ein. Hoeneß läuft durch den Keller des Hauses, vorbei an Waschküchen und Abstellräumen, dann bringt ihn der Aufzug in die Wohnung der Guardiolas. Ganz nette, bodenständige Leute, findet Hoeneß, das ist wichtig. Die Chemie muss bei ihm immer stimmen, selbst wenn es um den begehrtesten Trainer der Welt geht.
Er plaudert mit Guardiolas Familie. Irgendwann fragt der Trainer, ob Hoeneß sehen wolle, wie der FC Bayern in der nächsten Saison spielen werde. Er habe sich schon Gedanken gemacht. Guardiola springt auf und holt seinen Laptop, dann präsentiert er Spielsysteme, Aufstellungen, er hat sich intensiv mit dem FC Bayern befasst. Am Ende geben sich beide die Hand, bei Hoeneß zählt das mehr als ein Vertrag.
Spätestens mit der Verpflichtung Guardiolas ist er in eine neue Dimension der Anerkennung aufgestiegen. Selbst die Anhänger anderer Vereine, die ihn früher ausschließlich hassten, zollen ihm heute Respekt. Die Kanzlerin möchte ihn treffen, Horst Seehofer ruft ihn vor schwierigen Entscheidungen an, Unternehmer wollen von ihm hören, wie man wirtschaftlich erfolgreich und dennoch menschlich bleiben kann, die großen Talkshows fragen jede Woche bei ihm an.
Hoeneß, 61, erscheint gerade wie der mustergültige Deutsche, wie ein Vorbild für das ganze Land. Als er mit 27 als Manager des FC Bayern begann, machte der Verein 12 Millionen Mark Umsatz und beschäftigte 20 Mitarbeiter. 33 Jahre später sind es 500 Mitarbeiter und knapp 400 Millionen Euro Umsatz. Und jetzt kommt auch noch Pep Guardiola.
Als Hoeneß mit Anfang dreißig Wurstfabrikant wurde, engagierte er 15 Saisonkräfte und mietete ein paar Maschinen. Heute arbeiten 300 Mitarbeiter bei seiner HoWe Wurstwaren KG, der Jahresumsatz liegt bei 55 Millionen Euro, an manchen Tagen produziert HoWe vier Millionen Würste.
Nebenbei engagiert er sich für Integration und Zivilcourage, er spendet viel Geld für gute Zwecke, und wenn einer seiner Mitarbeiter Probleme oder eine schwere Krankheit hat, kümmert er sich persönlich. Taugt er also als Vorbild für eine ganze Gesellschaft? Kann die Republik von Uli Hoeneß lernen?
Mitte Januar sitzt er in seinem Präsidentenbüro über dem Trainingsgelände, das seine Frau ihm vor 20 Jahren im bayerischen Landhausstil eingerichtet hat, mit Korbsesseln, einer rustikalen Schrankwand und hölzernem Sofatisch wie auf der Alm. Hoeneß wirft einen kurzen Blick auf die Videotexttafel mit den Börsen-Indices und erzählt, wie nett es gestern bei Angela Merkel im Bundeskanzleramt war. Ein "Talk auf hohem Niveau" sei das gewesen. McDonald's wird auch heute wieder Zehntausende "Nürnburger" mit Würsten aus seiner Fabrik verkaufen und der begehrteste Trainer der Welt bald seinen Verein trainieren. Es könnte nicht besser laufen für Hoeneß.
Trotzdem wirkt er unruhig. Sein wuchtiger, immer noch kraftvoller Körper, windet sich von rechts nach links, der Korbsessel knarzt. Dann schaut er auf die Uhr.
Das Problem ist, dass Heynckes noch nicht weiß, dass seine Ablösung als Trainer nun feststeht. In diesen Minuten sitzt er mit Karl-Heinz Rummenigge zusammen. Rummenigge soll es Heynckes beibringen und eine Sprachregelung finden. "Da drüben sitzen sie", sagt Hoeneß, er zeigt auf die Wand und wirkt zerknirscht.
