04.02.2013

Volksreporter

HOMESTORY Wie sich das Leben verändern wird, wenn unsere Kinder keine Zeitung mehr lesen
Mein Sohn, pubertierend und über Kategorien wie Mein und Dein erhaben, findet mühelos, was er braucht: mein Fahrrad, weil der Reifen von seinem platt ist und er keine Lust verspürt, ihn zu reparieren. Klugerweise wartet er ab, bis ich mich dranmache. Oder erst zwei, dann drei, jetzt fünf Schuhpaare, die einst mir gehörten, sie stehen inzwischen unter seinem Bett, weil wir dieselbe Schuhgröße haben, noch. Oder meine "Der Pate"-DVD, Extended Version, sie verschwindet immer wieder aus meiner Sammlung, landet immer wieder in seinem Regal, ordentlich eingereiht, was mich aber nervös macht. Dieser Film ist eine der wenigen Konstanten in meinem Leben. Ich will die Corleones um mich haben.
Nur eines lässt mein Sohn in Ruhe: meine Zeitung. Egal welche. Leider.
Denn ich liebe Zeitungen, das war schon immer so. Am Wochenende bringe ich vom Brötchenholen ein, zwei Blätter mit, zusätzlich zu den abonnierten. Mein Sohn rührt sie nicht an. Ansonsten liest er gern und viel, er hat sich vor Jahren mit glühenden Wangen durch die Harry Potters gefressen, liest Stephen King, Michael Crichton, sogar Shakespeare, wenn er muss; aber nie Zeitung. Die "FAZ", die "Süddeutsche", das "Hamburger Abendblatt", die "taz", das alles kommt ihm wahnsinnig alt vor, extrem uncool. So denken er und seine Freunde.
Die Informationen, die sie brauchen, holen sie sich in den sozialen Netzwerken, via Twitter oder auf Facebook, dort verbringt mein Sohn jeden Tag zwei, drei Stunden, teilnehmend am großen Stream, der belebt ist wie eine italienische Piazza am Abend. Man trifft sich, bleibt lässig, tauscht sich aus: die Sexismusdebatte zum Beispiel, irgendein Opa, Brüderle oder so, hat irgendeiner Tante auf den Busen gestarrt - ist das schräg? Oder in Wahrheit völlig egal? Popsängerin Rihanna ist wieder mit dem Kerl zusammen, der sie übel verprügelt hat - ist sie blöd? Oder ist es okay, ihm zu verzeihen? Sind Vollbärte lässig? Ist der Einsatz von Drohnen feige? Es sind normale Themen, Nachrichten, wie sie auch in der Zeitung stehen. Aber das Medium konfiguriert sie neu.
Nachrichten im sozialen Netz haben keinen Anfang, keinen Ursprung. Sie sind einfach plötzlich da. Erklärungslos, dafür meinungslastig, emotional. Vor allem das. Vor allem geht es darum, etwas sehr gut oder grauenvoll zu finden. Dann reagiert man, indem man einen Kommentar dazustellt oder schnell weiterzappt. Meinungen regnen nieder, endlos.
Wir sind alle unsere eigenen Volksreporter: Das ist das Konzept, das hinter dieser Nachrichtenverbreitung steckt. Der Beruf, den ich mal vor langer Zeit ergriffen habe, nicht zuletzt, weil ich ihn für interessant (aber auch für krisensicher) hielt, sah einen Journalisten vor, der eine Ausbildung besitzt, eine Aufgabe hat, eine Mission, wie immer die auch aussieht. Dieser Journalist kommt in der neuen Art der Informationsübermittlung nicht vor.
Die Sprache passt sich dem Medium an, sie wird stromlinienförmiger, emotionaler. Die Information, die Musik, die Bilder - all das wird weniger aufbereitet, es fließt, das Wissen ist überall und immer unterwegs, treibt herum wie Plankton. Das Verstehen wird übersprungen, man geht direkt zum emotionalen Resultat über, zu Empörung, zu Unterstützung. So kann man sich mit "Gefällt mir" oder "Gefällt mir nicht" mühelos irgendwo einordnen, es kommt ohnehin nicht drauf an. Blöd nur, sobald es darauf ankommt.
Was die neue mediale Nutzung bedeutet, bekam ich in Island vorgeführt, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. In Island war man sehr stolz darauf, eine vernetzte, bloggende Gesellschaft geworden zu sein, die althergebrachten Medien fristeten ihr Dasein, staubige Staats-Rundfunksender, von Untoten bewohnt, sklerotische Zeitungen. Lächerlich. Man bediente sich aus den Blogs. Da gab es Börsentipps und heiße Ideen zur wundersamen Geldvermehrung.
Nun war die Finanzkrise da, ein Meteoriteneinschlag, die Sonne war verdunkelt, niemand wusste, wo es langgeht. Wer waren die Bösen? Gab es Böse? Und wer waren die Guten? Würde man all sein Geld verlieren? War das Geld noch da? Nein?! Hilfe! Was war geschehen?
Lauter Fragen, die sich die Isländer plötzlich stellten. Und sie hatten noch mehr Fragen. Leider gab es keine Antworten, jedenfalls keine verbindlichen. Denn es gab keine Journalisten, die diese Sachverhalte, die ja unangenehm kompliziert sind, genau recherchieren, aufbereiten, erklären konnten. Es gab Blogs und Volksreporter. Einige davon lagen, mehr oder weniger zufällig, richtig. Sie hatten irgendwo was aufgeschnappt, in anderen Blogs. Andere lagen so was von falsch.
Aber niemand konnte die Falschen von den Richtigen unterscheiden. Gerüchte flammten auf, die Regierung würde zum Beispiel die Goldschätze aus der Zentralbank ins Ausland bringen, alle Isländer müssten am nächsten Morgen auf dem Flughafen stehen und die Startbahn blockieren, dieser Aufruf machte die Runde. Es war eisiger Winter. Und die Regierung hatte nicht im Traum daran gedacht, irgendwelche Goldschätze in Milliardenhöhe ins Ausland zu bringen. Aber die Isländer machten sich in der Nacht auf, blockierten ebenso tapfer wie sinnlos anderthalb Tage die Startbahn, bis alle steifgefroren waren. Der Erfinder dieses Gerüchts, der Blogger, wer immer es war, hat eine Menge kalter Füße und Blasenentzündungen zu verantworten.
Darauf lief es hinaus: kalte Füße, und das Fehlen der vierten Gewalt. Eine neue Ungenauigkeit. Ich hoffe, man wird sich daran nicht gewöhnen müssen. Mir persönlich würde auch das Knistern der Zeitung fehlen.
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 6/2013
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