"Sie müssen wissen: Ich bin der beste Freund von Jupp Heynckes." Der Jupp mache einen Superjob, sei sympathisch, professionell. Nun aber habe man die einmalige Chance, diesen Guardiola zu bekommen, einen 41-jährigen Supertrainer, Sein Freund Jupp hingegen wird im Mai 68. "Das war eine schwierige Entscheidung, sie belastet mich", sagt Hoeneß. "Das Herz und der Verstand, diese beiden Dinge muss man ..." Er bewegt seine Hände in der Luft wie die Schalen einer Waage. "Sie verstehen."
Er ist jetzt beim Thema seines Lebens, dem Spannungsverhältnis zwischen Herz und Verstand, Erfolg und Fürsorge, Kapitalismus und sozialer Marktwirtschaft, Heynckes und Guardiola.
Bislang ist es ihm meist gelungen, die Waage im Gleichgewicht zu halten. Er ist ein äußerst erfolgreicher Unternehmer, steinreich, und trotzdem halten ihn die meisten für einen guten Menschen.
Es klopft an der Tür, ein Kopf schiebt sich durch den Spalt, Rummenigges Kopf. Er wirkt ein wenig ermattet.
"Karl-Heinz!", ruft Hoeneß.
"Hallo."
"Bist du fertig?"
"Fix und fertig."
"Ich komme gleich", sagt Hoeneß. Kurz darauf veröffentlicht der FC Bayern, dass man Pep Guardiola verpflichtet habe.
Vier Tage später steht Alexander Dobrindt im Foyer der Tiefstollenhalle von Peißenberg, am Revers einen Sticker "FC Bayern Mitglied", im Arm seinen Sohn mit FC-Bayern-Schnuller. Sie warten auf Hoeneß, den Stargast beim Neujahrsempfang des CSU-Kreisverbands Weilheim-Schongau. Dobrindt und Seehofer haben ihn einmal zur CSU-Klausurtagung nach Kreuth eingeladen. Hoeneß sollte erzählen, was die CSU vom FC Bayern lernen könne. Dobrindt schwärmt noch heute.
"Ich habe den Hoeneß neulich beim Jauch gesehen", sagt er. "Ein Wahnsinn! Der redet Klartext, dass einem die Ohren wackeln." Nach der Sendung fragte die "Bild" auf ihrer zweiten Seite: "Brauchen wir mehr Hoeneß in der Politik?" Im Text hieß es: "Wenn er den Mund aufmacht, hört Deutschland zu. Was vielen Politikern abgeht, das kann Hoeneß." Kurz darauf sitzt er neben Dobrindt auf der Bühne, rechts die Fahne der CSU, links die Fahne des Vereins. Die Halle ist proppenvoll, die Leute stehen an den Seiten, sie lauschen andächtig.
Hoeneß beginnt mit ein paar Anekdoten. Wie der Platzwart den jungen Schweinsteiger nachts um zwei mit einer Blondine im Whirlpool des Clubs erwischt habe und der erklärt habe, er habe den Pool doch nur seiner Nichte zeigen wollen. "Da musst du natürlich furchtbar schimpfen", sagt Hoeneß. "Aber im Grunde denkst du dir: Wunderbar! Wenn du solche Kerle nicht hast, kannst du keinen Krieg gewinnen." Dobrindt stellt Fragen wie ein kleiner Junge, der endlich seinen Helden trifft.
Bislang habe in Europa der Glaube vorgeherrscht, dass Geld Tore schieße, sagt Hoeneß. Dass man sich nur genug verschulden müsse. "Der FC Bayern ist genau den anderen Weg gegangen. Wir hatten die Philosophie, uns nicht zu verschulden, uns nicht in Zwangslagen zu bringen." In den letzten 20 Jahren hat sein Verein die Saison 19-mal mit einem Plus abgeschlossen, die Eigenkapitalquote liegt bei 78 Prozent.
Hoeneß beschreibt die Überlegenheit eines Modells. Die Verpflichtung Pep Guardiolas weist über den Fußball hinaus, sie adelt einen Ansatz, der auf solides Wirtschaften und Nachhaltigkeit setzt. Festgeldkonto mag öder klingen als Risikobanking, aber wenn auf diesem Konto 128 Millionen liegen, während die Konkurrenz in Schulden versinkt, dann kommt am Ende selbst der Guardiola. Das ist die Botschaft.
So empfiehlt sich Hoeneß als Vorbild für das hochverschuldete Europa. Was er mit dem FC Bayern geschafft hat, müsste Merkel mit der Bundesrepublik gelingen und schließlich in ganz Europa.
"Wir sind verdammt noch mal alle dazu aufgefordert, endlich die Haushalte in Ordnung zu bringen, egal ob in einem Verein, in einer Firma oder in der Politik", ruft er in die Tiefstollenhalle. "Und ich sage Ihnen auch, wie das geht, da braucht man nicht Adam Riese sein, da braucht man auch keinen Computer, den ich nicht habe, sondern das ist ganz einfach: Du musst einfach weniger ausgeben."
Die Leute applaudieren, sie johlen, sie sind völlig aus dem Häuschen. Sie hätten gern ein politisches System, das ohne Computer und ohne Adam Riese auskommt, das ohne langes Grübeln und Nachdenken funktioniert. Es wäre dann weniger anstrengend, man müsste weniger wissen und könnte leichter mitreden. Wie kein anderer erfüllt Hoeneß die Sehnsucht nach Einfachheit in der Politik. Wofür braucht es Debatten, Studien und Vermittlungsausschüsse, wo es doch den gesunden Menschenverstand gibt? Das ist die Frage hinter dieser Sehnsucht.
Dass es als Fußballmanager oder Wurstfabrikant wesentlich leichter ist, weil man weniger Rücksichten nehmen muss, wird schnell vergessen. Ein Unternehmer muss sich nicht mit Transparenz oder Demokratie herumschlagen, er muss auch nicht wiedergewählt werden. Er kann Entscheidungen treffen und ohne Kompromisse auskommen.
"Das mit dem ausgeglichenen Haushalt machen wir in Bayern ja auch", sagt Dobrindt kleinlaut.
"Ja ja, für Politiker ist das was ganz Besonderes. War ja jahrelang ein Fremdwort", kontert Hoeneß. Wieder Gejohle.
Als Politiker hat es etwas Zweischneidiges, sich Uli Hoeneß ins Haus zu holen. Sie müssen sich die Leviten lesen lassen, sie machen sich klein, obwohl sie ahnen, dass Hoeneß' Lehren nicht eins zu eins auf die Politik übertragbar sind. Am Ende überwiegt die Hoffnung, einen Strahl vom Glanz des Fußballs abzubekommen.
Hätte er nicht schon frühzeitig für diesen Neujahrsempfang zugesagt, wäre er jetzt mit der Mannschaft auf dem Weg nach Aachen, erzählt Hoeneß in Peißenberg. Die Bosse von Alemannia Aachen hatten angefragt, ob der FC Bayern zu einem Benefizspiel vorbeikomme, der Verein ist insolvent.
"Ich bin immer dafür, dass man Schwächere unterstützt", sagt Hoeneß. "Das tun wir beim FC Bayern extrem." Er erinnert an das "Retter"-Spiel auf St. Pauli im Jahr 2003, das dem Verein half, sich vor der Pleite zu retten. Dem Konkurrenten Borussia Dortmund lieh der FC Bayern sogar zwei Millionen, als der Verein in größter Not steckte.
Von Aachen, St. Pauli und Dortmund ist Hoeneß im Nu bei Griechenland. Er sei "total dafür", dass man jetzt den Griechen helfe. Allerdings müssten sie sich auch helfen lassen. "Und auch das Wort ,danke' ist etwas, was mir in dem Zusammenhang fehlt." Hoeneß erwartet Dankbarkeit, sie ist ihm sehr wichtig. Deshalb klingt er häufig wie ein Patriarch, wie ein moderner Alfred Krupp, einen Tick vordemokratisch.
Zum Wesen des Patrons gehört es, dass die Leute ihm für seine Fürsorge dankbar und folgsam sein sollen. Solange die Machtverhältnisse klar sind, kann er sozial und großzügig sein. Wenn nicht ...
"Das war ein echtes Wow-Gespräch, sagt Dobrindt. "Danke!"
Sofort strömen die Menschen auf Hoeneß zu, sie bitten um Autogramme, Fotos, wollen ihn berühren. Ein alter Mann mit Hörgerät tritt an ihn heran. "Herr Hoeneß, wir haben keinen E-Herd bei uns im Altersheim. Können Sie da was machen?" Dobrindt, der danebensteht und bislang noch kein Autogramm geben musste, geht dazwischen. "Geben Sie mir Ihre Nummer, wir kümmern uns." Nein, nein, protestiert der Mann. "Der Herr Hoeneß soll uns helfen."
Es ist noch nicht lange her, da war Hoeneß außerhalb des Bayern-Kosmos eine Hassfigur, er war arrogant, musste ständig auftrumpfen. "Der kann noch hundert Jahre spielen, der wird uns nie überholen", sagte er einst über seinen Konkurrenten Christoph Daum. Im Archiv finden sich unzählige solcher Sprüche. Hoeneß protzte mit Geld, er kaufte Spieler, die er gar nicht brauchte, nur um den anderen zu zeigen, dass er der Stärkere war. Er wurde gefürchtet, aber nicht gemocht.
Früher habe er nur das Wohl des FC Bayern im Blick gehabt, sagt er. Nun habe sich sein Blick geweitet. "Je größer und mächtiger wir wurden, desto mehr ist dieses Bewusstsein gewachsen: Als starker Verein muss man helfen, das Ganze zu erhalten." Heute genießt er es, gemocht zu werden, er ist milder geworden, der Erfolg hat ihn gelassener gemacht.
"Niemand sagt so sehr die Wahrheit wie Sie", ruft ihm ein Mann beim Verlassen der Tiefstollenhalle zu. "Sie müssen bitte Kanzler werden."
Hoeneß lacht. Er würde niemals in die Politik gehen, alle Anfragen hat er abgelehnt. Er ist klug genug zu wissen, dass seine Worte als Politiker plötzlich anders wirken würden. Was jetzt als Wahrheit und Klartext gefeiert wird, würde dann vermutlich naiv oder widersprüchlich wirken. Der Glanz wäre schnell weg.
An darauffolgenden Dienstag reist Hoeneß zu einem Vortrag nach Wien. Wenn er wie jetzt die Gangway zum Flugzeug entlangschlendert, lässig, die Schultern schaukelnd und ein wenig breitbeinig, als könne ihm keiner was, sieht er aus wie ein moderner Cowboy. Gesicht und Körper verströmen Selbstbewusstsein, Zufriedenheit.
Vor dem Einstieg kommt er auf seinen Marktwert zu sprechen, die Höhe seiner Honorare. "Ich verlange immer mehr", sagt er. "Und es funktioniert. Ich liege jetzt schon über dem Steinbrück." Er meint den Bochum-Tarif, die 25 000 Euro. Hoeneß war auch schon bei den Bochumer Stadtwerken, aber anders als Steinbrück habe er den Veranstaltern vorher klargemacht, dass er nur komme, wenn der Betrag in voller Höhe gespendet werde. Das macht er immer so.
Im Flugzeug sitzt Hoeneß auf Platz 1C, erste Reihe, Gang, es ist der Platz, an dem alle vorbeimüssen. Er schlägt die Zeitung auf, erst den Sportteil, dann die Wirtschaft, schließlich die Titelseite. Es entspinnt sich ein Gespräch über Politik, das bei Hoeneß fast immer ein Gespräch über Personen ist. Mit Seehofer habe er "ein ausgezeichnetes Verhältnis", sagt er, das sei "ein unglaublich zuverlässiger Mann". Sie tauschten sich oft aus, auch bei ihm zu Hause.
Er habe Seehofer zum Beispiel deutlich gesagt, dass es "ein totaler Schwachsinn" gewesen sei, wegen der Ude-Geschichte beim ZDF anzurufen. "Ich hätte dort angerufen und gesagt: Ihr müsst das doppelt so lang bringen, weil: Je länger der Ude redet, desto weniger wird der gewählt."
Hoeneß hat Christian Ude gefressen. Er wirft ihm vor, nicht aufrichtig gewesen zu sein, als es darum ging, ein neues Stadion für den FC Bayern zu bauen. Im bayerischen Landtagswahlkampf wird er Seehofer und die CSU unterstützen, und wenn Hoeneß das macht, hat das Auswirkungen. Bei der Wahl zum Münchner Oberbürgermeister wird er den SPD-Kandidaten Dieter Reiter empfehlen, der ist, anders als Ude, Fan des FC Bayern. "Wenn mir einer gefällt, dann setze ich mich für den ein", sagt Hoeneß.
Bei Merkel hat ihm imponiert, dass sie nachts um vier in Brüssel neben Nicolas Sarkozy bei einer Pressekonferenz stand und halbwegs frisch wirkte, während Sarkozy fast einschlief. Von Christian Wulff dagegen hat er nie viel gehalten. Was ihm heute noch in Erinnerung ist: der feuchte Händedruck. "Der Wulff war zu weich."
Ein "sehr gutes Verhältnis" habe er auch mit der Claudia Roth, erzählt Hoeneß. "Ich habe dem Stoiber schon vor 15 Jahren gesagt, dass die beste Regierung eine schwarz-grüne wäre." Es gebe zwei große Themen, die die Bürger besonders interessierten, Wirtschaft und Umwelt. "Das passt doch wunderbar!"
Wenn man Hoeneß eine Weile über die Politik reden hört, hat man den Eindruck, als mische er überall mit, als habe er überall seine Finger im Spiel. Als mache er Politik ohne Amt.
"Der Uli ist ein wirklicher Homo politicus", sagt Edmund Stoiber. Er marschiert durch sein Büro und bleibt neben einer riesigen Chronik des FC Bayern stehen, einer Sonderanfertigung. Stoiber ist seit fast 30 Jahren Mitglied des Verwaltungsbeirats und ebenfalls ein Freund von Hoeneß. "Sein Wirkungskreis weist weit über den Fußball und das Geschäftsleben hinaus", sagt Stoiber.
Er erzählt die Geschichte, wie die U-Bahn nach Shanghai kam. Damals reiste Stoiber als Ministerpräsident nach Shanghai, um beim Bürgermeister für die bayerische Firma Siemens zu werben, die sich gerade darum bewarb, die Shanghaier Metro ausbauen zu dürfen. Aber der Bürgermeister war schlechtgelaunt, er sagte mal ja, mal nein, meistens nichts. "Es war der schwierigste Gesprächspartner meines Lebens", sagt Stoiber.
Dann erzählte er, dass er auch eine wichtige Funktion beim FC Bayern habe. Das war die Wende, der Chinese erwachte. Er sei ein großer Fan, sagte der Bürgermeister, wie viele seiner Landsleute. Siemens erhielt den Zuschlag, unter einer Bedingung: Bayern müsse zum Freundschaftspiel vorbeikommen. Kurz danach rief Stoiber bei Hoeneß an: "Uli, ihr müsst nach Shanghai." Später reiste der FC Bayern nach China, Siemens sponserte den Trip und durfte bauen.
Am Flughafen von Wien wird Hoeneß von zwei jungen Mitarbeitern im kleinen Fiat Punto abgeholt. Er muss sich auf die Rückbank quetschen, die Mitarbeiter entschuldigen sich für die Unannehmlichkeit.
"Das ist gar kein Problem", sagt Hoeneß. Er gibt wenig auf Luxus und Statusgehabe. Da, wo andere ein Einstecktuch tragen, steckt bei ihm das Brillenetui. An Türen wartet er, bis alle anderen durchgelaufen sind.
Hoeneß ist in bescheidenen Verhältnissen großgeworden, der Vater, ein Metzger, stand schon morgens um drei in der Großküche, seine Mutter verkaufte die Wurst im Laden und machte am Wochenende die Buchhaltung. Er und sein Bruder Dieter hätten erlebt, wie sich seine Eltern für sie aufopferten, sie wollten, dass sie es einst besser haben würden. Er sei dort unten gewesen, erzählte Hoeneß beim Gespräch in seinem Büro und zeigte auf den Boden. Und ich wusste schon früh, wo ich hinwollte. Er zeigt in die Luft. "Und zu Hause habe ich gelernt, dass das nur über Arbeit geht."
Und Hoeneß arbeitete wie ein Besessener. Als 13-Jähriger stand er jeden Morgen um halb sechs auf, um vor der Schule einen Waldlauf zu machen. Wenn die Kameraden Bier trinken gingen, ging er trainieren. "Ich war ein Tier", sagt er.
Warum aber ist Hoeneß noch heute so umtriebig, so leidenschaftlich und impulsiv? Menschen, die ihn gut kennen, weisen auf seine frühe Verletzung hin. Er hatte alles dafür getan, Fußballprofi zu werden, doch mit 27 machte sein Knie der Karriere ein Ende. Dass er seinen Traum nicht ausleben konnte, habe er dann kompensieren müssen.
Für den Abend hat ein Versicherungsdienstleister 500 Makler zu einer "Convention" ins "Austria Trend Eventhotel Pyramide" mitten im Industriegebiet geladen. Hoeneß und die Makler sitzen in einer riesigen Pyramide, um sie herum stehen Palmen. "Wir starten gleich mit unserem ersten Show-Act", sagt der Firmenchef.
Hoeneß läuft auf die Bühne, es soll um sein Kernthema gehen. Wie kann man heute extrem erfolgreich und trotzdem sozial sein?
Er beginnt mit einer Geschichte. Als er damals verletzt gewesen sei, habe ihm ein Masseur gesteckt, dass er ein Gespräch belauscht habe, wonach der Vorstand ihn verkaufen wolle. Das werde ihm nie passieren, habe er sich da geschworen: "dass jemand, der am Boden ist, Angst haben muss, verkauft zu werden".
Als Gerd Müller, der Bomber der Nation, nach seiner Karriere im Alkohol versank, kümmerte sich Hoeneß persönlich und verschaffte ihm nach der Therapie einen Job beim FC Bayern. Auf der Geschäftsstelle des FC Bayern gibt es eine lange Liste mit ehemaligen Spielern, die sich später verschuldeten und heute noch immer vom FC Bayern unterstützt werden. Und wenn ein Vater seiner Spieler an Krebs erkrankt, greift er selbst zum Telefon, um ihm den besten Arzt zu verschaffen.
Am folgenden Morgen fliegt Hoeneß zurück nach München. "Haben Sie eigentlich schon unseren Nürnburger probiert?", fragt er nach der Ankunft. "Ich hätte jedenfalls Appetit."
Er läuft ins Parkhaus zu seinem Audi Quattro. Auf der Schwabinger Leopoldstraße erinnert sich Hoeneß, dass er hier mal mit 80 geblitzt worden sei, danach sei der Führerschein weg gewesen. "Aber Sie müssen das verstehen, ich war so euphorisch an dem Tag. Ich kam vom Flughafen aus Paris und hatte gerade den Franck Ribéry verpflichtet." Ribéry war der erste Schritt zu neuer europäischer Größe, Guardiola ist der vorerst letzte.
"Na bitte", ruft er, als er rechts einen McDonald's sieht. Er parkt den Wagen in der Ladezone. "Warten Sie, ich bin gleich wieder da." Draußen sind es fünf Grad minus, aber Hoeneß springt im lachsfarbenen Hemd aus dem Auto und läuft in die Filiale. Fünf Minuten später ist er mit einer braunen Tüte in der Hand zurück. Bei der letzten Aktion habe McDonald's seine Würste noch in ihrem labbrigen Hamburger-Brötchen serviert, sagt er, während er die Nürnburger auspackt. Er habe lang dafür gekämpft, dass es jetzt richtige Semmeln seien. Er macht es sich in seinem cremefarbenen Sitz hinter dem Lenkrad bequem und beißt hinein. "Kann man essen", sagt Hoeneß. "Doch, ist lecker."
Das Gespräch kommt noch einmal auf die Dankbarkeit zurück. Er soll erklären, wie das konkret funktionieren könnte mit den Griechen und der Dankbarkeit.
Ganz einfach, sagt Hoeneß. Der FC Bayern habe voriges Jahr in der Champions League gegen Marseille gespielt. Die Franzosen seien unfassbar gastfreundlich gewesen. Kurz danach habe er im Namen des FC Bayern eine Anzeige in einer örtlichen Tageszeitung schalten lassen. Man bedanke sich für die Gastfreundschaft. Auf Französisch, versteht sich.
"Die Griechen könnten es genauso machen", sagt Hoeneß. "Einfach 'ne ganzseitige Anzeige schalten, in der 'FAZ', der 'Welt' oder der 'Süddeutschen': ,Danke, Frau Merkel, danke, Herr Schäuble.' Oder am besten: ,Danke, alle Deutschen!'"
Der Nürnburger ist gegessen. Hoeneß klopft sich die Hände sauber, fegt die Krümel von den Knien in den Fußraum und startet den Motor. Es könnte alles so einfach sein.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 6/2013
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